Tells Bells Festival 2022 / The Real McKenzies / (c) coreohgraphy

Ein Festivalbericht jetzt? Zwei Monate später?

Warum schreibe ich erst jetzt über das Tells Bells Festival, das bereits am 12. und 13. August 2022 in Villmar stattfand?

Zum einen, weil dieser Sommer so vollgepackt war, dass, wenn man eine Sache richtig gut machen will, nie genug Zeit für die vollen 100 Prozent bleibt. Und weil ich das hier für AWAY FROM LIFE – die Reviews, Fotos und Interviews – aus den selben Gründen und unter den selben Umständen tue, wie das gesamte Team vom Tells Bells Festival: Aus purer Fanliebe.

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Komplett ehrenamtlich stellt die Tells Bells Crew seit 2004 ein Festival auf die Beine, was nicht nur bei den Besuchern, sondern auch bei den Bands Kult- und Liebhaberstatus erreicht hat. Nicht zuletzt, weil das Lineup einfach mega ist. Die Planungen für die kommende Ausgabe, die am 11./12. August 2023 stattfinden wird, sind bereits in vollem Gange und die ersten Ankündigungen sowie der Ticketverkauf starten voraussichtlich Anfang November. Noch ein Vorteil, wenn der Bericht etwas später folgt: Ihr müsst nicht so lange auf die nächste Gelegenheit warten, um euch selbst von der Grandiosität des Festivals zu überzeugen. 😉

Zurück zur Gegenwart: Das Lineup in diesem Jahr, war so unglaublich gut, dass ich mindestens 7 Gründe fand, den Weg nach Villmar anzutreten.


LINEUP 2022

Freitag, 12.08.

Visions Only, Stinky, Marathonmann, Risk it, The Flatliners, Rykers, A Wilhelm Scream, Evergreen Terrace, The Bouncing Souls, Lagwagon

Samstag, 13.08.

Everready, Rising Anger, 4 Zimmer Küche Bad, Hometown Crew, DIRECT HIT!, No Trigger, VMZT, Tim Vantol & Band, First Blood, The Real McKenzies, Zebrahead, Comeback Kid

Zwischen den Punkrock-Veteranen The Real McKenzies, The Bouncing Souls und Lagwagon, unter Hardcore-Größen wie Comeback Kid, Risk it oder Evergreen Terrace und verlässlichen Partymachern wie Zebrahead oder den inzwischen 20-jährigen Flatliners (zum Interview mit Chris Cresswell auf dem Tells Bells) finden wie üblich auch junge, weniger bekannte oder auch schon gestandene regionale Kult-Bands wie VMZT (Vom Millionär zum Tellerwäscher) eine Bühne. Auch wenn ich natürlich vor allem auf die zuvor genannten Bands den Weg bis nach Villmar antrete, so freue ich mich doch auch neue Bands zu entdecken, wie etwa Hometown Crew aus den Niederlanden.

Sogar Bands, die gar nicht für das Lineup eingeplant waren, erhalten spontan ihre Chance: Weil Belvedere und Chaser es aufgrund einer Autopanne nicht rechtzeitig zu ihrem Timeslot schaffen, bekommt die zufälligerweise als Gäste anwesende Band Ever Ready (der Name ist an diesem Tag Programm) ihre Stagetime. Noch immer frage ich mich, warum sie beim Campen ihre Instrumente dabei hatten.


FOTOGALERIE

Zurück zur Lobhudelei über das Tells Bells Festival, das auch deshalb so großartig ist, weil einfach alles – die Orga, die Verpflegung der Bands und auch die Stimmung – so unglaublich leicht und herzlich sind. Das wird mir spätestens klar, als ich im Backstage-Bereich auf Andrew Neufeld von Comeback Kid treffe, der gar nicht aufhören kann vom Tells Bells zu schwärmen. Viele Bands so wie auch CBK kommen deshalb immer wieder gerne und fühlen sich sauwohl hier. Ein bisschen Zeltlager-mit-Freunden-Stimmung ist das alles und wird gerade in diesem Jahr bei unaufhörlichem Sonnenschein noch ein bisschen mehr zum Hardcore-Happening.

Um den Kreis zu schließen: Auch wenn mein Bericht spät kommt, ist das gar nicht schlimm, denn jetzt müsst ihr nur noch 10 Monate warten bis zur nächsten Gelegenheit auf ein hammer Lineup aus internationalen Größen und regionalen Helden und auf jede Menge Gelassenheit und Herzlichkeit, die ich so noch nicht erlebt habe.

Wer noch ein bisschen mehr über das Tells Bells erfahren will, der liest sich das folgende Interview mit Andy, dem 2. Vorsitzenden des Vereins, durch. Obwohl er viel beschäftigt war, nahm er sich die Zeit dafür. Vielen Dank noch einmal Andy und die gesamte Tells Bells Crew! Wir kommen definitiv wieder.


