MISSSTAND im Interview

Missstand

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch die Vermutung auf, dass der Deutschpunk tot sei!
Dieses hörten wir Anfang der 90er…dieses hörten wir zum Ende der Gleichen und auch im jetzigen Jahrtausend klang diese Behauptung das ein oder andere Mal an unser Ohr.
Doch gerade dann traten immer wieder Bands aus dem Schatten und drängten diese Behauptung mit einem ordentliichen Brett zurück.

Zu dem jüngeren Brett steuerten auch Missstand aus Österreich so manchen 4/4ler bei.
Haben sie doch mit ihrer jüngsten Veröffentlichung “I Can´t Relax In Hinterland” ein mehr als ordentliches Deutschpunk-Album abgeliefert, welches definitiv nach mehr schreit (genaueres lest ihr in unserem REVIEW)!

Nicht zuletzt aufgrund ihrer letzten Veröffentlichung wurden wir neugierig auf diese bisher noch zu unbekannte Kapelle und so nahmen wir unsere Neugier und plauderten mal etwas mit Basser Patze.

 

…all diese Missstände haben ihre Wurzeln irgendwie ja im Kapitalismus, auf dessen Boden diese Früchte dann sprießen können.

 

INTERVIEW MIT

AFL: Hey…zu Beginn möchte ich euch erstmal zu eurem jüngsten Output gratulieren. „I Can´t Relax In Hinterland“ ist wirklich großartig geworden. Dazu aber später einmal mehr…vorab muss ich nun erstmal gestehen, dass ich euch noch gar nicht so lange kenne und darum eingangs nun erstmal die Frage, wer Missstand denn eigentlich ist…stellt euch doch kurz einmal vor!

Patze: Danke! Freut mich, dass dir die Platte gefällt. Ich (Patze) spiele Bass bei Missstand und kümmere mich nebenbei noch ums Booking. Mani spielt Gitarre, singt und kümmert sich um den ganzen Grafikkram und hat beispielsweise alle Plattencover von uns designt. Dani spielt Schlagzeug und ist sogar im Besitz eines Autos. Wir kommen mittlerweile aus Graz und haben vor Kurzem unser drittes Album „I Can’t Relax In Hinterland“ auf Aggropunk veröffentlicht.

AFL: Und wie seid ihr denn eigentlich in euren Anfängen zum Punk gekommen?

Patze: Mani und sich sind ja Brüder. Da kam es dann dazu, dass er eine CD von einem Freund zugesteckt bekommen hat und dadurch mit der Musik angefixt wurde. Später hatte man sich dann über diverse Mailorder CDs und Kram bestellt und kam dann quasi an die Materie. Durch diverse Konzerte lernte man dann früher oder später auch andere Leute kennen.
Wir kommen ja ursprünglich aus Kärnten, dem Bundesland mit der höchsten Fluktuationsrate. Da gab es im Jahr wohl um die 4-5 Punkshows. Vorteil war dann, dass wenn mal was los war, wirklich alle Leute dort hingekommen sind. Wirklich politisch war die Punkszene zur damaligen Zeit allerdings nicht. Politisch sozialisiert wurde man dann später auch über Freund*innen, die man kennen gelernt hat.

AFL: Wenn ich mir eure Bandbilder und die Shirts so ansehen, seid ihr ja nicht nur vom Deutschpunk beeinflusst bzw. hört auch weitaus Bands fern des Deutschpunks. Welche Bands würdet ihr denn als euren Haupteinfluss bei Missstand nennen und was hört ihr privat selbst so?

Patze: Aufgewachsen sind wir grundsätzlich alle mit Deutschpunk. Das war am Anfang sicherlich der Haupteinfluss, den wir hatten. TERRORGRUPPE, FAHNENFLUCHT, RASTA KNAST, DRITTE WAHL waren für mich persönlich große Einflüsse. Durch unsere musikalischen Fähigkeiten hörte man diese jedoch vermutlich nur bedingt raus haha.
Aber im Ernst: Jeder von uns hat so seine persönlichen musikalischen Vorlieben. All Time Favourites sind für mich DESCENDENTS, NOT ON TOUR, RVIVR, HYSTERESE, KAPUT KRAUTS, ALARMSIGNAL.

AFL: Wenn ich so auf die bisherigen Veröffentlichungen dieses Jahres zurückblicke, waren schon großartige Alben dabei. Was waren denn eure bisherigen Top5 -Alben des Jahres?

