Jetzt haben wir zufälligerweise binnen eines Monats zwei Schreiber*innen des Trust Fanzines. Was ich an Jan besonders schätze ist das einmalige Nerdtum was er in Sachen Musik an den Tag legt. Wir kennen uns inzwischen seit knapp zehn Jahren und er ist quasi immer auf der Spurensuche der großen Musikgeschichte und reist dafür durch die Welt. Sei es das Haus vom Minor Threat Cover oder am ehemaligen Standort von Frank Farians Haus in Frankfurt; Jan war mal dort!
Jan kann sich beim Thema Musik nicht kurz fassen, daher Vorhang auf für Jan!
Kurz vorab von Jan: Ich habe mich tierisch gefreut und fühlte mich sehr geehrt, dass der mächtige Max Motherfucker mich fragte, bei dieser Rubrik dabei zu sein. Gerne erinnere ich mich an unser live-Treffen: wie unfassbar toll er als Reagan Youth-Rostkehlchen in
Kiel war und auch seine Band Christmas schätze ich.
Ich schaute mir nach dieser tollen Anfrage einige andere Beiträge nochmal in der eh
gelungenen Rubrik an und merkte, wie schwer das eigentlich wird, „die zehn besten
Platten“ zu benennen.
Soll man wirklich ehrlich sein und auch die uncoolen Scheiben nennen, mit denen man
aufgewachsen ist, aber an denen man hängt? Oder nur die richtig coole Scheiße, „das
Italien-Bootleg von GISM?“ usw. Aber das fände ich blöd, weil angeberisch und das gibt es bei Musik viel zu oft, finde ich. Musikgeschmack ist subjektiv, da gibt es kein „besser“ oder „schlechter“, man kann es nicht oft genug sagen.
Ich habe versucht, ehrlich zu sein, weil es gab bei mir keinen klar benennbaren Bruch zu der Musik vor Punk und dann der Entdeckung von Punk gab. Ich wünschte, das wäre bei mir auch so gewesen, so Motto „Und als ich dann die Sex Pistols zum ersten Mal hörte, änderte sich sofort alles und ich blickte nie wieder zurück!“. So war es bei mir überhaupt nicht, es war ein Übergang von der vorher geliebten Pop-Musik zu Punkrock und manchmal denke ich, ich bin immer noch mittendrin. Tja, ich blickte schon zurück, als ich ganz jung war, so schaut´s halt mal aus bei uns romantischen Melancholikern!
Jedenfalls hier zehn Platten, die diesen autobiografischen Verlauf verdeutlichen und die ich alle auch heute immer innig liebe (in passenden nostalgischen Momenten auch den Pop-Shit, weil hey: niemand (außer ein paar Wunderkindern vermutlich) fängt als Kind mit Minor Threat an und das gilt bestimmt auch für das Personal von Minor Threat selber).
In diesem Sinne: „Den Arm aus dem Fenster, das Radio voll an“!
Boney M – Nightflight to Venus
Als Jahrgang 1978 hörte ich das bei meiner Mutter zu ihrem Jazz-Gedance zu Hause in
Bergisch Gladbach bei Leverkusen oft. Es war nicht das erste Mal, dass ich überhaupt
Musik hörte, aber das erste Mal, an das ich mich sofort erinnere als Kind. Boney M. 2x live gesehen 1990 und 1993 auf umsonst-Kirmes Leverkusen, ganz großes Tennis. Immer noch! „Brown girl in the ring“ und „Rivers of Babylon“ sind wahrscheinlich die perfektesten Pop-Stücke der Welt. Tolle Melodie, super eingängiger Text für jung und alt und du kannst dabei nicht still sitzen. Na gut, vielleicht sehen das Slayer anders, aber dann haben die nicht recht, so!
1Roxette – Look Sharp!
Wir treuen „pop rocky“-Leser kamen um Roxette Ende der 80er nicht herum. 2002 in Stuttgart live gesehen, rockte total! Es war ein cooles Konzert, komplett ausverkauft. Die ersten 100 Reihen waren voller jubilierender Teenager. Ich stand relativ weit hinten an
irgendeiner Theke, „damals“ war ich 21 und dachte längere Zeit: „Schon sehr lustig, das erste Mal, dass ich bei einem Konzert der Älteste bin?!“.
