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Interview mit BOYKOTTone: „Wir leben in einer sozialethisch-desorientierten Welt!“

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BoykottOne / Urheber Bild: Batek127
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Dead Serious Recordings

BoykottOne hat Ende 2018 mit Kargland (Review hier) ein interessantes Hip-Hop-Album veröffentlicht, das sowohl politisch als auch persönliche Songs umfasst. Grund genug für uns, ihn mal zu beiden Komplexen zu befragen. Das Interview ist ziemlich lang geworden, aber es sind auch wirklich interessante Antworten dabei herausgekommen. Ironischerweise kamen die Antworten gleichzeitig mit diesem verrückten MDR-Beitrag über „linksextreme“ Bands in Sachsen (hier). Was hat das mit BoykottOne zu tun? Nun, er ist auf dem Label einer dieser angeblichen linksextremen Bands und kann ein Liedchen darüber singen, wie man mit staatlichen Repressionen politisch korrekte Menschen kleinhält. Aber lest selbst…

Unsere Leser wissen vielleicht nicht genau, wer sich hinter Boykott verbirgt. Kannst du uns einen kurzen Abriss über deinen bisherigen Karriereverlauf geben?

Sehr gerne. Im Jahr 2011 habe ich mein erstes Album „Angriff die beste Verteidigung“ über Aldente Records veröffentlicht. Ein Jahr nach dem Release von „Angriff die beste Verteidigung“ kam dann in Eigenregie Album #2 „Solikonzert“. Von Anfang an war ich im deutschsprachigen Raum unterwegs. Auf Grund von privaten Turbulenzen gab es in den folgenden Jahren nur sehr wenig neuen Output. Es beschränkte sich auf ein paar Features z. B. mit Refpolk oder Torkel T. Im Oktober 2018 dann das erste kleine Release über Save the Scene Records, die „Pump“-EP und im November 2018 nun das große Album „Kargland“.

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Das waren jetzt die wesentlichen Zahlen, Daten, Fakten, kurz abgerissen. Um zu beschreiben wer sich hinter Boykott verbirgt müsste ich wahrscheinlich sehr weit ausholen. Meine Musik, und vor allem das neue Album „Kargland“ erzählt eine ganze Menge von dem wer ich bin. Sich selbst zu beschreiben finde ich immer etwas schwierig. Gerade weil man auch Gefahr läuft sich evtl. selbst in eine Schublade zu stecken. Schubladen sind ohnehin nichts worin ich landen möchte. Aus einem einfachen Grund: Sie haben an allen Seiten Wände und schränken einen nur ein.

Ich kann euch aber verraten warum ich mich Boykott genannt habe. Es war für mich die
logische Konsequenz. Inhaltlich sind meine Schwerpunkte immer schon politisch. Die Welt in der wir leben bietet so viele Themen die mich ankotzen und über die ich geschrieben habe, schreibe und schreiben werde. So dass mir der Name sehr passend erschien.

Jetzt bist du bei Save the Scene Records. Wie bist du dort gelandet?
Das ist eine recht umfangreiche Geschichte und dazu muss ich jetzt etwas ausholen. Gunnar von Save the Scene kenne ich schon seit einigen Jahren. Kennengelernt habe ich ihn als Veranstalter vom Save the Scene Festival. Das muss 2012 gewesen sein, damals noch in Chemnitz. Über die Jahre haben wir den Kontakt gehalten und uns immer mal wieder gesehen. Er hat uns eingeladen mit seiner Band (One Step Ahead) in Hamburg zu spielen.

