Zu sagen, dass Grade 2 eine der aufregendsten Newcomer-Bands sind, fühlt sich irgendwie komisch an. Auf der einen Seite bringen sie mit Talk About It nämlich ihr bereits fünftes Album raus und sind in den letzten Jahren wahnsinnig populär geworden, auf der anderen Seite sind die Bandmitglieder mit Mitte 20 immer noch mehr als halb so jung wie ihre großen Idole, mit denen sie die Bühne teilen. Dass Grade 2 jedoch ordentlich frischen Wind in die Punkrock-Welt bringen, ist unbestritten.
Pünktlich zum Release des neuen Albums hatten wir die Möglichkeit, mit Sänger und Bassist Sid ein Interview zu führen. Es ging u.a. darum, wie es ist, nach all den Jahren nicht mehr nach dem Vorbild der eigenen Lieblingsbands zu spielen, sondern seinen eigenen Stil zu finden, und wie all das auch zu neuen musikalischen Arrangements führt, die den klassischen Punkrock-Spirit nur noch befeuern. Außerdem erzählt Sid, warum das neue Album deutlich persönlicher ist, warum Stomper 98 eine prägende Rolle für Grade 2 spielen und wie er in einer Wette 50 Euro von Corey Taylor von Slipknot gewann.

AWAY FROM LIFE: Hi Sid, ich habe das Gefühl, dass ihr aktuell noch beliebter werdet, als ihr es ohnehin schon wart. Letztes Jahr habt ihr Rock am Ring und Rock im Park gespielt, wart mit Bands wie Rancid und Social Distortion auf Tour und bringt jetzt euer neues Album raus. Fühlt es sich so an, als würdet ihr gerade in eine noch größere Phase eurer Karriere eintreten?
Sid: Ich denke, es hat definitiv eine Veränderung beim Publikum für unsere Musik gegeben. Das Wichtigste ist, dass wir heute eher als Gleichgesinnte wahrgenommen werden, während wir bisher sowas wie die Neuen waren. Die Leute haben uns angeschaut und gedacht: „Oh, das ist diese junge Punkband.“ Jetzt, wo wir älter sind, können die Leute auf die Band schauen, ohne zu sagen, dass wir die Kids sind. Das hat lange gedauert. Ich bin jetzt 28, und mit 26 wurde ich immer noch als Kind bezeichnet, was schon ziemlich verrückt war.
Dazu auf Festivals wie Rock am Ring zu spielen, ist unglaublich. Wir kommen da nie mit dem Gefühl an, dass wir selbstverständlich dahingehören. Wir sagen uns eher: „Wir können nicht glauben, dass wir auf diesem Festival sind.“ Wir sind immer noch die nerdigen Leute backstage, die von allem umgehauen sind. Es ist surreal, an solchen Orten zu sein. Es ist auch verrückt, wenn Künstler, die wir bewundern, wissen, wer wir sind.
Ich glaube auch nicht, dass dieses Feeling jemals verschwinden wird. Wir kommen von so einer kleinen Insel, deshalb fühlt sich jedes Festival- oder Tourangebot immer noch aufregend an. Da ist nicht dieses Gefühl von: „Ach ja, cool, im Juni gehen wir auf Tour.“ Es ist eher: „Wow, wir fahren schon wieder los. Das passiert immer noch.“ Solange wir Spaß haben und diese Aufregung noch spüren, liegt darin der Sinn der Band. In dem Moment, in dem es zu einer Pflicht wird oder wir es nur noch machen, weil man es uns sagt, ist die Band am Ende.
„Wir haben in einem neuen Studio gearbeitet und extrem intensive Tage von etwa zwölf Stunden pro Tag über zwei Wochen gehabt. Das war ziemlich heftig und hat uns fast ausgebrannt.“
AFL: Apropos Rock am Ring: Ich habe gehört, dass Corey Taylor von Slipknot seitlich an der Bühne stand und euch zugeschaut hat. Wie fühlt sich sowas an?
