2018 erschien das bisher letzte Werk aus Dinslaken. Niemals Stumm brachte 13 Tracks mit sich, die mit einer Spielzeit von beinahe 50 Minuten aufwarteten. Schon ungewöhnlich lang, gerade für ein Punkalbum. Und dann wurde es erstmal Stumm um Kreftich. Keine neuen Veröffentlichungen waren in Sicht. Klar, Konzerte wurden weiterhin gespielt und zwischenzeitlich feierte die Band auch ihr 25-jähriges Bestehen. Aber neues Material, darauf musste man nun fast 8 Jahre warten.

Zusätzlich, was vielleicht auch ein wenig zu der Verzögerung beigetragen hat, hat sich Kreftich auch zur Live-Kapelle von Andre Sinner entwickelt. Und hier und da sind mindestens Teile der drei auch noch in weiteren Bands tätig oder haben andere Projekte. Dazu kommt dann noch der tägliche Wahnsinn, Familie und Arbeit. „Hinderlich“ dabei war sicherlich ebenso, dass Kreftich keinen Drei-Akkorde-Punk machen. Auch wenn es hoch gegriffen ist, erinnert die musikalische Struktur doch zuweilen an Szenegrößen wie Propaghandhi. Und Flo am Schlagzeug trommelt sich auch einen zurecht, dass man sich hier und da schon fragt: Ist das noch Punkrock oder schon Prog?

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Wenn auch die Fähigkeiten von Lasse (Gesang, Bass) und Hagi (Gitarre, Gesang) nicht klein geredet werden sollten, so hebt Flo an der Drums Kreftich auf ein ganz anderes Level. Das passt technisch wie rhythmisch echt vorne und hinten. Hinzu kommt das teils extrem hohe Tempo, mit dem Flo seine Mitmusiker vor sich her treibt. Auf Keine Angst – um jetzt endlich mal den Albumtitel zu erwähnen – wurde mehrfach überrascht die Stirn gerunzelt und gedacht: Mensch, was spielt sich Flo da am Schlagzeug zusammen. Zwangsläufig musste dabei auch ein Vergleich zu Blink-182 gezogen werden, die gerade durch Travis Barker aus der breiten Masse hervorstechen.

Kreftich | Hagi, Flo, Lasse, v.l.n.r. – Credits Bene Voll

Neben zwei Nummern – Kopf auf Pause und Große Fragen – spiegelt Keine Angst die Eigenheit wie Sperrigkeit der Band nahezu perfekt wider. Keine Platte, die man trotz des Punkrock-Labels nur mal kurz auflegt und nebenbei hört. Gut, das waren Kreftich noch nie. Sie waren immer schon eigenwillig. Sie waren musikalisch und textlich immer schon eigenartig. Lange Build-Ups, nachvollziehbarer Tempowechsel, gerade Töne. Häufig, bis nahezu immer sträuben sich Kreftich gegen genau diese Konventionen. Das macht Keine Angst auf der einen Seite schon fast zu sehr unzugänglich, auf der anderen Seite profitiert die Platte dadurch von einer unglaublichen Langlebigkeit.

Wenn man Keine Angst den Raum gewährt, den es einfordert und Zeit gibt, dann gibt es viel zu entdecken. Viel zu viel, um es hier in ein paar Zeilen zu quetschen. Gerade weil – und das haben die bisherigen Veröffentlichungen der Kapelle mehrfach bewiesen – die Musik von Kreftich nicht für den Moment, sondern für die nächsten Jahre ausgelegt ist. Ob bewusst oder unbewusst: Kreftich wollen, dass man sich mit deren Musik beschäftigt. Sie wollen, dass ihre Gedanken hinterfragt werden. Trotz des Massenkonsums und der Wegwerfmentalität auch in der Musik liefern die Musiker aus Dinslaken Denkware ab. Ansonsten hätten sie auch sicherlich schlichten Punkrock gemacht, wo ein Track mit Glück mal die Zwei-Minuten-Marke erreicht.