Ich drehte mich irgendwann mal um. Da verstand ich erst: Stimmt nicht. Hinter mir
warteten 500 Reihen komplett genervte Eltern, die ständig auf ihre Uhr schauten! RIP Marie Fredriksson, du wirst immer die allercoolste von allen sein (auch mein erster Musikerinnen Crush-Schwärmerei). The Look und Dressed for Success müssten in einer gerechten Welt immer genannt
werden, wenn es um die besten Pop-Songs geht, aber nein und das ist das tragische an Roxette: sie waren einfach immer zu uncool. Stockholm ist nicht so sexy wie New York! Deshalb wird wahrscheinlich eher immer Blondie oder so genannt, wenn es um perfekten Pop geht und das sind ja auch alles tolle Songs, gar keine Frage, aber: besser als The Look? Ich denke nicht, Tim! So viel zum Thema „Es gibt kein guten oder schlechten Musikgeschmack!“ (heißeres Lachen). Roxette-Ticket 23.11. Frankfurt hängt an meiner Pinnwand! Listen to your heart!
2AC/DC – Powerage
Mit 12 Jahren 1990 passierten musikalisch viele Dinge gleichzeitig, es war circa so: meine elf Jahre ältere Punk-Schwester spielte mir das Stück Riff Raff von AC/DC vor, vielleicht mein erster echter Punk-Rockmusiksong ever. Es war der absolute Hammer! AC/DC ist ja dann doch eine Blues-Band, aber so vom Speed her empfand ich das damals kontextualisiert durch ältere Schwester als Proto-Punkrock. RocknRoll Damnation, Junge!
3Sex Pistols – Nevermind The Bollocks, Here´s The Sex Pistols
Von der Schwester kamen immer wieder dieser nervigen Mix-Tapes aus ihrem Studienort
Berlin. Sie zog nach dem Abi in Leverkusen 1986 da hin und es nervte, aber ich traute
mich auch nicht, ihr das zu sagen: monatlich kamen Mix-Tapes, „Hör doch mal rein“. Ich hörte mir kein einziges an. Bravo war wichtiger! Wie sau dämlich die Bandnamen auf den Tapes schon waren, Alice Donut! „Nirvana“. Fugazi! Italienischer Dancefloor oder wat, das höre ich doch sowieso schon und von diesen Bands stand NICHTS in der Bravo, deshalb kann es nicht gut sein.
Jedes Mal an Weihnachten die gleiche gelogene Unterhaltung, es musste sich was
ändern, vielleicht ja ich? „Was hat dir besonders gut gefallen, Nirvana sah ich neulich in der TU Mensa live, die waren so krass?“ – „Äh ja, also, das alles ist sehr …interessant!“.
Aber dann kam 1990 das lustig beschriftete Mix-Tape „Jan Goes Heavy“ mit AC/DC [A
Seite „Highway to Hell“], Sex Pistols, Cramps, Hasil Adkins, Rolling Stones und Toy Dolls. Brief von ihr sinngemäß: „Du mochtest ja neulich AC/DC und wolltest ja auch wissen, ob es noch mehr so Punk-Musik gibt, die Sex Pistols haben das mitgegründet, vielleicht
gefällt’s dir…“. Und da war es wieder: unglaublich bescheuerte Bandnamen, aber AC/DC gefiel mir ja, alles war toll, alle Bands auf ihrem Tape kannte ich nicht und speziell die Sex Pistols waren riesig! Hey, vielleicht und möglicherweise nur…hat die Bravo nicht immer Recht, kann das? An dem Punkrock muss ich dranbleiben. Tja, jede*r erinnert sich an die vier einschneidendsten Momente im Leben: Das erste Bier!
Die erste Tanzstunde! Die Führerscheinprüfung! Und das erste Mal Sex Pistols hören. Ihre Musik traf mich wie ein Faustschlag und du willst immer mehr davon. Sehr wahrscheinlich die allerbeste Platte, die jemals von Menschenhand gemacht werden wird. Danke, Schwesterherz! God save the Queen!