Er hat uns auch noch ein zweites Mal auf das Save the Scene eingeladen oder hat Konzerte besucht auf denen ich gespielt habe. Wir hatten vom ersten Tag an große Sympathien füreinander. Immer wenn wir uns gesehen haben, habe ihn über meine Entwicklung auf dem Laufenden gehalten. Auch wenn meine Entwicklung zeitweise einem Stillstand glich. Bei unserem gemeinsamen Konzert in Hamburg, habe ich ihm vor einiger Zeit mein Leid geklagt. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt kaum wie es weiter gehen sollte. Die ersten Songs für das Album Kargland hatten ein Gerüst und ich wollte nochmal mit einem Album an den Start gehen. Mein Privatleben als alleinerziehender Vater und die anhaltenden Dauerbelastungen auf sämtlichen Ebenen haben aber eine Perspektive unmöglich gemacht. Mir war klar, dass ich Hilfe brauche wenn es weiter gehen soll. Gunnar sagte damals „egal was ist, melde dich und ich schau was ich für dich tun kann. Es wäre zu schade, wenn es nicht mehr weiter geht“.

Als Kargland dann im letzten Jahr fertig wurde und die ersten Videos im Kasten waren habe ich wie ein blöder Bewerbungen geschrieben. Entweder gab es keine Antworten oder freundliche Absagen. „Danke für dein Interesse“, „dein Album ist sehr gut geworden, wir haben aber leider keine Kapazitäten“, „wir wünschen dir dennoch viel Erfolg“. Das liest sich natürlich sehr schön. Liest man das dann aber öfters, hat es eher etwas von einem Arbeitszeugnis in dem steht „er hat sich stets bemüht“. Es war frustrierend. Das Album war also fertig, die ersten Videos waren im Kasten. Ich bin ohne Ende in Vorkasse gegangen und habe vier Jahre lang an dem Ding gearbeitet. Die Leute die schon mal reinhören durften, geben dir durch die Bank positive Rückmeldungen. Und dennoch findet sich keine Sau die es raus zu bringen will. Was für ein Albtraum. Eine größere Motivationsklatsche hätte ich mir kaum vorstellen können.

In dieser Zeit, als das Loch in dem ich lag kaum tiefer hätte sein können, schrieb mir Gunnar. Was denn nun ist und wo das Album bleibt? Ich erzählte ihm die Geschichte und er sagte „zeig her das Ding!“. Ein paar Tage nachdem ich ihm „Kargland“ geschickt habe, sagte er „ich will dir helfen, lass uns das zusammen machen. Ich habe ohnehin schon lange mit dem Gedanken gespielt ein Label zu gründen. Das Album ist Bombe und ich kann mir nicht erklären, warum das keiner machen will. Ich will das über Save the Scene Records rausbringen.“ Ich konnte es kaum glauben! Innerhalb von wenigen Wochen hat er dann das Label aus dem Boden gestampft. Für mich auch heute noch unfassbar, was er da auf sich genommen hat, um das alles zu realisieren! Ich bin sehr glücklich dass es so gekommen ist. Maximum Respect und ganz viel Liebe an dieser Stelle an Gunnar und alle die bei der Entstehung beteiligt waren.

Gunnar war sicher der Drahtzieher, aber so etwas funktioniert nicht ohne ein Netzwerk und Leute die das alles supporten. ❤ Danke ❤

BOYKOTTONE – Kargland

Das neue Album heißt Kargland und weckte bei mir Assoziationen zu Caspers Hinterland. Liege ich da richtig?

Es gibt da sicherlich Parallelen. Auf der anderen Seite gibt es auch einfach wenige Künstler/innen die diese Thematik so aufgemacht haben. Während es parallel dazu wahnsinnig viele gibt, die das Leben in urbanen Zusammenhängen in ihren Fokus setzen. Nichts hat mich mehr geprägt als das Leben das ich führe. Ich glaube Kargland könnte man auch als eine Art Tagebuch im Zeitraffer begreifen. Für mich auf jeden Fall das persönlichste Album, welches ich geschrieben habe. Ich kenne Casper nicht persönlich, daher weiß ich auch nicht wie authentisch Hinterland von ihm ist. Aber zweifelsfrei ist es ein großes Album.

Als alleinerziehender Vater mit politischem Hintergrund im Hinterland hast du es schwer, was auch ein Thema deines Albums ist. Erzähl mal, was für Probleme es gab und gibt?

