Start Interviews „Unser Erfolgsgeheimnis ist…“ – Milo von den DESCENDENTS im Interview

„Unser Erfolgsgeheimnis ist…“ – Milo von den DESCENDENTS im Interview

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Descendents (Photo by Michelle Olaya)
Descendents (Photo by Michelle Olaya)
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Manche Bands sind so legendär, dass es einfach alle interessiert, wenn sie ein neues Album rausbringen: die Descendents gehören zweifelsfrei dazu. Das neue Werk 9th & Walnut beinhaltet 18 Songs – alle noch vor Milo Goes To College geschrieben und zwischen 2002 und 2021 im Original Line-Up aufgenommen. Aus diesem Grund hatten wir die Möglichkeit, Milo Auckeman persönlich alle relevanten Fragen rund um das neue Album aber auch zu diversen anderen Themen zu stellen. Es ging u.a. um das Vermächtnis des tragischerweise verstorbenen Gitarristen Frank Navetta, unangenehme Zeitgenossen in Musik und Wissenschaft, spannende Einblicke in zukünftig erscheinende Songs und last but not least die selbst gewählte Erfolgsstrategie einer der einflussreichsten Punk-Bands aller Zeiten. Außerdem sprachen wir über eine mögliche Kollaboration der anderen Art zwischen Milo, Bad Religion-Sänger Greg Graffin und The Offspring-Frontmann Dexter Holland

Descendents – 9th & Walnut (2021)

AFL: Milo, ich bin mir sicher, dass Du, wie alle anderen auch, in den letzten Monaten viel über Corona reden musstest – aus der Perspektive des Musikers. Gab es auch Leute, die Dich Sachen zu Corona aus der Sicht eines Wissenschaftlers gefragt haben?

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Milo: Das stimmt. Aus wissenschaftlicher Sicht habe ich mittlerweile wieder Hoffnung geschöpft. Das sah vor eineinhalb Jahren noch ganz anders aus. Seitdem es den Impfstoff gibt, bin ich grundsätzlich guter Dinge. Allerdings haben die Verantwortlichen in den USA gerade zu Beginn der Pandemie einen furchtbaren Job gemacht, wenn es darum ging, das Virus einzudämmen. Da so viele Menschen gestorben sind, hat mich das echt wütend gemacht, da man es mit einer besseren Teststrategie hätte vermeiden können. Ende letzten Jahres schlug dieser Ärger dann in Hoffnung um, da sich die Impfstoffe als sehr wirksam erwiesen. Allerdings bin ich aus wissenschaftlicher Sicht momentan wieder etwas pessimistisch, da es immer mehr Leute gibt, die der Impfung misstrauen. Das ist frustrierend, wenn man bedenkt, welch große Angst vor der Wissenschaft bei vielen dahinter steckt. Wissenschaft ist dafür da, das Leben besser zu machen, nur wollen das viele nicht verstehen. Es ist nachgewiesen, dass die zugelassenen Impfstoffe sicher sind, die Leute müssen sich also eigentlich keine Sorgen machen.

„Hey, ich muss diesen Kerl treffen. Wir sind beide Wissenschaftler und Punk-Rocker und haben uns nie richtig connected.“

AFL: Lass uns über Euer neues Album 9th & Walnut sprechen: Ist es richtig, dass Du bis vor kurzem gar nicht wusstest, dass die Songs, die ihr jetzt rausgebracht habt, überhaupt existierten?

Milo: Fast. Die Hälfte der Songs kannte ich, weil ich sie schon damals, Anfang der 80er, mit der Band gespielt hatte. Die andere Hälfte hatten Bill, Frank und Tony zu dieser Zeit auch schon zu dritt geprobt, allerdings waren sie mir bis vor kurzem tatsächlich unbekannt. Als Bill mir 2002 erzählte, dass er mit Frank und Tony die alten Songs aufgenommen hätte, fand ich das total cool. Als er mir dann aber noch verriet, dass sie noch eine ganze Menge anderer Lieder aus der Zeit recorded hatten, war ich echt baff, weil ich von denen noch nie was gehört hatte. Jetzt, also 40 Jahre später, habe ich also Songs aufgenommen, die ich kannte, aber auch welche die mir neu waren. Die neuen sind am Ende tatsächlich meine Lieblingssongs geworden, einfach weil ich es so cool fand zu sehen, was die Jungs damals schon für unglaublich tolle Lieder geschrieben haben.

