Im Moment spielen Montreal die erfolgreichste Tour ihrer Karriere. Ihr neues Album „Schackilacki“ kam hervorragend bei Fans und Presse an, weswegen ich mich sehr darüber gefreut habe, den Bassisten und Sänger Hirsch in Köln vor ihrem Auftritt in der Live-Music-Hall treffen zu dürfen. Es ging natürlich um die Tour und das Album, aber auch darum, wie die Band politische Themen aufgreift, die gemeinsamen Konzerte mit der Bloodhound Gang, Vergleiche mit den Ärzten und eine ganze Menge mehr.

Afl: Euer Album „Schackilacki“ ist jetzt seit 4 Monaten draußen. Wie war die Zeit bisher?
Hirsch: Super, wir haben sehr viele Festivals gespielt und vor drei Wochen ging dann die Tour los. Wir können ja immer ein bisschen regenerieren, Eistonne und so, und es läuft sehr gut. Es ist ja nicht immer so, dass die neuen Lieder direkt so gut angenommen werden und funktionieren. Bei manchen Liedern hat das früher auch mal eine Platte gedauert, bis die dann richtig gut ankamen. Von der Neuen funktionieren aber einige richtig gut. Das freut einen natürlich.

Afl: Welche Lieder meinst du da genau?
H: „Kino“, „Richtig falsch“ und „Musik in meinen Ohren“. Die kommen schon so gut an, wie Lieder die schon vor drei Alben rauskamen. „Einfach nur verstehen“ braucht da noch ein bisschen, „Was ich will“ klappt aber z.B. auch super. Und „Idioten der Saison“, gerade auch weil es ja im Moment zur Lage passt, ist auch sehr beliebt.

Afl: Ihr spielt gerade die erfolgreichste Tour eurer Karriere, nach 14 Jahren ja auch ein Zeichen von Fleiß und harter Arbeit.
H: Es ist ja immer bestätig ein bisschen weiter gewachsen. Wir hatten ja weder einen Riesensprung, noch eine Phase, in der das zurückgegangen wäre. Aber dieses Mal ist es auch wirklich erstaunlich, dass auch Städte wie Nürnberg oder Wiesbaden ausverkauft sind. Aber auch hier in Köln ist es klasse. Das letzte mal hatten wir so 380 Gäste, heute 700, das ist natürlich eine ganz andere Hausnummer. Dass wir heute in der Live Music Hall sind, liegt zum einen daran, dass das Underground sehr schnell ausverkauft war, man aber hinter den Kulissen schon wusste, dass es zumachen würde.

Afl: Eure neue Single ist „Kino“, warum ausgerechnet dieser Song?
H: Es ist ja immer ein bisschen schwierig zu überlegen, welchen Song man wann rausbringt. Wenn es nach unserem Schlagzeuger Max Power gegangen wäre, hätten wir Kino direkt als erstes rausgehauen. Oft ist es aber so, dass die erste Single ein bisschen untergeht, weil man noch nicht so auf dem Radar der Leute ist. Jetzt nach vier Monaten ist das Thema Schackilacki und Montreal aber wieder präsent und dann haben wir gedacht, dass diese Veröffentlichung auf fruchtbaren Boden fällt. Am Ende ist aber auch ein bisschen Raketenphysik und man sollte sich nicht zu sehr verkopfen, welches Lied man wann rausbringt.

Afl: Auf dem Album ist nur ein Lied länger als drei Minuten. Ich würde mal behaupten, dass Schackilacki eines der straightesten Montreal-Alben ist.
H: Da stimme ich dir zu. Das hören wir auch immer oft bei Gesprächen, dass die Leute, die uns auch schon länger hören, sagen, dass es das erste Album ist, bei dem sie kein Lied überspringen und es richtig gut durchhören können. Das Album ist aber auch nur 31 Minuten lang und wir versuchen auch immer sehr früh nur Lieder zu machen, die wir auch auf jeden Fall drauf haben wollen. Ein 50 Minuten langes Album braucht kein Mensch mehr heutzutage und deswegen wollen wir das auch nicht unnötig strecken.

Afl: Was ist denn dein Lieblingssong von der Platte? Vier Monate nach Release wird man da auch nochmal ne andere Sicht drauf haben.
H: Auf jeden Fall „Kino“, ich finde aber auch „Hör auf deine Freunde“ richtig cool. „Was ich will“ mag ich auch total. Bisher hab ich noch kein Lied, wo ich sagen würde, dass es nicht so dufte ist. Vielleicht „Schöpfen aus den Vollen“, das braucht noch so eine Weile und geht vielleicht ein bisschen unter.

Afl: Ihr spielt ja, wie meisten Bands, eure Tour in „Dreierpacken“, also immer Donnerstags, Freitags, Samstags. Das liegt ja zum einen daran, dass am Wochenende die Gäste am meisten in Partylaune sind, zum anderen seid ihr aber auch keine Berufsmusiker sondern habt noch normale Jobs.
H: Absolut, man hat dementsprechend harte Wochen, wenn man teilweise erst Donnerstagmorgens auf der Arbeit abgeholt wird und dann das ganze Wochenende weg ist. Außerdem dauert es meistens sehr lange, Sonntags zurück nach Berlin zu fahren.