Also als erstes würde ich meine familiäre Situation von politischen Zusammenhängen trennen. Ich habe sicherlich, wie viele Alleinerziehende, mit üblichen Problemen, wie Kinderbetreuung, mangelnder Flexibilität und prekären Gesamtumständen zu kämpfen. Der Hustle zwischen Lohnarbeit, meinen Verpflichtungen als Vater und meiner Musik ist allgegenwärtig. Von so Dingen wie Haushalt, Wäsche, Kochen etc. will ich jetzt gar nicht anfangen. Zum einen ist es einfach super uninteressant und zum anderen muss das
wahrscheinlich jeder machen. Die einen mehr, die anderen weniger. Fakt ist, dass ich immer alles allein machen muss und oft das Gefühl habe zu wenig Zeit zu haben. Aber auf der anderen Seite begreife ich es auch als Privileg, dass ich dieses Leben mit meiner Tochter so
führen kann. Richtig ätzend wird es nur wenn dann z.B. aus heiterem Himmel die Betreuung in der Schule aus Kostengründen gestrichen wird und du nicht weißt, ob du im nächsten Monat deinen Job noch machen kannst (schöne Grüße an dieser Stelle an die Stadt Schortens!). Langweilig wird es also nie.

Ob ich in diesem Zusammenhang eine politische Haltung habe, spielt da eher eine untergeordnete Rolle. Ich denke aber, dass es allgemein immer schwieriger wird, wenn man sich links positioniert. Im Hinterland evtl. nochmal anders als in der Stadt. Warum? Weil sich hier die Menschen noch kennen. Es ist alles viel kleiner. In der Stadt hat man immer noch den Schutz der Anonymität, es ist viel leichter unterzutauchen. Und vor allem ist es leichter sich seine Szene, in der man sich bewegen will, auszusuchen. Auf dem Land läufst du den Leuten immer wieder über den Weg. Beim Einkaufen, im Schwimmbad, auf dem Volksfest, in der Kneipe oder Disco. Das bisschen an kulturellem Angebot das da ist, wird natürlich auch von allen wahrgenommen. Ärger ist da dann vorprogrammiert. Und es ist ziemlich sicher, dass es keiner großen Recherche bedarf, um herauszufinden wo du wohnst oder arbeitest. Umgekehrt geht das aber natürlich genauso…

Eine ähnliche Problematik beschreiben auch Feine Sahne Fischfilet. Kannst du dich damit identifizieren?

Ja, total! Wobei es in Meck-Pomm ganz sicher nochmal eine Nummer härter ist! Vor einigen Jahren haben wir uns noch die eine oder andere Bühne mit FSF geteilt und konnten uns ab und an etwas austauschen. Unabhängig davon komme ich verhältnismäßig viel rum und versuche mir auch immer ein Bild von den Orten zu machen in denen ich spiele. Was einem da grade in Ost-Provinzen gelegentlich zu Ohren kommt, lässt einem schon die Haare zu Berge stehen. Die Strukturen sind da aus meiner Perspektive nochmal andere. Im Verhältnis dazu ist es im Nordwesten doch etwas erträglicher. Will jetzt aber auch nicht allwissend daher kommen. Auch in Niedersachsen gibt es Orte in denen es durchaus sehr
problematisch ist. Salzwedel ist da ein gutes Beispiel im negativen Sinne. Aber egal ob Meck-Pomm oder Sachsen, Bayern oder NRW: die AFD ist bundesweit zweistellig. Es gibt viel zu tun und keiner weiß wohin die Reise noch geht.

Das Album fängt direkt mit dem Lied „Indiziert“ an. Dein erstes Album Angriff – Die beste Verteidigung wurde 2013 indiziert. Mir liegt nur deine jetzige Veröffentlichung und die Solikonzert vor. Ausgehend davon kann ich irgendwie keine Gründe ableiten… Was war da los?

