Scunks - Foto von Hüssenberg
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Nuclear Blast

Vor kurzem habe ich das Album Rasenkantengeschichten von den Scunks rezensiert (siehe hier). Anschließend habe ich die Band nach einem Interview gefragt. Hier sind ihre Antworten…

„Erwachsenwerden ist kein Problem für uns, langweilig zu werden schon.“

AFL: Hallo liebe Scunks, starten wir das Interview doch einfach mal mit einer Standardfrage: Wer seid ihr, woher kommt ihr?

Darauf geben wir gerne unsere Standardantwort: Wir sind André, Alex, Christoph und Carsten – der hier auch spricht – und wir kommen aus der Nähe von Paderborn in Ostwestfalen. Seit 2002 machen wir schon in dieser Konstellation als SCUNKS zusammen Musik. Ganz schön lange her, wa?

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AFL: Euer Bandname ist nicht ganz so ungewöhnlich. Immerhin gab es schon mal eine recht erfolgreiche Punkrockband mit dem Namen, es gibt eine weitere Band aus Konstanz. Wie kamt ihr auf den Namen und was bedeutet er für euch?

Für uns bedeutet er vor allem, dass man als Jugendlicher unbedachte Entscheidungen trifft, die einen dann das ganze Leben lang begleiten. Damit meinen wir nicht Drogen und Schwangerschaft, sondern unseren Bandnamen. Wir haben uns gar nichts dabei gedacht, null, und wenn man ehrlich ist, passt der Name auch gar nicht zu uns. Er klingt nach Ska- oder Streetpunk. Und so klingen wir ja leider nicht unbedingt. Ist jetzt aber, gehört zu uns und mittlerweile mögen wir uns auch.

AFL: In eurer Diskografie habe ich bisher nur mehrere EPs gefunden. Einem Interview zufolge habt ihr aber bereits drei Alben veröffentlicht. Habt ihr die versteckt? Und wo?

Unsere Fans der ersten Stunde haben die komplette Diskografie natürlich im Schrank stehen. Aber mit den ersten drei Alben gehen wir nicht so hausieren, da ist auch eine Menge seltsames Zeug drauf. Darüber können wir heute herzlich lachen, aber vorstellen wollen wir uns lieber mit dem, was uns heute ausmacht. Zumindest von dem dritten Album spielen wir aber auch live noch einige Songs, wie z.B. die Dauerbrenner „Hawaii“ und „Mach’s gut und bis dann“. Das soll übrigens nicht heißen, dass wir uns für die ersten Alben schämen, die gehören auch zu uns. Aber eben nicht zu jedem Hörer, der uns heute kennen lernt.

AFL: Das erste Album seit 2009. Warum gerade jetzt?

Eine gute Frage. Nach zwei EPs in zehn Jahren war es einfach an der Zeit. Wir mögen unsere letzten EPs, da sind coole Songs drauf, aber nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei. Als Musikfan mag man es aber, wenn ein Album einen eine halbe Stunde in seinen Bann zieht. Das hat eine komplett andere Dynamik. Außerdem lohnt es sich dann auch, den Scheiß auf Vinyl zu pressen. Und das wollten wir dieses Mal unbedingt. Das Vinyl-Revival ist das Beste, was dem Underground passieren konnte.

Scunks - Rasenkantengeschichten (2021)
Scunks – Rasenkantengeschichten (2021)

AFL: Rasenkantengeschichten ist eine Anspielung auf Bordsteinkantengeschichten von Muff Potter. Wieso, weshalb, warum?

