Malatesta kommen aus München, spielen energiegeladenen HC-Punk/Dark Crust und haben im August ihr erstes Studio-Album „Unter Tage“ veröffentlicht, welches über die Label Alerta Antifascista Records, Rope Or Guillotine, The Plague Of Man Records, Trace In Maze Records und Modern Illusion Records auf Vinyl veröffentlicht wurde. Dies haben wir uns zum Anlass genommen, um bei der Band mal genauer nachzufragen wie es dazu kam, wo die turbulente Bandgeschichte begann, welche politischen Ambitionen und Messages die Band hat und wie die Zukunft aussieht. Franzi und Jan haben uns dazu Rede und Antwort gestanden.

AFL: Wenn ich bei bandcamp eure Releases bis heute anschaue, fällt auf, dass nach der ersten EP aus dem Jahr 2012 und der letzten EP vor dem aktuellen Album aus dem Jahr 2019 eine große Lücke besteht. Was ist in der Zeit passiert, bzw. könnt ihr uns generell einen Überblick über die Bandgeschichte von Malatesta geben?

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Jan: Los ging’s 2009 in einem Proberaum unter der Glockenbachwerkstatt. In dem Jahr haben wir auch unser erstes Konzert gespielt. Am Gesang war damals noch Andi. In den ersten Jahren waren wir vergleichsweise umtriebig, haben vor allem die AZs, Wagenplätze und Kleinstadt-Jugendzentren Süddeutschlands bespielt und in Eigenregie die 7“ rausgebracht. So richtig DIY mit Cover siebdrucken, Etiketten stempeln und zu hoher Auflage. Über die Zeit ist die Band dann leider so ein bisschen eingeschlafen. Viel um die Ohren, mehr Arbeit, mehr Stress, mehrere Zwangspausen… Als wir dann irgendwann unseren echt innig geliebten Proberaum räumen mussten, weil der völlig verschimmelt war und sich außerdem mehr und mehr abgezeichnet hat, dass es für Andi immer schwerer wurde, sich Zeit für die Band freizuschaufeln, lag das Ganze ne Weile auf Eis. Dann haben wir zum Glück mitbekommen, dass Franzi ne Band sucht… Das war 2018.

Franzi: Ich hatte mir schon sehr lange eine Band gewünscht, mich aber nie so recht getraut (it’s a classic). Nachdem ich sechs Jahre lang regelmäßig undercover als Spion mit unseren Erzfeind*innen von Todeskommando Atomsturm auf Tour war, bin ich dann doch an einem Abend mal bei denen auf der Bühne gelandet und hab in eines der Mikrofone gebrüllt. Eigentlich wollte ich die blamieren! Aber das hat nicht so gut geklappt, weils alle irgendwie recht cool fanden. Und so hab ich mich dann doch noch getraut, auf facebook nach einer Band zu suchen. Das hat Börl gesehen, den anderen erzählt und irgendwann rief mich Andi an und fragte, ob ich vielleicht Bock hätte, mal mit Malatesta zu proben – jackpot! Seitdem haben die mich an der Backe und es macht echt arg viel Spaß 🙂

 

AFL: Ein großer Meilenstein dürfte dann das Release der LP dieses Jahr gewesen sein. Wie war der Entstehungsprozess der Platte und wie zufrieden seid ihr mit dem Ergebnis?

Jan: Die Songs sind größtenteils mit Franzi entstanden, mit dem Song Hoher Brendten haben wir aber auch ein Lied draufgepackt, das noch aus dem Jahr 2009 stammt. Darin geht es um Geschichtsrevisionismus, deutsche Heldenmythen und Entlastungserzählungen. In einer neu geschriebenen Strophe haben wir dann die aktuelle Situation mit erstarkenden rechten Strukturen und Wahlerfolgen mit aufgenommen. Eingespielt haben wir die Platte in Oldenburg in der Tonmeisterei. Das war eine fantastische Erfahrung, weil wir alle aus unseren anderen Bands eher so das Setting „Liveaufnahme im Proberaum und am nächsten Tag gibt’s die Gesangsspuren“ kannten.