Descendents (Photo by Ed Colver)

„Wir werden nicht vom Geld, dem Ruhm oder Radio-Airplay angetrieben, sondern einfach nur von unserer Freundschaft und der Liebe zur Musik. Immer wenn die Musik in der Vergangenheit ein wenig zur Pflicht wurde, haben wir einfach eine Pause eingelegt und ich bin wieder in die Wissenschaft gegangen.“

AFL: Wie bist Du an die Gesangsaufnahmen heran gegangen? Ist es für Dich ein anderes Feeling, wenn Du Texte einsingst, die nicht von Dir sind? Ich wette, wenn man selbst die Texte schreibt, hat man schon eine gewisse Vorstellung im Kopf, wie sie am coolsten klingen könnten. Da diese Songs von Frank Navetta geschrieben wurden und er tragischerweise 2008 verstorben ist, konntest Du ihn ja gar nicht fragen, wie er sich das eigentlich vorgestellt hatte…

Milo: Tatsächlich bin ich es ja gewohnt, die Texte von anderen zu singen. Als ich mich den Descendents angeschlossen habe, hatten sie ja bereits eine volle Setlist und gaben mir einfach nur die Textblätter zum auswendig lernen. Dadurch habe ich die anderen extrem gut kennen gelernt, auch als Individuen. Frank war als Teenager zum Beispiel ziemlich wütend haha… Da ich in der Highschool als Außenseiter allerdings die selben Probleme hatte wie er, konnte ich mich sehr gut mit diesen Texten identifizieren und sie auch authentisch rüberbringen. Mit diesen „neuen“ Songs, die ich jetzt eingesungen habe, konnte ich mich ein bisschen in diese Zeit zurück versetzen und Frank erneut kennenzulernen. Zugegebenermaßen hatten die Jungs bei den Instrumental-Aufnahmen 2002 aber auch schon ein paar Gesangsdemos mit Frank aufgenommen, sodass ich einigermaßen wusste, wie er es am liebsten haben wollte.

AFL: Du nimmst die Gesangsspuren für die Descendents ja mittlerweile fast ausschließlich von Zuhause aus auf. Wie kommunizierst Du da mit Bill, der ja alles produziert, allerdings auch ziemlich weit weg wohnt. Kommt er extra zu Dir, organisiert Ihr Zoom-Sessions oder bist Du so erfahren, dass Du genau weißt, wie Bill es als Produzent haben will und Du dementsprechend einfach On Point lieferst?

Milo: Am liebsten ist es uns, wenn er zu mir kommt. Bei unserem letzten Album Hypercaffium Spazzinate habe ich es zunächst probiert, alleine aufzunehmen, allerdings hat Bill dann recht schnell gesagt, dass er lieber vor Ort dabei ist, um ein paar Anweisungen zu geben. Am Ende ist das auch extrem hilfreich, weil er immer so viele gute Ideen hat, die die Songs um einiges besser machen. Bei 9th & Walnut waren die Songs aber wirklich perfekt auf mich zugeschnitten, sodass ich seine Hilfe gar nicht benötigte. Ich habe sie einfach eingesungen, zu ihm geschickt und er meinte dann, dass sie so absolut perfekt wären. Das ist ungewöhnlich, allerdings denke ich, dass das vor allem daran liegt, dass ich die meisten dieser Songs schonmal mit der Band gesungen hatte und ich dementsprechend wusste, was ich tat.

AFL: Wenn ich mir Eure alten Sachen anhöre, und da zähle ich 9th & Walnut jetzt auch mal dazu, fällt mir auf, dass viele Eurer Songs mit einem melodischen Bass-Riff starten, das dann von den Gitarren ergänzt wird. Die meisten Bands aus dieser Zeit haben es umgekehrt gemacht, also zuerst ein Gitarren-Riff, das dann von Bass und Schlagzeug untermalt wird. Wie kam es zu dieser Art des Arrangements der Instrumente?

