Codefendants_Credit-Nik-Hampshire

Als Codefendants ihr Debütalbum This Is Crime Wave veröffentlichten, war ich ehrlich gesagt etwas verwirrt. Denn bei einer Band, die aus Fat Mike, Sam King und dem Rapper Ceschi besteht, hatte ich irgendeine Art von Hip-Hop-geschwängertem Punk erwartet – aber eben nicht das.

Was wir bekamen, war nämlich etwas ganz anderes. Was Geiles, aber eben anderes. Und genau da setzen Codefendants mit ihrem aktuellen Album LIFERS (Review) wieder an und beweisen, dass „Crime Wave“ viel mehr ist als nur eine Worthülse.

Wir haben mit Ceschi über Punk und seine ungeschriebenen Regeln, Streaming, das Album als aussterbendes Format, schwarzen Humor in beschissenen Zeiten und natürlich darüber gesprochen, was einen Codefendants-Song eigentlich zu einem Codefendants-Song macht.

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Punk hat mir beigebracht, dass man nicht auf die Erlaubnis anderer wartet und sich nicht einfach an irgendwelche Regeln hält. Du erschaffst das, was du selbst in dieser Welt sehen möchtest, gründest dein eigenes Label, buchst deine eigenen Touren, sagst offen deine Meinung und lebst mit den Konsequenzen.

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Mit eurem Debütalbum This Is Crime Wave habt ihr den Genre-Begriff Crime Wave ja erst selbst eingeführt. Ging es euch dabei von Anfang an darum, damit ein neues Genre zu etablieren, oder war es vielmehr eine Absage an die Vorstellung, dass Musik überhaupt noch in Genres passen muss? Denn sind Genres heutzutage nicht einfach nur noch Marketinginstrumente?

Ceschi: Das Erste, wonach eigentlich jeder bei einer Band fragt, ist das Genre oder wie sie klingt. Uns ist bewusst, dass es ziemlich schwer zu erklären ist, wie Codefendants klingen. Deshalb war Crime Wave für uns eine augenzwinkernde Möglichkeit, uns darum zu drücken, all die verschiedenen Einflüsse erklären zu müssen, die unseren Sound ausmachen.

Ehrlich gesagt geht es bei Crime Wave aber viel mehr um eine bestimmte Denkweise und um Gemeinschaft als um ein Genre. Es ist ein Raum für Menschen und Stilrichtungen, die schon immer irgendwo in den Zwischenräumen bestehender Kategorien existiert haben. Genres sind letztlich vor allem fürs Marketing nützlich. Ich habe erlebt, wie Künstler in bestimmte Schubladen gesteckt wurden, obwohl sie diesen längst entwachsen waren. Mir wäre es lieber, wenn die Leute unsere Musik einfach hören würden, ohne schon vorher allzu viele Erwartungen oder Vorstellungen davon zu haben.

Trotzdem würden euch die meisten wahrscheinlich als Punkband bezeichnen. Wenn euch jemand fragen würde: „Was für eine Band seid ihr?“, würdet ihr dann immer noch mit Punk antworten – oder ist dieses Label für euch inzwischen bedeutungslos geworden?

Ceschi: Punk ist definitiv ein Teil unserer DNA. Nicht unbedingt wegen der Art, wie unsere Songs klingen, sondern vielmehr aufgrund unserer Herkunft und der Art und Weise, wie wir an die Dinge herangehen.

Punk hat mir beigebracht, dass man nicht auf die Erlaubnis anderer wartet und sich nicht einfach an irgendwelche Regeln hält. Du erschaffst das, was du selbst in dieser Welt sehen möchtest, gründest dein eigenes Label, buchst deine eigenen Touren, sagst offen deine Meinung und lebst mit den Konsequenzen. Selbst der Underground-Hip-Hop hat mir viele dieser Lektionen vermittelt.

Musikalisch bewegen wir uns allerdings in alle möglichen Richtungen. Wenn jemand zwölf Hardcore-Songs erwartet, nur weil wir uns als „Punk“ bezeichnet haben, wird diese Person wahrscheinlich ziemlich verwirrt und enttäuscht sein. Unser eigenes Genre Crime Wave zu verwenden, hilft hoffentlich dabei, uns ein Stück weit von solchen Erwartungen zu lösen.

