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YELLOW CAP: Interview zum neuen Album

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Yellow Cap - Ska aus Görlitz. Datum: 20.04.2018. Fotograf: André Schulze, as-photos@gmx.de, www.as-photos.de, Tel. 0176-25420321

Von Görlitz an die Copacabana, diesen Traum erfüllte sich die neunköpfige Ska- und Rocksteady-Formation Yellow Cap bereits dreimal. Aber auch sonst kommt die 1998 gegründete Band immer gut rum, denn nicht nur für mich ist Ska eine Musikrichtung, die gerade live ihre volle Kraft entwickeln kann. Und so treibt es die Jungs um Kay Natusch immer wieder auf die Bühne und da ist es auch egal, ob diese nun auf einem Stadtfest, einem Punkfestival wie dem Ruhrpott-Rodeo oder auch in weit entfernten Ländern steht.
Besonders angetan sind sie allerdings von den Bühnen in Brasilien. Warum das so ist, wie es seinerzeit überhaupt zu der Bandgründung kam und was das neue Album so zu bieten hat, erfahrt ihr in unserem Interview.

Yellow Cap – Too Fucked To Go

AFL: Ihr seid ja immer wieder in Brasilien auf Tour. Was hat euch von Beginn an so an dem Land gereizt und gab es auch Anreize die hinterher eher nicht so waren wie in euren Vorstellungen?

Kay: Die unbeschwerte, selbstlose, offene und positive Art vieler Brasilianer. Sie haben fast nichts und müssen jeden Tag hart arbeiten, um irgendwie über die Runden zu kommen. Trotzdem haben sie ein anderes Verständnis von Eigentum als die Deutschen. Sie würden ihrem Gast oder ihren Mitmenschen mit einem Lächeln auf den Lippen ihr letztes Brötchen anbieten. Außerdem scheint in diesem Land gefühlt immer die Sonne, die Landschaft ist immer grün und für die Leute gehört das ausgelassene Feiern zum Leben dazu. Wenn Du auf die Bühne kommst und den ersten Ton spielst ist das Publikum auch wirklich da. Vom ersten Song an wird getanzt und mitgemacht als wenn es kein morgen gibt. Das tut sehr gut, wenn man auf die Bühne geht um gemeinsam mit den Leuten Spaß zu haben und zu feiern.

Da wir zum ersten Mal sehr unvoreingenommen nach Brasilien geflogen sind, fallen mir gerade keine Dinge ein, die nicht unseren Vorstellungen entsprochen hätten. Ganz im Gegenteil, einige von uns die noch nie in Brasilien waren, wollten gar nicht mehr zurück nach Deutschland und hatten es nach der Tour sehr schwer wieder in Deutschland anzukommen.

AFL: Gibt es in Brasilien eine starke Ska-Szene und meint ihr, ihr habt euch da mittlerweile auch schon einen gewissen Namen gemacht?

Kay: Auf jeden Fall. Wir haben das Gefühl, dass wir in Brasilien mittlerweile bekannter sind als in Europa. In den großen Städten wie São Paulo, Campinas oder Belo Horizonte gibt es durchaus eine lebendige Ska-Szene. Uns kommt es auch so vor, als wenn viele Brasilianer erst in den letzten Jahren den Ska für sich entdeckt haben. Dank der brasilianischen Ska-Bands OBMJ, Skamoondongos, Pequena Morte oder Sapo Banjo wächst die Szene auch stetig. Allgemein sind die Brasilianer aber auch mehr interessiert an handgemachter Offbeat-Musik als die Deutschen.

AFL: Ein Freund von mir, der ein paar Jahre in Rio lebte, empfand das Land stark gegensätzlich. Einerseits die schönen Strände und das freundliche Wesen der Brasilianer und im nächsten Moment starke Umweltverschmutzung und Kriminalität. Wie erlebt ihr das auf euren Touren?