Milo: Tatsächlich hat neben Frank auch Tony viele Songs zu dieser Zeit geschrieben. Man hört recht gut, welche von ihm sind, weil sie fast immer mit dem Bass starten. Er hat das aus zwei Gründen gemacht: zum einen wollte er dem Bass eine prominentere Position geben, zum anderen wollte er lernen, besser zu spielen. „Nightage“ fängt zum Beispiel mit einer Bassline an, allerdings steckt dahinter eine ziemlich witzige Geschichte. Tony war in die Bassisten der Alley Cats verliebt: Dianne. Er wollte den Songs also ihr zu Ehren mit einem Bass-Intro starten haha.

AFL: Bei vielen Eurer Songs habe ich das Gefühl, dass ihr musikalische Elemente nutzt, um die Message zu untermauern. Bei „Grudge“ zum Beispiel hört man irgendeinen leicht schrägen Akkord, der immer dann gespielt wird, wenn Du das Wort „grudge“ singst, wodurch die Bedeutung des Wortes noch stärker wird. Wie sehr achtet ihr auf diese Verbindung zwischen Text und Musik?

Milo: Leider können wir Frank nicht mehr fragen, er hätte das bestimmt gerne beantwortet. Es gab eine Zeit, in der er versucht hat, sehr Dur-lastige Songs mit ein paar „abgefuckten“, schrägen Akkorden zu mischen – „Grudge“ ist dafür wohl das beste Beispiel. Ich weiß nicht, ob er zuerst den Text und dann die Musik geschrieben hat oder ob es umgekehrt war. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass er Wert auf diese musikalische Untermalung gelegt hat. Damals ist aber noch viel aus Zufall heraus entstanden. Wir waren schließlich Teenager, die gerade erst lernten, wie man die Instrumente spielt.

Descendents

AFL: Themenwechsel: Du bist ja nicht nur für die Musik bekannt, sondern auch für Deine langjährige Tätigkeit als Wissenschaftler – ähnlich ist es mit Greg Graffin von Bad Religion. Vor kurzem habe ich seinen Essay „Punk Manifesto“ gelesen, in dem er versucht, auf wissenschaftlicher Basis eine Definition für das Wort „Punk“ zu finden. Wie definierst Du „Punk“ für Dich? Die Descendents waren schließlich nie DIE „typische“ Punk-Band…

Milo: Soweit ich weiß, bedeutet „Punk“ für Greg, immer den Status Quo in Frage zu stellen. Da er als Wissenschaftler oft den Status Quo in Frage stellt, will er das glaube ich auch als Punk-Rocker versuchen. Für mich bedeutet „Punk“ kreative Freiheit. Hier sehe ich für mich persönlich auch eine Parallele zur Wissenschaft, in der ich immer versucht habe, Experimente und Forschungen möglichst kreativ zu designen, um neue Sachen herauszufinden. Punk erlaubt es mir, Sachen zu erschaffen, die nicht in irgendeiner Form limitiert sind. Ein Song muss zum Beispiel nicht in ein bestimmtes Genre passen oder aufs Radio zugeschnitten sein. Du kannst so klingen wie Du willst und das tun, was Du möchtest. Wenn Du an den D.I.Y.-Gedanken denkst und keinen Wert auf kommerziellen Erfolg legst, kannst Du absolute Freiheit erreichen. Diese Idee gefällt mir sehr.

„Tony war in die Bassisten der Alley Cats verliebt: Dianne. Er wollte den Songs also ihr zu Ehren mit einem Bass-Intro starten haha.“

AFL: Hast Du Kontakt zu Graf Graffin? Die Parallelen im Lebenslauf sind ja nicht von der Hand zu weisen…