Die Indizierung fand damals auf Anregung des LKA Brandenburg statt. Warum es gerade aus dieser Ecke kam, kann ich nicht rekonstruieren. Laut LKA waren die Songs Mein Debüt, Standpunkt und Bulle indizierungsrelevant. Am Ende wurde das Album dann aber wegen den Songs Mein Debüt, Friedlich und Bulle indiziert. Schon im Vorfeld der Indizierung gab es schon Repressionen von polizeilicher Seite. So wurden beispielsweise Veranstalter/innen im Vorfeld von Konzerten unter Druck gesetzt und eingeschüchtert. Man legte ihnen nahe, uns von der Veranstaltung auszuschließen und uns unter keinen Umständen auftreten zu lassen. Darüber hinaus gab es ein Verfahren in dem eine Demonstrationsanmelderin zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, nachdem von einem Lauti
einer meiner Songs gespielt wurde, während parallel dazu eine BFE-Einheit Stellung bezogen hat. In der Anklage hieß es dann, die Beamten hätten den Song auf sich bezogen. Sowas aber auch…

Trauriger und populärster Höhepunkt, der mich sehr betroffen gemacht hat war der Fall Josef. Der Student aus Jena saß 2014 über sechs Monate in Haft nachdem er in Wien gegen den Akademikerball der FPÖ demonstriert hat. Im Zuge der Proteste gab es auch
Ausschreitungen. Ihm wurde quasi alles zur Last gelegt, was in dieser Nacht dort passiert ist. Von einem Angriff auf ein Polizeirevier, randalieren in der Innenstadt, Rauchbomben zünden, ein Angriff auf einen Streifenwagen bis hin zur Rädelsführerschaft des gesamten Mobs. Für letzteres soll der „Beweis“ ein „Boykott“-Hoodie gewesen sein, den er in dieser Nacht getragen hat. Das waren alles Dinge mit denen keiner gerechnet hat. Der Verfassungsschutz hat mich 2012 in seinen Jahresbericht aufgenommen und die BPjM hat mir dann 8 Seiten Kleingedrucktes geschickt. In dem dann aufgeführt wurde, warum wieso, weshalb. Ähnlich wie bei Feine Sahne damals, nur dass es bei mir nicht den gleichen PR-Effekt hatte. Das für mich bemerkenswerteste Zitat der BPjM: „Es ist keineswegs die Intention der Bundesprüfstelle, gesellschaftliche Konflikte wegzureden. Da aber ein hohes Identifikationspotential Minderjähriger mit Rap-Künstlern vorhanden ist, vermitteln die genannten Liedtexte nach Ansicht des Gremiums Werte, die geeignet sind, zu einer
sozialethischen Desorientierung zu führen.“

Sozialethische Desorientierung? Wir leben in einer sozialethisch-desorientierten Welt! Jedes Jahr ertrinken tausende Menschen im Mittelmeer, Menschen fliehen vor Kriegen aus denen Deutschland Profit schlägt, Schiffe, die Ertrinkende retten wollen werden am Auslaufen gehindert, Retter werden kriminalisiert. Die Liste an ist lang! Das alles ist Gewalt! Genau das verstehe ich unter sozialethischer Desorientierung! Aber laut der BPjM und LKA vermittelt mein erstes Album Werte, die geeignet sind zu einer sozialethischen Desorientierung zu führen. Es fällt mir tatsächlich schwer, da die Fassung zu bewahren!

Angriff die Beste Verteidigung kritisiert genau diese bestehenden Verhältnisse. Diese Ungerechtigkeit, diese barbarischen Zustände. Natürlich darf man sich aufregen wenn ein Auto brennt, eine Scheibe zu Bruch geht oder ein Stein fliegt. Aber verdammte Scheiße, dann muss man sich mindestens genauso über die Ursachen aufregen. Denn die Ursachen sind um das Tausendfache schlimmer! Ich muss aber auch sagen, dass ich heute sicherlich manche Dinge so nicht mehr sagen würde, wie ich sie damals formuliert habe. Im Kern hat sich aber an der Haltung nichts verändert.

Warum gerade dieses Lied als Opener?

Weil ich Immer noch sauer bin! Und es sich richtig angefühlt hat sich damit zurück zu melden.