Sid: Das war irre! In Großbritannien gibt es BBC Radio 1, und dort gibt es manchmal Guest Sessions, bei denen Künstler eine einstündige Playlist zusammenstellen. Rund um unser letztes Album haben wir eine Mail bekommen, dass „Under the Streetlight“ in einer Corey Taylor-Sendung gespielt wurde. Ich erinnere mich, dass ich den Jungs sofort geschrieben habe: „Habt ihr das gesehen?“
Bei solchen Festivals, und wenn wir versuchen, neue Leute zu erreichen, mache ich auf der Bühne manchmal gern einen kleinen Gag. Zum ersten Mal habe ich das bei Rock Werchter in Belgien gemacht, wo Linkin Park Headliner waren. Vor einem unserer Songs habe ich gesagt, wir hätten Linkin Park backstage getroffen und sie hätten mit uns um 50 Euro gewettet, dass wir vor 14 Uhr keinen Circle Pit hinbekommen. Alle Linkin-Park-Fans in der Menge sind dann komplett durchgedreht.
Also dachte ich, ich probiere dasselbe bei Rock am Ring. Ich sagte, wir hätten Corey Taylor backstage getroffen und er hätte mit uns um 50 Euro gewettet, dass wir keinen Circle Pit zum Laufen bringen. Ich dachte, es gäbe keine Chance, dass er überhaupt in unserer Nähe wäre, weil Slipknot später als Headliner spielten und natürlich total viel zu tun hatten. Aber in dem Moment, in dem ich das sagte, drehte ich mich um und sah ihn und seine Frau seitlich an der Bühne stehen und zuschauen. Ich dachte nur: „Oh mein Gott, sie sind wirklich hier.“
AFL: Ich habe ein Zitat gelesen, in dem es hieß: „We began to nail down our identity rather than following other bands’ lead.“ Worin unterscheidet sich Grade 2 heute von Grade 2 vor fünf bis zehn Jahren?
Sid: Auf den frühen Alben der Band gab es eigentlich noch keine wirkliche langfristige Vision. Wir waren einfach völlig im Moment, konnten in Europa spielen und mit Bands auftreten, die wir geliebt haben, und natürlich hat das beeinflusst, wie wir geschrieben haben. Es ging eher um die Frage: „Wie schreiben wir einen Song wie diese Leute?“ Wir haben uns Tipps und Tricks von den Bands abgeschaut, mit denen wir damals gespielt haben, z.B. Lions Law aus Paris, Rude Pride aus Madrid oder Midnight Tattoo aus Belgien. Wir waren damals gerade mal zwischen 15 und 19 und haben zu Leuten aufgeschaut, die vielleicht acht Jahre älter waren als wir. Wir haben zwar versucht, unsere eigene Note hineinzubringen, aber wir haben definitiv vieles imitiert, einfach weil wir es so toll fanden.
Erst auf den letzten beiden Alben haben wir angefangen herauszufinden, wie wir ganz natürlich Songs schreiben. Als wir das Self-titled-Album gemacht haben, also unsere letzte Platte, hatten wir das Gefühl, unseren Sound wirklich gefunden zu haben. Von da an war die Frage, wie wir das weiterentwickeln können, ohne einfach nur das Gleiche zu wiederholen.

AFL: Wie macht sich das in den Songs bemerkbar?
Sid: Für dieses Album kam jeder mit anderen Einflüssen an. Unser Drummer war total in Jack White drin, und sogar The Prodigy kamen mit ins Spiel. Ich selbst habe viel Latin Music eingebracht, vor allem die Art, wie dort Liebeslieder geschrieben werden. Daraus wurde später etwas wie Hanging On to You. Es ging darum, unerwartetere Ideen zu finden und sie in unseren Sound einzuarbeiten.
Zum Beispiel ist Crash and Burn im Refrain für einen Punksong ziemlich ungewöhnlich. Es ist nicht die Standardformel mit 200 BPM, Fäusten in der Luft und allen, die mitgrölen. Je mehr wir mit solchen Dingen experimentiert haben, desto natürlicher hat sich die Richtung der Band herauskristallisiert, und die Songs fühlten sich immer mehr wie ein richtiges Gesamtwerk an statt wie eine Sammlung zufälliger Ideen.
