Cheap Stuff - 2020

Cheap Stuff aus Dresden haben vor wenigen Monaten ihr viertes Album Kings & Pawns über Contra Records veröffentlicht. Diesen Anlass konnten wir nicht tatenlos an und vorbeiziehen lassen, und haben Sänger Frank und Gitarrist Sille ein paar Fragen gestellt.

„Langeweile und Ruhe genießen zu können und nicht mehr im Stress sein zu müssen, habe ich persönlich als sehr angenehm wahrgenommen und es ist schade, dass davon wenig übrig geblieben ist“

AFL: Hey Jungs, wie wäre es wenn ihr euch, für unsere Leser, die euch noch nicht kennen, kurz vorstellt?

Sille: Wir verorten uns im weitesten Sinne im Punkrock und bestehen aus Frank am Geschrei, Jupp und Sille an der Gitarre, Kühner an den Trommeln und seit Anfang 2020 der Arny am Bass. Wir kommen aus dem Umland von Dresden/Meißen, wo wir vor gut zwei Jahrzehnten angefangen haben unsere Instrumente zu vergewaltigen und aktuell auch unseren Proberaum haben.

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AFL: Vor wenigen Monaten ist euer drittes Album Kings & Pawns auf Contra Records erschienen und die Kritiken sind bisher recht gut ausgefallen. Was macht das Album für euch persönlich zu etwas Besonderem?

Cheap Stuff - Kings & Pawns (2020)
Cheap Stuff – Kings & Pawns (2020)

Frank: Für mich ganz eindeutig, die Gastmusiker. Wie aus einer groben Idee und aus
unseren Songs, die Songs geworden sind, die man nun auf der Platte hören kann. Die Arbeit mit Thomas, im HIP GUN Studio in Feldschlösschen, ist immer sehr fruchtbar und angenehm.

Sille: Besonders ist für mich, dass ich mir die Songs auch nach dem hundertsten Mal noch anhören kann, was mir bei eigener Mucke nicht soooo oft passiert. Und vielleicht, dass ich das Ganze, für unsere Verhältnisse, ziemlich abwechslungsreich finde. Auch dieses Drumherum, mit den Videos und die Entstehung des Covers, welches aus einem zufälligen Foto beim Videodreh entstand (Grüße an Ray von Zeschau). Da hat diesmal schon einiges gut ineinandergegriffen. Aber wir hatten uns ja auch eine Menge Zeit gelassen.

AFL: Worin liegt der Unterschied zu seinen Vorgängern Live And Die In The Prison Of Life und Victims Of Cheap Stuff?

Frank: Puuh also es liegen über 15 Jahre zwischen der Veröffentlichung der ersten Platte und Kings and Pawns. Das heißt pickelige Knaben sind zu Erwachsenen geworden. Die erste Platte haben wir damals noch grün hinter den Ohren in Berlin Friedrichshain aufgenommen.

In zwei Wochen, erst die Drumspuren, dann Bass und Gitarren, zum Schluss Gesang. Wir waren im Nachbarstudio von Toxpack (Grüße an der Stelle), die damals bei Peter Oz ihre Aggressive Kunst aufgenommen haben. Es wehte ein Hauch von neunziger Jahre durch den Flur des Soundwerk Orange Studios und irgendjemand hat uns mit feinstem Berliner Gras, die Wartezeit auf den nächsten Take versüßt. Wir waren jung und hatten kein Geld.
Die Victims Of Time haben wir in der Kombi Nünchritz aufgenommen über Wochen und waren eigentlich auch da selten nüchtern.

Das Schreiben und Aufnehmen der aktuellen Platte hat ca. drei Jahre gedauert. Unser Jupp war 2016 auf Weltreise und ist Papa geworden, ich bin selbst Vater seit 2005 und auch unser Bassist hat eine Familie gegründet. Das bedeutete wir konnten nur am Wochenende aufnehmen und alles außer dem Gesang und den Overdubs wurde live eingespielt. Vielleicht ist die Platte reifer und abwechslungsreicher als ihre Vorgänger. Ich persönlich hatte immer das Gefühl, dass wir mehr erreichen könnten als wir uns zugetraut haben, aber wir sind halt Jungs aus Ossi-Familien, da hat man gelernt, sein Licht unter den Scheffel zu stellen.

