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Vor gerade einmal eineinhalb Jahren kam das letzte Rogers-Album Augen Auf raus. Jetzt steht mit Mittelfinger für immer die nächste Platte in den Startlöchern und die Rogers haben zum Interview nach Düsseldorf eingeladen. Es ging unter anderem um die hohe Kreativität, Musiktheorie und darum, warum die Band es manchmal besser findet, tiefgehendere Texte zu schreiben, als politische Messages stumpf in die Welt zu brüllen. Sänger Chri musste zwischendurch kurz zu einem anderen Telefoninterview, Bassist Arthur war aber die ganze Zeit am Start und hat sehr ausführlich auf unsere Fragen geantwortet.

AWAY FROM LIFE: Um diese Zeit vor zwei Jahren saßt ihr wahrscheinlich noch an Augen Auf. Jetzt kommt schon das nächste Album. Ist das für euch was besonderes, dass es jetzt so schnell geht?
Chri: Auf jeden Fall! Vor allem weil es so nebenbei passiert ist. Wir hatten nicht großartig Zeit, um uns drei Monate freizunehmen und das neue Album zu machen. Es ist zum großen Teil auf Tour hinten im Bus entstanden. Wir sind aber trotzdem mega zufrieden, so wie es jetzt geworden ist.

AFL: Euer Rhythmus ist aber generell sehr schnell. Zwischen den letzten Alben lagen ja auch nie mehr als zwei Jahre…
Arthur: Das stimmt, wir haben uns aber noch nie Gedanken gemacht, dass wir schnell ein Album rausbringen müssen. Trotzdem ist ein Zwei-Jahres-Rhytmus so ein bisschen unser Ziel. Das wird einem auch ein bisschen vom Label, der Promo-, aber auch der Booking-Agentur nahe gelegt, da man so auch besser auf die Festivals kommt, einfach weil es mittlerweile so viele Bands gibt. Da ist es irgendwo wichtig, aktuell zu bleiben.
C: Auf der anderen Seite haben wir aber auch einfach den Output. Wenn wir damit aber nicht zufrieden gewesen wären, hätten wir es nicht rausgebracht.

AFL: Habt ihr denn eine Idee, woher diese viele Kreativität kommen könnte?
A: Es ist jetzt auch kein Jazz oder Tech-Metal. Wir bleiben Punkrock und das ist aus Songwriting-Sicht eine relativ einfache Aufgabe, weil du doch ein ganz stabiles Grundgerüst hast. Was die Texte angeht: da könnten wir wahrscheinlich drei am Tag machen, weil wir ganz viele Gedanken haben und direkt das aufs Blatt bringen, was uns gut gefällt. Es ist natürlich ein kreativer Aufwand, jedoch teilen wir uns das auch ganz gut auf.

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AFL: Ihr seid eine sehr melodische Band und habt immer eine fette Produktion. Würdet ihr sagen, dass ihr eine „musikalischere“ Band seid als andere?
A: Man kann in der Musiklandschaft zwischen Bands unterscheiden, die es wirklich ernst meinen und Bands die einfach nur Band sein wollen. Es gibt ja verschiedene Gründe, warum man in einer Band spielt und bei uns war der musikalische Hintergrund von Anfang an da. Unser Gitarrist Nico und ich kommen aus einer musikalischen Früherziehung und haben beide früh mit Klavierspielen angefangen. Chri spielt Gitarre, seitdem er fünf ist. Für uns alle ist es auch immer die Verbundenheit zur Musik gewesen, die den Antrieb schafft. Am Ende entscheidet natürlich der Hörer, was cool ist, aber rein musiktheoretisch und melodisch ergibt das alles schon Sinn. Das ist aber auch nicht so schwer.

AFL: Ihr wisst also, in welcher Tonart ihr euch gerade bewegt und dass ein F-Dur gut auf ein a-moll folgt?
A: Nico und ich ja, haha. Unser Drummer Dom auch, der ist aber auch studierter Schlagzeuger. Chri kann, soweit ich weiß, keine Noten lesen, weiß aber nach all den Jahren natürlich auch, wie er ein E spielt. Aber die einzigen die Musiktheorie gelernt haben, sind Nico und ich, jedoch sind wir jetzt auch nicht die großen Theoretiker was das angeht.

