SOKO LiNX bringen in dieser Woche ihren dritten Longplayer raus und das bewegt uns, den sympathischen Leipzigern mal ein paar Fragen zu stellen.
Ihr bringt ja am 07. August 2026 euer neues Album „Punk für Leute die Punk haszen“ heraus. Ich persönlich finde den Albumtitel wirklich sehr treffend, denn ihr bzw. eure Musik polarisiert ja schon.
Oder habe ich den Titel komplett missverstanden und ihr übt hier Selbstironie oder versucht damit tatsächlich auch Menschen außerhalb der Punkszene zu erreichen.
SiKO LONX: Weder noch, würde ich sagen. Zur letzten Platte gab es nur einen krassen Verriss und der kam von der Visions. Die Rezension war aber so gut geschrieben, dass ich neben einer kleinen Kränkung des eigenen Künstleregos schon auch darüber innig schmunzeln musste. Dort fand sich auch die Aussage wieder: „Punk für Leute, die Punk hassen“. Anfangs wollten wir nur T-Shirts davon drucken lassen. Aber irgendwann schlug ich OXON vor, unser nächstes Album so zu nennen. Nach anfänglicher Skepsis ließ er sich dann aber voll überzeugt darauf ein. Mit dem Autor dieser Review Jonathan Schütz hatten wir vor kurzem ein sehr angenehmes Interview. Selbstverständlich bekommt er ein Exemplar vom neuen Album. Ob er nun will oder nicht.
Ich würde mal sagen, dass fast alle, die sich im Bereich Hardcore-Punk aufhalten, auch auf irgendeine Art und Weise gerne provozieren und das tut ihr ja definitiv auch. Das durfte ich zuletzt beim Fett-Fest erleben, wo ihr aufgetreten seid, und einige Festivalbesucher bei eurem Auftritt doch recht ratlos auf die Bühne schauten. So als ob sie überhaupt nicht wüssten, was sie von euch halten sollten. Ist das auch eine klare Absicht von euch? Also der in sich doch recht starren Punkszene einen kleinen Seitenhieb verpassen, indem ihr mit „heilige“ Konfessionen brecht?
OXON KiLS: Wir brechen gar nicht mit heiligen Konfessionen, sondern wir halten diese ja ein. Ich denke da an den Song „No More Heroes“ von The Stranglers. Wir sind alle gleich. Wir sind alle auf Augenhöhe. Und das machen wir zum Beispiel, wenn wir während des letzten Songs die Bühne verlassen und uns ins Publikum begeben, um mit diesem zu tanzen. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass irgendwelche Konfessionen in der Punkrock-Szene vielleicht mit 14, 18 oder 22 Jahren relevant sind, danach aber völlig ihre Bedeutung verlieren, weil das alles natürlich Nonsens ist. Ratlose Gesichter gab es schon auf etlichen Konzerten, aber so lange die Leute bleiben, bin ich damit sehr fein.
SiKO LONX: Ich möchte gern noch ergänzen, dass es schon Absicht ist, mit Gewohnheiten zu brechen, Erwartungen nicht zu erfüllen und gegen den Strich zu bürsten. Aber in meinem Verständnis ist diese Herangehensweise gerade auch Kern von Punk. Wir machen musikalisch das, worauf wir Lust haben und selbst auch mal ausprobieren wollen. Wir wollen auch nicht immer dasselbe machen. Wir bleiben uns somit selbst treu, uns selbst nicht treu zu bleiben. Manche in der Szene sind sehr wahrscheinlich recht starr und haben einen musikalisch engen Korridor. Aber es gibt eben auch diese Menschen wie Thomas von Loikaemie, die offen sind für Bands wie SOKO LiNX, was uns sehr freut. Nur deswegen sind wir auch bei Fettfleck Records gelandet.
Aber es gab beim Fett-Fest natürlich auch viele Besucher, die euch und eure Musik gefeiert haben. Was ja auch unter anderem bestimmt daran liegt, dass ihr auch Genregrenzen überschreitet. Dieses habt ihr ja von Anfang an getan. Musstet ihr euch dafür oft rechtfertigen und wurdet ihr dafür manchmal auch angefeindet?
OXON KiLS: Ich habe irgendwann aufgehört, mich mit Anfeindungen auseinanderzusetzen. Diese geschehen ja vor allem im Social-Media-Bereich. Wenn man auf Konzerten mit Menschen zu tun hat, kommt man immer ins Gespräch. Vielleicht gerade auch deshalb, weil wir manchmal Dinge machen, die man jetzt nicht unbedingt erwartet. Auch wenn das Programm beim FETT-FEST wirklich bunt durchmischt war, gab es natürlich schon die ein oder andere Oi!-Band, die da mehr vertreten war. Und vor allem im Publikum hat man das, denke ich, auch ziemlich deutlich gesehen. Ich habe nach dem Wochenende gesagt, dass wir in Zukunft nur noch Oi!-Festivals spielen sollten, denn unser bisheriger Ladenhüter, das T-Shirt „Todesstrafe für alle“, hat sich dort so gut verkauft wie noch nie.
