Massendefekt 2026 Credits_Ivan Tirado Espinosa

25 Jahre Bandgeschichte sind eine verdammt lange Zeit – lang genug auf jeden Fall um sich musikalisch zu verändern, Bandmitglieder zu verabschieden, neue hinzuzugewinnen, Erfolge zu feiern, Rückschläge einzustecken und sich zwischendurch vielleicht auch ein wenig selbst zu verlieren.

An welcher Stelle sie das vielleicht getan haben, auf welchen Irrwegen sie selbst unterwegs waren und auf welchen sich derzeit unser Land befindet, sowie ihr selbstbetiteltes Jubiläumsalbum lest ihr in unserem Interview mit Nico und Sebi.


Wenn ihr heute auf eure Anfänge 2001 zurückblickt, was erkennt ihr in der damaligen Band noch sofort als das wieder, was Massendefekt auch heute noch ausmacht? Und was hat mit der heutigen Band eigentlich überhaupt nichts mehr zu tun?

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Nico: Ich bin erst seit 2018 dabei – kann also zu den Band-Vibes aus der Zeit wenig sagen. Kenn die Jungs aber aus der Zeit als „Band-Kollegen“. Definitiv der blödelige Humor und die blödelige Art, Dinge durch den Kakao zu ziehen. Das verliert sich natürlich über Jahre oftmals in so ’ner „pseudo erwachsenen Reife“ – aber im Kern ist es noch genau so – was ich auch super wichtig finde.

Sebi: Wir waren immer schon sehr dankbar, umgänglich und haben die Dinge nie als selbstverständlich angesehen. Ich bin froh, dass wir diese Eigenschaft bis heute beibehalten haben. Hoffe ich zumindest. Was nicht mehr so ist wie früher, ist die zu lockere Herangehensweise. Aber ist ja klar, wenn man ein bisschen erfolgreicher wird, muss auch eine gewisse Professionalität und Ernsthaftigkeit mitschwingen. Was jetzt aber nicht heißt, dass wir keinen Spaß haben oder nicht witzig sind!

25 Jahre Bandgeschichte bedeuten ja nicht nur Platten, Konzerte und Festivals, sondern bestimmt auch reichlich Meinungsverschiedenheiten und Rückschläge. Habt ihr eine Idee, warum Massendefekt nach all den Jahren eigentlich immer noch funktioniert, und gab es zwischendurch auch mal einen Punkt, an dem ihr ernsthaft darüber nachgedacht habt, die Sache sein zu lassen?

Nico: Auch hier von mir der Blick auf die letzten acht Jahre. Als Band lässt du über so einen langen Zeitraum Federn. Speziell, wenn du drei Jahre Corona in den Knochen hast. Aber wenn du 25 Jahre unterwegs bist, hast du unvermeidlich mehrere Kurven in der Bio – das ist auch okay. Meinungsverschiedenheiten gibt’s – ganz klar. Das bekommen wir aber meistens sehr gut durch Gespräche und Konsens hin. Klar, Rückschläge gibt’s auch – da hilft, sich darauf zu besinnen, dass wir genau das machen, worauf WIR am meisten Bock haben. Alles andere wäre unehrlich uns und den Leuten gegenüber – ach so – und immer weitermachen.

Sebi: Es ist doch immer eine Berg- und Talfahrt. Mal läuft es, mal weniger. Damit muss man umgehen und auch mal akzeptieren, dass man gerade vielleicht nicht so der heiße Scheiß ist. Aber da wir das ja lieben, was wir machen, machen wir auch weiter. Und zwar so, wie wir es dann gerade können und fühlen. Funktionieren tun wir, weil wir ’ne Familie sind. Natürlich streiten wir und das ist auch nicht immer schön, aber wir finden im Endeffekt immer wieder einen Weg und kommen zusammen. Ganz wichtig ist halt auch, dass der Sänger immer Recht hat. 😉

Mit Ole habt ihr eure ersten drei Alben veröffentlicht und damit ja einen erheblichen Teil des Fundaments von Massendefekt gelegt. Sein Ausstieg und der Wechsel am Mikrofon waren bestimmt ein ziemlich großer Einschnitt. Hattet ihr Zweifel, ob die Band ohne ihn überhaupt funktionieren kann?