Da wir gerade über Punk sprechen: Ich habe mich schon öfter gefragt, ob Punk heute eigentlich noch wirklich Punk ist. In der Szene scheint es immer mehr ungeschriebene Regeln und Erwartungen zu geben. Glaubst du, dass Punk in gewisser Weise selbst konservativ geworden ist?

Ceschi: Wenn diejenigen, die einst die Regeln gebrochen haben, plötzlich selbst die Regeln aufstellen, ist das wirklich schwer zu beurteilen. Auf einmal gibt es all diese Reinheitstests darüber, was akzeptabel ist, wer dazugehört, wer authentisch genug ist und welche Kleidung oder welcher Sound als akzeptabel gelten.

Ich glaube, die gesündeste Form von Punk ist selbstkritisch und gleichzeitig offen für andere Sichtweisen. In dem Moment, in dem es mehr darum geht, andere Menschen zu kontrollieren, als Machtverhältnisse infrage zu stellen, entfernt Punk von genau dem, was ihn ursprünglich so spannend gemacht hat.

Ich glaube, keiner von uns wusste wirklich, was passieren würde, als wir angefangen haben, gemeinsam Musik zu machen.

In diesem Jahr ist euer zweites Album LIFERS erschienen und im Herbst geht ihr außerdem auf Europatour. Für mich fühlt es sich so an, als hätten sich Codefendants inzwischen von einem Nebenprojekt zu einer richtigen Band entwickelt. Würdet ihr dem zustimmen?

Ceschi: Ja, absolut. Codefendants sind mittlerweile unser Hauptprojekt und die Band wächst und entwickelt sich mehr weiter als jedes andere Projekt, an dem ich in der Vergangenheit beteiligt war.

Ich glaube, keiner von uns wusste wirklich, was passieren würde, als wir angefangen haben, gemeinsam Musik zu machen. Es hätte bei einem einzigen Album bleiben können, und das wäre auch völlig in Ordnung gewesen. Aber irgendwann ging es um mehr als nur die Musik. Wir haben für diese Band unser gesamtes Leben verändert und sind wirklich stolz auf das, was wir gemeinsam geschaffen und veröffentlicht haben. Um all das herum ist eine ganze Community entstanden. Nichts davon fühlt sich heute noch wie ein Nebenprojekt an.

Es fühlt sich vielmehr nach etwas an, das noch sehr lange ein Teil unseres Lebens sein wird – und hoffentlich sogar uns alle überdauert.

LIFERS wurde bereits im April weltweit digital veröffentlicht, die CD- und Vinyl-Versionen erschienen in Europa allerdings erst am 7. August. Wie kommt es zu diesem zeitlichen Abstand zwischen der digitalen und der physischen Veröffentlichung? War das von Anfang an so geplant oder habt ihr ursprünglich sogar darüber nachgedacht, das Album ausschließlich digital zu veröffentlichen?

Ceschi: Dafür gibt es mehrere Gründe. Nach dem letzten Album standen wir zunächst ohne Platten- und Vertriebsdeal da und haben uns deshalb entschieden, die Sache unabhängig anzugehen und die physischen Tonträger über unseren eigenen Webshop direkt an die Fans zu verkaufen. Einige Monate später konnten wir dann mit Unterstützung unseres Teams bei Regime doch noch einen größeren Vertriebsdeal abschließen. Wir freuen uns sehr darüber, dass das Album dadurch nun auch außerhalb unseres Landes deutlich breiter erhältlich sein wird.

Physische Tonträger sind uns nach wie vor sehr wichtig. Wir sind alle damit aufgewachsen uns regelrecht in Liner Notes, Artwork und Textblättern zu verlieren. Diese Dinge sind für uns kein nachträgliches Beiwerk, sondern ein Teil des gesamten Erlebnisses. Das Album ausschließlich digital zu veröffentlichen, wäre für uns daher niemals infrage gekommen.

