FJØRT – belle époque (2026)
FJØRT – belle époque (2026)

Das Aachener Trio FJØRT veröffentlicht am 20. Februar 2026 das fünfte Album belle époque. nita und Flo waren Feuer und Flamme die Platte als Doppel-Review zu besprechen. Ganz ehrlich auch unheimlich neugierig auf die neuen Songs. Schon mit der ersten Single ’43 war klar, die neuen Stücke werden besonders, intensiv, düster, ehrlich und sind weit weg von Harmonie und Schönheit.

Review von Flo:

nichts erschien bereits vor knapp fünf Jahren. Mir kommt es so vor, als sei das erst zwei, höchstens drei Jahre her. So ist das wohl echt mit dem Alter, die Zeit verfliegt schneller. Momente werden flüchtig, nichts hat mehr Bestand, das Schöne vergeht. Knochen schmerzen und Gedanken werden träge. Moment mal, schreibe ich hier jetzt meine Memoiren, oder eine Review?

Wenn ich mir das Umfeld so anschaue und dann noch die Musik im Hintergrund, dann tendiere ich zum Zweiten. Und glücklicherweise leidet die Erinnerung noch nicht so sehr, dass ich die drei Herren aus Aachen wiedererkenne. Mit belle époque erscheint das fünfte Album und trifft genau den Punkt zwischen Demontage und Couleur.

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Trotz meines Lobes für nichts hat mich das Album dann doch langfristig nicht so sehr berührt wie die Vorgänger. Das ist ein wenig die Tragik von Rezensionen, sich in einem relativ kurzen Zeitraum eine Übersicht zur Platte machen. Bei 3-Akkorde Punk mag das prima funktionieren, eine derart komplexe Platte wie belle époque fällt diesem zum Opfer. Tatsächlich würde sich belle époque dazu eignen, eine neue Rubrik ins Leben zu rufen: One Year Later. Oder so. So bleibt nur die Momentaufnahme. Das ist keine Kritik an den Labels, vielmehr einfach einen Gedanken frei zu lassen.

FJØRT (Fotocredit Holger Kochs)
FJØRT (Fotocredit Holger Kochs)

belle époque hat die Tendenz als erste FJØRT-Platte ungemein die Gemüter zu spalten. Unabhängig davon, dass das Album unglaublich schwere Kost ist, treffen hier unterschiedlichste Genres aufeinander. Klar, der Post-Hardcore ist immer noch Taktgeber, dazu mischen sich nun aber auf der einen Seite starke Black Metal Einflüsse, auf der anderen sehr elektronische, fast schon Cyberpunk-artige Klänge auf das Gesamtwerk.

Abrupte Genresprünge

FJØRT hat sich sehr schnell in der Bandgeschichte einen Namen für die Theatralik, Inszenierung und atmosphärische Musik gemacht. belle époque zementiert das derart stark, dass es zuweilen so wirkt, man wisse nicht genau, wo das Album musikalisch hin sollte. Der berühmte rote Faden wird durch die teils abrupten Genresprünge zu großen Teilen stark zerfasert. Dadurch ist belle époque für den Moment mehr eine Sammlung an 11 Tracks als ein in sich geschlossenes Werk.

Bilingual sind FJØRT nun ebenfalls erstmals unterwegs. Gesanglich findet der Großteil der Texte weiterhin auf Deutsch statt, hinzu gesellen sich nun aber auch Englisch und ein wenig Französisch. Das bringt einen interessanten wie überraschenden Aspekt mit in die Platte, einen wirklichen langfristigen Mehrwert finde ich darin zurzeit nicht.

belle époque als reines Post-Hardcore-Album zu bezeichnen wäre viel zu kurz gedacht. Zu artsy, zu eigenwillig ist das Werk. Ohne Zweifel erspielen sich die Aachener mit dem Werk einen noch stärkeren Platz als Koryphäe in der deutschen Musiklandschaft. Tatsächlich würde ich belle époque sehr stark mit den Werken von The Hirsch Effekt vergleichen. Eine kleine Empfehlung an diesem Punkt mal die Hannoveraner auszuchecken!

Immer wieder Neues entdecken

11 Tracks, die vielfältiger kaum sein könnten. Keiner davon eine Katastrophe, im Gegenteil: Jeder Track für sich ist derart tief, dass man da sicherlich viele Jahre mit verbringen kann und immer noch etwas Neues entdeckt. Nur leider fällt das Album der Vielfältigkeit zum Opfer. Hinzu kommt, dass belle époque wohl das schwerste Album der Kapelle ist. Mehrfach am Tag hören, das grenzt schon fast an Selbstgeißelung. Aber um fair zu bleiben: FJØRT war nie die Liebe, Frieden, Eierkuchen Kapelle.

Und dennoch könnte ich mir vorstellen, dass bei einer Veröffentlichung, die nach belle époque vielleicht irgendwann kommen mag, gesagt wird: Wir gehen wieder ein bisschen mehr back to the roots. Und selbst wenn nicht, dann bin ich mir sicher, dass Post-Hardcore mit weiteren Genres vermischt wird, ohne die Essenz von FJØRT zu verlieren. Und bei all der Kritik: belle époque schreit förmlich nach FJØRT.