4Toten Hosen – 125 Jahre Die Toten Hosen auf dem Kreuzzug ins Glück
Auf einer Fete in Leverkusen-Waldsiedlung lief auch in dieser Übergangszeit 1990 von Pop zu Punk ein Song namens All die ganzen Jahre. Ich kannte ihn und die Band nicht und mochte den Song zuerst überhaupt nicht, Liebe auf den ersten Blick sieht auf jeden Fall anders aus. Allerdings lief das Stück den ganzen Abend über mehrmals. Ätzend. Irgendwann hörte ich mir den Text genauer an. Das war dann schon interessant, bislang kannte ich es nur so, dass Leute in Songs sich selber als die coolen Gewinner/Durchblicker darstellen oder Herz-Schmerz-Ballädchen sangen (natürlich war dann immer der/die andere Schuld). Es war völlig schockierend neu für mich, dass sich jemand in einem Song irgendwie „hinterfragt“, auch wenn es nur an 1-2 Stellen ist. Ich fragte also den DJ und Kumpel (Hi Lars!): „Was ist das für eine Scheisse, wieso läuft nicht Michael Jackson oder Roxette, wieso macht der sich selbst da nen bisschen runter im Text, was ist das überhaupt?“ – „Wie, kennse nicht, das sind die Toten Hosen?!“. – „Interessant, was ist das für eine Musik?“– „Ja hier Punkrock.“ – „Ah! So wie Sex Pistols?“ – „Ja neee, ist die aktuelle Platte von Hosen, neulich erschienen, die kommen aus Düsseldorf“. Und dann wurde es doch noch meine erste große bis heute andauernde Liebe! Aber ich fragte später doch nochmal zur Rückversicherung die bisherige Deutungsautorität für coolen Musikgeschmack, d.h. meine Schwester, ob sie diese Band kennen würde. Sie lachte laut und meinte, das wäre ihr ja doch alles zu albern, zudem würden diese in der „Spex“ nicht mehr drinstehen, alles unfassbar uncool – und in dem Augenblick verstand ich wieder zwei neue Sachen:
- Diese schon mehrfach erwähnte Band namens Spex: das ist vielleicht keine Band, sondern eine Zeitschrift?!
- Und ich wusste ich dann auch, dass ich zum ersten Mal selber eine eigene Lieblingsband gefunden hatte.
Ich hörte mir die Hosen-Platte heute nochmal an und ich liebe sie immer noch, weil sie unfassbar abwechslungsreich ist. Alles, was die Toten Hosen bis inklusive der Learning English 1 machten, liebe ich, für diese erste Dekade ist nur große Dankbarkeit und innige Liebe. Alles wird gut! Jedenfalls kündigte Schwester an, sie würde mir mal noch andere und viel härtere Punk Bands aufnehmen, weil: „Es gibt auch den sogenannten „Hardcore“, es gibt da ein HC Label namens SST Records, von dem in der Spex seit Jahren durchaus die Rede wäre“…
5Black Flag – The first four years
Genau wie bei Sex Pistols weiß ich auch noch wie heute, wie meine Schwester mir diese heilige Platte vorspielte 1990, es kann nur mit dem Begriff „religiöse Erfahrung“ beschrieben werden:- „Wow! Das ist also dieser Hardcore, auch aus England, was?“ – „Nein, USA“. Einige Zeit später:- „Hey, dieses Lawndale da bei der Label-Adresse SST Records auf der Platten Rückseite, das liegt in New York oder Las Vegas, weil andere Städte gibt es ja in den USA nicht?“- „Nein, das ist Los Angeles“. Danke auch an den Diercke-Weltatlas. Ein früherer Trust-Schreiber sagte es mal so: „Wenn es mir bei Nervous Breakdown nicht mehr wohlig kalt den Rücken runter läuft, dann ist alles vorbei“ und mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Six Pack!
6Black Flag – My War
Nach den ersten vier Jahren Black Flag wurde dann der vierte Sänger nach Keith, Ron und Dez (oder fünfte, wenn man Chuck Duwkoski´s einmaligee Gesang bei „You bet we ´ve got something personal against you“) natürlich Eisen-Henry Rollins (später dann wieder Ron, Mike Vallely und heute die geniale Sängerin Max, 2025 in Frankfurt war wirklich toll, fuck die Hater). Mit der Damaged-LP schrieb Rollins als Sänger sofort HC-Geschichte, nur waren es ja alles alte Songs vor seiner Zeit – und dann folgte My war und hier zeigte er, was er wirklich drauf hat und es ist absolut toll. Wenn man dazu bedenkt, dass Gitarre UND Bass von Greg „Dale Nixon“ Ginn kommen und was bei einer knaller Aufnahme noch hätte aus der Platte hätte werden können. Aber vielleicht musste es genauso sein. Rustikal aufgenommen, unfassbare A-Seite, unfassbare B-Seite, eigentlich 1983 beim erscheinen der Platte eine ganz andere Band als noch Ende der 70er. In den 90ern gekauft, direkt sehr sehr schlecht gefunden – es ist halt total anderes als alles davor – und es entwickelte sich erst nach Jahren für mich die ganz große Liebe zu dieser LP.