„Diese Frustration ist stark in den Song eingeflossen: dieses Gefühl, sich selbst auszubrennen, alles in etwas hineinzustecken und sich trotzdem zu fragen, warum am Ende kein Lohn dabei herauskommt, sondern nur Arbeit.“
AFL: Im Titelsong gibt es zum Beispiel dieses Piano. Kommen solche Elemente genau aus diesen verschiedenen Einflüssen?
Sid: Wir hatten auf dem letzten Album schon ein bisschen mit Orgel und Keys experimentiert, aber das war viel zurückhaltender. Es ging eher darum, diese Sounds drin zu haben, ohne sie zu sehr hervorzuheben. Auf diesem Album wollten wir aber nichts zurückhalten. Wenn etwas dafür gesorgt hat, dass sich ein Song richtig anfühlt, dann musste es drin sein.
Genau das war unser Ansatz bei diesen zusätzlichen Details. Wir wollten es aber auch nicht übertreiben, denn man will ja nie, dass die Leute etwas auf dem Album hören und sich dann fragen, wo das live geblieben ist. Gleichzeitig musste es aber genug sein, damit sich der Song komplettiert anfühlt. Wir wollten keinen Pianopart hinzufügen und ihn dann so leise mischen, dass er überflüssig wäre. Er muss genau auf dem richtigen Level präsent sein.
„tatsächlich ist es Kevin von The Interrupters, der auf unserem Album Piano spielt.“
AFL: Kannst du dir vorstellen, irgendwann auch einen Piano- oder Orgelspieler mit auf die Bühne zu nehmen? The Interrupters haben es ja ähnlich gemacht: Viele Jahre lang waren sie nur zu viert auf der Bühne, und jetzt haben sie einen zusätzlichen Musiker dabei.
Sid: Absolut, und tatsächlich ist es Kevin von The Interrupters, der auf unserem Album Piano spielt. Wir haben darüber gesprochen, als wir aus dem Studio kamen, ob wir versuchen sollten, jemanden zu finden, der diese Parts live spielt. Es ist aber nicht so einfach, in Großbritannien jemanden zu finden, der diesen Stil spielen kann. Es gibt also im Moment noch keinen konkreten Plan, aber ausschließen würden wir das auf keinen Fall. Live können diese Parts dafür sorgen, dass sich die Refrains noch größer und epischer anfühlen.
AFL: Was ist deiner Meinung nach im Vergleich zum letzten Album anders an diesem Album?
Sid: Textlich ist der größte Unterschied für mich, dass das letzte Album oft eher aus einer Außenperspektive kam, fast wie erzählte Geschichten. Auf diesem Album sind fast alle Songs in der Ich-Form geschrieben und kommen viel direkter aus unseren eigenen Erfahrungen und unserem eigenen Leben. Es fühlt sich jetzt eher so an: Ja, das hier handelt von uns, und das ist das, was in den letzten drei Jahren in unserem Leben passiert ist.
Dementsprechend finde ich, dass dieses Album ehrlicher ist. Das klingt vielleicht nach einem Klischee, weil das immer viele Leute sagen, aber hier fühlt es sich wirklich so an. Wir haben uns auch viel mehr Gedanken über die Texte gemacht. Es war nicht so, dass wir sie schnell geschrieben und dann so gelassen hätten. Wir haben sie immer wieder verändert, um sicherzugehen, dass wir genau das sagen, was wir sagen wollten.
Auch die Produktion war anders. Wir haben dieses Album wieder in England aufgenommen, während die beiden davor in den USA entstanden sind. Wir haben also in einem neuen Studio gearbeitet und extrem intensive Tage von etwa zwölf Stunden pro Tag über zwei Wochen gehabt. Das war ziemlich heftig und hat uns fast ausgebrannt. Ein weiterer großer Unterschied war, dass zum ersten Mal die Person, die das Album gemischt hat, nicht mit uns in den Sessions dabei war. Wir haben es in England aufgenommen und dann nach Amerika geschickt, wo es in Burbank in Kalifornien gemischt wurde. Das war interessant, weil wir jemandem unsere Vorstellung vom Album erklären mussten, der es zum allerersten Mal hörte. Wir hatten noch nie auf diese Weise gearbeitet, und wahrscheinlich haben wir den Mixing Engineer anfangs vor eine ziemliche Herkulesaufgabe gestellt, weil wir selbst noch nicht genau wussten, wie das Album klingen sollte. Er musste unsere unvollständige Vorstellung nehmen und daraus etwas Reales machen. Wir haben ihn in den ersten paar Wochen auf jeden Fall getestet, aber am Ende sind wir sehr zufrieden.