Review von nita:

Beim Schreiben meiner Zeilen kannte ich Flos Text natürlich noch nicht. Und ich bin nach seiner Review zu nichts schon davon ausgegangen, dass er noch etwas tiefer und hintergündiger bohren wird als ich. Das ist immer das Spannende an den Doppel-Reviews. Und gäbe es noch ein dritte, würden hier noch weitere Aspekte und Ansichten auf den Tisch kommen.

FJØRT begeistern mich seit Jahren ungebrochen. Sie überraschen immer wieder, verschieben Erwartungen und Grenzen. Positionieren sich klar. Selten war das wohl so deutlich wie auf dem neuen Album.

Die erste Single ’43 veröffentlichten sie im November 2025 zusammen mit einem grandiosen Video. Ich erinnere mich noch gut an das beklemmende Gefühl, das beim ersten Anschauen und Anhören in mir aufstieg. Wortgewaltig, brutal, so notwendig in den aktuellen Zeiten wie nie zuvor. Wenn die Zeilen ‚Wir haben gemordet, gebrandschatzt, geschändet, erdrosselt – wir sind dazu fähig‘ mit maximaler Verzerrung herausgeschrien werden und immer wieder zur Selbstreflexion drängen, zeigt sich deutlich: belle époque ist das bislang sprachmächtigste Album der Band. Die Aussage „Wir leben in Hakenkreuzzeiten“ ist das beste Beispiel dafür. Es macht unmissverständlich bewusst, wie kurz wir vor einer Wiederholung stehen.

FJØRT (Fotocredit Holger Kochs)
FJØRT (Fotocredit Holger Kochs)

Wo sich im bisherigen Werk des Aachener Trios zwischen all der Schwere immer wieder Räume der Weite geöffnet haben, bleibt auf dieser Dreiviertelstunde wirkliches Durchatmen nahezu verwehrt. Selbst die ruhigeren Momente sind am Ende doch belastend. Das Thema ist so schwer, so bedrückend, so realitätsnah und aktuell, dass es weh tut. Bassist und Sänger David Frings beschreibt es so:

Vor hundert Jahren war die Zeit, die die Geschichtsbücher heute die ‚belle époque‘ nennen – unmittelbar darauf folgten zwei Weltkriege. Wir stehen wieder an einem ähnlichen Punkt: Jetzt nochmal Konfetti, noch einmal Spaß. Und dann ist Schicht. 

Die Texte bieten Raum für Deutungsebenen und Interpretationen

Vertonte Ohnmacht angesichts des Weltgeschehens, das zermürbende Gefühl des eigenen Versagens und die Flucht vor Verantwortung. Mit bemerkenswerter Präzision öffnen FJØRT in ihren Texten mehrere Ebenen, die Raum für vielfältige Interpretationen lassen.
Mir war beim Durchhören schnell klar, dass meine Review keine detaillierten Deutungen der Texte beeinhalten soll. Die Richtung ist klar, doch liegt es an jedem einzelnen die Texte und die Klangkulisse erstmal selbst auf sich wirken zu lassen, komplett unbeeinflusst von anderen Meinungen.

Musik ist für mich immer sehr mit Emotionen verbunden. belle époque ist kein Album, das man einfach so nebenher anhören kann. Es wird für immer eine vertonte Beschreibung der aktuellen Zeit bleiben.

Verstörung und Erlösung gehen Hand in Hand

Musikalisch bleiben FJØRT einzigartig: verdichtete Kompositionen, die zugleich verstören und erlösen. Post-Harcore meets Punk meets Sprechgesang meets Black Metal und jetzt auch mit Sequenzen auf Englisch und Französisch. Immer häufiger verlässt das Trio die eigenen, über Jahre ausgetretenen Klangpfade. Auch in Sachen Gesang muss ich nach wie vor oft überlegen, wer von den beiden Sängern gerade zu hören ist. Und dabei ist das noch nicht mal wichtig. FJØRT ist eins, alles verschmilzt zu großer drückender und melancholischer Wucht.

„Wir wollten die Orte, die man im Klingen kennt, verlassen, sagt Sänger und Gitarrist Chris Hell. Unterstützung kam – wie schon beim Vorgänger nichts – erneut von Produzent Beray Habip. Gemeinsam mit ihm haben Chris Hell, David Frings und Frank Schophaus am Schlagzeug Klangräume erschaffen, in denen die Nacht kein Ende findet und die Sonne längst abgestürzt scheint.

es wird nacht. lange schatten, kleine welt. es wird nacht.


Tracklist

FJØRT (Fotocredit Holger Kochs)
FJØRT (Fotocredit Holger Kochs)
  1. Messer
  2. Hertz
  3. ’43
  4. Kalie
  5. Mir
  6. Ær
  7. Rott
  8. Danse
  9. 22:30
  10. Yin
  11. Nacht

FJØRT – BÉ FJØRT Tour 2026

11.03. München, Technikum
12.03. Jena, Kassablanca
13.03. AT – Wien, WuK
14.03. Leipzig, Werk 2
18.03. Berlin, Festsaal Kreuzberg
19.03. Wiesbaden, Schlachthof
20.03. Dortmund, FZW
21.03. Hamburg, Gruenspan
25.03. Bremen, Schlachthof
26.03. Hannover, Capitol
27.03. Stuttgart, Im Wizemann
28.03. Köln, E-Werk

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