Youth Okay – Turns ::: Review (2019)

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Als ich Turns, das neue Album der Münchener Punk-Alternative-Band Youth Okay erhalte, weiß ich schon, worum es geht. Um das Thema Depressionen, hat man mir gesagt. Man wolle mit der LP und dem zugehörigen Buch solche psychischen Erkrankungen enttabuisieren. Indem man sie zu einem Thema macht, das alle angeht. Denn auch, wenn beinahe jeder jemanden kennt, der von Depressionen heimgesucht wird oder wurde, oder selbst betroffen ist, trauen sich noch viel zu wenige dieses Thema als das zu behandeln, was es heute leider ist: Normalität.

Ausgelöst durch den Tod eines sehr engen Familienmitglieds in Folge dieser stillen Krankheit, entstand der Wunsch, das neue Album diesem Thema zu widmen und die Lautstärke aufzudrehen.

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Fast schon ehrfürchtig und vorsichtig nehme ich die Platte aus dem Paket, denn nicht nur sie auch ihr Inhalt ist ein zerbrechlicher, denke ich. Und dann setzt die Musik ein und ist so ganz anders als das, was ich erwartet habe. So gar nicht traurig und leidend. Eher energisch und kraftvoll, fast schon tröstend.

Vom ersten Song an liefert Turns eine Sammlung an Stücken ab, die man schwer in eine Schublade packen kann. Mal Alternative-Rock, mal Punk mit aus tiefster Kehle geschrieenen Texten, mal poppig und hier und da mit Chören und sogar Bläsern.

Die sind ein Überbleibsel der einstigen Brass-Punk-Band Naked Superheroes, die auch nach ihrer Neuerfindung und der Umbenennung in Youth Okay nicht auf die Blasinstrumente verzichtet, sie durch Effektgeräte aber so stark elektronisch verfremdet, dass Trompete und Posaune wie Synthesizer anmuten. Heraus kommt eine Art Pop-Punk mit Elektro Seitenhieben.

YOUTH OKAY / (c) Paul Ambrusch

Auch, wenn Youth Okay sicher nicht das Rad neu erfinden – ich höre immer wieder Blackout Problems und sogar Senses Fail heraus – so ist ihre Mischung aus Pop, Punk und Brass und die unglaublich fesselnde Atmosphäre der Songs doch neu und ungewohnt. Und auch die Umsetzung der Platte als Konzeptwerk mit Buch und dieser wichtigen Message ist beachtenswert. Auf Turns steht der Inhalt im Vordergrund, auch wenn die Musik sich ebenso sehen / hören lassen kann. Vielschichtig, tief schürfend und intensiv.

Youth Okay zeigen, dass sie ihr Handwerk beherrschen und man merkt, dass ihnen noch weit mehr an der Message ihrer Songs liegt, als an der Musik selbst.

In Static Air glaubt man tatsächlich das Gefühl des Getriebenseins auf der einen und der Apathie auf der anderen Seite herauszuhören, die viele von Depressionen Betroffene empfinden. Ein ständiger Wechsel zischen vertrackten und getrieben klingenden Parts und getragenen Parts, die sich schließlich in Synthie-Bläsern und fetten Beats überschlagen und in einem Orchester aus Tönen und Empfindungen münden.

Supposed To Do spielt ebenfalls mit diesen Gegensätzen und Widersprüchen und vermittelt das Verlorensein und die Hilflosigkeit. Was als Elektro-Pop-Stück beginnt, mündet in einem pathetisch klingenden Sopran-Chor, unter den sich der immer energischer werdende Gesang mischt.

Das Video hierzu ist bewegend:

Mouse In Maze wagt den Versuch, sowohl die Innenwelt als auch die der Angehörigen von Depressiven zu schildern

„In my mind I remember, that you fell behind. Now we’ll meet in the safe zone to hide / From the demons, that followed at your side.“

Auch politische Missstände und aktuelle gesellschaftliche Themen werden auf Turns angesprochen. Sie haben auf den ersten Blick vielleicht nichts mit dem Thema Depressionen gemein, dürften aber sicherlich auch ihren Beitrag zur inneren Zerrissenheit unserer Gesellschaft leisten.

Get Up thematisiert die Meinungs- und Redefreiheit und auch hier macht ein Chor sozusagen das Kraut fett, will meinen: Er verleiht dem Song die nötige Schwere und Bedeutung.

World On Fire handelt von unserer Doppelmoral hinsichtlich ökologischer und politischer Korrektheit und Humanität und zwingt uns dazu, uns an die eigene Nase zu greifen:

„The fur I’m wearing is already dead. / I’m not a killer / I live in peace. / My smartphone is everything I need / But if it’s old / I want it new / I’ll buy a better one or maybe I need two?“

Unglaublich großartig klingen, die verzerrten Bläser, die sich erst als Auftakt und später im Hintergrund des Sprechgesangs ins Ohr fressen.

Left untold entpuppt sich als mein persönlicher Ohrwurm Track, der mich besonders durch die Backgroundchöre und die einfache aber schöne Melodie packt. Und Zeilen wie diese, die scheinbar auf alles heutzutage passen:

„We are the fallen down / hitting the solid ground / we gonna try  / gonna try it again! „

Turns berührt mich, vor allem auch wegen des Buches, das Youth Okay zur Platte veröffentlicht haben. In wirklich toller Aufmachung, kommt es wie ein Tagebuch daher, in dem Gedanken gesammelt sind – von Bandmitgliedern,von Betroffenen, von denen, denen es heute besser geht. Dazwischen Liedtexte und Seiten, die zum Nachdenken anregen.

Es gibt kein Vorne und Hinten. Man kann das Buch drehen und von der Gegenseite lesen. Mal sind die Zeilen der Texte horizontal gespiegelt, mal brechen sie aus dem Rahmen aus. Eine Message, die so wunderbar verpackt ist: Es ist okay, nicht okay zu sein. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.

Ich bin dankbar, dieses Review schreiben zu dürfen und bin wirklich berührt von der Mühe, die Youth Okay hier hinein investiert haben.

Mit Turns zeigen Youth Okay, dass Depressionen nichts sind, was man mit Samthandschuhen aus der Verpackung nehmen muss, sondern denen man offen und mit viel Empathie begegnet, um ein Verständnis zu entwickeln. Denn es kann uns alle treffen, und niemand von uns wünscht sich dann wahrscheinlich wie Glass behandelt zu werden, das so transparent ist, dass man durch es hindurch schauen kann, sondern, das Ecken und Kanten hat, die man (be)greifen und festhalten sollte.

Tracklist

  1. The One To Change
  2. For A Moment
  3. Get up
  4. Static Air
  5. Supposed To Do
  6. What’s It All About
  7. Mouse In A Maze
  8. World On Fire
  9. Left Untold
  10. Quite A Lot Alone
  11. Turn Around
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