 Im Lied „Kein Hip-Hop“ sagst du „Ich bin nicht Hip-Hop und ich werde es niemals sein“. Also ich finde ja durchaus, dass du Hip-Hop bist und gerade momentan die Hip-Hop-Szene wieder verstärkt nach links rutscht. Aber schildere mal deine Sicht der Dinge. Und: was nervt dich am meisten in der Szene?

Die Frage wurde mir jetzt schon öfters gestellt. Cool, dass ich sie hier mal für alle beantworten kann: Natürlich bin ich Hip-Hop und natürlich bin ich Rapper. Nur fehlen mir die Gemeinsamkeiten mit dem durchschnittlichen Deutschrap-Konsumenten. Die meisten Überschneidungen habe ich eher mit anderen Subkulturen. Du hast schon Recht, dass sich in den letzten Jahren ein bisschen was verändert hat. Zumindest gibt es auch einige Bands oder Künstler/innen die eine klare Kante zeigen und sich positionieren. Aber da gab es auch früher schon einige Beispiele. Sich gegen Nazis zu positionieren, fällt den meisten die sich mit dieser Subkultur identifizieren sicherlich nicht schwer. Aber wie sieht es mit Sexismus, Homophobie oder Antisemitismus aus? Da gibt es so viele Grauzonen mit denen ich ungern in einem Topf schwimmen möchte.

Und auch wenn man es jetzt gar nicht aus dieser Antihaltung heraus betrachtet, sondern eher auskonstruktiver Perspektive, passiert mir einfach auch in einem Großteil der Songs zu wenig. Ich habe oft das Gefühl, das irgendwo schon mal gehört zu haben. Es ist halt einfach auch nicht sonderlich innovativ über Geschlechtsteile, Geschlechtsverkehr, Geld ausgeben, Drogen und Gewalt zu rappen. Ich gebe zu, manches entertaint mich tatsächlich. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Glücklicherweise ist dieses Hip-Hop-Feld ja aber auch so groß geworden, dass es auch für jemanden wie mich, in diesem Kulturgewusel eine Nische gibt in der ich mich wohl fühle. Kein Hip-Hop ist also ganz klar doch Hip-Hop!

Du betonst deine Verbundenheit zur Punk- und zur autonomen Szene. Wie sind da die Verbindungen? Oder müsstest du mich dann töten 😉

Ich töte niemanden. Schon aus ethischen und moralischen Gründen 😉

Ich denke es ist kein Geheimnis, dass ich in antifaschistischen Strukturen sozialisiert wurde. Da ist es sicherlich nicht weit hergeholt, dass ich da in gewisse Richtungen große Sympathien habe. Selber teile ich mir oft die Bühnen mit Punkbands. Auch höre ich selber nicht nur Rap. Es gibt ein Haufen Punk- und Hardcore-Bands die ich feiere. In diversen besetzen Häusern und AJZs war ich zu Gast. Ich bewege mich mit der Musik in alternativen Zusammenhängen und eher selten in expliziten Hip-Hop-Kreisen.

Gunnar von Save the Scene Records ist der Drummer von „One Step Ahead“ und bringt dennoch ein Rap-Album raus. Um es auf den Punkt zu bringen: Das eine schließt das andere nicht aus. Wichtig ist das die Leute cool sind. Alle weiteren Übergänge sind da
fließend.

Wie kam die Idee zu Berufsdemonstrant?
Als diese absurden Verschwörungstheorien aufkamen dachte ich, es wäre sicher witzig das mal auf die Schippe zu nehmen. Im Ernst: diese Spinner kann man ja nicht erst nehmen. Da weiß man nicht, ob man nun lachen oder weinen soll.

Das Album enthält sowohl persönliche als auch politische Texte. Was liegt dir mehr?