Die Tracks auf dem neuen Album spielen wieder einmal mit Sarkasmus und bitterem Ernst. Wie läuft bei euch denn das Songwriting so ab? Geht ihr die Straße entlang und sagt euch, „jetzt machen wir mal einen Track zu dem Thema XY“ oder arbeitet ihr da fast sowas wie eine Liste ab und sagt „uns fehlt noch ein Track zum Thema XY, weil so ein Thema einfach auf unsere Platten gehört“?
OXON KiLS: Absolut gar nicht. Es gibt bei mir weder eine To-Do-Liste an Songs, die abgearbeitet werden müssen noch irgendeine Art von Reißbrett. Ich bin in der Stadt unterwegs, auf dem Fahrrad, in der Straßenbahn, beim Einkaufen, in der Apotheke und sehe irgendeinen Tag an der Wand, höre im Vorbeigehen Menschen zu, stehe an der Kasse im Supermarkt und beobachte Menschen und dann kommen mir so Gedanken und dann spinne ich diese Gedanken weiter und manchmal wird da ein Song draus. Und manchmal eben auch nicht.
Ein Beispiel vom aktuellen Album ist das Lied „Verkehrsteilnehmer:innen“. Da war ich auf dem Weg zum Proberaum und hab an dem Tag selbst schon ein Lied geschrieben, an dem ich irgendwie vier, fünf Stunden gearbeitet hatte und war total euphorisiert, auch wenn das Lied an sich ein sehr ernstes Thema behandelte. Und auf dem Weg zum Proberaum mit dem Fahrrad bin ich auf verschiedene Verkehrssituationen gestoßen und habe während des Fahrradfahrens dieses Lied in meinem Kopf geschrieben. Dann kam ich im Proberaum an und musste die Zeilen tatsächlich nur noch zu Papier bringen, an der einen oder anderen Stelle ergänzen und die Kopfmelodie in Akkorde übersetzen. Das hat dann maximal noch eine dreiviertel Stunde gedauert. Und der Fahrtweg zum Proberaum sind auch nur so 25 Minuten. Erstgenannter Song ist übrigens nicht auf dem Album gelandet im Gegensatz zu „Verkehrsteilnehmer:innen“. Ein Song kann also bisweilen sehr schnell entstehen und dann schreibe ich aber auch mal ein halbes Jahr nix, weil einfach nichts da ist.
SiKO LONX: Bei mir ist oft eine Textidee Ausgangspunkt für einen Song. Bei den ersten beiden Platten habe ich überlegt, was gute Slogans sein können, u. a. ist so „Todesstrafe für alle“ entstanden. Meistens sind es Themen, die mich beschäftigen, oder Gefühle, die sich lyrisch Bahn brechen wollen. Zwei Songs auf „Punk für Leute, die Punk haszen“ sind entstanden, weil ich mit einem meiner besten Freunde im Gespräch über Kunst und Kreativität war. Während dieser beiden Gespräche schlug er am Ende vor, ich könne doch darüber mal einen Song schreiben. Das habe ich dann beide Male auch gemacht. Manchmal habe ich auch eine Melodie im Kopf oder ein komplettes Instrumental fertig ausgearbeitet und muss dann darauf einen Text schreiben. Dieser Weg fällt mir etwas schwerer. Denn dann fange ich an, Silben zu zählen und noch mehr auf die Metrik zu achten. Wenn ich z. B. mit Der Tante Renate oder Acey Avalon Songs schreibe, sitzen diese meistens am Rechner und tüfteln am Track, während ich hinter ihnen sitze und parallel am Text und an der Gesangsmelodie feile. Dann ist die Notiz auf meinem Smartphone geöffnet, in der ich unsortiert viele Gedanken, Ideen und Beobachtungen sammle. Oder ich stöbere durch mein Archiv und nutze alte Texte, wenn ich den Eindruck habe, das passt zum Lied. Speziell „Ist das schon Mainstream?“ ist unter dem Eindruck entstanden, dass das Album noch eine schnelle Punknummer mit lustigem Text braucht.
Wenn ich mir die Nachrichten anschaue, die mittlerweile täglich auf uns einprasseln, stelle ich immer wieder fest, dass wir uns irgendwie in einer Real-Satire befinden und man eigentlich nur noch vor Wut schäumen könnte. Macht das das Schreiben von Texten einfacher oder schwerer? Denn man kann viele Themen ja kaum noch überspitzen, so absurd ist die Realität.