Afl: 2006 habt ihr eine Tour mit der Bloodhound Gang gespielt. Sind die wirklich so krass drauf, wie man sich erzählt?
H: Es ist ganz witzig. Damals ist das Ganze ein wenig untergegangen, jetzt werden wir darauf wieder angesprochen. Ich hoffe, da steht demnächst ein Revival an. Die sind tatsächlich so krass, 2006 war aber auch eine andere Zeit. Da haben noch nicht ständig Leute in Mützen gekotzt und diese dann aufgesetzt. Die Hemmschwelle ist mittlerweile ja eine ganz andere. Im Internet hat man ja alles schon gesehen, von Raketen im Po, über anpissen und kotzen. Das war damals noch anders. Die und Jackass waren ja ein gemeinsamer Freundeskreis und mit Abstand die krassesten und haben das auch im Backstage so zelebriert – man musste schon aufpassen, was man anfasst wenn die in Feierlaune waren. Aber sie waren immer sehr nett und fair und haben uns sehr gut behandelt. Ich durfte auch über Evil Jareds Bassbox spielen, was bei den meisten amerikanischen Bands nicht immer so ist. Wir waren ja auch in ganz Europa unterwegs und wenn es kein Catering gab, haben die uns immer auf deren Kasse eingeladen.

Afl: Anderes Thema: Wenn ihr in euren Songs politische Sachen ansprecht, geschieht das eher auf eine subtile, ironische Art, anstatt dass ihr mit erhobenen Zeigefinger durch die Gegend rennt. Liegt euch das besser?
H: Wir wollen halt vermeiden, dass wir so Fahnenschwenkermusik machen, mit Parolen, die unreflektiert nachgesungen werden. Wenn man die Sachen so plakativ gestaltet, ist die Gefahr immer da, dass Leute das, ohne nachzudenken, mitgrölen, ohne dass das wirklich deren Meinung ist. Das ist, finde ich, so eine Art Machtmissbrauch, wenn eine Band, wo viele Jugendliche hinkommen, Sachen singen, wo das Publikum sie nur mitsingt, weil es denkt, die Band würde es dann persönlich mögen. Ob die Meinung einem dann tatsächlich selber entspricht, ist dann ganz schwer herauszufinden. Nur weil jemand auf der Bühne vor tausenden Menschen mit einem Mikrofon steht, ist er ja nicht zwingend ein klügerer Mensch und weiß Sachen besser. Wir versuchen das anders zu machen. In drei Minuten ist es ja eh sehr schwer, einen politischen Sachverhalt genau zu beschreiben. Wir wollen auch, dass unsere Lieder nicht Aktualität verlieren, weswegen wir z.B. bei „Idioten der Saison“ auch keine Namen nennen. Die AfD ist in fünf Jahren vielleicht wieder verschwunden, es wird aber mit Sicherheit neue Idioten geben, auf die das Lied dann passen wird.

Afl: Seit ein paar Jahren habt ihr euer eigenes Label „Amigo Records“, davor wart ihr bei „Hamburg Records“ gesingt. Bringt ein eigenes Label ein bisschen diesen D.I.Y.-Charakter zurück?
H: Dafür dass „Hamburg Records“ ein kleines Label war, wurde uns da schon viel reingesprochen. Wenn man das alles ganz alleine macht, ist das zwar viel Arbeit und man trägt auch mehr Verantwortung, man hat aber auch alle Freiheiten. Man ist aber so auch hinterher, dass die Sachen passieren. Es ist natürlich aber auch eine klare finanzielle Sache. Wenn man irgendwo gesingt ist, kriegt man 15%, vielleicht 20% – bei einem eigenen Label sind es bis zu 85% pro Album. Das Tuch mit „Hamburg Records“ war eh durchschnitten und dann haben wir uns entschlossen, das selber zu machen. Wir könnten zwar auch mit jedem neuen Album zu einem anderen Label gehen, so scheiße läuft es ja mit Montreal auch nicht, aber so lange sich das von der Größe her in Grenzen hält, und wir das alles selbst schaffen, machen wir das alleine. Wir schließen aber auch nicht aus, eines Tages nochmal zu einem anderen Label zu gehen, wenn da coole Leute sind.

Afl: Es macht aber vielleicht auch mehr Spaß, wenn man weiß, dass man sich das alles selbst erarbeitet hat.
H: Ja klar, eine Exel-Tabelle, in der was drinsteht, ist besser als eine, die leer ist.

Afl: Viele Leute vergleichen gerade eure Anfangswerke mit denen der Ärzte. Freust du dich über diese Vergleiche?
H: Auf jeden Fall, das ist schön. Wir kennen Farin Urlaub ja auch schon seit unserer ersten Platte. Er fand das ganz gut und seitdem haben wir da so einen leichten Draht und irgendwie hatte das immer so ein leichtes „Mentoren-Feeling“. Die alten Sachen haben wir als Jugendliche ja auch immer gehört. Dass das Ärzte-Spätwerk nicht mehr wirklich nach uns klingt, ist aber auch kein Geheimnis. Man kann es aber auch gut vergleichen, da drei Leute auf der Bühne stehen, die auch mal zwischen den Liedern was sagen und Humor in ihren Texten haben.

Afl: Wo wir gerade von sowas sprechen: Was feierst du im Moment an Musik?
H: Dadurch dass Weezer vor kurzem endlich wieder auf Tour waren, und wir alle in der Columbiahalle waren, habe ich nochmal die ganzen Weezer-Platten gehört. Ansonsten hör sehr viel Nada Surf, die ja nächstes Jahr mit ihrem legendären Album „Let Go“ auf Tour kommen. Letzte Woche hatten wir auch Grundhass dabei, den wir alle sehr feiern. Und sonst hört die Reisegruppe Montreal im Tourbus sehr viel eine Band aus Lemgo mit dem Namen „Projektgruppe: Die Band“, die sollte jeder mal abchecken. Das ist wirklich eine interessante Geschichte.

Afl: Danke für deine Zeit.

Credits: Montreal

Bilder vom Konzert in Osnabrück findet ihr hier.

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