AFL: Der Albumtitel „Talk about it“ lässt sich für mich auf zwei Arten interpretieren: Einerseits bedeutet er, dass ihr viele Dinge im Kopf habt, die euch wichtig sind, andererseits kann er auch eine Aufforderung an andere sein, über ihre eigenen Dinge zu sprechen. Hattet ihr bei diesem Titel eine bestimmte Botschaft im Kopf?
Sid: Ich stimme dieser Interpretation zu. Als wir den Song geschrieben haben, war es wahrscheinlich der schwierigste, weil er sich so ehrlich und roh angefühlt hat. Wir sind durch drei verschiedene Versionen davon gegangen. Ursprünglich hieß er Communication. Das war eine der ersten Ideen, die wir vor ungefähr drei Jahren hatten. Der Refrain enthielt schon die Zeile „talk about it“, aber musikalisch hatte der Song eher so einen Clash-, Combat-Rock-era-Vibe, und damals fühlte sich das nicht nach der richtigen Richtung an. Also haben wir ihn erst mal liegen lassen.
Dann haben wir ihn noch einmal umgeschrieben, diesmal unter dem Titel Bottled Up, mit einem stärkeren Fokus darauf, nicht alles in sich hineinzufressen. Auch diese Version war ziemlich wild, fast so, als würden GBH auf Rage Against the Machine treffen. Erst etwa eine Woche vor dem Studiobesuch kam der Song wirklich zum Leben. Jack hatte dieses rock’n’rollige Intro-Riff, und da dachte ich, wir sollten noch einmal zu Communication zurückgehen, diese Idee damit verbinden, ein paar Texte umschreiben und schauen, ob wir damit endlich den Song gefunden haben.
Was die Bedeutung angeht, kam sie wirklich daher, dass wir bei uns selbst und bei vielen unserer Freunde gesehen haben, wie sie durch ganz unterschiedliche Phasen im Leben gegangen sind. Man fragt jemanden, wie es ihm geht, und die Person sagt: „Ja, passt schon“, aber man sieht ihr an, dass da viel mehr los ist. Das wurde in den letzten Jahren immer offensichtlicher.
Gleichzeitig schaltet man den Fernseher ein und sieht all diese Werbespots darüber, dass Männer typischerweise nicht über das sprechen, was sie durchmachen, und sich keine Hilfe suchen. Das hat sich stark mit dem verbunden, was wir in unserem eigenen Leben gesehen haben. Der Song wurde deshalb zu einem ehrlichen Versuch, genau dieses Gefühl einzufangen. Fast so, als würde man mit einem Freund in einem Pub sitzen und sagen: „Ich sehe, dass dich etwas belastet. Erzähl mir, was los ist.“
Wenn im Refrain dann „talk about it“ kommt, fühlt es sich wie eine offene Einladung an. Es bedeutet: „Erzähl es mir. Ich helfe dir, dieses Gewicht mitzutragen.“ Als der Song dann fertig war, hatte ich auch das Gefühl, dass er den Rest des Albums zusammenbringt. Es gibt all diese unterschiedlichen Emotionen und Lebenserfahrungen auf der Platte, und genau diese Idee wurde zum verbindenden Element. Deshalb glaube ich, dass das wirklich die Botschaft hinter dem Titel ist – und in gewisser Weise auch hinter dem ganzen Album.
AFL: Ein Song, der mich beim ersten Hören des Albums wirklich umgehauen hat, war Cut Throat World. Worum geht es in diesem Song?
Sid: Der Begriff „cutthroat“ ist mir im Kopf geblieben, nachdem jemand, der mir sehr nahesteht, einen Arbeitsvertrag verloren hatte und sagte: „Das ist so eine cutthroat industry.“ Ich habe das sofort in meine Notizen geschrieben, weil es mich nicht losgelassen hat. Es hat mich darüber nachdenken lassen, wie oft sich Menschen, besonders im Arbeitsleben, so geben, als wollten sie jemandem helfen, obwohl es ihnen in Wirklichkeit oft nur um ihren eigenen Vorteil geht.