Patze: Buh, da kam eine ganze Menge raus das Jahr. Ich schreib jetzt einfach mal ne Top 10 Liste in beliebiger Reihenfolge:

DRITTE WAHL – 10
HOT WATER MUSIC – Light It Up
CLOWNS – Lucid Again
GNARWOLVES – Outsiders
PETROL GIRLS – Talk Of Violence
DUNE RATS – The Kids Will Know It’s Bullshit
LOVE A – Nichts ist neu
THE MENZINGERS – After The Party
ANTILOPEN GANG – Anarchie und Alltag
POPPERKLOPPER – Wolle was komme

Ich hab bestimmt noch gute Platten, wie die neue PROPAGANDHI oder ZUGEZOGEN MASKULIN, vergessen!

AFL: Ihr spielt am kommenden Wochenende  ja bei uns auf dem Stäbruch-Festival! Wir freuen uns selbst schon riesig auf euch! Gibt es denn eine Band auf die ihr euch da selbst richtig freut?

Patze: Ich hätte mich sehr darauf gefreut, mal mit H2O zusammen zu spielen, die mussten aber leider absagen. Ich freu mich sehr darauf RASTA KNAST mal wieder zu sehen. Die sind live immer gut und mit denen haben wir auch schon einige Male gespielt. THE MOVEMENT sind live auch wirklich großartig und mit SKIN OF TEARS haben wir vor kurzem das erste Mal zusammen gespielt. Wir freuen uns aber generell schon sehr darauf.
Starkes Line Up habt ihr da zusammen gestellt!

AFL: Wo wir gerade beim Live-Thema sind: Ihr seid ja live wirklich aktiv und spielt jede Venue an jedem noch so kleinem Ort und scheut euch dabei auch nicht einen Tag nur auf der Autobahn zu verbringen, um abends dann euer Set zu spielen und am nächsten Morgen recht früh zur nächsten Show zu düsen. Was genau ist der Antrieb für euch live zu spielen und doch recht viel Aufwand dafür zu betreiben?

Patze: Ich freu mich immer am meisten darauf, Leute zu treffen, die man in den letzten Jahren mal kennen gelernt hat. Egal, ob es sich da um andere Bands, Veranstalter*innen oder sonstige Freund*innen handelt. Und live spielen an sich macht auch einfach super viel Spaß. Da nimmt man schon gerne mal die Fahrerei auf sich. Wir fahren eben grundsätzlich schon mal drei Stunden, bis wir an der deutschen Grenze stehen. Aber wir verstehen uns auch einfach richtig gut, so dass die Fahrten zu 90% unterhaltsam sind. Die restlichen 10% verschlafe ich meistens.

AFL: Vor gar nicht allzu langer Zeit fand in Berlin und Nürnberg ja das Aggropunk-Fest statt, auf welchem ihr ja auch vertreten wart. Wie war denn eure erste kleine Labeltour?

Patze: Tatsächlich war das unsere zweite Aggropunk-Labeltour. Wir haben 2015 bereits die Tour mitgespielt, obwohl wir zur damaligen Zeit noch keine Platte bei Aggropunk veröffentlicht haben! Die zwei Konzerte waren cool! Wir haben in Berlin im SO36 und in Nürnberg im Z-Bau gespielt, was schon beeindruckend war. Gerade das SO36  ist ja schon ein Kultladen. Die anderen Bands waren auch alle sehr sympathisch. Das war schon alles in Allem wieder mal ein Highlight. Matze ist einfach großartig!

AFL: Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Aggressive Punk Produktionen?

Patze: Ich habe Matze vor ein paar Jahren am Ruhrpott Rodeo zufällig kennen gelernt. Wir haben uns dann ganz gut verstanden und noch ewig gequatscht. Auf Konzerten haben wir uns dann immer mal wieder zufällig getroffen und irgendwann hat er gefragt, ob wir 2015 die Aggropunk-Tour mitspielen wollen, was für uns wirklich cool war. Nach der Tour hat er gemeint, dass wir ihm einfach mal unsere neuen Songs zuschicken sollen, sobald wir sie aufgenommen haben. Als wir ihm die fertigen Songs geschickt haben, hat er einen Tag später zurückgeschrieben, dass er das Album gerne machen würde. Wir sind nach wie vor wirklich froh, dass das alles geklappt hat, da Matze wirklich ein guter Typ ist und auch echt gute Arbeit leistet. Wir haben die Songs auch nirgendwo anders hin geschickt, da wir einfach gehofft haben, dass das hinhauen wird.

