Angesichts der anhaltenden Krise sah es zeitweise nicht so aus, als würde ich Thrice jemals noch live erleben dürfen und dann kam die EU-Tour 2022. Also ergriff ich die Chance gleich richtig und vereinbarte ein Interview, das wir direkt vor der Show in der Münchner Tonhalle führten.

Wie sieht der Weg Von Ost nach West Aus?
„Wir folgen einfach dem, was uns antreibt.“

 

Im umliegenden Industriegebiet der Tonhalle München, auf einer riesigen Baustelle, auf Paletten sitzend und beleuchtet vom Riesenrad sprachen Chrissy und Marcus mit Eddie Breckenridge (Bass) und Riley Breckenridge (Drums) über alte neue Freiheiten und darüber, wie weit weg von Osten wohl das immer noch ausstehende Horizons / West Album liegen wird und wie der weg dorthin aussieht.

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AFL: Wie war die Tour bisher?

Thrice: Die Tour war großartig. Wir kennen die Jungs von Coheed schon seit über 20 Jahren, aber wir waren seit 15 oder 16 Jahren nicht mehr mit ihnen auf Tour. Es ist toll, wieder zusammen zu sein. Als wir vorher getourt sind, waren wir beide in unseren prägenden Jahren. Wir hatten gerade erst angefangen und lernten, wie man das alles zusammen macht… und jetzt wieder zusammenzukommen mit all dieser Perspektive und Erfahrung ist wirklich cool. Wahrscheinlich waren wir mit ihnen mehr auf Tour als mit irgendeiner anderen Band zu dieser Zeit.

AFL: Wie ist das, wenn man so lange befreundet ist, und du hast gesagt, dass es in den früheren Jahren ein bisschen anders war – war es eher ein Konkurrenzkampf, als man jünger war? Oder war es schon von Anfang an eine Freundschaft?

Thrice: Wir haben es nie als Konkurrenzkampf gesehen. Es ist wie bei jeder anderen Band, wir hängen da zusammen drin und finden die Dinge gemeinsam heraus.
In den Staaten sind Coheed & Cambria inzwischen viel größer als wir – sie spielen in Amphitheatern und so, es ist wirklich krass, das zu beobachten. Es war nie ein Wettbewerb und ist auch jetzt keiner.

AFL: Gibt es einen Unterschied zwischen einer Tournee in den USA und einer Tournee in Europa?

Thrice: Die Sprachbarriere natürlich. Und die Shows sind kleiner. Wenn wir in den Staaten Shows spielen, würden wir womöglich mit Coheed in Amphitheatern spielen, aber hier spielen wir in Clubs.

Coheed kommen zum Beispiel in Großbritannien wirklich gut an. Aber sie hatten auf dem europäischen Festland so ihre Schwierigkeiten, den Durchbruch zu schaffen. Also haben wir in GB für sie als Support gespielt und hier supporten sie uns. Sie helfen uns, wir helfen ihnen. Wir sitzen alle im selben Boot.

AFL: Ihr wart vor 3 Jahren zuletzt hier. Ich glaube 2019 war die letzte Tour mit Refused. Stell ihr einen Unterschied fest zwischen der Zeit vor der Krise und nach der Krise? Wie fühlt es sich jetzt an?

Thrice: Ich habe das Gefühl, dass weniger Leute bei den Shows sind, aber ich glaube nicht, dass es einen Unterschied in der Energie bei den Shows gibt. Es sind einfach nur ein bisschen weniger Leute.

AFL: Ja, es ist ziemlich hart für viele Bands, sie haben ganze Touren aus logistischen Gründen abgesagt oder vielleicht auch wegen der niedrigen Vorverkäufe.

Thrice: Ja, Flüge sind teuer. Die Ausrüstung hierher zu bringen, die Ausrüstung hier zu mieten…

AFL: Ja, und selbst die Bands hier sind nicht in der Lage zu reisen, weil sie keine Leute finden, weil die sich während der Krise andere Jobs gesucht haben.