Sille: Also beim ersten Album hatten wir ja überhaupt keine Ahnung, wie das in einem professionellen Studio so läuft und sind da auch recht naiv ran gegangen. Bei der zweiten Platte hatten wir da schon konkretere Vorstellungen, aber keine Ahnung von technischen Möglichkeiten usw. Die Songs sind gut, der Sound an sich… naja. Zeichen der Zeit eben. Mittlerweile haben wir aber mit Thomas aus`m Hip Gun Studio in Feldschlößchen einen sehr entspannten Techniker gefunden, der sich mit der Zeit als echter Glücksgriff und sehr guter Freund entpuppte. Wir machten dort auch schon die Aufnahmen zur Skill Pills 7inch und den ganzen Split-Sachen der letzten Jahre.

AFL: Euer Release ist mitten in die Coronazeit gefallen? Was hat das für euch und das Album bedeutet?

Frank: Das hat leider bedeutet, dass wir nicht mit Bishops Green und Lower Class Brats im AJZ Chemnitz spielen konnten und ca. fünf andere fest geplante Shows ins Wasser gefallen sind. Auch unsere Record Release Show konnte nicht stattfinden. Die Veröffentlichung ist somit verpufft wie ein Furz in der Wüste.

Sille: Naja, verpufft vielleicht nicht gleich, aber es bedeutet eben, dass wir viele der neuen Songs noch nie live spielen konnten und wir halt auch nicht wissen wie das Interesse an unserm neuen Output so ist. Kurz vor der Release Show wurde halt alles abgesagt.

AFL: Können wir aus der ganzen Krise auch etwas Positives gewinnen? Was meint ihr?

Frank: Ja, man kann aus jeder Krise immer etwas positives ziehen. Manche Menschen verhalten sich in solchen Situationen emphatischer und solidarischer. Mal eine Pause machen und auf den Wettlauf mit der Zeit spucken. Langeweile und Ruhe genießen zu können und nicht mehr im Stress sein zu müssen, habe ich persönlich als sehr angenehm wahrgenommen und es ist schade, dass davon wenig übrig geblieben ist (Stand Mitte Juli 2020).

Sille: Naja, es ist ja selten alles nur negativ. Man kriegt sicher mit, was einem eigentlich wichtig ist, und lernt auch Sachen zu schätzen, die wir im Alltagstrott gar nicht immer so wahrnehmen. Sicher tut auch diese ganze Entschleunigung dem Planeten und den Menschen, die sich sonst nur schwer eine Auszeit nehmen können, recht gut. Obwohl das für einige auch wieder andere Probleme mit sich bringt. Kommt halt immer darauf an, wie man das sieht. Was den kulturellen Sektor angeht, ist es ein Desaster.

AFL: Aktuell gab es bei euch ja vor einiger Zeit einen Besetzungswechsel am Bass. Hat euch das als Band vor eine große Herausforderung gestellt?

Frank: Eigentlich nicht, denn jeder Dresdner Punkrock-Fan, der schon mal eine Gitarre in der Hand hatte, kennt jeden unserer Songs auswendig.

Sille: Abgesehen vom freundschaftlichen Aspekt? Was die Personalie an sich angeht, nicht. Da wir mit Arny auch gleich jemanden gefunden haben, der wirklich Bock hat und sich mit ein wenig Unterstützung den ganzen Kram in kürzester Zeit drauf gepackt hat. Drei Proben und die Sache stand. Nun warten wir nur noch auf den Einsatz. Ralle ist selbstverständlich auch weiterhin ein Teil der Crew, der bis dato immer einen geilen Glatzen-Bass gespielt hat. Ein Typ, auf den man sich verlassen kann und dessen Humor uns sicher echt fehlen wird. Aber die Kontakte werden gepflegt, auch wenn ein paar Prioritäten erst mal anders gesetzt sind.