Glaubt ihr, dass Menschen Alben heute anders erleben als früher?

Ceschi: Natürlich. Die Menschen haben heute Zugriff auf nahezu jeden Song, der jemals aufgenommen wurde, und das ist unglaublich. Aber dieses Überangebot verändert auch unsere Beziehung zur Musik. Die Auswahl ist endlos, man kann einen Song sofort überspringen und all diese Bequemlichkeit kann dem Musikerlebnis auch etwas Besonderes nehmen.

Die Idee des Albums als zusammenhängendes Werk wird im Zeitalter der Playlists immer seltener. Oft hören die Leute irgendwelche Playlists und wissen nicht einmal, was sie da eigentlich gerade hören. Wir wollen deshalb ganz deutlich machen, dass das klassische Albumformat noch lange nicht tot ist.

Selbst beim Streaming haben die meisten unserer Songs ziemlich ähnliche Abrufzahlen. Für uns zeigt das, dass unsere tatsächlichen Fans die Alben wirklich von vorne bis hinten durchhören. Es ist nicht so, dass ein Song eine Million Streams hat und ein anderer gerade einmal 100. Das ist kein kurzlebiger viraler Scheiß.

Aber bei Codefendants haben wir wirklich noch nie darüber nachgedacht, was irgendjemand anderes von unserer Musik hält – und ganz besonders kein verdammter Algorithmus.

Streamingplattformen wie Spotify werden stark von Algorithmen bestimmt, und viele Künstler sagen, dass dies mittlerweile sogar Einfluss darauf hat, wie Songs geschrieben werden. Habt ihr euch selbst schon einmal dabei ertappt, darüber nachzudenken, oder schreibt ihr eure Musik völlig unabhängig von diesem Druck?

Ceschi: Ich verstehe, warum Künstler darüber nachdenken. Die Leute müssen schließlich irgendwie überleben, und viele Künstler sind auf die paar Cent angewiesen, die ihnen das Streaming einbringt.

Vor Kurzem habe ich ein Interview mit einem Typen gesehen, der mit einem KI-generierten Song viral gegangen ist und damit ungefähr 50 Millionen Streams erreicht hat – und trotzdem steif und fest behauptete, er hätte den Song selbst geschrieben. Wir leben schon in ziemlich absurden Zeiten. Aber man kann ihm seinen Geschäftssinn wohl kaum vorwerfen, auch wenn so etwas Kunst natürlich vollkommen entwertet.

Aber bei Codefendants haben wir wirklich noch nie darüber nachgedacht, was irgendjemand anderes von unserer Musik hält – und ganz besonders kein verdammter Algorithmus. Und wenn wir schon dabei sind: andere Punkrocker genauso wenig. Wir machen einfach das, worauf wir Bock haben. Wenn es dir gefällt – cool. Wenn nicht – auch cool. Dann hör dir eben etwas anderes an.

Die Hälfte unserer Lieblingsmomente entsteht sowieso aus irgendwelchen Zufällen und seltsamen Entscheidungen.

Wenn ihr einen neuen Song schreibt: Woran merkt ihr, dass ihr sagen könnt: „Das ist ein Codefendants-Song“? Was sorgt dafür, dass er nicht wie ein Song klingt, der genauso gut auf einem Get-Dead-Album oder sogar einem Cokie-the-Clown-Album landen könnte?

Ceschi: Eigentlich stellt sich diese Frage gar nicht wirklich. Fast alle Codefendants-Songs enthalten Elemente, die von uns allen dreien eingebracht wurden.

Wir haben alle unterschiedliche Fähigkeiten und unterschiedliche Stile, und ein Song ist für uns erst dann ein richtiger Codefendants-Song, wenn jeder von uns seine Gedanken und Ideen dazu eingebracht hat. Keiner von uns würde einen fertigen Codefendants-Song komplett alleine schreiben.

Die besten Codefendants-Songs fühlen sich so an, als würden drei Menschen zunächst in völlig unterschiedliche Richtungen ziehen – bis plötzlich alles ineinandergreift und zusammenpasst.