7Breeders – Last Splash
In einem Plattenladen in Berlin sagte mir meine ältere Schwester 1993 „Da, die „Last Splash“-LP, die ist super, da spielt die Bassistin der Pixies mit, Kim Deal, würde ich mir kaufen“. Ich hinterfragte den Kaufbefehl nicht, denn es wären eh zu viele offene Fragen: Pixies? Wie Pixiebuch? Kim Tausch? Wem? Es war ein super Tipp, musikalisch nicht Punkrock, sondern Indie-Rock, aber das Auftreten der Breeders war definitiv Punkrock, es war auch mit mein erstes Konzert mit Musikerinnen-Beteiligung: 1993 sah ich die Breeders im E-Werk in Köln dann zum ersten Mal live. Es war auch wegen der tollen Musik genial, aber es war eben auch der Beginn von etwas ganz Anderem, was sich heutzutage erst recht total banal anhört, aber jeder fängt halt mal an und so war es eben mit 15 1993: ich war hin und weg, denn Kim Deal schlenderte mit der Gitarre in der einen Hand, mit Kippe im Mund und Kanne Dosenbier in der anderen Hand auf die Bühne. Es wurde nun erst mal ein wenig geraucht und Bier getrunken. Es dauerte weiter, bis es losging, denn nun gab es einige Minuten einen ironischen Schlagabtausch mit dem Publikum. Sie scherzte mit diesem, weil die ersten Reihen sie mit „Don´t smoke so much, Kim“ bzw. „Don´t drink so much“ ein bisschen neckte, was sie immer mit eleganten Repliken wie „Hey! Fuck you too“ lachend quittierte und so ging das hin und her. Ich stand ziemlich weit hinten, schön im „Agnostic-Front“-Hemdchen aus dem Frontline Katalog, ich ging dann vorne, weil ich wieder nichts verstand:
- Faszinierend, offensichtlich kennen die sich alle?
- Trotzdem: man kann doch jetzt so Stars da nicht einfach so anquatschen, das war vorher bei meinen Konzerten NICHT üblich, dass die Zuschauer Lemmy oder Joey Ramone gut gemeinte Gesundheitstipps zuriefen!
- Eigentlich war es sogar völlig unüblich, dass Bands mit dem Publikum reden!
Dieser RocknRoll-Auftritt von ihr war für mich revolutionär: vorher sah ich das in der Form immer nur bei Männern wie eben zum Beispiel bei Motörhead 1992 in Düsseldorf oder Ramones 1992 in Köln, denn selbst ich Anfänger wusste, dass Chief Lemmy da nicht Fruchtsaft auf der Bühne trinkt, „man hat das genauso erwartet“, das der auf der Bühne einen hebt und raucht, genauso wie Joey Ramone so gut wie kaum mit dem Publikum kommunizierte. 1991 sah ich meine erste Band mit weiblicher Beteiligung, eine sehr gute Leverkusener Death-Metal-Band (Asmodina) mit einer Sängerin, aber das war wieder ein ganz anderes Auftreten, nicht so „jovial“, sondern „böse/evil“. Kim Deal hatte einen anderen Drive und zeigte so einem kleinen Teenager dann einfach mal in fünf Minuten, dass RocknRoll eben für alle da ist! Wahrscheinlich war es auch deswegen so überraschend krass, weil ich gar keinen Punkrock-Auftritt erwartete, es war ja eben „Indie-Rock“. Tja, geht beides, danke! Ich kaufte mir viel später noch zwei Mal die Neuauflagen als Boxsets in clear und schwarz. Zur Sicherheit noch mal als CD-Boxset. Tja, man tut, was man kann, um völlig zu verblöden. Und natürlich noch: Geschwärmt für Kim Deal? Crush? Ich? NIEMALS! Driving on Nine, you could be a shadow!