AFL: Mittlerweile gibt es euch schon über 20 Jahre und es ist eine Menge passiert. Gibt es etwas, dass ihr zurückblickend gerne anders gemacht hättet oder gar bereut?

Sille: Bereuen ist ein zu hartes Wort. Ich glaube wir hätten uns hier und da etwas mehr dahinterklemmen können, aber letztendlich konnten wir aus allem was wir so erlebt haben etwas Positives ziehen und hatten, bis auf ein paar „Raufereien unter Freunden“, immer eine Menge Spaß.

AFL.: Drei schnelle Fragen:

– Das schlimmste Lied aller Zeiten?

  • Frank: Schlimmstes Lied von uns? Da würde ich Circle of Life von der zweiten Platte nennen. Von anderen Musikern fällt mir spontan von Haiducii – Dragostea Din Tei ein.
  • Sille: Du meinst von uns? Die sind alle namenlos und unveröffentlicht.

– Euer größtes bandinternes Laster?

  • Frank: Dreckiger Humor und kaltes Bier.
  • Sille: Da stimme ich voll zu.

– Was habt ihr auf Tour schon einmal verloren und habt es bis heute nicht wieder?

  • Frank: Meist haben andere etwas verloren, wenn wir zu Gast waren. Es tut uns ehrlich leid.
  • Sille: Nerven und Gehirnzellen.

AFL: Auf dem Oireszene-Blog werdet ihr neben den The Suburbs als „Grauzoneband“ bezeichnet. Was sagt ihr dazu?

Frank: Ich fand es früher als ich davon erfuhr echt beschissen. Mittlerweile ist es mir egal. Wir wissen wer wir sind. Grauzone heißt glaube ich, rechtsoffen sein, dass sind wir aber nicht.

Witzig ist, dass wir, so glaube ich auf der Liste stehen, weil wir 2015 oder so, gemeinsam mit The Suburbs den Support für Old Firm Casuals gemacht haben, wohlgemerkt im SO36 im Multikulti Kiez Kreuzberg. Ich liebe Rancid und Lars Frederiksen liebe ich auch. Ich glaube nicht, dass jemand der in den Slums von LA seine Jugend zwischen Latinos und Afroamerikanern verbracht hat, ein Nazifreund ist, nur weil er 20 Jahre später in Europa, vielleicht unwissentlich mit irgendeiner Oi! Band gespielt hat, dessen Sänger oder Roadie einen Cousin oder Stiefvater hat, der seinen rechten Arm nicht unter Kontrolle hat. Das ist einfach Bullshit und stigmatisiert die falschen Leute. Ja Menschen machen Fehler und Oi! und Streetpunk hat oder hatte diesbezüglich sicherlich komische Verwicklungen.
Aber die bewerfen die falschen Leute mit Dreck. Wir haben uns früher mit Faschos geprügelt und wer zwischen den Zeilen lesen und Texte interpretieren kann, der sollte wissen, dass wir keine Grauzone sind. Wer aber weiterhin Zweifel an unserer Haltung hat, der soll uns einfach ansprechen, statt anonym irgendwelche Listen zu erstellen.

Sille: Gibts diesen Blog noch? Keine Ahnung, ich beschäftige mich eigentlich nicht mehr mit solchen Dingen. Aufgrund der Erlebnisse in meiner Jugend und dem ganzen Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, sind für mich ein paar grundlegende Dinge gesetzt. Dazu gehört auch eine antifaschistische Grundhaltung, die ich mir auch nicht streitig machen lasse. Selbst wenn irgendwelche gesichtslosen, Tastatur-Masochisten sich einbilden, die Perfektion eines korrekten Antifaschisten zu sein. Füttert weiter die Maschine! Abgehakt.