Das kann ich selber gar nicht so richtig beurteilen. Ich denke, das können andere besser. Wenn die Frage darauf abzielt was mir leichter fällt zu schreiben, dann wahrscheinlich die Songs die nicht so persönlich sind. Bei politischen Songs bin ich irgendwie freier und denke nicht alles zu Tode. Gerade an Songs die mein eigenes Gemüt schwer belasten, schreibe ich in der Regel deutlich länger. Es gibt nichts schlimmere als ein Song über eine Geschichte zu schreiben, und der Song am Ende die Geschichte nicht transportiert oder ihr einfach nicht gerecht wird.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Haszcara, Finna und Riva?
Da sind wir schon bei zwei Songs die wahnsinnig persönlich sind. Ihr habt Recht (feat. Haszcara) hatte ich geschrieben und auch schon aufgenommen. Der Song war eigentlich fertig, zuerst noch alleine. Aber wie das manchmal so ist mit dem Anspruch an den eigenen Leistungen, war ich mit dem Ergebnis nicht glücklich. Besser
gesagt, überhaupt nicht glücklich! Ich hatte den Song schon vom Album verworfen. Wie soviele andere auch. Leijione wollte den Song aber unbedingt auf dem Album haben. Er fand ihn sehr gut und meinte dass er das Ganze abschließt und rund macht. Dennoch habe ich mein Veto eingelegt. Leiji meinte dann „was hältst du davon wenn wir Haszcara fragen?“ Ich kannte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht persönlich, habe aber gefeiert was sie macht. Und wir haben gemeinsame Freunde und Bekannte in Berlin, also war es eher ein Zufall, dass wir uns noch nicht kannten. Also klar, lass uns ein Feature mit ihr machen! Ich war von der Idee sofort begeistert. Glücklicherweise hat Haszcara direkt zugesagt. Wir haben uns kennengelernt und waren gleich down miteinander. Danach hat sie ihren Part aufgenommen, übertrieben abgeliefert und somit den Song gerettet – ohne sie gäbe es ihn heute nicht! Großen Dank und beste Grüße an dieser Stelle <3

Finna ist seit einigen Jahren eine sehr gute Freundin. Sie hat auch den Entstehungsprozess des Albums ziemlich nahe mit verfolgt. Wenn ich eine Idee hatte oder ich etwas aufgenommen habe, war sie eine der Personen in meinem engen Kreis an Leuten mit denen ich darüber gesprochen habe. Ich schätze sie, ihre Meinung und das was sie macht sehr. Ich halte sie für eine wahnsinnig talentierte Künstlerin, die noch viel zu unbekannt ist für das was sie kann!  Jedes Gespräch mit ihr war wertvoll für mich, Kritik und Inspiration gleichermaßen. Ähnlich wie bei Ihr habt recht, dem Song mit Haszcara habe ich Eines dieser Leben geschrieben und aufgenommen. War aber so unzufrieden damit, dass ich es nicht einmal mehr zeigen mochte. Bei einem Besuch in Hamburg und nach ein paar Bier und gutem Zureden habe ich Finna dann den Song aber doch gezeigt. Ich glaube in dem gesamten Entstehungsprozess des Albums war das der magischste Moment. Nachdem sie den Song das dritte Mal gehört hat, hat sie angefangen drüber zu singen. Noch am selben Abend ist eine neue Hook dazu entstanden. Und auf einmal hatte der Song eine Perspektive. Ein paar Wochen später sind wir dann gemeinsam ins Studio gegangen und haben ihn aufgenommen. Ohne Finna wäre auch dieser Song auf irgendeiner Festplatte verstaubt. Heute ist er für mich einer der wichtigsten Songs der Platte. Gerade weil wir auch beide, jeder auf seine Art, eine persönliche Geschichte dazu haben.

Produzent des Albums war LeijiOne. Schildere mal, wie die Aufnahmen abliefen.

Ich habe das Album nicht in Berlin aufgenommen. Aufgenommen habe ich das Album zum größten Teil hier in Schortens (im Kargland). Bei Peter Hobbie (Fripe-Music). Peter ist stabile 60+ und hat hier ein kleines, aber feines Studio. Eigentlich ist auch das eine ziemlich witzige Geschichte. Früher habe ich auch immer bei Leijione aufgenommen. Auf Grund meiner familiären Situation hatte ich diesmal aber die Flexibilität nicht mehr, mal eben nach Berlin zu donnern, um dort ein Album zu produzieren. In meiner Verzweiflung habe ich mich dann hier auf die Suche gemacht und Peter gefunden. Sicherlich hätte es in der Region auch andere Studios gegeben, aber die mir bekannten, gingen für mich aus diversen Gründen einfach nicht klar.