„Ich bin mir sicher, dass von deinem ersten Tag auf dieser Welt deine Eltern und dein Umfeld für deinen Umgang mit Informationen verantwortlich sind.“

AFL: Zurück zum Album: Chri hat ja gerade schon gesagt, dass es viel zwischendurch entstanden ist und ihr viel auf Tour wart. Wann und wo habt ihr es denn letzten Endes aufgenommen?
A: Wir sind dieses mal das Album ganz anders angegangen. Normalerweise hast du vorher schon Songs, es gibt aber auch einen kreativen Prozess im Studio selber. Dieses mal haben wir aber alle Instrumente solo aufgenommen. Ich hab z.B also meinen Bass komplett Zuhause als reine DI-Spur eingespielt. Der Aufnahmeprozess hat sich also relativ stark gezogen. Das Songwriting lief dieses mal stark über Nico, der auch gerade versucht, sich ein bisschen als Songwriter zu etablieren und auch für andere Künstler schreibt.

AFL: Also schreibt er bald die Songs für Mark Forster oder so?
A: Haha das wäre gut. Leider nicht, es gibt aber auch tausend kleine Bands, die einen Songwriter brauchen. Für unser Album hat er zeitweise auch viele Songs am Stück geschrieben, weil sein Fuß gebrochen war und er hat daraus auch ein ziemlich gutes Gesamtrepertoir an Songs erschaffen. Heutzutage geht es halt auch anders. Klar ist es cool, sich drei Monate in ein Studio einzumieten, jedoch ist das auch immer ein Zeit- und Geld-Luxus. Das ist aber ein bisschen unser Wunsch, dass wir die Freiheit haben, drei Monate lang im Studio abzuhängen und da ein neues Album zu schreiben.

AFL: Das hat natürlich viel mit finanzieller Freiheit zu tun…
A: Das stimmt, da sprichst du ein interessantes Thema an. Auf der einen Seite schreien dir die Leute nach, dass du immer kommerzieller wirst – auch wenn wir das nie angestrebt haben – auf der anderen Seite ist es auch echt kompliziert, so eine Band so hochzuhalten, wenn jeder noch einen Nebenjob machen muss. Der Chri arbeitet in der Gastro, Nico macht viel Songwriting und ich verdiene mein Geld mit vielerlei künstlerischer Sachen und habe auch ein Fitnessstudio hier in Düsseldorf. Theoretisch könnte man mit der Band auch Geld verdienen, das ist aber ein Tropfen auf den heißen Stein. Bis du wirklich von der Band leben kannst, muss schon einiges passieren. Die Leute haben manchmal gar nicht richtig vor Augen, dass ein Tag auf Tour die Band auch eine vier- bis fünfstellige Summe kostet. Wir haben eine Crew von zehn Mann, einen Nightliner mit Anhänger, einen Tourmanager und und und… Da hängt ein Rattenschwanz dran und bis man damit Geld verdient, dauert es wirklich lange. Das ist aber tatsächlich das angestrebte Ziel, dass wir uns nicht mehr nebenbei totarbeiten müssen, sondern wirklich die Zeit haben, das zu machen, was die Leute von uns wollen. Es ist ein Geben und Nehmen: die Leute wollen neue Songs, die können sie aber natürlich nur kriegen, wenn wir unterstützt werden.

„Wenn der Slime-Sänger auf seinen Konzerten sagt, dass er gegen Nazis ist, und alle brüllen mit, dann holt er sich nur Bestätigung.“

