Interview mit ÖTZI: „Wir können nur wir selbst sein“

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Ötzi ist eine interessante Post-Punk-/Goth-Punk-Kapelle aus Oakland, einer Stadt mit einer großen Undergroundszene. Nach meinem Review der EP Part Time Punk Sessions (hier) war ein Interview unabdingbar.

Hallo, ich bin  Gripweed vom deutschen Hardcore/Punk-Fanzine AWAY FROM LIFE. Wer seid ihr?

Wir sind Ötzi, und bestehen aus Akiko (singer/bass), Gina Marie (singer/drums) and K. Dylan Edrich (guitar).

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Wann und wie habt ihr angefangen?

Akiko: Wir haben 2014 angefangen. Gina und ich haben uns bereits in den 1990ern  als Teenager in der Punk und Ritgirl-Szene von Oakland kennen gelernt.  Nachdem wir eine zeitlang woanders gewohnt haben, sind wir beide zurück nach Oakland gezogen und haben uns bei einer Show wieder getroffen. Wir wollten beide eine Band gründen, also haben wir uns entschieden, dies zusammen zu tun. Wir haben mit ein paar Gitarristen und Keyboardern zusammen gespielt, aber als Dylan dazukam wurde die Band zum Trio.

Wie seid ihr auf den Namen gekommen? Scheint mir ziemlich ungewöhnlich für eine amerikanische Band.

Akiko: Wir haben bereits seit sechs Monaten zusammen Musik geschrieben, aber konnten uns auf keinen Namen verständigen. Es hat ewig gedauert. Unsere Keyboarderin, die in Deutschland zur Schule ging, hatte eine Vorliebe für Ötzi, die Eismumie. Also haben wir die Band nach ihm benannt. Ich hoffe, wir können sie mal besuchen, wenn wir in Italien auf Tour sind.

In Österreich gibt es DJ Ötzi, der eher Partymusik für dumme Menschen macht. (Anm.: Als Hörbeispiel gabs Anton aus Tirol, das erspar ich euch an dieser Stelle.). Es wäre interessant, wenn sich ein Fan von ihm auf euer Konzert verirren würde.

Gina Marie: Ha! Als amerikanische Punkband haben wir natürlich noch nie von ihm gehört, aber tatsächlich haben uns vor kurzem bereits andere von ihm erzählt. Wenn seine Fans auf unser Konzert kämen, würden sie uns bestimmt viel besser finden! 😉

Gibt es eine große Post-Punk-Szene in Oakland? Wie ist das Leben da und welche Bands könnt ihr empfehlen?

Akiko: Tatsächlich gibts hier in Oakland eine große Post-Punk, Dark-Punk und Deathrock-Szene. Gina und ihre Partnerin Brianne haben viel für die Dark-Punk-Szene mit ihrer Festival- und Promotions-Agentur Near Dark. Sie bringen so viele großartige Bands in die Stadt und viele Bands auf Tour erzählen mir, dass Oakland ihre Lieblingsstadt ist, weil hier die Fans so begeistert und freundlich sind. Es gibt außerdem gesunde, lebendige Szenen für Punk und Hardcore, Metal, Noise Experimentalmusik, Hip-Hop und Elektronische Musik. Was Postpunk und Deathrock angeht kann ich Mystic Priestess, Moira Scar, Altar de Fey, Esses, False Figure empfehlen. An Hardcore-Bands empfehle ich  Convenience und Khiis.

Gina Marie: Ja, es ist wirklich toll so viele geile Bands um uns zu haben. Einige Oakland-bands, die es total bringen sind  Houses of Heaven, B-Ward, Mystic Priestess, Provoke, Yama Uba, Riita, Zanna Nera, The World, Esses, Khiss, Dots, and …..

Euer erstes Album war dem Lagerhausbrand in Oakland 2016 gewidmet. Ich war zufällig der Autor, der den Artikel aus der englischen in die deutsche Wikipedia übersetzt hat (für Interessierte: hier). Was geschah denn dort und was ist eure Verbindung zu den Opfern?

Akiko: Ich habe den Wikipedia-Artikel nicht gelesen, aber danke, das du ihn übersetzt hast.

Was ist passiert? Nun, die Menschen wurden aus ihren Wohnungen Lieblingsorten von reichen Leuten herausgekauft, so sank die Anzahl an Szenenorten. Und dann gab es eine Reihe von zwielichtigen Personen, die diese Situation ausgenutzt haben. Wir spielten dort einen Monat vor dem Feuer. Besitzer und Manager des Gebäudes waren voll auf Drogen, es war ein echt unheimlicher Ort. Das Lagerhaus war in einem schlechten Zustand, aber überall haben diese Antiquitäten herumgestanden. Es hat wie auf einem Piratenschiff ausgesehen. Ein großes Lagerhaus mit zwei Treppen und drei Eingängen, aber es war aufgebaut wie ein hölzernes Labyrinth. Die Haupttreppe zur Tanzfläche hat aus Sperrholz und Paletten bestanden, Es war schwer, darauf zu gehen, geschweige denn Musikanlagen darauf zu transportieren.  In der Nacht, als wir da gespielt haben, gab es drei Ausgänge und einen Hinterhof. Aber die haben danach den Hinterhof mit Müll vollgestellt, so dass zwei Ausgänge blockiert  waren. Das Feuer entsprang einem elektrischen Defekt, der dem Vermieter bekannt war. Aber er hat nichts daran gemacht. Die Treppe ging in Flammen auf , so dass die Besucher oben festsaßen. Und die Besucher im ersten Stock konnten in dem Labyrinth die Ausgänge nicht finden. Einige, die dem Feuer zunächst entkamen, versuchten ihre Freunde zu retten und kamen bei dem Versuch auch ums Leben.