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Keine Angst weicht auch von der derzeitigen Tradition im Punkrock ab, mindestens ein Feature und einen Akustiktrack auf die Platte zu werfen. Gut, bei einem Track wurde sich wohl Unterstützung an der Gitarre geholt. Und mit Kopf auf Pause findet sich auch eine kleine Ska-Nummer auf der Platte. Ansonsten ist das Werk aber absolut in sich stimmig. Drei Musiker, die sich sehr viel Zeit gelassen haben, an dem Album zu arbeiten. Drei Musiker, die keine Scheu davor haben, sich weit abseits von klassischen Punkrockkonstrukten zu bewegen.  Drei Musiker, die einfach ihre Erfahrung aus den letzten 30 Jahren mitgenommen haben und ihr eigenes Ding machen.

Gerade deshalb ist Keine Angst auch so authentisch. Es ist wieder so ein Album, für das eigentlich die Zeit vom Erhalt des Promo-Bundles bis zur Veröffentlichung bzw. der Review viel zu kurz ist. Eigentlich bräuchte man hier mindestens ein Jahr Vorlauf, um sich intensiv mit der Platte auseinanderzusetzen. Weil Keine Angst auch einfach mal zur Seite gelegt werden will. Es möchte nicht dauerhaft im Mittelpunkt stehen. Lieber möchte es bewusst gegriffen, gehört und verstanden werden. Möglicherweise ist der Gedanke nun etwas zu hoch gegriffen. Nur mal eben auflegen und hören; klar, das kann man machen. Jedoch entwickelt Keine Angst so nie das ganze Potential.

Die Platte erscheint auch auf Vinyl, wobei leicht auffällig ist, dass beim Mix dem Studio Lasse am Bass etwas zu gut gefallen hat. Hier und da wirkt der Bass tatsächlich ein wenig zu präsent, die Drums verlieren hingegen an manchen Stellen etwas an Druck und klingen zeitweise flach. Digital ist das nicht bemerkbar. Das ist bestimmt so eine absolute Kleinigkeit, die nur wenige bemerken, dennoch sollte der Gedanke nicht unerwähnt bleiben. Trotz der kleinen Kritik ist die Vinyl im schicken Bottle Green dennoch einen Kauf wert. Allein schon, um die Band zu unterstützen.

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Keine Angst wirkt wie eine Weiterentwicklung von Niemals Stumm. Wo Niemals Stumm womöglich an manchen Stellen etwas „poppiger“ war, macht Keine Angst das an Sperrigkeit mit Leichtigkeit wieder wett. Keine Angst ist kein Album für mal eben so. Es fordert die Aufmerksamkeit ein, bricht mit Gewohnheiten und ist dabei aber so laut, dass es nicht übersehen werden kann. Wie sich die Platte in die gesamte Diskografie von Kreftich einreihen wird, das wird sich erst in Jahren zeigen. Bis Keine Angst irgendwann auch die letzten Geheimnisse freigibt.

Keine Angst erscheint am 22. Mai 2026 auf Vinyl und digital über Weird Sounds. Am 30. Mai spielen Kreftich in Dinslaken in der DiWa zusammen mit der Kultpunkband Frustkiller und Captains Diary ein Releasekonzert. Zusätzlich stehen reichlich Konzerte an. Termine findet ihr unten.

Tracklist

  1. Intro
  2. Keine Angst
  3. Irrweg
  4. Sonnenstrahlen
  5. Geben und Nehmen
  6. 6 Schüsse
  7. Sonne und Wind
  8. Bis einer lacht
  9. Kopf auf Pause
  10. Heiko Geht Viral
  11. Thekenkleptoman
  12. Große Fragen
  13. Outro

Kreftich Live 2026

30.05. Dinslaken – DiWa (Releasekonzert mit Frustkiller und Captains Diary)
12.09. Oer-Erckenschwick – Joes
26.09. Hamburg – Gängeviertel
07.11. Bocholt – Vogelhaus
05.12. Duisburg Rheinhausen – Altes Mädchengymnasium
12.12. Hameln – Freiraum
18.12. Oberhausen – Druckluft

🎧 Folgt unserer Playlist
– Playlist: Happy Release Day

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