Am 01. November 2019 veröffentlichen Counterparts nicht nur ihr inzwischen sechstes Studioalbum, sie zeigen damit auch, wie es klingt, wenn man sich weiter entwickelt, ohne sich großartig zu verändern.

Die Kanadier bleiben auch auf Nothing Left To Love ihrem melodischen Metalcore-Wumms treu, liefern dabei aber noch intensivere Songs ab, als man es ohnehin schon von ihnen gewohnt ist.

Counterpartts Pressefoto
Counterparts (2019)

Doch von Anfang an: Das Albumcover ziert eine blutverschmierte Hand, durch die ein Messer sticht. Treffender hätten Counterparts dieses Album nicht bebildern können. Denn was uns im Inneren erwartet, ist messerscharf, schmerzvoll und geht durch Mark und Bein.

Nicht nur die Lyrics von Sänger Brendan Murphy sind – wie schon erwartet – wieder einmal von Verzweiflung durchzogen. Auch musikalisch treiben Counterparts den Schmerz auf die Spitze. Wer schon von den Vorgängeralben begeistert war, für den dürfte Nothing Left To Love eine Offenbarung sein.

Immer mehr steigern sich die insgesamt 10 Songs in einen Pulk aus messerscharfen Gitarren, die mal stampfende Breakdowns, mal bittersüße Melodien spielen, einem fanatischen Schlagzeug und der markanten Stimme von Brendan Murphy.

Die Lyrics zeigen wie immer die ganze Bandbreite depressiver Gefühle:

Mit “Will you love me when there’s nothing left to love?” versucht sich die verzweifelte Stimme Aufmerksamkeit zu verschaffen. Und die bekommt sie von mir – nicht nur bei diesem Song.

Während der Opener Love Me noch relativ gediegen daherkommt, liefern die kommenden Tracks Energie und Wahnsinn pur:

Wings Of Nightmares, die erste Single-Auskopplung des neuen Albums, inklusive Video, brettert mit allem nach vorn, was Counterparts ausmacht: Eine Stimme, die zwischen Wut und Verzweiflung springt, dezent eingesetzte Melodien, ein paar Djent Riffs hier, ein paar Downbeats dort, nicht zu vergessen: nach vorn treibende Parts und sogar ein paar gut dosierte Spoken Words. Unglaublich, wie Counterparts all das in gerade einmal 2:56 Minuten packen.

Es folgt Paradise and Plague, der Song mit dem größten Hit-Charakter. Auch hier wütet die beserkerartige Stimme von Brendan Murphy, auch hier machen Breakdowns Lust, mit den Beinen aufzustampfen, auch hier ist die Verzweiflung groß. Im Hintergrund wühlt sich eine fast schon zu schöne Melodie nach vorn und tunkt den Song trotz aller Wucht in bittersüße Melancholie.

Hands That Used To Hold Me ist mein persönlicher Favorit. Ein Song, der einem mit fetten Breakdowns musikalisch die Faust in den Bauch rammt, um anschließend mit schrillen Gitarren und Spoken Words das Messer hinein zu jagen, bis – musikalisch betrachtet – das Blut fließt. Hold Your Knife legt sogar noch einmal eine Ladung an Messern und Faustschlägen drauf, vor allem durch die enorme Geschwindigkeit. Das Schlagzeug wütet durch den Song und lässt mich mit offenem Mund zuhören: Kann ein Mensch das überhaupt mit zwei Händen abliefern?

Separate Wounds zieht den Hörer in die düstere Atmosphäre, um ihn schließlich plötzlich von hinten zu packen – mit donnernden Beats und Lyrics, die von Resignation und Zerschlagenheit zeugen. Ich erschrecke mich beim ersten Hören wirklich mächtig. Das sagt einiges über die Dramaturgie aus, mit der Counterparts auf Nothing Left To Loose arbeiten.

Das Songwriting ist ausgefeilt wie noch nie, die Lieder komplex und verspielt. Und das beste: man merkt es nicht. Ein ums andere Mal fühlt man sich in eine Shakespearsche Szenerie versetzt, hat das Gefühl in einer Story zu stecken – ohne Handlung, dafür mit umso mehr Emotionen. Dementsprechend überwältigt lässt mich jeder einzelne Song zurück. Und dementsprechend verblüfft bin ich als das Album auch schon am Ende ist. Nach zehn Tracks ist Ruhe im Karton.

Derart kompakt und auf den Punkt habe ich bislang kaum ein Melodic Hardcore Album erlebt. Sämtliche Intro-/Outro-Spielereien oder Gitarren-Soli, mit denen andere arbeiten, um Spannung aufzubauen, scheinen Counterparts nicht nötig zu haben, um uns in ihre vertrackte Welt zu entführen. Und die ist deshalb noch lange nicht einfach nur schwarz oder weiß, sondern traurig und wütend zugleich, wuchtig und auch verletzlich, anschuldigend und ebenso flehend. Ich bin begeistert von der unglaublichen Kraft, den Instrumenten, die sich zusammen mit der Stimme in Wellen nach vorne schieben – von jedem einzelnen Song, der einer Achterbahnfahrt gleicht: von ganz low, bis hoch zum Peak Point mit anschließender Talfahrt in wahnsinniger Geschwindigkeit.

Und noch ein Vergleich kommt mir in den Sinn, nachdem das Album gerade einmal durchgerauscht ist: Nothing Left To Love ist wie ein Tarantino Movie: vertrackt, blutig, eigensinnig und so komplex, dass man es sich mehrfach reinziehen muss, um auch nur annähernd zu verstehen, was hier geschieht.

Aufgenommen von Star-Produzent Will Putney, braucht man über den Sound wohl kaum noch ein Wort zu verlieren. Der ist heftig, markant und überzeugt auch dadurch, dass Putney die Stimme von Brendan Murphy gleichberechtigt mit den anderen Instrumenten abgemischt hat. Hier hat nichts die Oberhand. Alles was es an Facetten zu hören gibt, wird eins. Definitiv DAS Album to love für mich in diesem Jahr!

Tracklist

  1. No Love
  2. Wings Of Nightmares
  3. Paradise And Plague
  4. The Hands That Used To Hold Me
  5. Separate Wounds
  6. Your Own Knife
  7. Cherished
  8. Imprints
  9. Ocean Of Another
  10. Nothing Left To Love
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Seit mehr als 20 Jahren gehören Punk und Hardcore zu ihrem Leben und sind ihr täglicher Soundtrack. Ihre beiden Kinder genießen dadurch beste musikalische Erziehung, denn von Punk und Oldschool HC bis hin Post-Hardcore ist alles erlaubt, was Kopf und Körper bewegt. Was zählt, ist vor allem die Attitüde. Stay true!

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