Nico: Da muss Sebi was zu sagen.

Sebi: Ja, hatten wir. Aber uns war klar, dass wir weitermachen wollen. Uns war aber auch klar, dass wir keinen neuen Sänger von außerhalb der Band haben wollten. Gab also nicht viele Auswahlmöglichkeiten und so hat es mich dann getroffen. Wir haben für Ole eine Abschiedstour gespielt und während des Sets habe ich dann auch schon 2–3 Songs gesungen, um den Fans zu zeigen, wie es weitergeht und was sie von Massendefekt zu erwarten haben bzw. wie es klingen wird. Dann haben wir ja noch unser Album Tangodiesel aufgenommen, ein Doppelalbum mit neuen Songs, wobei die zweite Platte alte Nummern mit mir am Gesang beinhaltet. Das war ziemlich clever und hat funktioniert. Ja, und jetzt stehen wir hier.

Und was ich mich frage, seit ich zum ersten Mal den Solokram von Nico wahrgenommen hatte, welchen ich im Übrigen sehr feiere: Hattet ihr gewürfelt, ob Sebi oder Nico das Mikrofon übernehmen soll? Denn schließlich ist Nico ja auch ein guter Mann am Mikrofon.

Nico: Ich bin ja erst 2018 mit dabei – der Wechsel Ole zu Sebi war ja bereits 6–7 Jahre früher. Sebi hat einfach eine unfassbar markante Stimme, die den Sound von Massendefekt prägt – insofern: Ich unterstütze gerne, die Main-Vocals soll aber Sebi nölen 🙂 Und danke für die Blumen 🙂

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Ich habe euch vor Kurzem auf dem Ackerfest live gesehen und war tatsächlich etwas überrascht, wie sehr Punk ihr rüberkamt. Ich habe mich danach gefragt, ob ich Massendefekt über die Jahre selbst immer zu sehr in die Rock-Ecke geschoben habe. Seid ihr im Kern vielleicht viel mehr Punkband, als es euch von außen manchmal zugeschrieben wird?

Nico: Für mich ist Massendefekt in erster Linie eine Punkband – ggf. zum Rock tendierend – aber im Herzen Punk. Da kommen wir her und da wollen wir auch eigentlich hin.

Sebi: Ich sehe uns auch mehr als Punkband. Die Rockeinflüsse sind bestimmt da, aber grundsätzlich doch mehr Punk. Wir nennen es ja auch Punk ’n’ Roll!

Wenn ihr heute eure komplette Diskografie durchgeht, gab es da auch eine Phase oder vielleicht sogar ein Album, bei dem ihr euch im Nachhinein eingestehen müsst: Da haben wir uns etwas zu weit von dem entfernt, was Massendefekt eigentlich ausmacht?

Nico: Zurück ins Licht! Muss man leider so sagen. Es gab damals nach Claus’ Aus- und meinem Einstieg ’ne etwas schwierige Zeit für alle Beteiligten. Ich bin 2018 rein, das war noch das „Pazifik-Jahr“, dann haben wir bis September 2019 Konzerte gespielt und uns im Anschluss um das Album gekümmert. Claus war immer sehr involviert in den Writing- und Produktionsprozess und aus heutiger Sicht glaube ich, dass wir alle in der Band in ’ner Art Orientierungsphase waren. Der Zeitplan für das Album stand und es mussten Songs geschrieben werden. Raus kam „Zurück ins Licht!“ leider zeitgleich mit Corona-Lockdown und dem ganzen Kram, der damals so abging. Irgendwie sollte es einfach nicht sein! Ich finde, Zurück ins Licht ist ein gutes Album mit guten Songs, aber es ist irgendwie zu weit von Massendefekt weg.

Sebi: Sehe ich ähnlich. Wir hatten da so diese Phase, wo wir nicht genau wussten, aber mussten. Ich mag das Album und es sind auch wirklich 1–2 Nummern drauf, die echt und authentisch sind, aber man merkt auch, dass wir uns noch nicht so gefunden haben und nicht diese Einheit waren, wie wir es jetzt sind.