Kay: Die Wahrnehmung deines Freundes können wir genauso unterschreiben. Glücklicherweise hatten wir aber noch nie schwerwiegende Probleme in Brasilien. Uns sind zum Glück auch noch nie irgendwelche Dinge gestohlen worden. Ganz im Gegenteil, es sind eher unerwartete Sachen passiert. Hier eine kleine Anekdote: Einmal hat einer von uns in Rio sein Handy im Taxi liegen lassen und der Taxifahrer hat uns danach so lange gesucht bis wir es wieder hatten.

AFL: Aber kommen wir mal wieder in unsere Gefilde – über die Jahre habt ihr auch hier einen echt ordentlichen Namen erspielt. Empfandet ihr das als schwer, denn so eine richtige Ska-Szene ist auf jeden Fall für mich nicht auszumachen.

Kay: Nun ja, wir hatten ja auch Zeit ;O) Schließlich sind wir seit 20 Jahren dabei und hatten in dieser Zeit Gelegenheit, in vielen Städten zu spielen. In Deutschland gibt es durchaus eine bodenständige Ska-Szene. Aus meiner Sicht sind viele der guten alten Rude Boys in die Jahre gekommen, haben jetzt Familien und können demzufolge auch nicht mehr auf jedes Konzert gehen. Was ich ein bisschen schade finde ist, dass sich leider nur sehr wenig junge Leute mit dieser wunderschönen Musik intensiv beschäftigen. Aus diesem Grund ist die Ska-Szene meiner Meinung nach in den letzten Jahren auch so stark geschrumpft. Früher haben wir oft auch vor nicht Ska-Publikum z.B. auf Studentenpartys gespielt. Das waren meist sehr berauschende und ausgelassene Feste. Auch sie finden heute leider nicht mehr so oft statt, weil auf den meisten Studentenpartys nur noch laienhafte DJ´s ihre MP3-Musik vom Laptop abspielen. Mit der heutigen Technik kann ja eigentlich auch jeder DJ sein. Ich ziehe immer noch den Hut vor Leuten, die mit Vinyl auflegen und sich vor ihrer Show Gedanken machen was gut ankommt und für welches Publikum sie Musik machen.

AFL:  Wie fühlt es sich für euch an, wenn ihr auf solch klassischen Punk-Festivals wie dem Ruhrpott Rodeo spielt? Fühlt ihr euch da manchmal als „Außenseiter“?

Kay: Nein, das kann ich nicht sagen, ganz im Gegenteil. Die Besucher, die es letztes Jahr schon so früh vor die Bühne geschafft haben, hatten sichtlich Spaß und haben auch allen Quatsch mit uns mitgemacht. Ich denke das liegt auch daran, dass gerade in den 80ern Ska & Punk gemeinsam gewachsen und stark voneinander beeinflusst sind. Beide Szenen kennen ihre Hymnen. Das merken wir auch immer wieder, wenn wir auf grandiosen tschechischen Festivals wie dem Mighty Sounds oder dem Pod Parou spielen.

Review ::: Yellow Cap – Too Fucked To Go

AFL: Euch gibt es mittlerweile seit 20 Jahren. Habt ihr euch damals aus einem Freundeskreis heraus gegründet? Erzähl doch mal was über eure Anfänge und die Intention die dahinter steckte eine Ska-Band zu gründen!

 Kay: Als wir uns 1998 in der kleinen Stadt Görlitz gegründet haben, wollten wir gern genau das Musik-Genre bedienen, zu dem wir so gern selbst feierten und immer noch gern feiern. Das war und ist natürlich Ska und Rocksteady. Und ja, wir haben uns gesucht um gemeinsam Ska zu machen und wir haben uns gefunden ;O) Neben vielen Künstlern, die genauso wie wir an die offbeatbetonte Musik ihr Herz verloren haben, konnten wir bis heute nicht aufhören dafür zu sorgen, dass diese wunderschöne, energetische und positive Musik weiterlebt.

