Berlin nach dem Jahrhundertregen: Die Wasserfluten sind versickert, die U-Bahnen fahren wieder und Fußgänger können sich wieder, ohne in offenen Gullys zu versinken, auf die Straße trauen. Aber immer noch hängen tiefe Wolken über der Stadt, bedrohlicher Wind weht durch die Straßen und ein leichter Regen fällt auf die Gesichter: erstklassiges Zombiewetter. Irgendetwas muss auch sonst in der Stadt passiert sein, dass sich die Punk Szene Berlins in einem Laden in Mitte trifft, in dem sonst Theater, Kino und Kunst Installationen zu sehen sind. Und tatsächlich – die „Lebenden Toten“ besuchen die ergraute Stadt. Zusammen mit „Mülltüte“ und ihren Freunden von „Diät“ stehen die Noise Punks aus Portland im ACUD auf der Bühne und überfallen den gentrifizierten Hipsterstadtteil mit einer Welle aus Lärm und Wut.

Diät und Mülltüte

Nachdem sich alle am lokalen Späti mit Bier eingedeckt haben und gegen halb zehn am Club angekommen waren, war schon klar, dass es eng werden würde. Der Hof war gefüllt mit Leuten und auch drinnen wurde es schnell voll. Als „Diät“ den Auftakt machen, ist das Konzert ausverkauft und die Zuspätgekommenen müssen sich mit einem Platz vor der Tür begnügen. Sofort beim ersten Song kommt Bewegung in die Menge und die Band sorgt mit ihrem rohen Post-Punk auch weiterhin für ordentlich Unruhe im Publikum. Das Set fährt eine Mischung aus dynamisch, treibenden Tracks auf, bei denen vorne bereits richtig die Post abgeht und solchen die eher ruhig, melancholisch sind, und mit deutlichem 80er New Wave Sound daherkommen.

Da „Mülltüte“ mit ihrem rumpelnden und scheppernden Punk Rock durchstarten, haben sich leider viele Besucher nach draußen verzogen, weil es schon bei der ersten Band extrem heiß war in dem Club, der etwa 300 Personen fasst. „Mülltüte“ lassen sich nicht auf Kompromisse ein. Keine verrückten Gitarrensolos, keine ausgefeilten Soundexperimente und nur gelegentlich mal Tempowechsel. Mit Gitarre, Gesang und Schlagzeug powert das Duo ohne viel Gequatsche durchs eigene Set, mit Songs, bei denen nach spätestens eineinhalb Minuten alles gesagt ist: Geil!

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Mülltüte

Lebenden Toten

Bis „Lebenden Toten“ anfangen, dauert es dann nicht mehr lange: Kurzer Umbau, das meiste Licht aus, die Pausenmusik von „The Fall“ wird schon mal in ein paar fetten Bassläufen erstickt und los kann es gehen mit einem Gebolze, das seinesgleichen sucht. Ein Teil des Publikums ist wegen der Hitze gar nicht mehr reingekommen, so dass es jetzt nicht mehr zu krass gefüllt ist und genügend Platz zum Pogen ist. Vom ersten Ton an treibt die Vierercombo mit einer Geschwindigkeit durch ihr Set, dass man kaum hinterher kommt.

Lebenden Toten

Trotzdem reißt die Dynamik das Publikum sofort mit, so dass es bis zum Schluss ordentlich rund geht vor der Bühne. Die Musik ist weniger ausschweifend und opulent als man das von einigen Crust Bands mit Metaleinschlag kennt. Es handelt sich eher um kurz angebundene, aufpeitschende Aggressionsschübe. Bass und Schlagzeug hämmern jeden Song unerbittlich mit höchster Energie seinem Ende entgegen. Begleitet wird das Ganze von einer Gitarre, die mit ihrem kreischenden Sound eine nervenaufreibende Lärmwand erzeugt und mit andauernden Feedbacks in die Songs keilt. Dazu kommt der fieberhafte Schreigesang  von Sängerin Chanel, die auch für einen Großteil der Texte zuständig ist. Sozusagen ein Soundtrack für den permanent-apokalyptischen Ausnahmezustand, was auch live rübergebracht wird auf einer Bühne, die fast ausschließlich von zwei Warnleuchten erhellt wird. Zwischen die panischen Noiseattacken mischen sich dann aber auch immer mal wieder straight stampfende Punk Rock Knaller, bei denen es sich gepflegt abfeiern lässt.

Lebenden Toten

Die Bandmitglieder spielen seit etwa 16 Jahren zusammen und sind unter dem Namen „Lebenden Toten“ zum ersten Mal in Europa, erzählen Chanel und Frank (Gitarre) nach dem Konzert:

„Wir sind vor ca. 15 Jahren mit unserer Band „Atrocious Madness“ zum ersten Mal in Europa gewesen.  Damals war ich an der Gitarre und Frank hat gesungen. Wir haben also getauscht (Chanel).“

Mit im Gepäck hat die Band eine Reihe neuer Songs. „Es ist eine Weile her, dass wir etwas rausgebracht haben – 7 oder 8 Jahre. Und das meiste von dem, was man im Internet findet, sind alte, mittlerweile vergriffene Platten. Die Static 12‘‘ ist eine der neuen Scheiben, die wir jetzt rausgebracht haben. Außerdem haben wir die neue LP Mind Parasites, eine 7‘‘ Flexi Disk, die At The Window heißt und einen Song auf einem Sampler, der letztes Jahr erschienen ist (Chanel und Frank).“