Kommen wir mal zum neuen Album. Nach 25 Jahren ist es nun ein selbstbetiteltes Album geworden und das ist ja schon eine Bürde für das Album selbst. Denn selbstbetitelte Alben sind für mich immer wegweisend (Social Distortion, Ramones, Motörhead, …). Warum hat es eurer Meinung nach gerade dieses Album verdient, den Namen Massendefekt zu tragen?

Nico: An die vorherige Frage anknüpfend: Das Gute an „Zurück ins Licht“ war, dass wir uns die Frage gestellt haben: „Wie geht’s denn weiter?“ und „Was wollen wir eigentlich?“ Die Antwort war: „Natürlich geht’s weiter und – Back to the roots“. Wir haben dann für „Lass die Hunde warten“ und auch „MASSENDEFEKT“ entschieden, dass wir die Produktion wieder selber machen wollen – ich hab mich die letzten Jahre mit Musik-Produktionen beschäftigt und konnte das dann im Proberaum ganz gut umsetzen. Das hat uns, glaube ich, bei beiden Alben (LDHW und MASSENDEFEKT) geholfen, den Kern, der Massendefekt ausmacht, wieder besser auf Vinyl zu kratzen. So. Long Story short: Wir glauben, dass MASSENDEFEKT näher an der Band und an den Personen in der Band ist als die vorherigen Alben. Es ist wie sich selber wiederfinden – deswegen haben wir uns für ein selftitled Album entschieden!

Sebi: Ich glaube, es gab noch kein Album von uns, welches diese Leichtigkeit, Ehrlichkeit und Fuck-You-Einstellung hatte wie dieses. Wenn man keinem etwas beweisen will und nur für sich selbst das macht, was man möchte und worauf man Bock hat, dann fühlt sich das befreiend an. So isses halt und so klingt es auch!

Gibt es eigentlich Momente, in denen ihr gerade einen neuen Song schreibt und merkt: Scheiße, eigentlich haben wir den vor zehn Jahren schon einmal geschrieben? Denn sich in 25 Jahren nicht auch immer mal wieder selbst zu kopieren, ist bestimmt nicht einfach.

Nico: Ja, ständig 🙂 Wir haben beim Schreiben super oft die Situation, dass wir sagen: „Nee, geht nicht, hatten wir schon mal.“ Dann muss man halt gucken, dass man das Thema irgendwie anders ausdrückt, andere Metaphern nimmt, whatever …

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Kommen wir mal zu einem weniger schönen Thema. Rechte Positionen sind zunehmend in der Mitte der Gesellschaft angekommen und die AfD könnte am kommenden Sonntag die erste Landtagswahl mit großer Mehrheit für sich entscheiden. Habt ihr das Gefühl, dass ihr als Band heute noch deutlicher Stellung beziehen müsst als früher? Ich habe nämlich das Gefühl, dass ihr über die letzten Jahre hinweg auch politischer geworden seid.

Nico: Ganz klar Ja! Wir müssen als Band Stellung beziehen und das tun wir auch. Nicht jeden Tag und nicht in jedem Post, aber mir ist es als Mitglied von MASSENDEFEKT persönlich wichtig, dass die Leute wissen, wo wir politisch stehen und dass wir uns ganz klar gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus etc. einsetzen. Die Zeiten haben sich geändert – und werden sich auch weiter ändern. Das, was vor 10 Jahren funktioniert hat – sich vielleicht nicht zu äußern – funktioniert eben heute nicht mehr.

Bleiben wir noch kurz beim Thema. Statistisch ist es eigentlich kaum vorstellbar, dass unter den Menschen, die eure Musik hören, niemand die AfD wählt. Wie geht ihr mit dem Gedanken um?

Nico: Kann ich nicht ändern – also beschäftigt mich das auch nicht.

Sebi: Nicht schön. Hat ja keiner auf der Stirn stehen. Aber ich gehe da gerne ins Gespräch.

Für die Jubiläumstour habt ihr euch bestimmt auch wieder mit Songs beschäftigt, die ihr seit Ewigkeiten nicht mehr angefasst habt. Gibt es dabei Stücke, bei denen ihr heute denkt: Puh, den würden wir so aber wirklich nicht mehr schreiben? Egal ob musikalisch oder textlich. Und gab es andersherum vielleicht einen alten Song, bei dem ihr dachtet: Scheiße, der ist eigentlich richtig gut – warum spielen wir den nicht öfter?