AFL: Um mal einen kurzen Schwenk auf euren Namen zu machen…was sind eurer Meinung nach die größten Missstände unserer Zeit?

Patze: Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie, Antisemitismus, soziale Ungerechtigkeit. Also all die Probleme, die auch vor unserer Zeit schon bestanden haben. Und all diese Missstände haben ihre Wurzeln irgendwie ja im Kapitalismus, auf dessen Boden diese Früchte dann sprießen können.

AFL: Der Albumtitel eures aktuellen Albums „I Can´t Relax In Hinterland“ spricht mir förmlich aus der Seele, denn auch ich bin in einem kleinen 100-Seelen-Ort aufgewachsen und bin nun, nach einem 12jährigen Ausflug ins Großstadtleben, wieder zurück aufs Land gekehrt.
Und ich muss sagen, dass es auch mal wieder gut tut, seiner Wohlfühlblase zu entkommen. Denn wenn man in einem links ausgerichtetem Viertel wohnt, kann man es sich da auch schnell bequem machen und so bin ich nun raus aus meiner Wohlfühlzone und beginne wieder wirklich für meine Meinung einstehen und diese verteidigen zu müssen. Wie seht ihr das?

Patze: Ich kann mir schon gut vorstellen, wie sich das eigene Denken verändert, wenn man in so einem linken Viertel wohnt und sich in so einer Wohlfühlblase aufhält. Im Grunde wie die eigene Bubble in sozialen Medien. Aber gerade in so einem kleinen Kaff ist es dann schon sehr schwierig damit umzugehen, weil man sich nicht so einfach „ausloggen“ kann. Und wenn selbst die letzten Freund*innen wegziehen und man nur noch mit den Arschlöchern leben muss, dann kann das sehr schnell sehr deprimierend sein. Aber auch in größeren Städten gibt es Menschen mit einer scheiß Einstellung. Aber vielleicht lebt es sich dort besser, da man dort mehr coole Leute um sich hat.

AFL: Wie schaut es bei euch daheim denn mit der Szene aus und wie versucht ihr dort die Szene am Leben zu erhalten bzw. entstehen zu lassen? Wie holt man die Szene ins Hinterland?

Patze: Wir haben in Klagenfurt in den letzten Jahren immer mal wieder Konzerte und Lesungen veranstaltet. So um die 40 waren das bestimmt. Mittlerweile veranstalten wir auch in Graz unter dem Kollektiv „Hinterland//Shows“ Konzerte und haben auch schon einiges für nächstes Jahr geplant.
In Klagenfurt gibt es mittlerweile leider kaum noch sowas wie eine Szene, was daran liegt, dass die meisten Leute von dort wegziehen, was auch nachvollziehbar ist. Da gibt es natürlich die Diskussion, ob es nicht besser ist, vor Ort zu bleiben, um dort die Flagge hochzuhalten. Jedoch ist das schon schwierig, wenn einem kaum noch was hält. Wenn man sich die früheste Vergangenheit bzw. auch gerne aktuelle Wahlergebnisse von Kärnten ansieht, kann man das auch nachvollziehen.

AFL: Ich fand eure Aktion total klasse, dass ihr eurem neuen Album den Vorgänger „Die netten Jahre sind vorbei“ gleich einmal mit beigepackt habt. Wie kamt ihr auf diese Idee?

Patze: Die Idee kam von Matze. Da unsere alte Platte mittlerweile ausverkauft ist, meinte er, dass wir die mitraufpacken könnten. Wir fanden die Idee auch gut und haben das dann gemacht.

 

„Atombombe auf Deutschland“, um hier mal die Antilopen Gang zu zitieren, wäre für mich das schlagkräftigste Argument.

 

AFL: Ihr plagt euch ja schon eine ganze Weile mit der rechtspopulistischen Partei FPÖ rum. In Deutschland ist es nun ja leider auch soweit gekommen. Habt ihr ein paar Tipps für uns, im Umgang mit diesen Leuten?