INTERVIEW

AFL: Wie seid ihr auf den Namen Tells Bells gekommen? Die Nähe zu AC/DC’s Hells Bells ist ja recht offensichtlich.

Andy_TB: Die angrenzende Wiese hier, auf der das Festival und der Campingplatz sind, heißt „Tellswiese“, weil hier früher, Anfang der 1910er-Jahre, Wilhelm Tell als Theaterstück aufgeführt wurde. Das Gelände ist etwas abfallend, ähnlich wie ein Amphitheater, deswegen hat sich das angeboten und daher der Name der Wiese. Wie es genau dazu gekommen ist, weiß keiner mehr so richtig, einer hat es irgendwie gesagt und so hat sich das durchgesetzt.

AFL: Also ist das Ganze nicht einfach nur stumpf von Songtitel abgekupfert, sondern hat sogar einen historischen lokalen Hintergrund?

Andy_TB: Genau.

AFL: Das erste Tells Bells war 2004, wie groß war die Erstauflage?

Andy_TB: Es war eintägig, mit 10 Bands und es waren so 500-600 Besucher, schon direkt am Anfang. Es hat damals, glaube ich, 6 Euro Eintritt gekostet und das 0,3 l Bier gab es für 1€.

AFL: Wow, das sind ja Superpreise!

Andy_TB: Ja, und wir sind damit auch wirklich gut gestartet.
Wir haben auch vorher schon Alternative Partys gemacht, das war die Zeit der „Mallorca Partys“.

AFL: Das war euer Gegenentwurf zu diesen Partys?

Andy_TB: Ja, wir haben dafür den Verein gegründet, weil wir damit eine Halle anmieten konnten, also das lokale Bürgerhaus und da haben wir dann zu Beginn auch erst Musik aus der Dose gemacht, auch alles für 1€ und irgendwann kam dann noch das Festival dazu. Gegründet wurde der Verein 2002 und die Partys waren dann auch irgendwann rückläufig und wir sind alle irgendwie älter geworden und haben angefangen zu arbeiten, Familien und so weiter und heute machen wir nur noch das Festival, das ist stressig genug und noch einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt hier. Da gibts dann Glühwein für 1€ und Punkrock.

AFL: Kommen wir doch noch mal auf eure Preise zurück, die sind ja wirklich sehr gut. Auch wenn man sich mal die Ticketpreise anschaut, bei eurem Line-Up, dann ist das schon wirklich outtanding. Aber am Ende klappt das auch nur, weil ihr das alles über den Verein macht?

Andy_TB: Jo. Also wir schleppen jeden Bauzaun selbst, wir haben extrem viel Rückhalt mittlerweile hier in der Gemeinde. Wir haben gute Verbindungen zu Landwirten und Baufirmen, die uns unkompliziert mit Maschinen unterstützen, die müssen wir dann quasi nur wieder vollgetankt hinstellen.
Wir haben hier am Montagabend angefangen, mit 25 Leuten hier vor Ort, am Dienstag waren es dann schon 40. Wir bauen alles selbst auf und wieder ab, was man selbst machen kann.

AFL: Also nimmt sich da jeder davor und danach eine Woche Urlaub, damit man das alles hier gewuppt bekommt?

Andy_TB: Genau. Ich habe 2 Wochen Urlaub dafür genommen, machen sicher nicht alle, aber der harte Kern schon.

AFL: Wie ist es in der aktuellen angespannten Lage nach Corona für euch, es wird ja alles teurer, vom Bier bis hin zu den Technikern. Bekommt ihr das dann noch so wie gewohnt hin?

AndY_TB: Ja, das werden wir sehen dieses Jahr, wie es läuft, trotz ausverkauft. Wir haben den Bierpreis bisschen angehoben und der Eintrittspreis ist etwas teurer geworden, 2019 waren das noch 22€ für das Kombiticket und dieses Jahr 29€, aber für nächstes Jahr müssen wir auf jeden Fall neu durchkalkulieren. Wir wollen auf jeden Fall das Level halten von den Bands.

AFL: Es ist sicher nicht nur das Level der Bands, am Ende muss sich das Festival ja selbst finanzieren. Man hat zwar hier und da ein paar Sponsoren gesehen, aber das kann sicher nicht den Großteil decken?

Andy_TB: Ja, ein paar Sponsoren haben wir, aber es ist knapp kalkuliert und wir haben ja auch keine Gewinnerzielungsabsicht als Verein, trotzdem muss man schauen, dass man nicht Miese macht.