Nico: Ersteres @Sebi – Jogger der Liebe 🙂 Letzteres: z. B. „Glanz der Sonne“ oder „Von Horizont zu Horizont“ von der Pazifik z. B. Mal sehen, vielleicht wird’s ja was zur Tour!

Sebi: Was denn?? Jogger der Liebe ist ein Träumchen! Damals in der Badewanne geschrieben – 15 Minuten, fertig!!^^ Aber ja, der würde wahrscheinlich so nicht mehr passieren. Es gibt aber einige Songs, die wir nie angepackt haben und die ich gerne mal antesten würde.

Wenn ihr euch nicht 2001 kennengelernt hättet, sondern heute – mit euren heutigen Leben, Jobs, Familien und allem, was dazugehört – glaubt ihr ernsthaft, dass ihr noch einmal gemeinsam eine Band gründen würdet? Oder funktioniert Massendefekt heute vielleicht auch deshalb, weil ihr damals jung und bekloppt genug wart, etwas anzufangen, für das heute schlicht die Vernunft fehlen würde?

Nico: Puh – sehr philosophische Frage. Je älter man wird, desto voller wird das Leben. Gefühlt bin ich umringt von Menschen, die alle Erwartungen an mich haben plus Familie, plus ’nen Job. Ich glaube, mit dieser „Alltagsbelastung“ (also Familie ist natürlich schön!) würde ich ’ne Band mit dieser Intention und Intensität wie Massendefekt nicht mehr starten. Also ja, jung und bekloppt 🙂 Aber es ist auch immer noch wunderschön, Musik für Menschen zu machen, Menschen mit Musik in ihren Leben zu begleiten und vielleicht auch davon abzuhalten, ’ne Nazi-Partei zu wählen.

Sebi: Ist ja auch irgendwie ’ne Altersfrage. Mit Anfang 20 hat man doch nicht so viel Schiss und Verpflichtungen. Man macht einfach. Heute denke ich doch über alles zehnmal nach, um auf irgendeine Art und Weise Sicherheit zu haben. Andererseits bedeutet mir die Musik so viel und es gibt wirklich nichts Geileres. Ich würde es wohl auch heute wieder tun.

Zum Abschluss schauen wir mal nicht zurück, sondern nach vorne. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass wir 2031 wieder ein Interview zu 30 Jahre Massendefekt führen können. Was müsste bis dahin passiert sein, damit ihr dann sagen könnt: Die fünf Jahre nach unserem 25. Geburtstag waren noch einmal eine richtig geile und wichtige Zeit für diese Band?

Nico: Wichtigster Punkt, alle sind weiterhin gesund! Zweitwichtigster Punkt, es gibt noch Kultur und Musik in diesem Land (s. oben)! Drittens, es gibt noch Spielstätten (Clubs/Festivals) – das ist im Endeffekt die Bottomline. Dann natürlich, dass das Album MASSENDEFEKT gut angenommen wurde, wir ’ne schöne Tour gespielt haben, schöne Festivals hatten und gemeinsam ’ne gute Zeit hatten, liebe Menschen getroffen haben, viel gelacht haben und immer noch das lieben, was wir machen. Punkt.

Sebi: Ein neues Album, sprich neue Songs, pushen einen selber ja auch ungemein und man will es ja auch nach außen tragen und genießen. Ich sag mal, solange wir mit unserer Musik noch ein paar Leuten Freude bereiten und auch gemeinsam feiern können, machen wir noch ein bisschen und die 30 packen wir auch!

Massendefekt live 2026:

23.10. – Nürnberg, Hirsch
24.10. – München, Backstage
30.10. – Frankfurt a.M., Das Bett
31.10. – Stuttgart, ClubCann
13.11. – Hamburg, Knust
14.11. – Berlin, Hole44
20.11. – Hannover, Musikzentrum
21.11. – Leipzig, Werk 2
27.11. – Bremen, Tower
28.11. – Münster, Sputnikhalle

12.12. – Düsseldorf, Stahlwerk + 15 Jahre Tangodiesel

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– Playlist: Happy Release Day

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