Was für ein Lineup! Das ist der Grund weshalb die Tonhalle München an diesem Abend angesichts der anhaltend schwierigen Lage bestimmt nicht ausverkauft, aber dennoch wesentlich dichter besiedelt ist, als ich erwartet habe.

Dieser Abend ist für mich in vielerlei Hinsicht „one for the books“.
Zum einen, weil ich tatsächlich und wahrhaftig Thrice zum Interview treffe – bei rund 25°C  Außentemperatur am Vorabend zu November fühlt sich alles irgendwie noch surrealer an. Zum zweiten, weil ich überhaupt zum allerersten Mal die Gelegenheit habe, Thrice live zu sehen. Und zum dritten, weil es an diesem Abend einer Band (nicht Thrice) gelingt, mich so richtig krass aus den Latschen zu kicken, die ich irgendwie immer als „nicht mein Ding“ abgetan und überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.

Aber immer der Reihe nach:
Den Auftakt machen die großartigen Touché Amoré, die es wieder einmal schaffen, Understatement mit überwältigenden Gefühlen zu verbinden. Fast schon demütig und schüchtern wirkt die Band, während sie geübt alle „Hits“ ihrer letzten beiden Alben Lament und Stage Four spielen. Jeremy Bolm fegt rastlos zwischen Bassist und Gitarrist hin und her und ebenso rasant kommt plötzlich schon das Ende ihrer Show.

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Und dann kommen Coheed & Cambria. Ich stelle mich im Fotograben darauf ein, wenigstens höflich die ersten drei Lieder zu fotografieren und dann irgendwo an der Seite auf den Headliner zu warten. Doch als die Band, die ich bislang nie wirklich wahrgenommen habe, loslegt, fällt mir dezent die Kinnlade runter. Allein das großartige Bühnenbild und die Lichtshow begeistern mich. Das Thema der Band – deren Name vom SciFi Märchen um die Figuren Coheed und Cambria handelt – wird bis ins letzte durchgezogen.
Und dann diese unglaubliche Spielfreude, diese perfekt geschriebenen und inszenierten Songs.
Ich hätte nicht gedacht, dass es in meinem Alter noch mal einer Band gelingt, mich derart zu begeistern, deren Musik in einem Genre spielt, in dem ich mich üblicherweise nicht so zu Hause fühle.

Das war unfassbar gut! Aber dennoch bin ich gesättigt und nun bereit für Thrice!
Die starten mit dem erst kürzlich veröffentlichten Open Your Eyes And Dream. Ein Song, der sowohl musikalisch als auch inhaltlich unglaublich stark ist. „Es beschreibt den Gedanken, nicht länger die Augen zu verschließen vor den systemischen Problemen, mit denen wir täglich leben und uns deshalb irgendwie auch viel zu oft abfinden, sondern unsere „Augen für diese Realität zu öffnen und bereit zu sein, etwas Besseres zu erträumen.“ Auch musikalisch liebe ich den Song, denn er kommt mit seiner Härte und rohen Energie unglaublich nah an den frühen Thrice Style heran, den ich immer noch so sehr feiere.

Anschließend spielen sich Thrice durch ihre mehr als 20-jährige Diskographie: Zunächst Scavengers –mein Lieblingssong vom letzten Album Horizons / East und dann der Thrice Visitenkarten-Song The Artist In The Ambulance. Die Halle gleicht längst einem Ü30-Party-Saal, nur eben mit guter Musik. Nach dem ebenfalls grandiosen Black Honey erklingt All the World is Mad vom oft zu unrecht vergessenen Album Beggars.
Zur Feier des 20-jährigen Jubiläums von The Illusion of Safety spielen Thrice dann Where Idols Once Stood und The Red Death. Dann Anthology vom Album Major/Minor und mit Dandelion Wine kehren Thrice schließlich wieder zum jüngsten Album zurück, um gleich darauf wieder zurück zu springen zu Hurricane (To Be Everywhere Is To Be Nowhere), einem weiteren meiner absoluten Lieblingssongs.
Dann wieder zurück in die Gegenwart mit Summer Set Fire To The Rain und noch ein kurzer Schlenker in die Alchemy Index Zeit mit Firebreather. Dann wieder zurück ins Jetzt mit Robot Soft Exorcism und schließlich nach einer Stunde Exkursion durch das gesamte Thrice Vermächtnis beendet der Hammersong Beyond The Pines den Abend.
Thrice lassen sich noch einen Zugabesong aus den zurecht müden Rippen leiern: Nach The Earth Will Shake vom nicht zu vergessenden Vheissue, hört der Boden in der Tonhalle München dann leider auf zu beben.
Das ist schade, aber ich habe den Eindruck, dass kaum einer, der in die Jahre gekommenen Fans böse darüber ist, die geschunden Beine und Rücken ins Bett bringen zu dürfen. Wir sind schließlich keine 20 mehr, das hat dieser Abend uns auf so viele unterschiedliche Arten deutlich gemacht.

Ich verlasse zufrieden die Tonhalle München, denn ich habe endlich einen großen Haken auf meiner Bucketlist setzen können. Und Thrice haben mir wirklich alles geboten, was ich mir hätte wünschen können. Eine Show wie eine Biographie, als hätten sie uns hier und heute ihr Vermächtnis um die Ohren hauen wollen.

Das war ein wirklich perfekter Abend mit drei Ausnahmebands und ich tuckele verschwitzt und glücklich gen Ausgang.

Chrissy

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