Kennt ihr das noch – Großmutters Haus? Sobald sich die Tür öffnete, lagen der Geruch des Gasherds und der Duft von irgendetwas Leckerem in der Luft. Der Hund begrüßte einen voller Freude, während Oma einem einen feuchten Kuss auf die Stirn drückte. Zugegeben, auf Letzteren hätte man gut verzichten können. Trotzdem war das Gefühl jedes Mal dasselbe: Man fühlte sich geborgen. Da war diese ganz besondere Wärme – und meistens gab es noch ein paar Süßigkeiten, die einem heimlich zugesteckt wurden.
Für mein Empfinden ist der Bandname Grandmas House deshalb mehr als nur ein Name. Denn genau dieses wohlige Gefühl stellt sich beim Hören ihres Debütalbums Baby You’re A Winner ein. Die Wärme und das Vertraute sind sofort da. Das liegt bestimmt auch an der rauen Stimme von Gitarristin Yasmin Berndt, die mich immer wieder an Bands aus vergangenen Jahrzehnten erinnert – an Hole, Babes in Toyland und den ungeschliffenen Alternative Rock der Neunziger.
Mit einem vollkommen gemütlichen Besuch bei Oma sollte man diese Platte trotzdem nicht verwechseln. Unter ihrer warmen Oberfläche knurrt und brodelt es gewaltig. Grandmas House bewegen sich zwischen Post-Punk, Punkrock, Grunge und Alternative Rock. Dabei klingt das Quartett mal melodisch und verletzlich, mal aggressiv und chaotisch. Produzent Ali Chant, der unter anderem bereits mit PJ Harvey, Perfume Genius und Yard Act gearbeitet hat, gibt den zwölf Songs genügend Raum, ohne ihnen ihre Energie zu nehmen. Besonders die ineinandergreifenden Stimmen und Harmonien sorgen dafür, dass Grandmas House vielschichtiger klingen als noch auf ihren bisherigen EPs.
Schon der eröffnende Titelsong zeigt, dass die Wärme von Grandmas House nicht mit Harmlosigkeit verwechselt werden darf. Baby You’re A Winner wirkt zunächst wie eine aufmunternde Liebeshymne: Ein Mensch soll endlich erkennen, was ein anderer längst in ihm sieht. Doch zwischen blühenden Gärten, Beschwörungen und einer Liebe, die selbst über das Grab hinausreichen soll, schleicht sich etwas Besessenes und angenehm Makabres ein. Der optimistische Refrain trifft auf dunkle Bilder – und genau dieser Gegensatz steht sinnbildlich für ein Album, das immer wieder zwischen Licht und Dunkelheit wandert.
Dog zeigt anschließend die deutlich bissigere Seite der Band. Der Song reflektiert chronische Krankheit und die Frustration über medizinische Behandlungen, die keine wirkliche Hilfe bringen. Er knurrt, fletscht die Zähne und verbeißt sich in sein Thema wie der sprichwörtliche Hund in seinen Knochen. Die Belastung klopft an die Tür, steigt durchs Fenster und kriecht schließlich über den Boden. Musikalisch wirkt das Stück entsprechend roh, bedrohlich und angriffslustig.
Auch The Table arbeitet mit einem starken, alltäglichen Bild. Das Verlassen des gemeinsamen Tisches steht für das Ende einer Beziehung, in der längst nichts mehr zu retten ist. Das Essen ist kalt, die eigene Grenze erreicht und selbst auf den Nachtisch kann man dankend verzichten. Gleichzeitig geht es um die Erfahrungen der Band als Frauen in der Musikindustrie und um Männer, die glauben, ihnen würde etwas zustehen. Was ursprünglich deutlich punkiger angelegt war, entwickelte sich durch die zahlreichen Liveauftritte der Band zu einer großen Rocknummer.
Überhaupt lebt Baby You’re A Winner von seiner musikalischen Bandbreite. Dance verbindet synkopierten Post-Punk mit Bläsern, Next Big Hit (Choo Choo) richtet sich mit voller Wucht gegen die Herabwürdigung von Frauen im Musikgeschäft und Spring beendet das Album mit einer beinahe kammerfolkartigen Atmosphäre. Trotz dieser unterschiedlichen Einflüsse wirkt die Platte nicht zusammengewürfelt. Zusammengehalten wird sie durch die Stimmen, die Freundschaft der vier Musikerinnen und das ständige Wechselspiel zwischen Traurigkeit und Katharsis.
Bei Taxidermy schließt sich schließlich der Kreis zum Haus meiner eigenen Großmutter. Dort stand nämlich ein ausgestopfter Fuchs auf dem Schuhschrank – für mich damals ein vollkommen selbstverständlicher Teil dieses vertrauten Ortes. Musikalisch gehört Taxidermy zu den wärmeren und sanfteren Momenten des Albums. Der Text ist dagegen ziemlich krank: Aus der Angst vor dem Loslassen und dem Alleinsein entsteht der Wunsch, einen geliebten Menschen für die Ewigkeit bei sich zu behalten – notfalls eben ausgestopft. Gerade dieser Gegensatz funktioniert hervorragend. Der Song fühlt sich gleichzeitig liebevoll, traurig und verstörend an. Eigentlich genau wie Großmutters Haus: warm und geborgen, aber manchmal stand dort eben auch ein toter Fuchs auf dem Schuhschrank.
Alles in allem ist Baby You’re A Winner tatsächlich wie ein Besuch in Großmutters Haus: Alles wirkt warm, schön und wohlig. Und trotzdem bekam man nachts ein wenig Angst vor Geistern, sobald es irgendwo im alten Holzgebälk knarzte, und verkroch sich sicherheitshalber unter der Bettdecke.

Grandmas House ist ein wundervolles Debütalbum gelungen, das vor allem vom Gegensatz zwischen den häufig sanften Instrumenten und Yasmin Berndts rauer, unverwechselbarer Stimme lebt. Die Musik vermittelt Geborgenheit, ohne jemals vollkommen harmlos zu sein. Hinter ihrer Wärme lauert stets etwas Dunkles, Unheimliches oder angenehm Verschrobenes. Gerade diese Gegensätze machen Baby You’re A Winner zu einem Album, in das man sich gerne einkuschelt – auch wenn man dabei gelegentlich die Decke bis über den Kopf ziehen möchte.
Tracklist
- Baby You’re A Winner
- Dog
- Blue Oblivion
- The Table
- Hurricane
- Dance
- Next Big Hit (Choo Choo)
- Taxidermy
- Soaked
- I Miss That House
- How It Is
- Spring
Wer sich selbst davon überzeugen möchte, ob Grandmas House auch live dieses eigentümliche Zusammenspiel aus Wärme, Verletzlichkeit und ungebändigter Energie erzeugen, kann die Band im Herbst auf ihrer Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz erleben.
Hier die Tourdaten:


