Thrice: Sicherlich sind die Tournee-Arbeitskräfte viel spärlicher vorhanden als früher, weil jeder zwei Jahre Pause gemacht hat, ob er wollte oder nicht. Und dann hieß es: Wir können wieder arbeiten, und jeder nahm einen Job nach dem anderen an, um das alles wieder aufzuholen. Das war eine ganz schöne Herausforderung, eine konstante Road-Crew zu haben.

„…als wir tiefer in die Aufnahmen für Horizons / East hineingerieten und uns das Material ansahen, das wir hatten, stellten wir fest, dass es noch nicht so weit war. Wir dachten, es sei das Klügste, zu warten und wollten nichts herausbringen, was sich halbgar anfühlt.“

AFL: Ihr habt gerade euren neuen Song Open Your Eyes And Dream veröffentlicht. Ist er als Auftakt für ein neues Album gedacht oder soll er nur ein Lebenszeichen senden?

Thrice: Es ist mehr ein Lebenszeichen. Wir haben Horizons / East im September letzten Jahres (2021) veröffentlicht, und dann war unser ursprünglicher Plan, Horizons / West zu machen und es vielleicht jetzt um diese Zeit herauszubringen (Herbst 2022) … aber als wir tiefer in die Aufnahmen für Horizons / East hineingerieten und uns das Material ansahen, das wir hatten – wir haben eine Menge Material geschrieben – stellten wir fest, dass es noch nicht so weit war. Wir dachten, es sei das Klügste, zu warten und nichts zu erzwingen. Wir hatten das Gefühl, dass wir nicht hundertprozentig dahinter standen und wollten nichts herausbringen, was sich halbgar anfühlt.

Aber diese beiden Songs, die wir in den letzten Monaten veröffentlicht haben, sollten tatsächlich auf Horizons / West erscheinen. Wir haben sie geschrieben, während wir an Horizons / East arbeiteten. Ich würde nicht sagen, dass es sich um B-Seiten handelt, denn sie waren für etwas Größeres gedacht, aber uns wurde klar, dass wir das, was wir mit West veröffentlichen wollen, nicht auf diese beiden Songs beschränken möchten. Also haben wir uns entschlossen, diese beiden Songs als eigenständige Stücke zu veröffentlichen, und das gibt uns kreativen Freiraum, um West dorthin zu bringen, wo wir denken, dass es hingehört. Wir wollten Horizons / West nicht von diesen beiden Songs abhängig machen.

AFL: Euer neuester Song Open Your Eyes And Dream klingt sehr nach eurem frühen Material, ist das etwas, das wir erwarten können, dass ihr wieder wie in euren früheren Jahren klingen werdet?

Thrice: Ich weiß nicht genau, wie es dazu gekommen ist. Vielleicht, weil wir es selbst produziert haben. Es klingt also mehr nach uns.

AFL: Das ist ein interessanter Gedanke: Als ihr euer Studio fertiggestellt habt, in dem ihr Horizons / East produziert habt… Ich glaube, viele Bands haben das gemacht, weil es der richtige Schritt in dieser Krise war, die Dinge selbst zu machen und alles zusammen zu haben und es in den Händen zu halten und nicht mit jemandem korrespondieren zu müssen, den man für Aufnahmen oder was auch immer braucht. Hat sich dadurch die Art und Weise, wie ihr an der Platte gearbeitet habt, wieder verändert? Oder war es nur ein bisschen mehr Unabhängigkeit?

Thrice: Ich denke, es ist ein bisschen von beidem. Wir hatten vorher schonmal unser eigenes Studio, als wir Beggars und The Alchemy Index produziert haben. Dann haben wir eine Pause gemacht und das Studio verkauft. Und seit wir zurück waren, sind wir von Proberaum zu Proberaum gesprungen, hatten  einen Lagerraum für unser Equipment, und es fühlte sich einfach seltsam an.