AFL: Dresden hat eine vergleichsweise kleine, aber aktive Punkszene. Was schätzt ihr an eurer Heimatstadt und was kotzt euch richtig an?

Frank: Ich liebe die Chemiefabrik und die vielen coolen Bands und Leute, die es hier gibt. Was mich ankotzt, sind die Vorurteile gegenüber unserer Stadt, wegen diesen Vögeln, die hier ab und zu marschieren und meist gar keine Einheimischen sind.
Das Ordnungsamt, Hippies, die auf der Straße sitzen, Faschos, Hundescheisse auf dem Fußweg und der überall präsente Bauwahn, sind Dinge, die ich nicht mag.

Sille: Ja, in Dresden gibts ne Menge fantastischer Bands und es ist auch ein schönes Gefühl sich mit diesen umgeben zu können und viele, der darin tätigen Menschen, als Freunde bezeichnen zu dürfen. Mit Strongbow, High Society und Cunninghams gab es da auch schon oft personellen Austausch, der zumindest für mich persönlich, auch immer recht inspirierend war. Aber auch so könnte es einen schlechter treffen, was den Punkrock-Background angeht. Schon die Existenz der sich immer mehr mausernden Chemiefabrik ist ein echter Goldschatz. Was in diesem Dunstkreis alles passiert ist schon sehr erfrischend.

AFL: In der Vergangenheit habt ihr Größen wie Bonecrusher und Old Firm Casuals supportet. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass da noch einige unerfüllte Wünsche offen sind. Mit wem würdet ihr euch gerne nochmal die Bühne teilen?

Frank: Lower Class Brats wäre geil gewesen, The Devided klappt vielleicht sogar, The Forgotten. Die Berlin Blackouts haben wir im November 2019 supportet, die waren live sooo geil. Downtown Struts, Swingin`Utters, The Wretched Ones liebte ich früher für ihre „stumpfe“ Art, Smoke Blow zu German Angst Zeiten, Oxymoron… ach keine Ahnung. Es gibt so viele gute Bands, alte und neue Helden.

Sille: Ich weiß nicht ob ich da spezielle Wünsche habe. Letztendlich geht es um das Spielen an sich. Und egal wer vor oder nach uns spielt, ich versuche immer irgendwas für mich mitzunehmen… manchmal auch ein fremdes Gitarrenkabel, haha.

AFL: Ihr dürft das Line Up für ein „Ein Tages – Festival“ aussuchen. Was erwartet die Besucher?

Sille: Oh, ich denke da gibt es viel zu viel was ich schätze und mag. Solange es nicht irgendwelches brutales Gegrunze ist, kann ich mir live eigentlich alles anhören, was irgendwie Punkrock ist. Aber die von Frank oben Genannten wären schon mal ein guter Anfang.

AFL: Wie sehen eure Pläne für die Zukunft aus? Gibt es noch unerreichte Ziele?

Frank: Ich würde gerne mit meinen geliebten CS Boys und ausgewählten Musikern für vier Wochen auf einer Farm leben, um dort ein Doppelalbum zu schreiben und aufzunehmen.

Sille: Haha, da reichen vier Wochen bestimmt nicht. Aber klingt gut, schön mit Bier und Grill. Aber zurzeit will ich eigentlich nur mal wieder live spielen.

AFL.: Gut, ich denke damit haben wir es geschafft und danke euch, dass ihr euch Zeit genommen habt. Gibt es noch etwas das ihr loswerden wollt?

Frank: Nehmt den Fuß vom Gas, geht Wandern, seid nett zueinander, lebt eure Träume und seid kreativ, anstatt euch mit Netflix und dem ganzen Shit berieseln zu lassen.

Sille: Danke, für euer Interesse… bleibt am Ball. Tausend Grüße und Küsse an unsere jahrelangen Supporter, Freunde und Familien und alle, die es möglich gemacht haben, dass wir Kings and Pawns in die Tat umsetzen konnten.

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