10 Records Worth To Die For: #262 mit Claude Cool (Wax Minds, Skeithan, Choir Boys,…)

"Ein Sound wie ein Gehirn, das versucht sich selbst zu rebooten." Claude und ihre 10 Lieblingsplatten.

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Claude kann und macht vieles. Ihre Stimme kennt man von Bands wie Wax MindsSkeithan oder Choir Boys, allerdings ist sie auch öfter mal als Moderatorin und gute Seele im Podcast Und dann kam Punk dabei.
Lesen kann man von ihr im Trust Fanzine. An Themen, mit denen man sich mit ihr unterhalten kann, mangelt es nicht.

Heute geht es nur um ihre persönlichen Lieblingsplatten!

1Hot Snakes – Automatic Midnight (2000)

Swami Records. DC-Sound trifft Wüstensand und Männer mit Aggressionsbewältigungsproblemen.
Dieses Album hat bei mir nicht direkt gezündet. Es lag ein paar Wochen wie eine scharfkantige Orange auf dem Plattenteller, bevor ich verstanden habe: Das ist kein Schnellzug – das ist ein panischer Sprint durch staubige Gassen, während Rick Froberg (R.I.P.) einem ins Gesicht schreit. Und wenn man sich einmal auf das Tempo eingelassen hat, will man nie wieder langsamer.
Ich wurde durch dieses Album Fan von Froberg. Diese Stimme! Diese kryptischen Texte! Die rohe Energie! Ich hab die Band viermal live gesehen – einmal wäre ich fast stagediven gegangen, wurde aber Zeuge, wie John Reis einen anderen unglücklich Motivierten wie in einer Wrestling-Promo zu Boden rang und ihm dann seelenruhig auf den Brustkorb rotzte. Mein Heldenbild bröckelte. Aber die Liebe zur Musik blieb.
Alle schwärmen von Suicide Invoice, aber ich bleibe meiner ersten Liebe treu. If Credit’s Due, I’ll Take Credit war sofort ein Hit, Salton City kam später – aber dann heftig. Dieses Album hat mein Verständnis von Drive und minimalem Maximalismus nachhaltig geprägt.

2Vaz – Demonstrations in Micronesia (2001)

Ein Sound wie ein Gehirn, das versucht sich selbst zu rebooten.
Ich hab die Band in Göttingen veranstaltet – eines der seltsamsten Konzerte, die ich je mitorganisiert habe. Ein Mitglied verschwand beim Zigarettenholen und kam stundenlang nicht wieder. Jemand dachte, das vegane Gulasch sei Fleisch und hat mich mit einer Moralkeule bearbeitet.
Dann plötzlich: „GAS!!!“ – alle rannten panisch los. Es war der Duft gerösteter Gewürze. Auch das Album ist wie dieser Abend: chaotisch, verstörend, unvergesslich. Und trotzdem (oder gerade deshalb?) ein wilder Noise-Ritt, bei dem man irgendwann einfach mitrennt – ob man will oder nicht.

3McLusky – Do Dallas (2002)

Steve Albini in der Produktionskabine und ganz viel britische Boshaftigkeit.
Ich habe sie einmal gesehen – in Lingen. Ja, richtig gelesen. Lingen. Abifestival. Wie absurd das klingt, genau so war es auch. Aber diese Band hat mir das erste Mal gezeigt, wie sarkastisch und gleichzeitig zerstörerisch Musik sein kann. “My love is bigger than your love, we take more drugs than a touring funk band.” – das brennt sich doch für immer ins Gedächtnis.
Die Gitarren klingen wie ein alter Fernseher, der wütend stirbt, der Bass schleppt sich wie betrunken durch das Set, und der Gesang ist eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Spott. Für mich war Do Dallas der Einstieg in eine neue Form von Wut: eine, die lacht, während sie dich tritt.

4Les Savy Fav – Inches (2004)

Eine Sammlung von Hits. Kein Album. Aber scheiß drauf – jede Sekunde ein Brett.
Tim Harrington ist für mich sowas wie der Bruce Springsteen des Wahnsinns. Dieser Typ hat meine Definition von Frontmann für immer verschoben: Schrille Outfits, halbnackt im Publikum. Dieses Jahr darf ich sie endlich live sehen. Ich bin aufgeregt wie ein Kind beim ersten Schultag.
Inches ist streng genommen keine LP, sondern eine Compilation. Aber wen interessiert das? Jeder Song ein Hit. Jede Zeile sitzt. Diese Band hat so viele meiner Vorstellungen davon geprägt, wie man mit Publikum interagiert: direkt, albern, unangenehm ehrlich – und nie belanglos.

531Knots – Talk Like Blood (2005)

Musik, als hätte ein Konstruktivist eine Post-Hardcore-Platte gebaut.
Ich hab sie auf dem Fluff Fest gesehen, als alle anderen lieber in der Sonne am Pool lagen. Großer Fehler. Ich stand da, schwitzend, mit offenem Mund, und hab mich direkt verliebt. Die Band klang wie ein Uhrwerk, das gerade auf LSD explodiert.
Das Album lief bei mir zwei Jahre lang in Dauerschleife. Der Bass komplett wahnsinnig, die Gitarren verknotet, aber immer mit Hook. Sie schaffen es, Intellekt und Emotion so zu kombinieren, dass man gleichzeitig mitwippen und über sein Leben nachdenken will. Große Kunst.