Außerdem lebten wir alle in verschiedenen Gegenden. Ich bin im Januar dieses Jahres zurück in unsere Heimatstadt gezogen, und das ist das erste Mal, dass wir alle in derselben Stadt sind, seit der Zeit vor der Auszeit. Ich habe das Gefühl, dass es immer den Wunsch gab, zu diesem eigenständigen, autarken Modell zurückzukehren, das wir in den 2010er Jahren hatten. Als dann alle wieder in der gleichen Gegend waren, sagten wir uns, dass wir wieder eine Homebase brauchen, mit all unserem Equipment hier, wir müssen in der Lage sein, aufzunehmen, wenn wir wollen… und das hat uns einfach kreativ befreit.

Was den Sound angeht, ich denke, wir haben immer ein Hin und Her. Palms war viel elektronischer, also ist die natürliche Reaktion, es wieder mehr in Richtung Rockband zu bringen. Es gibt immer noch eine Menge Synthesizer, aber das hat sich alles ganz natürlich entwickelt und kommt aus uns heraus. Man kann es nicht wirklich vorhersagen. Es wäre interessant zu sehen, was andere Leute versuchen vorherzusagen. Aber wir folgen einfach dem, was uns antreibt. Wir lassen uns zum Beispiel von einem Album inspirieren, das herauskommt, das beeinflusst uns alle. Oder wir sind mit ein paar Bands auf Tour, die uns beeinflussen. Es ist nicht so, dass wir direkt ins Studio gehen und sagen: „Wir werden jetzt etwas schreiben, das so klingen muss.“ Es ist einfach ein natürlicher Prozess. Es gibt kein Konzept dahinter.
Wenn man in die Musik eintaucht, die einen inspiriert, fließt das natürlich in unsere Arbeit ein.

AFL: Ja, manchmal beeinflussen uns Sachen, ohne dass wir es wirklich merken, dass sie das mit uns machen und dann merkt man es vielleicht erst hinterher. Es ist einfach ehrlich, es ist wahr.

AFL: Noch einmal zu eurem neuen Song Open Your Eyes And Dream:Wenn man sieht, wie die Welt jeden Tag näher an den Rand des Abgrunds rückt, gibt es überall Krisen, und das gibt ein seltsames Gefühl, und ich frage mich, was die Mission eines Künstlers oder einer Band wie euch ist. Geht es eher darum, die Menschen aufzuklären und ihnen zu helfen, die Krise zu durchschauen, oder ist es eher die Aufgabe, Hoffnung zu verbreiten?

Thrice: Ich denke, Thrice…Dustin hat immer versucht, ein Element der Hoffnung in seinen Texten zu haben. Bei vielen Bands geht es nur darum, dass alles scheiße ist, dass alles im Arsch ist, dass ich dies und das hasse.

AFL: Ja, es ist viel einfacher zu sagen, dass alles kacke ist, und es ist viel schwieriger, einen Punkt zu finden, an dem man Hoffnung haben kann.

„Es muss nicht unbedingt heißen: Ich habe alles verstanden, ich habe die Antwort darauf. Es geht um den Funken Hoffnung, die die Verbundenheit der Menschen. Wir wollen am Leben bleiben, wir wollen Frieden!“

Thrice: Ich denke, Dustin versucht wirklich… ich meine, er spricht natürlich über spezifische Probleme, aber in diesen Texten gibt es immer so etwas wie „Wir können uns an der Hoffnung festhalten, das alles durchstehen“. Und auch als ein Aspekt der Selbstreflexion, wie man sich selbst ansieht. Wie geht es dir inmitten von all dem? Was können wir tun? Das ist eine weitere Sache, die zumindest in den letzten beiden Veröffentlichungen eine große Rolle gespielt hat: Ob es uns gefällt oder nicht, lasst uns einfach erkennen, dass wir alle im selben Boot sitzen.
Es muss nicht unbedingt heißen: Ich habe alles verstanden, ich habe die Antwort darauf. Ich denke, anstatt zu sagen: A) alles ist im Arsch, B) hier ist das Problem, über das ich spreche, und C) so kann man es lösen,  geht es um die Verbundenheit der Menschen. Wir wollen am Leben bleiben, wir wollen Frieden!

AFL: Das ist ein großartiger Schlusssatz! Es war wirklich schön, mit euch zu sprechen und eure Sicht auf diese Dinge zu erfahren.

Herzlichen Dank!

Chrissy & Marcus

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