Einige der Opfer waren unsere Freunde, andere Bekannte, einige Fremde, manche waren Künstler, deren Arbeit wir schätzten, aber nicht persönlich kannten. Es ist ähnlich wie in anderen großen Städten mit einer lebendigen Szene von 100 bis 200 Leuten, manche waren Freunde, manche nicht. Ein Viertel ist jetzt tot.

Die Stadtverwaltung nutzte die Situation aus, um noch mehr Menschen aus ihren Freiräumen zu vertreiben und schloss andere Kunsthallen, Wohnungen und Büroräume für Leute aus der Gegenkultur. Gentrifizierung ist ein großes Problem und manchmal sind wir auch selbst Teil des Problems.

Es gibt so viele Menschen, deren Leben durch Immobilienentwicklung und Feuer in San Francisco/Oakland zerstört wurde. Aber wenn es schwarze, lateinamerikanische oder arme Gemeinden betrifft, berichten die Medien nicht darüber. Es fällt uns schwer darüber zu reden, aber vielleicht bringt es etwas, damit andere Promoter im Underground Fluchttüren nicht verschließen und sich mehr um die Sicherheit bei ihren Shows kümmern.

Ötzi - Part Time Punks
Ötzi – Part Time Punks

Ich kenne eigentlich nur eure EP Part Time Punks Session. Ich fand die auch super klasse und war etwas enttäuscht, das euer weiteres Werk nicht so roh und reduziert war. Ist das eine Richtung, die ihr weiterhin einschlagen wollt?

Akiko: Nein, eigentlich nicht. Als Musikfan ist der Besuch einer Liveshow und das Anhören einer Platte ein unterschiedliches Erlebnis. Uns stören die Unterschiede nicht. Im Studio wollen wir uns als Musiker präsentieren und auch als Musiker akzeptiert werden – etwas wofür wir als Frauen und nicht-binäre Menschen seit Jahrzehnten gekämpft haben. Also nehmen wir uns die Zeit und versuchen bei den Aufnahmen jede Nuance des Songwritings perfekt umzusetzen. Bei Shows nutzen wir an Amps und PA was da ist und klingen niemals gleich. Außerdem sind Liveshows viel physischer und gemeinschaftlicher. Wir nutzen die Energie der Zuschaure und spielen schneller und härter. Das macht natürlich viel Spaß, schließlich sind so auch die Shows, die wir selbst besuchen. Viele Fans haben uns gesagt, das wir live viel härter und aggressiver sind als auf den Alben, aber wir können es auch nicht jedem rechtmachen. Wir können nur wir selbst sein.

Euer neues Album ist bereits in der Mache. Erzählt mal darüber…

Akiko: Ha, es wird jedenfalls nicht so roh und reduziert sein. Aber vielleicht machen wir auch irgendwann mal ein Livealbum. Wir haben auch schon ein paar Songs vom kommenden Album live gespielt und es sind wirklich tolle Songs, die man schneller und punkiger spielen kann. Die Leute sind jetzt schon verrückt danach. Die restlichen Songs sind dafür melodiöser, wird also schön ausgeglichen werden.

Ihr wart in Europa auf Tour. Was war das schönste und was das schlimmste Erlebnis?

Akiko: Sowohl das schönste als auch das seltsamste war, als neue Freunde uns in Zaragoza Tattoos gestochen hat! Wir haben sie bei einer Show kennen gelernt und dann haben sie uns Fledermäsue gestochen.

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Ich mag den Einfluss von Joy Division und Bauhaus auf eure Musik. Was sind weitere Inspirationsquelle?

Gina Marie: Ich glaube unser Sound entsteht völlig natürlich dadurch, das wir die Musik seit Jahren selbst hören. An Bands kann man sicherlich Xmal Deutschland, Crass, Siouxsie and the Banshees, Suburban Lawns, Zounds, Sisters of Mercy, Depeche Mode, the B-52s und viele Riot-Grrrl-Bands aus meiner Jugend, wie Bikini Kill, nennen.

Akiko: Ich mag auch die ganzen klassischen Post-Punk und Goth Bands wie The Cure, Siouxsie, Christian Death, Sisters of Mercy, Sex Gang Children, 13th Chime. Andere Einflüsse sind sicherlich Slits, Rites of Spring, Lync und Bikini Kill.

Nun folgt ein kleines Frage- und Antwortspiel:

Donald Trump

  • Gina Marie: Fucker
  • Akiko: Evil

Joy Division

  • Gina Marie: Suicide
  • Akiko: Transmission

Maximumrocknroll

  • Gina Marie: R.I.P.
  • Akiko: Old homies

AWAY FROM LIFE

  • Gina Marie: Interview
  • Akiko: New homies

Near Dark  –

  • Gina Marie: Records
  • Akiko: Festival

Post-punk

  • Gina Marie: My favorite music
  • Akiko: Genre name

Danke für das Interview und entschuldigt mein schlechtes Englisch….

Gina Marie: Danke für dein Interesse. Ich hoffe, wir sehen uns bald mal auf der nächsten Europatour…

Ötzi (Pressebild)
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Gripweed
Gripweed ist Wikipedianer mit Leib und Seele und das, was man gemeinhin als Musiknerd bezeichnet. Musikalisch ist er in vielen Genres beheimatet, wobei er das Exotische und Unbekannte den Stars und Sternchen vorzieht. Eine Weile bloggte er auch auf blogspot.de und war Schreiberling des leider eingestellten saarländischen Webzines Iamhavoc. nach dessen Einstellung wechselte er mit Max zu AWAY FROM LIFE.

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