Patze: „Atombombe auf Deutschland“, um hier mal die Antilopen Gang zu zitieren, wäre für mich das schlagkräftigste Argument.
Aber Spaß beiseite… ich glaub, dass auch in Österreich die richtigen Ansätze für den Umgang mit Rechtspopulist*innen fehlt. Deshalb legen die auch von Wahl zu Wahl wieder zu. Dass sich die wirtschaftliche Lage des Landes, wenn Rechtspopulist*innen regieren, immer weiter verschlechtert, vergessen die Leute spätestens bei der übernächsten Wahl wieder. Wobei gerade jetzt in Österreich die wirtschaftliche Lage so gut wie seit Jahren nicht mehr ist. Also übernimmt die ÖVP/FPÖ-Regierung das Land in einem super Zustand (niedrige Arbeitslosenquote etc.), das sogar ohne großes Zutun gut dasteht. Das werden die sich halt sicher groß auf die Fahne schreiben.

AFL: Um mal kurz dabei zu bleiben…FPÖ Parteichef Strache droht ja nun Vizekanzler zu werden, in Deutschland findet die AfD immer mehr Anhänger und in Nachbarstaaten wie Frankreich, Polen oder den Niederlanden sieht es auch dunkelbraun aus. Wie seht ihr die Zukunft Europas? Sind wir noch zu retten?

Patze: Das ist schwierig zu beantworten. Aber beispielsweise in Frankreich hat Marie LePen ja auch deutlich weniger Prozente bekommen, als von der Partei erhofft. Erschreckend war das Wahlergebnis dann in Deutschland. Und das in Österreich war auch schlimm, aber vorhersehbar. Vor allem, wenn in Österreich dann ÖVP-FPÖ regiert, werden Sozialleistungen gekürzt und sprichwörtlich die Armen ärmer und die Reichen reicher gemacht. Womit sich die „besorgten“ Bürger*innen quasi selbst ins Bein schießen. Die Themen, die vor der Wahl propagiert worden sind, sind nach der Wahl plötzlich komplett zweitrangig und es werden stattdessen Sozialleistungen gekürzt, wo es nur geht. Bin gespannt, wie sich das alles so entwickeln wird.

AFL: Und wo wir gerade bei Österreich waren, wie sieht es denn bei euch eigentlich mit deutschsprachigem Punkrock aus? Ich persönlich kenne nämlich irgendwie nicht so viele Bands aus Österreich, die deutschsprachigen Punkrock machen. Oder war ich auf dem Ohr bisher nur taub?

Patze: Tatsächlich gibt und gab es in Österreich kaum Punkbands, die deutsche Texte schreiben. Woran das liegt, kann ich dir ehrlich gesagt gar nicht mal sagen. Folgende Bands würd ich dir/euch jedoch ans Herz legen: ANTIMANIFEST veröffentlichen demnächst ihr Debüt-Album, welches großartig wird. Erinnert mich sehr an ältere Muff Potter. STOCKKAMPF aus Innsbruck nehmen auch gerade ein Album auf! In Wien gibt es noch VERKLÄRUNGSNOT, welche klassischen Deutschpunk spielen! Alles total nette Menschen, mit denen wir immer total gerne zusammen spielen.

AFL: Auf eurem letzten Album hatten Alarmsignal ein Gastspiel und auf diesem Fahnenflucht, welche beide ja mittlerweile zur Sperrspitze gehören und auch Labelkollegen sind. Wie seht ihr die derzeitige Deutschpunk-Szene im Großen?

Patze: Ich finde es sehr schade, dass die Deutschpunkszene, wie auch viele andere Szenen, sehr männerdominiert ist. Wir spielen wirklich selten Konzerte, wo nicht nur Männer auf der Bühne stehen, den Sound machen oder auch das Konzert veranstalten. Was grundsätzlich sehr schade ist. Wobei es da natürlich auch Ausnahmen gibt. Wäre großartig, wenn sich da mal was ändert in den nächsten Jahren.

AFL: Ich habe das Interview begonnen, dann bitte ich euch nun dieses zu beenden. Nicht aber bevor ich mich nochmal bei euch für eure Zeit bedankt habe und zu sagen, dass ich mich bereits jetzt auf eure nächste Veröffentlichung freue, die hoffentlich nicht mehr so weit entfernt ist. Nun aber ihr…!

Patze: Danke dir für die wirklich ausführlichen Fragen. Hat mir Spaß gemacht, das Interview zu beantworten. Wir sehen uns am 11.11. beim Stäbruch-Festival. Da sollten alle hinkommen, da DIY Festivals supportet gehören! Danke fürs Lesen und vielleicht sieht man sich ja demnächst irgendwo auf Tour!


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