Viele dieser Songs handeln von Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Glaubt ihr noch immer daran, dass Musik die Kraft besitzt, Empathie zu schaffen und die Art und Weise zu verändern, wie Menschen die Welt sehen? Oder geht sie in unserer heutigen schnelllebigen Kultur zu schnell unter?

Ceschi: Songs können Menschen definitiv verändern und etwas in ihnen bewegen.

Ich habe mich nach Konzerten mit Menschen unterhalten, die sich durch unsere Musik zum ersten Mal wirklich gesehen fühlten oder mir erzählt haben, dass ihnen eine bestimmte Textzeile dabei geholfen hat, während einer schwierigen Phase am Leben zu bleiben. Menschen mit Suchterfahrungen, ehemalige Straftäter, Menschen, die mit schwerer Trauer zu kämpfen haben – unsere Songs haben sie angesprochen oder für sie gesprochen, wenn sie selbst das Gefühl hatten, nicht ausdrücken zu können, was in ihnen vorging. Es ist unglaublich, wie oft ich gerade mit dieser Band solche Geschichten gehört habe.
Und das allein reicht auch für mich aus, um weiterzumachen.

Manchmal entsteht Empathie eben bei einem einzelnen Menschen. Und manchmal wachsen die Samen, die man damit sät, viel weiter, als wir es jemals erwartet hätten.

Aber es wäre langweilig, wenn zwischen all den Tränen und der ganzen Wut nicht auch noch Platz für ein bisschen Lachen wäre.

Obwohl sich viele eurer Songs mit ernsten Themen beschäftigen, zieht sich auch eine Menge schwarzer Humor durch eure Musik. Ist Humor für euch eher eine Waffe oder ein Überlebensmechanismus?

Ceschi: Die meisten der lustigsten Menschen, die ich kenne, haben in ihrem Leben einige unglaublich harte Zeiten durchgemacht. Insofern kann man es durchaus als Überlebensmechanismus bezeichnen.

Auch als Freunde machen wir ständig unsere Witze miteinander. Das hilft uns dabei, mit all dem Bullshit klarzukommen. Deshalb überrascht es mich auch nicht, dass ihr etwas von dem schwarzen Humor bemerkt habt, der sich in unserer Musik versteckt – denn der ist definitiv da.

Wir nehmen unsere Kunst ernst. Aber es wäre langweilig, wenn zwischen all den Tränen und der ganzen Wut nicht auch noch Platz für ein bisschen Lachen wäre.

Eure Musik steckt voller Gegensätze. In einem Moment ist sie rau und aggressiv, im nächsten ruhig und verletzlich. Sind diese Kontraste etwas, das ihr ganz bewusst anstrebt, oder entstehen sie einfach ganz natürlich dadurch, dass drei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten gemeinsam Musik schreiben?

Ceschi: Ich glaube, das entsteht ziemlich natürlich und spiegelt letztlich auch das menschliche Leben wider. Das Leben besteht schließlich auch nicht immer nur aus einem einzigen Gefühl.
In einem Moment lachst du vielleicht noch mit deinen Freunden und im nächsten stehst du auf der Beerdigung von ihnen.

Unsere Musik spiegelt genau das wider. Keiner von uns hat Interesse daran, Alben zu machen, die sich immer nur in ein und derselben Spur bewegen.

Wenn jemand Codefendants morgen zum ersten Mal entdecken würde: Welchen Song würdet ihr dieser Person als Erstes empfehlen – und welcher Song sollte auf keinen Fall der erste Kontakt mit der Band sein? Und warum?

Ceschi: Hmm, das ist schwierig. Ich glaube, Lonely Life eignet sich ziemlich gut als Einstieg, weil der Song verschiedene Facetten und Stilrichtungen unserer Musik zeigt.

Auch wenn es einer meiner Lieblingssongs ist, die wir bisher gemacht haben, würde ich vielleicht davon abraten, jemandem als Erstes CODAfendants vorzuspielen. Der Song braucht einfach die gesamte Reise durch das Album, damit er am Ende auch wirklich die Wirkung entfalten kann, die er haben soll.

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