Franzi: Mit Falk und Role haben wir dort auch wirklich genau ins Schwarze getroffen, was Sympathie, aber auch Geduld mit uns oder dedication an den perfekten Sound anging. Da wir das alle in der Form so noch nicht gemacht hatten und auch generell nicht so die krassen Geeks sind, war es echt super, ein wenig bei der Hand genommen zu werden und auf die Erfahrung und Ratschläge der beiden vertrauen zu können.

Jan: Mit dem Ergebnis sind wir echt zufrieden, zumal der Fertigungsprozess aufgrund der viel bejammerten Vinylkrise dann doch ein ziemlicher Nerv war und sich über mehr als ein Jahr gezogen hat.

 

AFL: Wie waren die Reaktionen bislang auf „Unter Tage“?

Jan: Wir haben jetzt schon von einigen Leuten gehört, dass ihnen die Platte richtig gut gefällt und das macht uns ehrlich gesagt ziemlich glücklich.

Franzi: Das geile am Internet-Zeitalter ist ja, dass echt überall auf der Welt Leute über deine Musik stolpern können. Wenn dann Menschen aus Argentinien, Tschechien, UK, Frankreich oder Mexiko uns in Kommentaren, Artikeln oder Podcasts erwähnen, fühlt sich das schon ganz schön toll an 🙂

 

AFL: Das Vinyl wird gleich über fünf Labels veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Franzi: Wir haben bei mehreren Labels angefragt, deren bisherige Veröffentlichungen wir sehr toll und auch zu uns passend fanden. Als Timo von Alerta Antifascista Records gesagt hat, dass er die Platte rausbringen will, war das schon ein bisschen ein heimlicher Traum, der uns erfüllt wurde. Da er aber nicht die Kapazitäten hatte, das gesamte Release zu stemmen, haben wir ein paar weitere Labels mit ins Boot geholt, die ebenfalls Interesse bekundet hatten. Modern Illusions Records haben sich sogar von sich aus bei uns gemeldet und ihren support angeboten, was irre cool war!

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AFL: Textlich, aber auch musikalisch geht es sehr düster zu auf „Unter Tage“. Erzählt doch mal über die Inhalte des Albums und was euch als Message generell wichtig ist.

Franzi: Der Text zu Walzer stammt noch aus Andis Feder und ist für mich eine Art wunderschön-finster-lyrisches Abschiedsgeschenk. Obwohl sie nicht von mir sind, kann ich mit den Worten meine ganz eigenen Themen verbinden – das macht den Text sehr besonders für mich. Die meisten anderen Songs auf der Platte sind ja sprachlich direkter. Das ist mir auch wichtig! Ich habe Wut in mir und ich will, dass die Leute zuhören und verstehen können, worum es geht. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Menge an Themen, die noch kaum bis gar nicht in Songtexten besprochen wurden, schier unendlich ist. Es gibt so viele politische Gegenstände, so viel Analyse und Kritik an herrschenden Verhältnissen aus Perspektive von marginalisierten Gruppen, von FLINTA*s und Queers, dass wir wahrscheinlich noch fünf Alben schreiben könnten und immernoch nicht alles gesagt wäre.

Jan: Wir waren zwar auch früher schon keine Fröhlichkeit versprühende Spaßband aber die Platte ist auch schon als ein Kommentar zu ihrer Entstehungszeit zu verstehen. Musik ist halt auch eine schöne Möglichkeit Wut, Trauer und Abscheu rauszulassen. Thematisch dreht sich das Album etwa um Ausgrenzung, Zurichtung, reaktionäre Angriffe auf gesellschaftliche Errungenschaften aber auch um das persönliche Leiden unter den herrschenden Bedingungen. Bei aller Düsternis ist „Unter Tage“ aber gerade keine Absage an jeden Hoffnungsschimmer…

Franzi: …also gerade in den dezidiert feministischen Texten geht es schon auch ausdrücklich darum, sich konsequent und vehement gegen patriarchale, sexistische und entmündigende Strukturen zur Wehr zu setzen!

