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Konzertbericht: Social Distortion am 26. Juni in Hannover

"Abschließend und rückblickend muss ich festhalten, dass es einfach ein richtig feiner Abend war, der alles hatte was ein Punk-Konzert ausmacht...geilen Support, Schweiß, Bier, Nostalgie und Wut, nur auf den Urin hätte ich verzichten können."

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Social Distortion Hannover
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Ein laues Lüftchen weht durch die Häusergassen von Hannover und noch genießen ein paar Paare und Freunde den Ausklang des Wochenendes mit einem Kaltgetränk am Ufer der Ihme. Aber auch diese werden sich schon bald zum traditionellen Tatort-Ritual vor den Fernseher begeben.
Aber eines scheint an diesem Abend anders, denn die Fußwege am Schwarzen Bären sind auch gen Abendbrotszeit noch gesäumt von biertrinkenden und lachenden Gestalten.
Der Grund…Social Distortion gastiert im Capitol zu Hannover und so brechen viele mit der hannöverschen Tradition den Sonntag Abend auf der Couch zu verbringen.
Bier statt Kamillentee und Fritz-Cola, Mike Ness und Jonny Two Bags statt Ballauf und Lindholm!

Und auch ich habe mich auf den Weg gemacht, Social Distortion mal wieder live zu erleben, wobei ich Anfangs doch sehr am hardern war.
Soll ich das der geräumigen Ecke in meinem Herzen, auf der ein großes SXDX tätowiert ist tatsächlich nochmal antun. Möchte ich wirklich so enttäuscht wie die letzten Mal das Auditorium verlassen?
Denn zuletzt haben mich die Mannen aus Orange County immer sehr enttäuscht zurück gelassen. Irgendwie hat Mike Ness nach und nach seine brachiale Bühnenpräsenz verloren, die ihn und ihre Musik für mich Ende 90, Anfang 2000 so ausgemacht haben.

Als ich aber mitbekommen habe, dass Grade 2 als Support mit dabei waren, stand es für mich außer Frage, dass ich dieses Wagnis noch einmal eingehen werde. Denn spätestens seit ihrem Album Graveyard Island (Review) schmachte ich danach, sie endlich mal live erleben zu können.

Und so stehe ich bereits frühzeitig im gut beheizten Capitol vor der Bühne und harre der Dinge die dort kommen mögen.

Lovebreakers – Hannover

Diese kommen erst einmal in Form der ersten Support-Band Lovebreakers.
Eine etwas jüngere Band aus Birmingham, die auch wunderbar in eine Highschool-Teenie-Komödie ala 10 Dinge die ich an dir hasse hineingepasst hätte. Ihr wisst schon…so eine Band die auf dem Abschlussball spielt, während der Quarterback der Football-Mannschaft mit der Ballkönigin in der Besenkammer verschwindet. Und diese Rolle haben sie auch hier bekleidet. Es sind zwar meines Wissens keine Paare in der Besenkammer verschwunden, aber die Band wurde mehr als Hintergrundbeschallung wahrgenommen. Hier und da haben sich zwar ein paar Leute bewegt und musikalisch waren sie auch über jeden Zweifel erhaben, aber so richtig begeistern konnten sie nicht. Einen kleinen Eindruck könnt ihr euch in diesem Video ihres Berliner Auftritts machen:

Grade 2 – Hannover

Nachdem sie ihr Set beendet hatten, füllte sich auch zusehends das Capitol, denn anscheinend waren auch andere gekommen, um Grade 2 live zu erleben und die legten dann, nach einer kurzen Umbaupause, auch echt kompromisslos los. Feinster Punkrock, bei dem der Einschlag von Tim Armstrong, der auch ihr letztes Album produziert hat, unüberhörbar ist. Gerade die Bassläufe erinnern doch sehr stark an Rancid…aber hey…genau das will ich ja und so versank ich in eine bierselige Meditationsphase und vergas alles um mich herum. Selbst die leichten Sound-Probleme trübten meine Versunkenheit kein bisschen.

Bereits ab diesem Zeitpunkt hatte sich der Abend gelohnt und ich wusste, dass egal was noch kommen wird, ich die Halle nicht enttäuscht verlassen würde.