AFL: Ihr veröffentlicht jetzt ja euer 6. Album Too Fucked To Go, wie läuft bei euch das Songwriting so ab? Würdest du mir zustimmen wenn ich sagen würde „umso mehr Leute im Songwriting involviert sind, desto schwieriger ist es auch“? Oder befruchten deiner Meinung nach mehr Leute eher die Songentstehung!

Kay: Gute Frage. Die kann ich Dir aber nicht mit einem klaren ja oder nein beantworten. Wenn man so wie wir ein bisschen länger zusammen Musik macht, kristallisieren sich bei einer Band die sich gut versteht, gut zusammenspielt, aber leider keine exklusive Booking-Agentur hat, bestimmte zu erledigende Aufgabenbereiche heraus. Die Einen sind fitter im Promotion machen, die Anderen besser im Booking oder in grafischen oder technischen Angelegenheiten und wieder Andere im Songs schreiben. Unser Hauptschreiberling ist unser Drummer Larry. Er bringt meist Song-Fragmente oder sogar fertige Songs mit zur Probe die dann verbal zerfetzt werden dürfen ;O). Am Ende einigen wir uns und finden den Weg wie der Song klingen soll und was er beinhalten soll, damit alle zufrieden sind. Er ist aber trotzdem nicht der Einzige der Songideen mitbringt. Da haben alle irgendwie Teil, egal ob Bläserthema, Texte oder Grooves … jeder trägt dazu bei, dass es zu aller erst für die Egos aller Bandmitglieder geil wird. Zu unserem neuen Album hat jedoch unser Gitarrist Christoph Schulz sehr viele Songs beigesteuert, worüber wir alle sehr glücklich sind.

AFL: Ich persönlich höre Ska mittlerweile fast nur noch im Sommer und wenn ich gut gelaunt bin. Darum ist Ska auch meine Sonnenschein-Musik und ich verbinde fast nur schöne Momente mit ihr. Was macht Ska für euch aus und was liebt ihr so sehr an der Musik?

 Kay: Dasselbe wie Du. Wir lieben es diese Musik zu spielen, weil wir fast ausschließlich positive und wunderschöne Erlebnisse mit ihr verknüpfen. Das ist denke ich auch der Grund wieso wir so lange dabei sind. Seit 2013 spielen wir in der aktuellen Besetzung und ich denke da haben sich 9 Leute gefunden, die irgendwie gleich ticken. Darüber bin ich sehr glücklich und ich kann es auch in den Gesichtern unseres Publikums sehen. Ich hoffe das bleibt auch noch eine Weile so.

AFL: Für euer neues Album habt ihr ein wundervolles Cover gewählt. Wer hat das denn entworfen?

Kay: Das Cover wurde von keinem Geringeren als Shiron the Iron entworfen. Er ist ein brasilianischer Künstler aus der Stadt Belo Horizonte. Während unserer letzten beiden Touren in Brasilien hatten wir das Glück mit ihm ein paar Tage im wunderschönen Macacos zu verbringen. Er hat auch das Cover für unsere 7“ Single „around the world“ gemacht, die wir gemeinsam mit Victor Rice in São Paulo aufgenommen haben. Zwischen uns hat sich eine wirklich gute Freundschaft entwickelt.

AFL: Eure Band zählt meines Wissens nach neun Mitglieder. Hat man bei so einer großen Band nicht auch häufiger mit Mitgliederwechseln zu kämpfen oder ändert sich das prinzipiell nicht mit steigender Mitgliederzahl?

 Kay: Ja und nein. Wie bereits erwähnt, seit 2013 spielen wir in der perfekten Konstellation zusammen und ich hoffe, dass sich das nicht so schnell ändern wird.

AFL: Wie seht ihr den politischen Stellenwert in eurer Musik und im Genre allgemein?

Kay: Wir haben jeder unsere eigene Meinung und positionieren uns klar gegen Rechts. Unsere Konzerte sind aber eher dazu da um Spaß zu haben. Wir sind keine Politiker, wollen eher mit unserem Publikum zu unserer Musik feiern und den Leuten mal die Chance geben abzuschalten.