Das hing auch mit dem zusammen, was wir selbst gefühlt haben. Es war so viel los, und es fühlte sich an, als würden wir ständig versuchen, einen bestimmten Punkt zu erreichen, aber nie ganz dort ankommen. Selbst wenn etwas gut lief, fiel an anderer Stelle wieder etwas weg. Nichts schien jemals genau dort zu landen, wo man es haben wollte. Diese Frustration ist stark in den Song eingeflossen: dieses Gefühl, sich selbst auszubrennen, alles in etwas hineinzustecken und sich trotzdem zu fragen, warum am Ende kein Lohn dabei herauskommt, sondern nur Arbeit.
Dieser Song ist sehr schnell entstanden, deshalb ist er auch so roh und ehrlich. Außerdem hatte ich damals einen Latin-Song gehört, und auch wenn ich mich nicht mehr genau an die Textzeile erinnern kann, ging es darin darum, wie alt und einsam sich Dinge anfühlen können. Auch das ist bei mir hängen geblieben. Wenn der Song also davon spricht, dass die Welt leer und kalt ist, dann kommt das genau von diesem Gefühl, dass man da draußen letztlich auf sich allein gestellt ist.
Der Song handelt also von Ehrgeiz und Antrieb, aber auch von dem Chaos und der Frustration, die damit einhergehen – wenn du so sehr pushst und dich am Ende trotzdem fragst: „Und jetzt?“

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AFL: Ihr habt in zehn Jahren fünf Alben veröffentlicht. Wie lange könnt ihr dieses Tempo noch halten? Woher kommt diese Arbeitsmentalität?
Sid: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es ist lustig, das so formuliert zu hören, weil ich darüber nie wirklich nachgedacht habe. Für mich ist jedes Album fast wie eine Momentaufnahme für den Punkt, an dem wir damals standen. Das erste Album, die 10-Inch Mainstream View, war genau das: Es hat festgehalten, wie wir unseren Weg gefunden haben, gelernt haben, Songs zu schreiben, im Studio zu arbeiten und von den Bands umgeben zu sein, zu denen wir aufgeschaut haben. Es beschreibt diese Zeit perfekt.
Je älter wir geworden sind, desto mehr hat jedes Album ganz natürlich das widergespiegelt, was wir erlebt haben. Man kann diese Entwicklung über die Platten hinweg hören. Von den jüngeren Erfahrungen, als man mit 18 noch versucht hat, in einen Pub zu kommen, bis zu dem Punkt, an dem wir heute stehen. Es fühlt sich fast wie eine Live-Dokumentation an.
Ich schätze, wir werden einfach sehen, was die nächsten Jahre bringen. Wenn wir uns hinsetzen und wirklich darauf konzentrieren, ein Album zu schreiben, dann entsteht meistens ein natürlicher Rhythmus, in dem die Themen und Geschichten klarer werden. Bei diesem Album hat es allerdings etwas länger gedauert, bis es seine Form gefunden hat. Zuerst sind wir mit der Idee in ein Studio auf der Isle of Wight gegangen, einfach das zu schreiben, was uns gerade einfällt, und das Ganze eher spontan zu machen. Wir kamen mit ungefähr neun Demos wieder heraus und fanden sie alle schrecklich. Uns wurde klar, dass das nicht der richtige Ansatz für uns war und dass wir wieder ganz von vorne anfangen mussten.
Danach haben wir wahrscheinlich sechs oder sieben Monate lang keinen einzigen Song geschrieben. Ich glaube, man setzt sich ganz automatisch unter Druck, weil die Leute ein neues Album wollen, aber wir mussten einen Schritt zurückgehen und uns fragen, was wir eigentlich selbst spielen wollen. Als wir wieder von diesem Punkt aus angefangen haben und das Ganze einfach aus Spaß angegangen sind, also beim Jammen im Proberaum, kamen die Songs ganz natürlich. Und dann war es plötzlich so: „Okay, wahrscheinlich haben wir jetzt sechs Songs, also schauen wir mal, wohin uns das führt, und folgen diesem Weg.“
AFL: Ihr lebt also immer noch auf der Isle of Wight, richtig?