SiKO LONX: Auf mich hat das keinen Einfluss. Ich schreibe über Dinge, die mich beschäftigen. Da mich viele Dinge umtreiben, schreibe ich verhältnismäßig viel. Selbst wenn es wie Real-Satire erscheint, finde ich es selten zum Lachen. Somit ist für mich eine ironische oder sarkastische Brechung des Themas immer noch notwendig. Auch deshalb, damit ich mich mit diesen Inhalten überhaupt gedanklich auseinandersetzen kann. Denn mein persönlicher Weltschmerz ist riesig. Gerade brennen überall großflächig Wälder. Das macht mich alle. Ich denke an die vielen Tiere, die ihr Leben lassen müssen oder ihr Zuhause verlieren. An die vielen Menschen, die die nächste Hitzewelle nicht überleben werden. Ich denke an die derzeitigen Kriege, die von autokratischen Männern geführt werden und mich mental genauso runterziehen. Oder die Wahlen in Sachsen-Anhalt, vor denen es mir graut. Dem muss ich mit Humor begegnen. Denn nur so bleibe ich handlungsfähig und kann meinen Teil dazu beitragen, die Welt wenigstens etwas besser zu machen.
OXON KiLS: Ich denke, dass man Texte und Lieder nicht immer bewusst überspitzen muss, nur ob des Willens, etwas überspitzt darstellen zu müssen. Es reicht teilweise völlig aus das, was geschieht, zu Papier zu bringen und daraus ein Lied zu machen. Und trotzdem steht man hinterher da und fasst sich ungläubig an den Kopf und denkt so: „What the fuck, das ist real!“, obwohl es erstmal überhaupt nicht so klingt. Vielleicht macht es einem die bisweilen absurde Realität sogar einfacher, ein Lied zu schreiben, da man die Dinge, die passieren, ja einfach nur noch kompakt zu Papier bringen und sich nicht mehr ewig die Rübe zermartern muss. Wo soll es denn jetzt hingehen mit dem Text und wie könnte ich das Ganze überdrehen?! Ich denke, dieselbe Frage könnte man Filmemacher:innen stellen oder Buchautor:innen, die sagen einem da, glaube ich, das Gleiche.
Bei eurem Auftritt beim Fett-Fest war auch eine gewissen Bühnen-Choreo erkennbar. Macht ihr euch da vorher klare Gedanken zu oder entsteht das nach und nach im Spaß, bei euren Auftritten?
OXON KiLS: Die Bühnen-Choreo-Elemente sind erst im Laufe der Zeit entstanden. Es ist so, dass ich schon gerne an meinem Instrument und an meinem Mikrofon klebe. Denn trotz zahlreicher Klamotten und Maske und Brille fühle ich mich ohne Instrument doch relativ nackig. Eines unserer ersten Shows, die wir gespielt haben, war damals in Glauchau im Café Taktlos. Und da gab es einen Song, bei dem ich nichts zu tun hatte oder fast nichts zu tun hatte. Der Saal ist gar nicht so groß dort, aber es war noch so die Corona-Zeit, nicht viele Leute da und uns kannte noch keiner. Und ich habe dann einfach angefangen, ins Publikum zu gehen und irgendwelchen Unsinn zu machen. Aber gar nicht mal, um die Leute zu animieren, sondern irgendwie, um mir selbst diese Nacktheit zu nehmen. Und im Laufe der Zeit kamen dann einfach Elemente hinzu. Die sind erstmal nicht wirklich geplant. Die Sachen entstehen spontan, manchmal im Proberaum, manchmal auch sogar auf der Bühne. Und das hat sich im Laufe der Zeit zu einem Gesamtbild zusammengefügt.
Das Album wurde über einen längeren Zeitraum hinweg aufgenommen. Was waren denn die Gründe dafür, dass ihr nicht ins Studio seid und die Titel direkt nacheinander aufgenommen habt?
SiKO LONX: Wir hatten keinen festen Drummer in der Zeit. Deshalb entstanden alle Demos zu den Songs bei mir zuhause am Rechner und keiner im Proberaum. Die letzten beiden Platten haben wir zwei Wochen lang in einem Studio aufgenommen. Das hat den Vorteil, schneller fertig zu sein, aber den Nachteil, dass über viele Entscheidungen nicht länger nachgedacht werden kann. So mussten wir entweder aufwendig für drei, vier kleine Änderungen noch mal kurz ins Studio oder es ist eben so geblieben. Da ich ein kleiner Perfektionist bin, wollte ich bei dieser Platte zum einen nun mehr Kontrolle darüber haben, und zum anderen waren die Sessions nie länger als drei Tage. So konnten wir immer mit klarem Kopf in die Produktion gehen. Wenn man zwei Wochen jeden Tag und ohne Pause ein Album aufnimmt, ist die Konzentration irgendwann nur noch matschig. Bei der letzten Platte kam noch ein Schicksalsschlag hinzu, der viel abverlangte und genau in die Produktionszeit fiel. Die Idee und anschließende Umsetzung, über zwei Jahre aufzunehmen, wenn es zeitlich passt, machte uns in der Planung wesentlich flexibler. Dennoch ist es hintenraus mal wieder sehr knapp mit allem geworden. Klassiker.