AFL: Ihr habt im Frühjahr dieses Jahres u.a. in Ostritz gespielt, um einen zeitgleich stattfindenden Rechtsrockkonzert die Stirn zu bieten. Seitdem gab es leider viele weitere unschöne Vorfälle, in Bezug auf den Rechtsruck.
Wie erlebt ihr die Stimmung in diesen Tagen?

 Kay: Das ist ein großes Thema und ich könnte wahrscheinlich ein Buch darüber schreiben. Mich beängstigt nicht nur die politische Entwicklung in Deutschland, gerade wenn ich auf unsere Geschichte zurück schaue, sondern auch die auf der ganzen Welt. Wer wählt Idioten wie Donald Trump oder Jair Messias Bolsonaro. Wirklich traurig. Ich dachte immer, wenn das in Deutschland so weiter geht, dann ab nach Brasilien und dann diese Wahlergebnisse in Brasilien. Ich bin fassungslos.

 AFL: Ich selber habe ein sehr großes Problem damit, dass diese Diskussion oft nur auf Ostdeutschland bezogen wird und hier alle über einen Kamm geschoren werden. So findet man sich als Bewohner von östlich gelegenen Gefilden oft schon allein aufgrund seiner Heimat Anfeindungen ausgesetzt oder muss sich rechtfertigen.
Wie erlebst du das?
Ich erinnere mich an ein sehr unschönes Konzert einer großen Punkband, auf dem die wunderschöne Stadt Schneeberg seinerzeit unter kompletten Generalverdacht gestellt wurde.

Kay: Von der Sache in Schneeberg habe ich leider nicht wirklich etwas mitbekommen. Ich habe aber aufgehört mit Menschen zu diskutieren, die nicht über ihren eigenen Tellerrand schauen können. Ich empfinde solche Diskussionen eher als sinnlos und meide sie lieber. Das mag überheblich klingen, aber dafür ist mir meine Zeit wirklich zu schade. Leider musste ich in der Vergangenheit zu oft solche Diskussionen führen und habe festgestellt, dass sie zu nichts führen. Wenn ich sehe, dass sich z.B. in Dresden am Montag immer noch unzählige Hirnverbrannte versammeln die meinen Pegida ist eine feine Sache, dann frage ich mich ob die Leute nichts besseres zu tun haben als ihrem Zeitvertreib nachzugehen.

AFL: Ihr vertretet ja nicht so den klassischen Skinhead-Ska, sondern lasst eher andere Stile mit einfließen, die eure Musik meiner Meinung nach auch so erfrischend machen. War diese „Distanz“ zum klassischen Offbeat von euch immer beabsichtigt?

Kay: Von einer Distanz kann man hier glaube ich nicht sprechen. Wir lieben jamaikanische Klassiker die aus dem Studio 1 oder von Trojan Records gekommen sind und feiern diese Musik auf jeder Ska-Party. Diese Leute hatten aber genau wie wir ihre Zeit. Ich persönlich möchte im Jahr 2018 nicht mehr nur Musik aus den 60er Jahren machen. Auch wenn sie noch so schön ist, Historie hat und super gefühlvoll ist. Jeder der in dieser Zeit gefangen ist und es liebt immer wieder in die Vergangenheit zu reisen soll das gern machen. Wir als Yellow Cap haben uns aber entschieden die Musik zu machen mit der wir gewachsen sind, die uns Spaß macht und wir lassen oft auch ganz unbewusst alle Stile einfließen die uns gefallen und verbinden. Das mag uns der Eine oder Andere vielleicht übel nehmen, auch das ist vollkommen O.K.. Es gibt ja glücklicherweise immer noch unzählige Bands die ganz viel Wert darauf legen genau diesen alten Sound nachzuspielen, zu covern und zu reproduzieren. Wir haben uns eben für etwas Eigenes entschieden und bleiben trotzdem unserem geliebten Genre Ska & Rocksteady treu.

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