Milo: In den 80ern waren die Descendents und Bad Religion öfters für einige Shows zusammen gebucht. Im Anschluss daran hat sich der Kontakt dann etwas verlaufen, da wir irgendwie nie zur selben Zeit am selben Ort gespielt haben. 2011 waren wir dann tatsächlich das erste Mal seit Ewigkeiten für die selbe Show gebucht und dort hatten Greg und ich im Vorfeld den selben Gedanken: „Hey, ich muss diesen Kerl treffen. Wir sind beide Wissenschaftler und Punk-Rocker und haben uns nie richtig connected.“ Da haben wir uns dann hingesetzt und stundenlang über Punk und Wissenschaft geredet und wo uns das beides hingeführt hat. Ich habe einen gigantischen Respekt vor ihm und dem, was er erreicht hat. Er hat ja in der Wissenschaft auch viel mehr erreicht als ich und ist nach wie vor in der Forschung und Lehre aktiv. Es ist einfach toll, ein paar andere Wissenschaftler in der Punk-Szene zu haben. Zusammen repräsentieren wir die Nerd-Fraktion haha. Das gleiche gilt auch für Dexter von The Offspring.

AFL: Vielleicht wird es dann mal Zeit für eine Kollaboration. Ein gemeinsamer wissenschaftlicher Aufsatz von Milo Auckerman, Greg Graffin und Dexter Holland wäre doch bestimmt eine spannende Sache…

Milo: Das ist eine gute Idee! Gut, Greg Graffin beschäftigt sich mehr mit Evolutionsbiologie, während ich Molekular-Biologe bin. Aber vielleicht mache ich das ja mit Dexter, er hat ja genauso wie ich einen Abschluss in Molekular-Biologie – ich glaube, er hat seine Doktorarbeit über DNA-Sequenzierung geschrieben. Da könnten wir bestimmt einen Essay zusammen schreiben. Vielleicht aber auch mit Greg, DNA und Evolution haben ja auch einige Gemeinsamkeiten.
Manchmal fragen mich auch ein paar Leute, ob ich nicht einen Song mit wissenschaftlichem Text schreiben will. Aber ich glaube, dass wäre selbst mir zu nerdig, einen Song über DNA zu schreiben. Ich finde ja all dieses Nerd-Zeug mega cool, aber das wäre zu viel des Guten haha.

AFL: Du hast Deine wissenschaftliche Karriere 2016 beendet und einer der Gründe dafür war, dass es aus Deiner Sicht zu viele Leute in der Wissenschaft, und vor allem den großen Chemiekonzernen wie Deinem alten Arbeitgeber DuPont, gibt, die nur auf Erfolg und Geld aus sind und dafür gerne sehr aggressiv die Ellenbogen ausfahren – ohne überragende Wissenschaftler zu sein natürlich. Über all die Jahre hast aber auch das Musik-Business sehr gut kennengelernt. Hast Du ähnliches auch in der Punk-Szene erlebt?

Milo: Wie Du schon richtig sagst, in der Wissenschaft habe ich sehr viel von dieser „politischen“ Seite der Forschung mitbekommen. Dort versuchen viele, mit jedem Mittel irgendwie die Karriereleiter hochzusteigen. In der Musik muss ich zugeben, dass ich stets nur die schöne Seite erlebt habe. Das liegt vermutlich daran, dass ich die Musik lange als Hobby gesehen habe und immer nur Songs geschrieben habe, wenn ich Spaß daran hatte. Wenn ich keinen Spaß mehr hatte, bin ich einfach wieder in die Wissenschaft gegangen. Von daher habe ich wenig hinterhältige Aktionen im Musik-Business miterlebt. Vermutlich blicke ich aufgrund meiner guten Erfahrungen aber auch etwas zu rosig auf die Musik-Industrie. Ich denke aber auch, dass Du gut durch das oft schwierige Musik-Geschäft kommst, wenn Deine Liebe und Leidenschaft für die Musik groß genug ist. Das gleiche dachte ich aber auch lange Zeit über die Wissenschaft, die ich auch über alles liebe, bis mir dieser ganze „politische“ Bullshit etwas die Lust genommen hat. Aber von der Musik kann ich nur positiv sprechen.