Jan: Und obwohl uns das Lachen grad in Anbetracht des ganzen Abfucks oft genug im Hals stecken bleibt, können wir dennoch viel und herzlich miteinander lachen. Auch und vielleicht gerade weil wir glauben, dass es sich lohnt, für etwas Besseres als das herrschende Elend zu kämpfen.

 

AFL: Ihr kommt aus München, eine der Städte mit den höchsten Mieten, bekannt für einen berühmten Fußballclub, das Oktoberfest und Reichtum im Allgemeinen. Wie würdet ihr die Punk-/Hardcore-Szene in eurer Stadt beschreiben?

Jan: Vor allem die hohen Mieten und der Druck, dass sich alles am Ende rechnen muss, sind natürlich ein Problem. Es gibt einen eklatanten Mangel an bezahlbaren Proberäumen aber auch an Orten, an denen du einfach mal ausprobieren und meinetwegen auch mal krachend scheitern kannst. Gute Konzerte gibt es in selbstverwalteten Räumen wie dem Kafe Marat, dem Kafe Kult und dem Freiraum Dachau. Manchmal auch auf unseren Lieblingswagenplatz Stattpark Olga oder in autonomen Jugendzentren im Umland. Aber auch in Zwischennutzungen, städtischen Kultureinrichtungen und kommerziellen Läden findet Punk und Hardcore statt. Manchmal auch einfach so im öffentlichen Raum. Daher gibt’s schon ne gewisse Punk-/Hardcore-Szene, auch wenn es großstadttypisch eigentlich eher separate Gruppen sind, die sich auch teilweise einfach nie über den Weg laufen.

Franzi: Und gleichzeitig hat die linke bubble in München eine gewisse Überschaubarkeit, die Fluch und Segen gleichzeitig ist. Im Verhältnis zur Größe der Stadt ist die Szene verhältnismäßig klein. Das hat aber nicht nur Nachteile: irgendwie kennen sich dann doch alle so mindestens vom sehen und wenn mensch sich connecten möchte oder/und muss, sind die Wege sehr kurz und die gegenseitige Solidarität ziemlich groß. Außerdem find ich es ziemlich stark, wie viele junge (u25) Personen es gibt, die Bock haben, sich selbst zu organisieren und was auf die Beine zu stellen!

Jan: Es gab und gibt auch immer einige ganz tolle Bands. Mit Todeskommando Atomsturm etwa verbindet uns eine wundervolle Bandfeindschaft, seit wir gemeinsam unser erstes Konzert in München gespielt haben. Die machen melodischen Punk. Aktuell fallen mir sonst etwa Ya/Nel, Rötten Shock oder System Collapse ein. Aber da gibts natürlich noch viel mehr. Leute von uns spielen momentan außerdem noch bei Furiosa und Nörgel.

Franzi: Ich war ja auch riesen Fan von Caskar, die sich leider leider aufgelöst haben. Das war eine all FLINTA* Band aus München, die mit Cello, verstärkter und teilweise verzerrter Mandoline, Schlagzeug und unfassbar guten vocals so… epischen anarcho-folk-crust-punk-dings gemacht haben. Klingt erstmal schlimm – ist aber arschfett!

 

AFL: Die Platte ist nun draußen, wie sehen eure weiteren Pläne aus?

Jan: Rumkommen und wenn es klappt, endlich ein paar neue Songs schreiben.

Franzi: und groß und stark werden.

 

AFL: Vielen Dank für das Interview, wollt ihr noch etwas loswerden?

Jan: Passt auf einander auf! Damit ihr selbst und die Leute um euch rum in diesen beschissenen Zeiten nicht unter die Räder geratet.

 

Die LP könnt ihr euch bei den Labels direkt bestellen. Malatesta gibt es dann bald auch live zu hören, und zwar hier:

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– Playlist: Best-Of HC-Punk 2022

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