Axel von Wizo und Fatima von den Dead End Kids haben euch bei zwei Titeln gesanglich unterstützt, wie kam es zu der Zusammenarbeit?
SiKO LONX: Fatima ist eine gute Freundin von mir. Da wir beide in Leipzig leben, treffen wir uns hin und wieder auf ein Getränk. Bei einer dieser Gelegenheiten fragte ich sie, ob sie Lust hätte, uns gesanglich zu unterstützen. Sie bejahte und das Ergebnis macht mich sehr happy. Bei Axel war es so, dass er ein Interview von Punk*rockt mit uns sah, bei dem OXON ein T-Shirt von WIZO trug. Darauf hatte Axel uns eine kurze DM geschrieben. Daraus entstand eine kleine Korrespondenz, in der ich ihn fragte, ob er sich vorstellen könnte, bei „Zeitmanagement“ paar Zeilen für uns zu übernehmen. Er signalisierte sofort Interesse, als ich ihm das Demo zugesendet hatte. Dieses Feature bedeutet uns wirklich eine Menge, da WIZO für uns eine feste Größe in der Szene ist, die uns in der Adoleszenz sehr prägte und immer noch häufig in unserer Playlist vertreten ist. So schließt sich nun einer weiterer Kreis … im Quadrat.
Im Promo-Text zu dem neuen Album ist noch einmal hervorgehoben, dass eure Musik Ki-frei ist. Habt ihr dennoch mal etwas darum herumgespielt und geschaut, was die KI aus euren Titeln so machen kann?
OXON KiLS: Nein, gar nicht. Daran haben wir aktuell überhaupt kein Interesse. Ehrlicherweise muss man natürlich sagen, dass KI mittlerweile überall vorkommt und sicherlich auch in Elementen, die man für die Musik benutzt: Transkriptions-Programme bei Sprachmemos für Texte, Aufnahme-Tools im Tonstudio, Schnitt-Programme für Videos, das Grafikprogramm für das Artwork wird mit KI unterstützt. Völlig KI-frei ist unsere Platte sicherlich nicht, aber zumindest die Texte, die Musik und die Lieder an sich.
Der Vorgänger „Blosz keinen Stresz“, aus dem Jahr 2024, erschien noch bei Bakraufarfita (immer wieder muss ich nachschauen wie die geschrieben werden), nun seid ihr bei Fett-Fleck gelandet. Wie kam es dazu? Was hat euch an Fett-Fleck besonders gereizt?
SiKO LONX: Im Prinzip ist diese Entwicklung ein glückliches Ende einer längeren Odyssey, die sehr nervenaufreibend und frustrierend war. Fettfleck Records bekundeten schon 2024 vor Release des zweiten Albums größeres Interesse an uns. Wir lehnten damals ab, weil wir andere Angebote auf dem Tisch liegen hatten. Über ein Jahr später hatte sich unsere Situation fundamental geändert. Deshalb sind wir jetzt sehr dankbar darüber, dass Fettfleck Records uns unter Vertrag genommen hat trotz der Tatsache, dass wir ihnen zuvor einen Korb gegeben hatten. Wir können mit dieser Entscheidung, nun bei Fettfleck Records zu sein, nicht glücklicher sein. Wertschätzende und liebe Menschen, die sehr professionell sind in dem, was sie tun, und uns als Band sehr ernst nehmen. Das fühlt sich alles richtig und gut an.
Zum Abschluss noch einmal eine musikalische Frage. Welchen Titel vom neuen Album würdet ihr jemanden empfehlen, der euch noch gar nicht kennt und warum?
SiKO LONX: Eine gute und schwierige Antwort. Ich denke spontan an „Hotel Astoria“. Es vereint Rock und Elektro mit einem humorvollen Text. OXON singt die Strophen. Ich Refrain und C-Teil. Das beinhaltet die wesentlichen Bestandteile eines SOKO-LiNX-Liedes.
OXON KiLS: „Alles ist politisch“. Dieser Song vereint ganz gut, was SOKO LiNX ausmacht. Beide Sänger sind zu hören, es sind rockige Elemente mit elektronischen gemischt und textlich ist dieses Lied politisch-nachdenklich und dann aber doch mit einem gewissen Schalk im Nacken versehen. Um sich ein Komplettbild zu verschaffen, muss man aber natürlich – ganz klar – sich das komplette Album zu Gemüte führen und uns live besuchen. Sonst wird dat nix.



