8Nirvana – Bleach
Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen auf dem Gymi bzw. Provinzstadt war in den 90ern, aber bei mir es so: HC-Punk amerikanischer Machart gerne aus New York und kalifornischer HC waren von Anfang bis Mitte der 90er „in“ als Soundtrack für Jugendliche in komischen Peripherie-Städten neben Ballungsgebieten (Leverkusen/Köln) und da machte ich natürlich mit. Dresscode: Tarnhose, Holzkettchen, Vans, Agnostic Front-Longsleeve, Sie verstehen! Die „Grunger“ mit ihren Doc Martens und dazu kurze Hosen, das überschnitt sich zwar vom Look beinahe mit abgeschnittener Tarnhose und Vans, aber irgendwie war das eine ganz andere Szene. Jede*r hörte natürlich Nirvana, Pearl Jam und alle anderen, das lief ja auch gefühlt überall auf jeder Fete, Kneipe, TV-Gerät, Radio. Das sollte ganz bald auch mit HC-Punk passieren, aber noch war HC im Jugendzentrum und deshalb wahrscheinlich „cooler“. Distinktion und so weiter. Ich raffte erst ein bisschen später, wie genial alles aus „Seattle“ doch ist! Aber ich weiß leider noch genau, das ich so bis Mitte der 90er doch etwas „belustigt“ mir das anschaute, weil wenn du auch heute noch die „Generator“ von Bad Religion hörst und dazu die „Ten“ von Pearl Jam…. Aber es ist ja nur „anders“ und nicht besser oder schlechter für mich, doch das dauerte, bis ich das für mich raffte. Und die „Ten“ ist toll. Aber Stichwort Nirvana und diese Platte – wenn man mal ganz ganz ehrlich ist: Nimm Negative Creep von dieser Platte – dieser Song lässt mit links Biohasi, Agnostic Front, frühe Cro Mags und Wimps wie Slayer PLUS 99 Prozent des kalifornischen Melody Punks in Sachen Gewalt, Abgefucktheit, Krassheit und Wildheit aber mal ganz ganz weit hinten liegen. Es war damals leider ja auch immer beliebt, zu sagen, „Ach, „Grunge“, come on, das ist ja Mädchen-Musik“. Ja, so waren die Zeiten, schuldig. Dazu kann ich heute gelassen konstatieren: Tja Junge, die hatten einfach schon damals den viel besseren Geschmack als ich mit meiner behämmerten-Warzone „Lower East Side Crew“ LP, vielleicht habe ich einfach Brooklyn mit Bergisch Gladbach verwechselt, obwohl wir uns damals auch Instrumente aus brennenden Mülltonnen gebaut haben…nicht.
9Rich Kids On LSD – Lifestyles of the Rich Kids on LSD. A RocknRoll Nightmare
Als ich das Cover der 1987 erschienen Platte der Rich Kids on LSD – Lifestyles of the
Rich Kids on LSD: A Rock N Roll Nightmare – zum ersten Mal 1993 als 15 Jähriger sah, faszinierte es mich sofort, bevor ich ihre Musik überhaupt kannte: es war völlig offen, was dieses Cover für eine Musik andeuten könnte. Im damaligen Frontline Katalog aus Hannover stand, dass „wenn man den momentan populären Skate-Punk aus Süd-Kalifornien wie NOFX oder Lagwagon mag [was ich zu der Zeit rund um die Uhr hörte], dann muss man die Erfinder von diesem Sound aus den 80er Jahren kennen: Pflichtplatte!“.
Fast niemand aus unserem Freundeskreis kannte RKL. Zuerst war ich dann etwas
enttäuscht: ihre Musik war ja dann doch rauer und ungeschliffener als die von NOFX. Es dauerte, bis ich mich dann auch in die Platte verliebte. Das Cover war immer schön
anzuschauen und irgendwie rästelhaft.