Sid: Zwei von uns tun das noch. Jack ist vor Kurzem nach Manchester gezogen, aber alles ist immer noch auf der Isle of Wight beheimatet. Wir kommen alle hierhin zurück und machen von hier aus alles.
„Für mich persönlich war es so, dass ich nach der Schule fest davon überzeugt war, die Isle of Wight zu verlassen und nie wieder zurückzukommen. Ironischerweise bin ich jetzt die eine Person, die ich kenne, die immer noch dort ist.“
AFL: Ist es klug, irgendwann an einen Ort zu ziehen, der näher dran ist an dem, was in der Musikwelt passiert? In Deutschland ziehen viele Musiker im Laufe ihrer Karriere irgendwann nach Berlin, weil dort alle relevanten Leute sitzen. Ist das in England genauso oder eher über das ganze Land verteilt?
Sid: Das hört man auf jeden Fall oft. London war traditionell das wichtigste Zentrum der Musikszene in Großbritannien, aber auch viele kleinere Städte haben ihre ganz eigene starke Szene. Orte wie Bristol, Brighton und Manchester haben ebenfalls ihr eigenes Ding am Laufen.
Für mich persönlich war es so, dass ich nach der Schule fest davon überzeugt war, die Isle of Wight zu verlassen und nie wieder zurückzukommen. Ironischerweise bin ich jetzt die eine Person, die immer noch dort ist. Aber wenn man die Chance hatte, zu touren und andere Länder zu sehen, dann fing man an, diesen Ort anders zu betrachten. Man entwickelt eine ganz andere Wertschätzung für diese kleine, ruhige Stadt, aus der wir kommen, und beginnt zu verstehen, was andere Menschen daran sehen.
Wenn man dort aufwächst, denkt man leicht, dass nichts passiert und der Ort total langweilig ist. Aber jetzt, wo ich älter bin, sehe ich das anders. Es ist eigentlich ziemlich schön. Ich mag den lokalen Pub, der nicht zu voll ist, und ich liebe es, im Sommer an den Strand gehen zu können. Verrückt, wie sich Dinge verändern.

AFL: Ich glaube, es ist ziemlich offensichtlich, dass ihr eure Songs und euren Stil selbst bestimmt – und nicht irgendeinem typischen „Music Industry“-Playbook folgt. Gleichzeitig bringt euch das Spielen bei Veranstaltungen wie Rock am Ring näher an die „typische“ Industrie heran. Glaubst du, dass es möglich ist, die Mechanismen der Branche komplett zu vermeiden und trotzdem ein gewisses Maß an Bekanntheit zu erreichen? Oder ist es normal, ab einem gewissen Punkt nach bestimmten Regeln zu spielen, etwa Social-Media-Algorithmen, vielen Releases und so weiter?
Sid: Ich weiß nicht wirklich, wie dieser Wandel bei Künstlern passiert, wenn sie an den Punkt kommen, an dem sie sagen: „Das ist mein Level, hier ist der Platz meiner Musik.“ Für uns, die wir aus der Punk-DIY-Welt kommen, fühlt es sich immer noch einfach wie eine Ehre an, überhaupt dort zu sein. Ich hätte nie gedacht, dass wir jemals in solchen Umgebungen landen würden. Unsere Haltung ist eher: „Das ist großartig, lass es uns genießen. Vielleicht passiert das nie wieder, aber jetzt gerade sind wir hier.“
Ich finde auch, dass es genauso cool sein kann, vor der Bühne zu stehen. Ich bin super gern in der Menge und schaue einer Band zu. Ich glaube nicht, dass wir jemals eine Band werden, die sich von den Leuten vor ihr getrennt sieht. Es gibt bei uns nie dieses Gefühl von „Wir sind die Band und ihr seid die Menge“.
„Man steht nie über jemandem und nie unter jemandem. Genau so soll es für mich immer bleiben.“
AFL: Woher kommt diese Einstellung?
Sid: Das kommt wahrscheinlich daher, dass wir in der Punk-DIY-Szene aufgewachsen sind, wo sich alle eher gleichgesinnt und auf Augenhöhe fühlen. Wenn man aus dieser Welt kommt, ist es schwer, sich vorzustellen, diese Haltung jemals zu verlieren. Sie prägt sich einfach ein: Das hier ist für alle, die es wollen. Man steht nie über jemandem und nie unter jemandem. Genau so soll es für mich immer bleiben.