Die Tour ist so gut wie abgeschlossen, nur zwei Gigs stehen jetzt in Deutschland noch an, und beide sind bisher mehr als happy mit dem Verlauf. „Touren in Europa sind sehr anders als in den Staaten, es ist viel gastfreundlicher“, sagt Frank. Toll war es für die Band auch, alte Bekannte wiederzusehen. „Es war sehr nett, viele Leute wiederzutreffen, die wir seit unserer letzten Tour nicht mehr gesehen haben, wie heute, als wir einen Typen getroffen haben, der uns als „Atrocious Madness“ mal bei einem Reggae Festival an einem See in Serbien gebucht hat, was eine der absurdesten Sachen war, die wir je gemacht haben. Das ist wirklich inspirierend und großartig zu sehen, dass all die Leute von früher immer noch da sind (Frank).“  Das Berliner Konzert, das von Kumpel Christian Iffland (Static Shock Musik/ Diät) organisiert wurde, hat beide begeistert. Insgesamt ist der DIY Gedanke wichtig für die Band. Ob das Veröffentlichen von Musik, Tour Organisation, Artwork der Alben – alles wird entweder von der Band selber oder von Freunden gemacht. So erschienen bereits die alten Scheiben entweder bei den befreundeten Wicked Witch Records aus Amsterdam oder bei Overthrow Records aus Japan.

Textlich geht es bei der Band um die persönlichen Eindrücke von einer Gegenwart, die manipulativ und komplex ist. „Die Inspiration für meine Texte kommt sowohl von persönlichen Erfahrungen als auch von dem, was ich sehe was in der Welt passiert. Ich denke, dass die Dinge sehr miteinander verbunden sind: unsere innere Verfasstheit, die Art wie wir kämpfen und die Art wie wir von populärer Kultur und Politik beeinflusst werden. Es ist also das Persönliche, aber auch die politische Seite von Dingen, die dich als Individuum beeinflussen in der Art und Weise, wie du in der Welt funktionierst. (Chanel)“

Bei den gelegentlichen Texten von Frank sieht es ähnlich aus. „Es geht bei mir um das politische Klima und die Art, wie Menschen geformt werden, bzw. wie ihr Geist durch das Internet oder die Medien geformt wird (Frank).“  So ist auch das Thema allgemeiner Informationen sehr wesentlich für die Band. „Es geht um die ganzen Informationen und den Einfluss, den sie auf Dich haben. Auch zu hinterfragen, warum manche Informationen verfügbar sind und andere nicht ist mir dabei wichtig (Chanel).“ „Wir wollen auch verstehen, warum bestimmte Dinge in einer bestimmten Form präsentiert werden. Es geht ja nicht nur um die Informationen, die dir gegeben wird, sondern auch um die Frage, warum du genau diese Information bekommst. Ich denke, es gibt da zahlreiche Ebenen auf denen man beeinflusst und geformt wird durch Informationen, die einem zur Verfügung gestellt werden (Frank).“  Um dabei dazwischenzufunken, setzen „Lebenden Toten“ mit ihren Texten und der Musik ein paar wütende Fragezeichen.

So endet ein großartiger Punk Rock Abend mit megasympathischen Gästen aus Oregon, die mit ihrer überwältigenden Energie sicher bei vielen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, und die hoffentlich nicht erst in 15 Jahren wieder auflaufen.

Bei diesem Bericht handelt es sich um ein Gastbeitrag von Michael. Möchtest du auch ein Beitrag mit uns schreiben, dann kontaktiere uns unter info@awayfromlife.com.

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2015 als Solo-Projekt gestartet, ist AWAY FROM LIFE heute ein Team aus knapp 20 Freunden, die unterschiedlicher kaum sein könnten, jedoch durch mindestens diese eine Sache vereint sind: Der Leidenschaft für Hardcore-Punk. Diese Subkultur ist für uns kein Trend, sondern eine tiefverwurzelte Lebenseinstellung, etwas, das uns seit Jahren immer und überall begleitet. Hardcore-Punk bedeutet für uns, sich selbst zu entfalten. Dabei ist D.I.Y. für uns nicht nur eine Phrase: Wir probieren Sachen aus, lernen neues dazu und entwickeln uns weiter. Von der Szene für die Szene. Gerade deshalb hat es für uns oberste Prämisse, Personen aus dieser Subkultur zu supporten, die denken wie wir. Sei es Veranstalter, Labels oder Bands, unabhängig ihres Bekanntheitsgrad. Egal ob Hardcore-Kid, Punk, Skinhead oder sonst wer. Wir sind Individuen, einer großen Unity, die völlig zeitlos und ortsunabhängig existiert. AWAY FROM LIFE ist für uns ein Instrument diese Werte zu manifestieren und unser Verständnis für Hardcore-Punk auszuleben. Angefangen als reines Magazin, haben wir über die Jahre unser eigenes Festival, das Stäbruch, etabliert oder jüngst mit Streets auch eine Szeneplattform ins Leben gerufen, die für uns alle genutzt werden kann – genutzt für eine Sache, die uns verdammt wichtig ist: Hardcore-Punk!

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