Wobei das nicht ganz richtig ist, denn eine Sache hatte mich bereits zu dem Zeitpunkt enttäuscht und das waren nicht die Preise für das schale Bier, das man im Capitol immer serviert bekommt. Es waren die Toiletten, denn das Capitol hatte es immer noch nicht geschafft, die Pissoir-Situation zu ändern.
Die Planer*innen der gefliesten Örtlichkeiten haben nämlich seinerzeit die Keramiken im Sonderangebot gekauft und nicht darauf geachtet, dass es Pissoirs für Kindergärten sind. Sie sind nämlich übelst klein, eng beieinander und viel zu tief. So stellt das tropffreie Treffen selbst für nüchterne Herrschaften eine Herausforderung dar. Wie das dann bei angetrunkenen ausschaut, muss ich ja nicht groß erwähnen und so passierte was passieren musste: Ich stehe und erleichtere mich während sich ein groß gebauter und nicht mehr so zielsicherer Herr neben mich stellt, loslegt und direkt oberhalb der Keramik an die Fliesen strullt. Dank der Physik haben ich und ein anderer leittragender auf der anderen Seite des Hünens dann seine volle Ladung an Hände, Kleidung und Genitalien bekommen. Vielen Dank!

Aber was lohnt es über verschüttete Milch zu jammern? Nichts und so hieß es trockenschütteln, einpacken, Hände und Arme waschen und wieder rein in den Saal, der mittlerweile so voll gepackt war wie in Pre-Corona-Zeiten. Auch die dortigen Temperaturen sorgten dafür, dass der Urin meines Nebenmannes schnell wieder getrocknet war…oder besser gesagt durch Schweiß ausgespült wurde, denn irgendwer hatte in dem Laden anscheinend die Heizung angeschmissen.

Nach einigem Gedränge und Gequetsche stand ich wieder an meinem angestammten Platz und dann tat sich auch schon was auf der Bühne. Die Backline-Roadies von Jonny Two Bags Wickersham und Mike Ness präparierten die Instrumente, David Hidalgo Jr. saß bereits an der Schießbude und auch Brent Harding lief mehr oder weniger gelangweilt im Hintergrund hin und her. Dann sollte es aber losgehen und die Band begann mit dem instrumentalen Road Zombie, um ihren Frontman entsprechend würdevoll auf die Bühne zu bitten. Dieser kam dieser Bitte dann auch direkt nach und so betrat Mike Ness umjubelt und wie immer fein rausgeputzt die Bühne.

Social Distortion – Hannover

Dann konnte es auch richtig losgehen und so präsentierten sie uns mit So Far Away, I Wasn´t Born To Follow, Bad Luck und Another State Of Mind ein feinen Straus an Klassikern, die allerdings wieder einmal auch als solche vorgetragen wurden. Aber mittlerweile schien ich mich damit abgefunden zu haben, denn es macht sich keinerlei Enttäuschung darüber in mir breit.

Auf jeden Fall bis zu dem Moment, in welchem von der Bühne das Chris Isaak Cover zu Wicked Game schallte. Was soll das denn bitteschön? Einige Damen und Herren im Publikum feierten den Titeln aus irgendeinem Grund trotzdem ab, hielten mir ihre Telefone vor die Schnauze und brüllen dazu lauthals Noooooooooo, IIIIIIIIIIIIIIII don´t wanne fall in love! Was ein Scheiß!

Ich hoffe einfach, dass das an der Menge an überteuerten Getränken lag und nicht daran, dass es ihnen tatsächlich gefallen hatte. Für mich war es auf jeden Fall nichts, auch wenn es mal Neue Töne waren. Da doch lieber das altbewährte.

Aber neu geht es auch weiter, denn direkt im Anschluss verkündete Mike Ness, dass die Songs für das neue Album stehen und sie sich nach der Tourendlich auf den Weg ins Studio machen würden, wie es schon seit Jahren angekündigt war. Im Studio sollen dann 15 neue Track aufgenommen werden und von diesen spielten sie dann auch direkt den Track Tonight, welcher in eine ähnliche Richtung wie das letzte Album abzielt.

Dieses vermieste mir aber wieder erwartend ebenfalls nicht die Stimmung und so neigte sich der Abend mit der obligatorischen Zugabe-Pause langsam dem Ende und dem Höhepunkt entgegen, welcher dann in Don´t Drag Me Down, Story Of My Life und Dear Lover gipfelt. Großartig und auch der Frontman zeigte tatsächlich, dass er Spaß an der Sache hatte. Zwischenzeitlich meinte ich sogar einige Grinser in seinem Gesicht entdeckt zu haben und das kommt nicht gerade oft bei ihm vor.

Abschließend und rückblickend muss ich festhalten, dass es einfach ein richtig feiner Abend war, der alles hatte was ein Punk-Konzert ausmacht…geilen Support, Schweiß, Bier, Nostalgie und Wut, nur auf den Urin hätte ich verzichten können.

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