„Für mich bedeutet „Punk“ kreative Freiheit. Hier sehe ich für mich persönlich auch eine Parallele zur Wissenschaft, in der ich immer versucht habe, Experimente und Forschungen möglichst kreativ zu designen, um neue Sachen herauszufinden.“

AFL: Glaubst Du, dass diese Haltung vielleicht ein bisschen das Erfolgsrezept für die Descendents ist? Ihr seid ja zweifellos fantastische Musiker, allerdings habt Ihr nicht unbedingt den klassischen Release-Rhythmus, den andere Bands brauchen, um erfolgreich zu sein. Es klingt abgedroschen, aber es scheint so, als ob Ihr wirklich immer nur das getan habt, worauf Ihr Bock habt zu der Zeit an der Ihr Bock habt…

Milo: In all den vielen Jahren haben wir gelernt, dass das was uns gut macht, der Fokus auf den Spaß und auf die Freundschaft ist. Da wir außerdem so oft getrennt waren, war die Lust zurückzukommen immer sehr groß – dementsprechend frisch waren wir jedes Mal, wenn wir ein neues Album gemacht haben. Wir werden nicht vom Geld, dem Ruhm oder Radio-Airplay angetrieben, sondern einfach nur von unserer Freundschaft und der Liebe zur Musik. Immer wenn die Musik in der Vergangenheit ein wenig zur Pflicht wurde, haben wir einfach eine Pause eingelegt und ich bin wieder in die Wissenschaft gegangen. Unser Erfolgsgeheimnis ist also vielleicht wirklich diese Unverkrampftheit. Es ist quasi ein Erfolgsrezept, über das wir zufällig gestolpert sind, was aber nicht nach einer Vorlage designt ist haha. Dadurch sind wir nie ausgebrannt und das Publikum auch nicht. Es hat uns einfach jung gehalten und da wir jung bleiben wollen, brauchen wir dafür irgendeinen Plan. Wenn man sich nämlich alt fühlt, sollte man das alles nicht mehr machen.

AFL: Wie plant Ihr mit dieser Herangehensweise die nächsten Jahre? Vorausgesetzt ein normales Leben wie vor der Pandemie wird so schnell es geht wieder möglich sein natürlich… Man munkelt ja, dass Ihr neue Songs schreibt.

Milo: Mit jedem Album lernen wir neue Sachen im Songwriting dazu und für die ganz neuen Songs, von denen Du sprichst, haben wir eine komplett neue Herangehensweise. Dieses mal ist es nämlich so, dass Stephen mit circa 25 neuen Liedern ankam, die alle keinen Text hatten. Ich hab mich also hingesetzt und ganz viele Texte auf fremde Instrumentals geschrieben. Normalerweise schreibt jeder komplette Songs, also Musik und Text, und stellt sie dann den anderen vor – dieses Mal nicht. Das war eine tolle Erfahrung, weil ich gelernt habe, wie er seine Lieder schreibt und wie ich diese sinnvoll ergänzen kann. Das nächste Album wird also anders klingen als Hypercaffium Spazzinate, einfach weil wir viel mehr miteinander kollaborieren. Das hilft uns ebenfalls frisch zu bleiben, weil wir für die nächsten Jahre einen ganz neuen Songwriting-Ansatz kennenlernen. Das hilft auch, anderen aus Schreibblockaden heraus zu helfen. Je mehr Songwriting-Methoden man hat, desto frischer klingt man am Ende.

AFL: Hast Du bisher immer zuerst den Text und dann die Musik geschrieben?

Milo: Normalerweise habe ich immer ein kleines Textfragment, um das ich dann den restlichen Text und die Musik baue. Tatsächlich hatte ich aber auch ein krasses Deja-Vu als Stephen mit seinen Instrumentals ankam. Damals hatte ich nämlich „Hope“ auf diese Art geschrieben – also zuerst die komplette Musik und dann den Text.

„Ich denke aber auch, dass Du gut durch das oft schwierige Musik-Geschäft kommst, wenn Deine Liebe und Leidenschaft für die Musik groß genug ist.“

AFL: Nach gefühlt tausenden Songs, die Ihr zusammengenommen geschrieben habt, ist die große Herausforderung vermutlich wirklich, sich jedes Mal neu zu erfinden… Eine Gitarre hat schließlich nur zwölf Töne aus denen man wählen kann…

Milo: Ganz genau. Eine andere Sache ist aber auch, dass wir immer neue Themen gefunden haben, über die wir singen. Am Anfang haben wir vor allem über unsere Highschool-Erfahrungen gesungen, danach über das Älterwerden. In den letzten Jahren kamen viele politische Songs dazu. Davor hatten wir nie politische Lieder, von daher haben wir uns auch hier weiter entwickelt.