6Jay Reatard – Blood Visions (2006)

Ein Feuerwerk aus Koks, Kaputtheit und genialer Melodieführung.
Ich liebe Garage. Und Jay Reatard hat diesen Sound genommen, ihm die Zähne ausgeschlagen und dann wieder in ein zuckersüßes Grinsen gepresst. Blood Visions ist ein Album, das nicht fragt, ob du bereit bist – es wirft dich einfach in einen brennenden Van und drückt aufs Gas.
Was Jay in seinem kurzen Leben rausgehauen hat, ist schlicht beeindruckend. Songs wie “My Shadow” oder “It’s So Easy” klingen wie Kirmesmelodien für kaputte Menschen. Und ich war süchtig. Dieses Album lief – kein Witz – monatelang jeden Morgen beim Zähneputzen. Vielleicht kein guter Start in den Tag, aber ein ehrlicher.
Jay Reatard war der Antagonist mit Herz. Und Blood Visions ist sein Manifest.

7Lack – Saturate Every Atom (2008)

Politik und Pathos in 5/8-Takt – Post-Hardcore für Feingeister mit Wut.
Lack waren eine Band, die mit jedem Album einen anderen Weg einschlug. Aber Saturate Every Atom war für mich das perfekte Gleichgewicht: komplex, intensiv, und voller Melancholie. Ich war damals in so einer „Ich hör nur Sachen, bei denen niemand mitsingen kann“-Phase. Und dann kam dieses Album – und ich konnte jeden Text auswendig.
Der Gesang zwischen Sprechen und Schreien, das rhythmisch zerfranste Schlagzeug, die fast schon zärtlichen Gitarrenparts inmitten all der Dringlichkeit – das hatte Tiefe. Kein Posen, keine Attitüde. Einfach nur Überzeugung. Dieses Album hat mich begleitet, als ich selbst politischer wurde – und leise wütender.

8Glasses – The Ills of Life (2010)

Kurze Songs, große Wirkung. Punk mit Schweinerock-Flair und Riot-Charme.
Ich habe diese Band unzählige Male live gesehen – manchmal stand ich sogar hinterm Merch, hab Kabel getragen, Bier gereicht. Okay, ich bin mitgefahren, weil ich Fan war und nie ganz aufgehört habe, es zu sein. The Ills of Life ist für mich mehr als ein Album – es ist ein Lebensgefühl zwischen Bühne und Backstage.
Die Mischung aus Crust, Hardcore und so einem charmanten Rock’n’Roll-Gitarrensound war genau mein Ding. Dazu Texte, die sich nicht scheuen, unbequem zu sein. Und eine Live-Energie, bei der ich jeden Song mitbrüllen konnte – und wollte.
Wenn mich jemand fragt, welche deutsche Band mich am meisten geprägt hat: Glasses. Ohne Zweifel.

9Royal Headache – High (2015)

Wenn sich Motown und ein kaputter Gitarrenverstärker küssen.
Ich habe diese Band erst spät entdeckt – mitten in der Pandemie. Es war diese Zeit, in der man sich im Kreis dreht, alle Fenster offenstehen und trotzdem alles irgendwie stickig ist. High war für mich ein Sound, der gleichzeitig wehtat und tröstete. Diese Stimme! So viel Soul, so viel Sehnsucht!
Frontmann Shogun klingt, als würde er gleich anfangen zu weinen – oder jemandem aufs Maul hauen. Oder beides. Need You hat mich voll erwischt. Diese Traurigkeit inmitten der Uptempo-Stücke. Das ist Musik zum Mitsingen, mit tränennassen Augen.
Ein Album, das nicht nur gut ist – sondern nah.

10Couch Slut – You Could Do It Tonight (2024)

So intensiv, dass man manchmal den Blick abwenden will – aber nicht kann.
Ich wurde bei einem Konzert meiner Band Skeithan auf meine Stimme angesprochen – ich wurde mit Couch Slut verglichen. Was für ein Kompliment! Ich hab sofort reingehört – und war komplett durch den Wind. Funeral Dyke war der erste Song. Danach brauchte ich eine Pause. Keine andere Band bringt so viel Schmerz und Ehrlichkeit auf den Punkt.
Und dann Roadburn 2024. Ich habe sie dort zweimal gesehen. Die Sängerin – eine Gewalt. Zwischen den Songs erzählte sie von ihrer Jugend, ließ das Mikro auf sich einschlagen, blutete und schrie sich die Seele aus dem Leib. Eine Performance, die nicht in Instagram-Stories passt. Das war roh. Das war echt. Das war: viel.
Musikalisch ist das alles andere als leicht verdaulich – aber wenn man bereit ist, sich dem Wahnsinn zu stellen, bekommt man mehr, als man erwartet. Vielleicht auch ein bisschen von sich selbst zurück.

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