Peter hat überhaupt keine Ahnung von Rap. Er nennt das was ich mache liebevoll Sprechgesang. Aber dafür hat er Ahnung von Instrumenten, Melodien und Noten. Und über die nötige Technik verfügt er auch. Ich würde sagen, er macht sonst eher so experimentellen Kram. Singt selber auch und hat früher in einer Band gespielt. Wie sehr viele Menschen in seinem Alter mag er Schlager und produziert solche auch. Aber darum ging es mir nicht. Wir haben etwas gebraucht um miteinander warm zu werden. Da prallten einfach zwei total unterschiedliche Arbeitsweisen aufeinander, und natürlich auch Menschen und Musikrichtungen. Aber es lief besser und wir haben angefangen uns aufeinander einzuspielen. Sein Studio ist in mitten von seinem selbst angelegten urigen Garten. Im Sommer ein Paradies. Meine Tochter hat dort so manch eine Stunde mit seiner Frau, Keksen und Caprisonne am Pool verbracht, während Papa in der Gesangskabine stand. Die aufgenommenen Spuren hat Peter dann zu Leijione nach Berlin geschickt. Dort hat er dann den Mix gemacht und produziert. Sicherlich wäre es einfacher gewesen, wenn ich es in Berlin aufgenommen hätte, aber es ging nicht anders.

Noch dazu ist es manchmal nicht so einfach mit mir und ich bin eher selten sofort mit etwas zufrieden. Die eine oder andere Korrekturschleife war dann sicher doch etwas anstrengend für ihn.  In der Produktionsphase war ich aber dennoch ein paar Mal in Berlin um den Feinschliff zu machen. Gegen Ende habe ich dann auch mit meiner Tochter eine Woche Hauptstadturlaub gemacht. Jeden Morgen vier Stunden ins Studio, danach U-Bahn fahren, Abenteuertag in der großen Stadt und Sightseeing. Was für eine verrückte Zeit.

Kann man dich in nächster Zeit mal live sehen?
Wir sind gerade noch für 2019 am planen. Waren jetzt gerade in der Schweiz und haben dort u. a. als Support für Neonschwarz die ersten Shows mit dem neuen Album gespielt. Aktuell habe ich noch zwei Termine die save sind. Da kommt in der nächsten Zeit aber noch einiges dazu:

17.05.2019 – Braunschweig – Nexus
18.05.2019 – Koblenz – Jam Club

Am Ende mache ich immer gerne ein paar Assoziationsspielchen, also einfach schreiben, was dir in den Sinn kommt…

#wirdsindmehr – Bitte auch dort wo es brennt! #nochnichtkomplettimarsch

Neonschwarz – Geile Band! Wir haben gerade in Bern den Support gemacht.
Pyro One – Supporten und Fluchtreflex pumpen.
Away from Life – Stellt gute Fragen!

So, dann fehlt nur noch die Frage nach den nächsten Schritten und natürlich deine last words…

Um ehrlich zu sein, will ich jetzt erstmal das neue Album spielen. Wir haben so viel Ressourcen dort versenkt, dass es jetzt an der Zeit ist das Ding unter die Leute zu bringen!Das ist auf jeden Fall der erste Schritt. Wie es dann weiter geht ist noch offen. Ein paar kleinere Projekte stehen noch im Raum: Es kommt noch das ein oder andere Video, evtl. eine kleine Labeltour mit „One Step Ahead“ zusammen und das ein oder andere Festival werden wir in diesem Jahr spielen.

Ich danke euch sehr für das Interview und euer Interesse, freue mich sehr dass ich bei euch zu Wort kommen durfte – alles Gute!

Urheber alle Bilder: Batek127

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