AFL: In ein paar Wochen werdet ihr mit Stomper 98 auftreten. Welche Verbindung habt ihr zu ihnen und zur deutschen Punkszene im Allgemeinen?
Sid: Wir kamen zum ersten Mal 2014 oder 2015 nach Deutschland. Wir spielten damals in Essen in der Zeche Carl. Ich erinnere mich, dass ich dort ankam, Kinder-Schokolade gegessen und mit ungefähr 15 Jahren Beck’s getrunken habe und das alles unglaublich fand. Es fühlte sich wie das beste Wochenende überhaupt an. Wir waren damals entweder noch in der Schule oder hatten gerade in diesem Sommer unseren Abschluss gemacht, und ich weiß noch, wie sehr ich das geliebt habe. Tatsächlich sind wir immer noch mit den Leuten befreundet und arbeiten immer noch mit denjenigen zusammen, die diese Show damals organisiert haben. Das sagt viel darüber aus, wie solche Beziehungen weiterbestehen, wenn man diese Verbindungen einmal geknüpft hat.
Stomper 98 haben wir 2016 kennengelernt, als wir in Leipzig gespielt haben, ich glaube bei ihrer Weihnachtsshow. Ich erinnere mich sehr lebhaft an dieses Konzert, und wir haben uns sofort verstanden. Ich glaube, sie fanden uns ziemlich amüsant, und wahrscheinlich war da immer noch dieser Neuheitsfaktor, weil wir so jung waren. Ich glaube, sie selbst haben auch jung angefangen, also haben sie vielleicht ein bisschen ihr jüngeres Ich in uns gesehen. Von da an ist die Freundschaft über die Jahre einfach gewachsen. 2017 und 2018 sind wir wieder zusammen getourt, also kennen wir sie jetzt seit fast zehn Jahren, was total verrückt ist.
Sie haben uns Deutschland als Ganzes wirklich nähergebracht, weil wir ungefähr 20 Shows mit ihnen im ganzen Land gespielt haben. Deshalb ist der Respekt, den wir für sie haben, sowohl als Menschen als auch als Band, enorm. Dass sie uns jetzt wieder eingeladen haben, zusammen zu spielen, fühlt sich wie so ein richtiger Full-Circle-Moment an. Es ist einfach total cool, das wieder gemeinsam machen zu können. Wir werden jeden Abend da stehen und ihnen aus dem Publikum heraus zuschauen.

AFL: Hast du Empfehlungen für andere junge UK-Punk-/Oi!-Bands? Vielleicht gibt es ja noch mehr aus eurer Ecke …
Sid: Es gibt im Moment so viele gute Bands in Großbritannien. Eine, die wir vor Kurzem entdeckt haben, ist nicht unbedingt Punk oder Oi!, aber sie heißt Garage Flower. Sie haben so eine Art 90er-Flair und Attitüde. Was die Szene selbst angeht, gibt es im Moment jede Menge großartige Bands. Auf unserer UK-Tour sind zum Beispiel The Guillotines aus Schottland und Reduced aus Nottingham mit dabei. Reduced waren früher TV Crime, eine legendäre Band. Deshalb bin ich sehr gespannt, was sie mit diesem neuen Projekt machen. Dann gibt es noch Split Dogs aus Bristol, die gerade ebenfalls durch Großbritannien touren und eine supercoole Band sind. Und ich muss natürlich auch The Appalled von der Isle of Wight erwähnen, unsere Home-Band.
Gerade passiert so viel in Großbritannien, dass es schwer ist, alle spontan aufzuzählen. Das Tolle ist, dass jede Stadt und jeder Ort inzwischen ihr eigenes Ding zu haben scheint. Als wir Grade 2 angefangen haben, hat es sich definitiv nicht so angefühlt. Wenn man jetzt, zwölf Jahre später, darauf schaut und sieht, wie sehr die Szene wieder zum Leben erwacht ist, dann ist das einfach großartig.
AFL: Vielen Dank für das Interview, Sid!






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