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Destroy Degenhardt- Das Handbuch des Giftmischers ::: Review (2017)

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Destroy Degenhardt, ehemals Disko Degenhardt, ehemals Degenhardt, nicht Franz-Josef, ist zurück und diesmal mit tatkräftiger Unterstützung eines Labels, nämlich Audiolith. Das ausgerechnet dieser Rapper eine musikalische Heimat gefunden hat verwundert. Schließlich stellte er bis Terror 22 seine Musik kostenlos zur Verfügung. Wer den Mann, der seit 2010 sein Unwesen treibt, nicht kennt, für den ein paar kurze Fakten:

Das „goldene Kind von Robert Smith und The Cure“ stammt aus Düsseldorf. Ansonsten tritt er nur mit Maske in Erscheinung und bleibt lieber anonym. Dennoch sind einige Fakten aus seinem Privatleben bekannt. Seine Eltern waren Flüchtlinge aus der DDR und lange in Haft. Während dieser Zeit war er bei seinen Großeltern untergebracht. Er lernte Krankenpfleger in einer psychiatrrischen Anstalt, fiel aber selbst unangenehm durch einen ausufernden Drogenkonsum auf, der zu zwei Psychosen führte, die auch seine Kunst beflügeln. Nachdem er seine Ausbildung geschmissen hatte, jobbte er in diversen Videotheken (was auch eines der Tarantino-Zitate auf dem Album erklärt). So zumindest die Geschichte laut Wikipedia. Eine Crew namens Johnny ist kein Tänzer hat er auch. Ein erstes Album erschien 2010 unter dem Namen Harmonie Hurensohn. Davon erschienen insgesamt drei Teile sowie zwei weitere Alben, die alle bis vor kurzem zum kostenlosen Download bereitsstanden.

Musikalisch und textlich, und da unterscheidet sich das neue Album auch nicht von seinem Frühwerk, handelt es sich um aufs wesentliche reduzierten Hip-Hop, ohne dass an neuere Entwicklungen wie Trap oder so angeknüpft wird. Es bleibt eine Stimme auf ’nem Beat, zum Teil sehr monoton und ohne gesungene Hooks. Wenn man sich die Lebensgeschichte des Künstlers ansieht, so wird auch klar, dass hier mit Lebensbejahung nix zu finden ist. Hier wird von kaputten Leben erzählt, von einer Gesellschaft, die am Abgrund steht und seine Insassen zynisch behandelt. Hier gibt es keine Prinzessinnen oder Einhörner, hier ist alles kaputt. Hervorzuheben sind die geschickt gewählten Samples, die aus Filmen und Serien stammen. Für die Punker sind auf dem Album auch mehrere Slime-Zitate zu finden. Sogar eine Akustikversion von Zu kalt ist auf dem Album vertreten. Aber es gibt noch mehr Querverweise, NMZS, Daily Terror, Oi!, fast jede Zeile ist eine Anspielung auf irgendetwas, sei es aus der Hip-Hop-Szene, aus der Punkszene oder auf irgendwelche Filme. Alles getragen von einer depressiven, zum Teil verzweifelten Grundstimmung. Eine Dystopie für Verzweifelte, Misanthropen und Intellektuelle. Auf dem Album sind mit Koljah von der Antilopengang und dem ähnlich agierenden Prezident auch zwei Brüder im Geiste vertreten.

Einen Kritikpunkt gibt es leider. Für mich, der sich schon mehrere Jahre mit dem Schaffen des Künstlers beschäftigt, bietet das Album wenig neues. Degenhardts Stimme bleibt gleich, auch die Stimmung unterscheidet sich nicht von früheren Alben. Irgendwann nutzt sich der Effekt ab. Versteht mich nicht falsch: Das Album ist großartig, vielleicht sein Bestes und jeder, der noch nicht vertraut mit dem Künstler ist, sollte die Gelegenheit beim Schopfe packen und sich das Album zulegen.

Fazit: Ein großes Album und eine gute Einstiegsdroge in den Sumpf von Degenhardt.

Vielleicht noch ein Zitat zum Abschluss, findet ihr auch unten bei den Videos:

Ich kann den einen Song nicht machen, um mich an allen zu rächen
Den einen Text nicht schreiben, um es allen zu zeigen
Doch wenn es dunkel wird, schieß‘ ich auf den Fernseher
Ich bin angetrunken, deshalb bin ich Elvis

01. Dr. Schlingensief
02. Eine Nacht für Niemand
03. Carhartt Depression (feat. Prezident)
04. Otaku Shore
05. Silke Bischoff Deluxe
06. Puaka Starlight
07. Die Nacht der langen Messer (feat. Yaesyaoh)
08. Aldi und das Meer
9. Fuchur
10. Fuchur 2 (feat. Koljah)
11. Think About Mutation
12. Zu kalt
13. Straßentechno
14. Ende

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