In den letzten 30 Jahren versuchte ich immer mal wieder, alle mir nicht bekannten Details dazu zu erfragen, u.a. bei den noch lebenden Bandmitgliedern. Hier das Resultat:
- Der Bandname: „Ihr klingt wie Rich Kids, nur auf LSD“, so ein Freund bei Bandprobe
1980. Die Rich Kids waren damals die Punk-Band von ex-Sex Pistols-Basser Glen
Matlock. - Der Albumtitel: Lifestyles of the Rich and Famous war eine populäre Serie in den 80er
Jahren im amerikanischen TV mit dem Showhost Robin Leach (Vgl.
https://en.wikipedia.org/wiki/Lifestyles_of_the_Rich_and_Famous; es gab eine Episode mit John Waters in seiner Lieblingskneipe in Baltimore, wie er in seinem Buch „Role Models“ (2011) erzählt, Vgl. reason.com/2018/08/24/when-robin-leach-met-john-waters/). - RocknRoll Nightmare war ein RKL-Song von 1986 auf der Platte, dieser hat aber
nichts mit dem Horrorfilm „RocknRoll Nightmare“ von 1987 zu tun. - Der Fotograf: Doug Pensinger.
- Der Comiczeichner: Dan Sites, der auch die sensationelle 20-seitige Comic-Beilage
gemalt hat (rkl-band.de/rklcomic.pdf). - Die Personen von links nach rechts: Barry (git, er unterschrieb auch alle drei Exemplare bei unserem Interview in Kneipe Frankfurt am Main 2022), Jason (voc), Elizabeth Bernstein (ihr Großvater war der Film-Komponist Elmer Bernstein, der zum Beispiel die Melodie von „Die glorreichen Sieben“ machte), Bomber (dr, b), Chris Rest (git), Emily Bernstein (verdeckt durch „Beanie Man“-Bandlogo-Männchen, Schwester von Elizabeth, RKL waren mit Bernsteins Kindern befreundet). Die drei anderen: Dave, Randy und den dritten weiß man nicht mehr. Der Name vom Hund: weiß man nicht mehr, jedenfalls war er nicht der von Bomer (liegt unter seinem Stuhl).
Buzz „Lockenkopf“ von den Melvins ist das nicht auf dem Plattencover der Kollege, er
wurde das neulich im Ox gefragt! - Das Gebäude auf dem Cover: Villa von Elmer Bernstein, allerdings nicht seine in Los Angeles, sondern sein Sommerhäuschen auf dem „Hope Ranch“-Areal in Santa Barbara. Ein Gebäude auf santabarbarahomes.com/hope-ranch ist es, ne Hütte auf dem Hope Ranch-Komplex kostet heute nur 20 Mio. $. Elmer Bernstein starb 2004.
- Etwas zu meinem Lieblingssong „Find a way“ auf dieser Platte: Man hört ja nie auf, Fan.zu sein, somit musste ich natürlich auch noch die mir unklaren Bezüge durch Anfragen an die lebenden RKL-People über die Jahre zusammentragen. Ich glaube, das Bild ist nun nahezu vollständig, was den Rap-Part anbelangt:
RKL – Find a way (1986) [Rap-Teil ab 1:20]„Been working all week long for the man with no pay. Now listen to my story how I found a way. To cope with life dealing with the best. Only finding out later the game was just a test. So I went to Taco Bell thought I’d order a dinner. Order beef burrito and he rolled me up a pinner. (1) I wolfed the whole burrito even though the beans were bitter. 10 minutes after I was rushed to the shitter. The food was so old it must have been rusted. Called the Health Department and the place got busted. Sing a song, a six pack Shlitz Red Bull. I took the beer from your hand and asked you for a pull. You Ol’ Lilly light lipped Lex Luthor lettuce picker (2). Been a long time since I used a pig sticker. (3) Arm and Hammer always twisting Reynold’s Rap (4). Gimme Jimmy Z’s quick release velcro not snap. (5), (6) The beat’s gotten old and our
story gone astray. You can rap to machines but Rock N Roll’s the way. I know that your on glue and your rhymes are just for filler. You said the Hubba’s killer now you look like Phyllis Diller. (7), (8 ).
(1) “Pinner” = Joint.
(2) “Lilly light lipped Lex Luthor lettuce picker” = weißlippiger Mensch; „Lex Luthor“ war der
Gegenspieler in den „Superman“-Comics.
(3) “pig sticker” = Polizeischlagstock.
(4) “Arm and Hammer always twisting” = “Arm and Hammer” ist ein amerikanisches
Backpulver, Crack-Referenz.
(5), (6) “Jimmy Z” = Bekleidungsfirma, die Skate-Surf-Hosen mit einer aufgedruckten
“Velcro-Fly” herstellten, die RKL-Sänger Jason gerne trug.
(7) “You said the hubba’s killer” = Crack-Referenz.