AFL: Worüber singt Ihr dann auf dem nächsten Album?

Milo: Ich kann auf jeden Fall schonmal verraten, dass ich einen Song über ein ziemlich witziges Thema geschrieben habe. Er handelt von diesem kleinen Licht im Auto, das angeht, wenn Du zu oft zu nah an die Spur rangefahren bist, weil Du offensichtlich müde bist. Dann leuchtet dieses Licht, um Dich aufzufordern, eine Pause einzulegen. Und wie sieht dieses Licht aus? Genau, wie eine Kaffeetasse! Das ist einfach nur cool, wenn Dein Auto Dich auffordert, einen Kaffee zu trinken – denn ich mag Kaffee.

AFL: Das klingt fantastisch! Vor allem weil auf Hypercaffium Spazzinate der typische Kaffee-Song gefehlt hat.

Milo: Haha ganz genau. Da hatten wir den Kaffee nur auf dem Cover. Ich bin eh der Meinung, dass es nie genug Kaffee-Songs geben kann haha.

AFL: Um das ganze Songwriting-Thema abzuschließen: was macht für Dich einen guten Punk-Song aus?

Milo: Ich mag es am liebsten, wenn die Songs aggressiv sind und Ecken und Kanten haben. Sie sollen aber nicht zu überfrachtet sein. Es ist viel schwieriger, einen simplen aber interessanten Songs zu schreiben, als etwas das total kompliziert und überproduziert ist. Ein Song ist es erst Wert ausgearbeitet zu werden, wenn die Grundidee stimmig ist und man sie immer wieder spielen will. Wenn es Dich beim ersten Hören anspricht, ist es gut, da muss man die Dinge nicht unnötig verkomplizieren. Ein Song bleibt schließlich wegen der Melodie und der Grundidee hängen, nicht weil Du dutzende Spuren von allem aufnimmst. Keep it simple! Eine andere wichtige Sache ist, dass wir die Songs, die wir schreiben, auch immer live performen können. Am Ende geht es darum, dass da vier Typen auf der Bühne stehen, die Punk-Songs spielen. Es wäre Quatsch, wenn wir die Songs vom Album nicht mit der selben Energie live performen könnten. Das ist auch der Grund, warum 9th & Walnut so klingt wie es klingt. Frank wollte damals nämlich einfach nur mit seiner Gitarre auf der Bühne stehen und diese Lieder spielen.

AFL: Wie kriegt Ihr es hin, live so tight zu sein? Ihr lebt ja alle verteilt in den USA und könnt dementsprechend nicht so viel proben…

Milo: Ich übe tatsächlich mit einer Karaoke-Maschine, Stephen ebenfalls. Allerdings wohnen Bill und Karl in der selben Stadt und proben dementsprechend fast jeden Tag zusammen. Sie legen also den Grundstein für eine tighte Live-Show. Wenn ich mich nicht täusche, holen sie sich sogar regelmäßig einen Stephen-Ersatz in den Proberaum, um möglichst akkurat zu üben. Das Allerwichtigste ist aber der Kaffee. Ohne das ganze Koffein könnten wir niemals so schnell spielen haha.

AFL: Irgendwo muss die Energie herkommen haha… Danke Dir für Deine Zeit Milo, hast Du noch letzte Worte?

Milo: Danke Dir! Wir planen, zurück nach Deutschland zu kommen, schließlich hatten wir dort sehr viele tolle Momente. Ich hoffe, dass sich viele Leute impfen lassen und wir dadurch ein wenig zur Normalität zurückfinden. Es sollte ein No-brainer sein, aber leider sehen das nicht alle so, was ich leider nicht verstehe. Wenn man es nicht für sich macht, dann doch wenigstens für die eigene Familie – die will man schließlich auch nicht mit anderen Krankheiten anstecken. Wir gehen in den USA bald mit Rise Against auf Tour, allerdings nur, weil sich genug Menschen haben impfen lassen. Hoffentlich geht das bald auch wieder im Rest der Welt. Lasst Euch impfen!

Descendents – Europa-Tour 2022

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