AFL: Zu den Songs: als ihr Zu spät als erste Single rausgehauen habt, hab ich mir zuerst gedacht, dass das das politischste Rogers-Album werden könnte. Als ich Mittelfinger für immer aber dann gehört habe, dachte ich vor allem, dass es das vielleicht persönlichste Album von euch ist. Wie siehst du das?
A: Wir sind einfach vielfältig. Wenn man uns nach unserer politischen Einstellung fragt, sind wir alle links orientiert, ausnahmslos. Aber wir sind keine Politpunker. Man darf auch nicht vergessen, dass Punk schon immer unpolitisch war und ich weiß nicht, warum jeder von einem verlangt, politisch zu sein, wenn man in einer Punkband spielt. Wir persönlich finden aber, dass Punk politisch sein sollte, genauso wie jeder Mensch politisch sein sollte, oder meiner Meinung nach wissen sollte, was er auf dem Teller hat. Das sind Grundsätze, mit denen sich jeder mal auseinander setzen sollte, da ihm sonst Kontrolle über sein eigenes Leben fehlt. Das heißt auch, dass du dein Maul über Politik halten musst, wenn du dich darüber nicht informierst. Auf diesem Album haben wir untermalt, dass Vielschichtigkeit und Zwischenmenschlichkeit gefragt ist und eben nicht so plump „rechte Politik ist scheiße“. Es ist oft sehr engstirnig und wir wollten kein pures Anti-Album, das gegen alles ist, weil bei der Zwischenmenschlichkeit alles anfängt. Ich bin mir auch sicher, dass von deinem ersten Tag auf dieser Welt deine Eltern und dein Umfeld für deinen Umgang mit Informationen verantwortlich sind. Wie gehst du mit diesen Informationen um? Wie gehst du mit Angst um? Wie behandelst du die Angst vor Fremden, die in dein Land kommen? Diese Angst heilst du nicht, indem du Menschen sagst, dass es scheiße ist. Diese Angst heilst du auch nicht, indem du ihnen Ziegelsteine an den Kopf wirfst. Es wird ja kein Rechtsradikaler, der von einem Ziegelstein getroffen wird, dadurch aufwachen und zum Kommunisten werden. Unter dieser Spitze des Eisberges, gegen die wir alle anschreien, liegt viel mehr an Problemen und ich finde, dass sich mehr Bands damit befassen und mehr Vielschichtigkeit zeigen sollten. Ich denke, dass dir die Leute mehr zuhören, wenn du ihnen sagst, dass sie ganz normale Menschen wie man selbst sind.

AFL: Denkst du denn, dass es nicht trotzdem oft hilfreich sein kann, wenn man plakativ und direkt seine Wut rausbrüllt? Ihr seid ja bestimmt auch mit Bands wie Slime aufgewachsen, die das ihre ganze Diskographie hindurch so gemacht haben, um nur mal ein Beispiel zu nennen.
A: Find ich mega gut und das hat uns auch sehr geprägt! Dennoch würde ich einen leichten Gegenpol bilden und sagen, dass auch wir die Faust ballen und hochhalten. Ganz nach oben z.B. ist ein sehr direkter Track, der theoretisch allen Leuten an den Karren pissen wird, die einer Religion angehören – auch wenn wir hier nicht den Glauben sondern die Institution der Kirche meinen. Wenn man aber immer nur die Faust hochhält und plakativ schreit, besamt man nur seine eigenen Konsorten. Da sind Bands wie Slime etc. ein gutes Beispiel für. Wenn deren Sänger auf seinen Konzerten sagt, dass er gegen Nazis ist, und alle brüllen mit, dann holt er sich nur Bestätigung. Jeder weiß, dass auf einem Slime-Konzert alle gegen rechts sind. Klar gibt es auch Bands, wie Feine Sahne Fischfilet oder Kraftklub, wo mittlerweile auch manchmal Idioten mit Frei.Wild-Shirts auf den Konzerten rumlaufen, jedoch ist das bei einer Band wie Slime nicht der Fall. Meiner Meinung nach ist es die deutlich klügere Variante, nicht nur zu schreien, sondern zu versuchen Leute zum Nachdenken zu bringen, auch wenn sie erstmal nicht auf einer Linie mit dir sind. So kannst du eher ein Umdenken in den Köpfen erzeugen. Ich bin kein großer Fan davon, immer nur sich selbst zu besamen, weil dadurch auch etwas elitäres entsteht. Ich will aber trotzdem nochmal sagen, dass unsere politische Einstellung nicht weniger „radikal“ wie die von Slime ist. Wenn es am Ende darauf ankommt, sind wir da voll auf der selben Linie, jedoch drücken wir es in der Musik anders aus.