(8) Phyllis Diller = alte Ami-Komödiantin. - Die LP kam ja auf Epitaph nochmals raus 1993, direkt gekauft, aber das Booklet war halt zu klein und ich schnitt mir die Lyrics aus, deshalb brauchte ich das Booklet und die Platte ein zweites Mal, mein Vater fotokopierte den Beileger auf A0, das war aber immer noch zu klein! Ich dachte immer, das wäre halt so und sah erst viele Jahre später, wie das Alchemy Records-Original aussieht, eben mit dieser A4-20-Seiten-Beilage, dann habe ich mir dann
das Original für 40 Euro nochmal gekauft, das dritte Mal quasi. Dieses 3 LP-„RocknRoll Nightmare“-Set aus quasi drei Mal der gleichen Platte, das ist wirklich einzigartig bescheuert in meiner Sammlung – neben 3x der „Last splash“-Platte.
So viele andere großartige Alben hätten genauso gut in diese Liste gepasst (auch wenn es teils sehr cringe ist, wie „die Kids“ heute so sagen, aber ich hänge da dran und so war es
eben (die ganz ganz schlimmen Cringe-Leichen im Keller bedürften einer circa 50 Seiten langen Liste, ich weiß wirklich nicht, wie hier mehrere David Hasselhoff-Platten in meinem Regal landeten, eine furchtbare Invasion von Außerirdischen vermutlich!!!))…
Ich denke da spontan an folgende Scheiben:
- Beach Boys – Wild Honey
- Jimmy Cliff – The Harder They Come Soundtrack
- Bad Religion – Against the Grain/Generator
- Meat Puppets – Up on the Sun
- ST – Join the Army
- Janis Joplin – I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again Mama!
- Velvet Underground – White light/White heat
- The Byrds – Crusing altittude
- The Cramps – Off the bone
- Lagwagon – Duh
- Dead Kennedys – Frankenchrist
- Lard – The Power of Lard
- Normahl – Der Adler ist gelandet
- Inferno – Tod und Wahnsinn
- The Queers – Love songs for the retared
- Neil Young – Decade/Everybody’s Rockin’
- The Crystals – Phil Spector Wall of Sound, Vol. 3: The Crystals Sing Their Greatest Hits!
- Bikini Kill – Pussy whipped
- Public Enemy – It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back
- Sonic Youth – Goo
- Dinosaur JR – You are living all over me
- BL`AST – The power of expression
- Elvis – Aloha from Hawaii
- Bodycount – s/t
- Exploited – Let´s start a war
- Crass – The feeding of the 5000
- UK Subs Huntington Beach
- Vibrators – Mania
- Lurkers – Fulham Fallout
- This is Boston not LA Sampler
- Icona Pop – This Is… Icona Pop
- Murphy´s Law – The best of times
- Woodstock Sampler
- Soundtrack Nackte Kanone 1 ½
- Underground Resistance – X-102 discovers the rings ff Saturn
- NWA – Straight outta Compton
- Operation Ivy – Energy
- Fishbone – Truth and soul
- Grateful Dead – American Beauty
- Guns N´Roses – Appetite for Destruction
- Cock Sparrer – Shock Troops
- Megadeath – Peace Sells… But Who’s Buying?
- Nations on Fire – Strike the match
- Spermbirds – Nothing is easy
- Gunshot – Patriot Games
- The Stupids – Peruvian Vacation
- Rolling Stones – Rolled gold
- Prodigy – Fat of the land
- Selecter – Too much pressure
- Naked City – Torture Garden
- Shellac – 1000 hurts
- Necros – Conquest for death
- Uniform Choice – Staring into the sun
- Tom Waits – Closing time
- Leaving Trains – Fuck
- St Vitus – Born too late
- New Model Army – Thunder and Consolation
- Pixies – Come on Pilgrim
- Stooges – Funhouse
- JR Walker and the Allstars Power to the people
- The Crowd – Big fish stories
- MIA – Murder in a Foreign Place
- Ill Repute – Big rusty balls
- Yuppicide – Fear love
- SFA – The new morality
- Dag Nasty – Can I say
- Descendents – Milo goes to college
- Youth of Today – Can´t close my eyes
- The Heartbreakers – LAMF
- Gun Club – Fire of love
- Hard-Ons – Dickcheese
- Fleetwood Mac – Rumors
- David Bowie – Pinups
- Hansaplast – II
- Ton Steine Scherben – IV
- Tom Petty and the Heartbreakers – Hard Promises
- Johnny Cash – Ring of Fire: The Best of Johnny Cash
- Dusty Spingfield – You Don’t Have to Say You Love Me
- Chubby Checker – Twist with Chubby Checker
- Soundtracks Eis am Stiel alle Teile
- Born Against – The Rebel Sound of Shit and Failure
- Eddie Cochran – C’mon Everybody
- Schleimkeim – Abfallrprodukte der Gesellschaft
- Nina Hagen – Unbehagen
- Nuclear Assault – Game over
- Motörhead – On Parole
…verdammte Scheiße, ich krieg´s nicht reduziert.