AFL: Wie du schon gesagt hast, dieses Jahr ist ausverkauft, wollt ihr euch als Festival noch vergrößern?

Andy_TB: Nein, das wollen wir überhaupt nicht. Erstens ist es vom Gelände her nicht wirklich möglich und es soll uns natürlich am Ende immer noch Spaß machen. Deswegen reicht uns die aktuelle Größe vollkommen aus.

AFL: Auch uns gefällt die Größe hier und was deutlich spürbar ist, ist der Spirit und das familiäre Flair hier, das ist schon echt was Besonderes. Das hört man auch von allen Bands, die man hier so trifft.

Andy_TB: Das stimmt und freut uns auch sehr. Heute Morgen hat mich gleich Andrew von Comeback Kid freudig begrüßt und die Jungs von den Flatliners haben auch vorhin noch eine Nachricht geschrieben, dass sie es supergeil fanden. Marathonmann habe ich gestern noch mitbekommen, bei der Abfahrt, die haben sich noch mal mega bedankt und das ist dann auch für uns natürlich ein großes Lob von den Bands. Das Feedback, was man so bekommt, ist immer sehr gut.

AFL: Das merkt man auch den Bands an, wenn sie auf der Bühne stehen, dass sie sich hier echt wohl fühlen.

Andy_TB: Auf jeden Fall. Gestern A Wilhelm Scream oder Risk It, die sind ja komplett ausgerastet, das war schon geil.

AFL: Auch bei euren Besuchern spürt man eine besondere Atmosphäre hier, sehr entspannt im Umgang und mit viel Spaß vor der Bühne.

Andy_TB: Das stimmt, es sind schon alle recht smooth und freundlich hier.

AFL: Zur Abwechslung mal eine Klischeeinterviewfrage. Welche Band muss auf jeden Fall noch auf dem Tells Bells spielen, bevor die Welt untergeht?

Andy_TB: (lacht)

AFL: Oder habt ihr schon alles erreicht?

Andy_TB: Nein, da stehen schon noch ein paar auf der Liste. Anti Flag, die hatten wir noch nie, wenn es gut läuft, versuchen wir Boysetsfire zu bekommen, wäre schon cool. Wobei das vielleicht schwierig wird. Wir versuchen da echt jedes Jahr richtig gute Bands zu bekommen, aber es hängt natürlich immer viel davon ab, wer gerade wie unterwegs ist und oft passt es dann leider doch nicht. The Bouncing Souls haben wir die letzten 10 Jahre versucht zu bekommen, aber dieses Jahr hat es endlich geklappt.

AFL: Eine schwierige Frage haben wir natürlich noch dabei: Warum ist auch bei euch die Frauenrate bei den Künstlern so gering?

Andy_TB: Prinzipiell buchen wir natürlich für uns die Bands, auf die wir Bock haben, dieses Jahr ist es sicher etwas mau, aber wir schauen da nicht auf eine Quote oder so. Aber wir hatten natürlich auch schon Walls of Jericho und All for Nothing hier, aber so insgesamt ist der Anteil an Frauen in den Bands in der Hardcore / Punk Szene leider noch nicht so hoch, dass sich da von alleine eine gute Mischung ergibt. Und wir müssen uns natürlich auch immer daran orientieren, wer gerade auf Tour ist, da können wir z.B. Walls of Jericho nicht extra einfliegen lassen, aber wenn es sich ergibt immer gern. Wie gesagt, wir orientieren uns nicht an einer Quote oder so. Aber wenn es natürlich prinzipiell mehr Frauen im Punkrock geben würde, wären da sicher auch schon mehr Bands dabei, die uns gefallen.

AFL: Wie sieht es aus mit dem Line-Up für nächstes Jahr, seid ihr da schon an den Vorbereitungen?

Andy_TB: Wir schauen da von Jahr zu Jahr. Jetzt erstmal alles über die Bühne kriegen und sehen wir, was unter dem Strich bleibt und dann so im September, Oktober fangen wir an uns umzuhören. Ich gehe davon aus, dass die Dauerbrenner VMZT und Visions Only nächstes Jahr auch wieder spielen.

AFL: Das ist natürlich auch eine gute Sache, so eine Mischung aus regionalen Bands und internationalen Künstlern.

Andy_TB: Ja, wobei da der Anteil zurückgegangen ist. Es sind immer noch 4-5 dabei, aber 2 Monate früher ist hier in der Nähe noch ein Festival, wo so fast alle regionalen Bands spielen und am Ende muss man ja auch immer noch genug Leute ran bekommen und sich selbst dafür begeistern können, den ganzen Aufwand dafür zu treiben.

AFL: Wir fanden es bei euch auf jeden Fall super und drücken die Daumen, dass es bei euch so weiter geht und kommen gern wieder.

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