AFL: Die zwei Songs Wer wirft den ersten Schein? und Hartes Leben passen meiner Meinung nach thematisch ganz gut zusammen, weil ich das Gefühl habe, dass es da ein bisschen um den momentanen Zeitgeist vieler jungen Leute geht, die nur noch daran denken, ihre eigene Firma zu gründen und damit möglichst viel Geld zu scheffeln. Wie seht ihr das?
C: In erster Linie geht es vor allem um den Gedanken, dass man sich mit Geld alles kaufen kann. Sowas hab ich neulich im Urlaub erlebt, wo sich manche Leute wie der letzte Mensch benehmen, nur weil sie sich ein Flugticket in ein anderes Land gekauft haben. Der Zwiespalt ist, dass es ohne Geld einfach nicht geht, es jedoch auch sehr viel missbraucht wird. Bei Hartes Leben geht es einfach um die Leute, die eh schon in ihrem goldenen Käfig sitzen, dann aber der Meinung sind, trotzdem noch rummeckern zu müssen.

AFL: Im Opener Einen letzten Abend singt ihr, dass ihr zu dem Ort zurück wollt, an dem alles begann. Gibt es in der Rogers-Geschichte einen konkreten Ort, an dem alles angefangen hat?
C: Kirchenkeller Vennhauser Allee in Düsseldorf haha. Das ist der kleinste Club der Stadt.
A: Als wir 14/15 waren, haben wir gerade die Band gegründet und da in einem Probekomplex abgehangen.
C: Das war ein ganz kleiner Raum unter einer Kirche und da gab es Verstärker und ein Schlagzeug. Da wir nichts außer einer Gitarre und nem Bass hatten, war das ganz gut.
A: Ob das jetzt der Ort ist, an den wir zurück wollen, müssen wir nochmal diskutieren, aber es war der alle erste Raum haha.

AFL: Für wen habt ihr Geh mir nicht mehr auf die Eier geschrieben? Außer für nervige Musikfanzine-Heinis, die euch mit irgendwelchen Fragen zutexten?
C: Ich wollt grad sagen! Wie viele Fragen hast du denn noch haha? Ne Spaß auf Seite, da gab es keinen konkreten Anlass oder so.
A: Das kann für jeden sein. Sei es deine Freundin, von der du dich gerade trennst, deine Mutter oder deine Oma, es kann für jeden sein.

Rogers – Mittelfinger für immer (Cover – 2019)

AFL: Habt ihr jetzt schon Songs von der neuen Platte, die ihr besonders mögt und wo ihr denkt, dass sie live besonders knallen werden?
A: Geh mir nicht mehr auf die Eier
C: Einen letzter Abend, Ganz nach oben
A: Da gibt es schon einige, auf die wir richtig Bock haben. Es gibt aber bei uns eh nur wenige Songs, die live nicht so gut funktionieren. Außer vielleicht Helden sein, den wir damals mit Sebastian Madsen gemacht haben. Auf Platte ist der super, aber live langweilt der uns irgendwie. Wir schreiben Songs aber generell so, dass wir sie live spielen können und wenn sie dann trotzdem mal nicht so gut ankommen, dann ist das halt so.

AFL: Chri du meintest bei unserem letzten Treffen, dass es für dich damals überkrass war, als ihr mal im Sonic Ballroom in Köln als Vorband für Rasta Knast aufgetreten seid. Wir war es für dich, als Rasta Knast bei eurem Tourfinale bei euch im Vorprogramm war?
C: Das war noch viel geiler. Da hatte ich auch ein bisschen Tränen in den Augen. Da hab ich mich dann auch ganz vorne hingestellt und die Show genossen.
A: Mittlerweile können wir uns auch ein bisschen die Zeit nehmen und Vorbands anschauen. Vor nem Jahr haben wir noch alles komplett selber gemacht, mittlerweile muss dein Bass aber auch nicht mehr zwingend von dir selbst gestimmt werden. Da kann und sollte man sich auch mal ein bisschen die Ruhe nehmen.

AFL: Als ihr im Oktober Die Toten Hosen vor 45.000 Menschen in Düsseldorf supportet habt, war das aber bestimmt auch krass, oder?
C: Das haben wir bis jetzt noch gar nicht so richtig realisiert. Das war unglaublich.

AFL: Danke euch für das Interview!

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