Wie sagte es jemand mal so schön nicht: „Musik hören? Das geht so ein bis zwei Jahre
gut, aber dann wirst du abhängig“.
One Love, Jan
P:S: Auch wenn es selbstverständlich ist, aber: alles betrifft meinen ganz persönlichen Geschmack, es ist nicht „Der Trust Fanzine-Geschmack“, sondern von einem, der neben anderen da auch mitschreibt.
P:P:S: Ich höre andauernd neue Sachen, gehe auf Konzerte mit mir völlig unbekannter neuen jungen Bands und lese seit 30 Jahren mindestens 2 Musikmagazine und 2 Fanzines pro Monat und schreibe seit 2003 halt beim Trust mit (da tauchen ja alle zwei Monate durchaus auch aktuelle Bands im Zine auf, die ich dann mitbekomme, weil ich mit dat Heft immer durchlese), ich liebe Bücher über Musik und kaufe mit dauernd welche über neue und alte Musik (neulich über Taylor Swift), spiele seit den 90er in Bands, machte Gigs im Juz Leverkusen von 1997 bis 2002 mit, schrieb in den 90ern eigene Fanzines (und vor dem Trust machte ich noch beim OX mit), d.h. ich gebe mir Rahmen meiner Möglichkeiten Mühe, irgendwie am Ball zu bleiben, was aktuell läuft, wahrscheinlich bin ich aber auch ein bisschen „hängengeblieben“, denn der Grund, warum jetzt hier so viele alte Bands auftauchen, ist ganz einfach der: kein Buch, kein Film, sondern nur Musik schafft das so genial: Du hörst einen bestimmten Song, eine bestimmte Band und sofort erinnerst du dich daran, wann du es zum ersten Mal hörtest. Black Train Jack – Hands out muss nur zwei Sekunden laufen und ich bin wieder 14, es ist Frankreich Urlaub 1992 und irgendeiner wird gleich ein eiskaltes Hansa-Pils eventuell reichen. Greg Shaw vom „Who put the Bomb! Zine“ sagte es mal so unnachahmlich: „RocknRoll ist nicht 1956 oder 1957, sondern 12 bis 18“. D.h. die Musik, die in diesen formativen Jahren, in denen du deinen
Musikgeschmack bildest, hörst, die wirst du immer für dein ganzes Leben lieben.
Ich schätze, 2050 wäre dann auch etwas was von 2025 dabei, aber es gibt so viel „Neues
Altes“ und das Internet machte alles einerseits leichter, andererseits ist es auch ein Fass ohne Boden und man hat sich schon etwas auf Favoriten festgelegt. Hey, ich werde in drei Jahren 50, das wäre total komisch, wenn es anders wäre, wenn du Musik hörst seitdem du 12 bist und noch keine Lieblinge hast. You never forget your first love! Wahrscheinlich gilt das auch für Musik. Tja, Fan kommt von fanatisch und es ist halt so, wie es ist. Ich verfolge meine Teenie-Lieblinge auch immer, es ist wie bei Sport-Fans: auch wenn die mal ne schlechte Saison haben, dann erst recht zu denen halten. Kindisch? Natürlich! Man ist
halt immer 12, nur mit Bier und freut sich dann nicht über den fabrigen Pierre Litbarski Panini-Album-Sticker, sondern über das schöne pinke RKL-Vinyl. Ich freue mich immer über neue alte Tipps. Oi




![Interview mit Robert “Nunzio“ Ortiz und Drew Stone von Antidote [2013]](https://www.awayfromlife.com/wp-content/uploads/Antidote-Hardcore-Band-New-York-218x150.jpg)