Zunächst mal sind fast alle in der Band große Muff Potter Fans. Gerade Bordsteinkantengeschichten und die nachfolgenden Alben haben uns als Band sehr geprägt und natürlich auch mein Songwriting. Wobei ich nicht behaupten möchte, es mit Nagel in dieser Hinsicht aufnehmen zu können. Der ist schon noch eine andere Liga. Die Songfragmente habe ich schon eine ganze Weile mit mir herumgeschleppt, bevor ich sie zu den Proben mitgebracht habe. Der Song Rasenkantengeschichten hatte lange keinen Namen. Aber dann fiel es mir plötzlich ein: Das Lied handelt von einfachen Menschen, die in ihren Häusern sitzen, und er erzählt ihre Stories. Während Muff Potters Album und vor allem der Song Bordsteinkantengeschichten den Blick auf die offensichtlichen Verlierer der Gesellschaft richtet – Obdachlose, Säufer, Junkies – schaut unser Lied hinter die bürgerliche Fassade, wo oft die gleichen Probleme lauern – nur, dass sie eben besser versteckt sind. Durch Gärten und nette Wohnungen. Der Song ist also ein Blick hinter die Rasenkante. Und die Muff Potter-Anleihe hat den charmanten Vorteil, dass man sich gleich das richtige Publikum angelt. Wer unsere Musik gern mag, mag höchstwahrscheinlich auch Muff Potter. Umgekehrt wage ich das nicht zu beurteilen.

AFL: Das Album ist selbst produziert. Wolltet ihr kein Label oder kamen bisher keine Anfragen?

Produziert wurde das Album zunächst in der Tonmeisterei Oldenburg. Wir vertreiben es aber selbst. Im Vorfeld standen wir mit ein, zwei kleineren Labels in Kontakt, aber letztendlich waren wir nicht so davon überzeugt, dass die von uns überzeugt waren. Und dann haben wir gedacht: Das Internet steht uns zur Verfügung. Es wird zwar etwas mehr Arbeit sein, aber mit einem guten Album in der Hand bauen wir uns schon Kontakte auf – und wenigstens steckt dann das nötige Herzblut dahinter. Ob dieser Plan aufgehen wird, steht noch etwas in den Sternen. Sollte es aber ein Label geben, dass jetzt „Hier“ schreit, darf es sich gerne melden.

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AFL: Erzählt mal was über den Aufnahmeprozess.

Wir haben das Album an zwei Wochenendenden im Juni und Oktober – genau zwischen den harten Lockdowns – aufgenommen. Dafür hatten wir uns die Tonmeisterei Oldenburg ausgesucht. Ein Freund – David von White Crane – hatte mir den Laden empfohlen, weil dort Wert auf einen rauen, echten Raumklang gelegt wird. Das mochte ich an Produktionen schon immer, vor allem bei 90er Produktionen aus Grunge und so oder bei Bands wie Samiam. Man hat da immer das Gefühl, dass man mit im Raum steht. Wir sind also unbekannterweise dahin gefahren und haben mit Role, dem Chef, und Alex, der uns letztendlich aufgenommen hat, alles aufgebaut und erst mal ein paar Einstellungen durchprobiert. Samstagmorgen ging es dann so richtig los und da wir zum ersten Mal alles live eingespielt haben, standen die Grundgerüste der Songs recht schnell. Ein paar weitere Gitarrenspuren und Gesangslinien später stand alles, wir haben noch ordentlich Bier getrunken und sind wieder nach Hause. Im Oktober haben wir das wiederholt und waren sogar noch effizienter, sodass insgesamt zwölf Songs entstanden sind, mit denen wir sehr zufrieden sind. Für uns als eingespielte Hobbyband war dieser Prozess genau der richtige.

AFL: Unterstützt werdet ihr beziehungsweise ihr seid Teil des Kollektivs Keine Stadt für Niemand. Was ist das? Wie hat man sich das vorzustellen?

Ich habe das Kollektiv zusammen mit Alex und Nico von der Hardcoreband Jumpcut gegründet. Wir haben uns zum Ziel gemacht, die kleine Paderborner Subkulturszene sichtbarer zu machen. In Stories, Interviews und Reviews haben wir seitdem schon über einiges berichtet. Aber wie du ja sicher auch weißt, ist das ganz schön viel Arbeit. Deswegen mahlen die Mühlen dort mal schneller und mal langsamer. Wichtig ist uns, dass wir wollen, dass unsere Artikel einen gewissen Mehrwert bieten. Bloße Werbung oder Infos sind uns zu wenig. Bisher haben wir viel Zuspruch für unsere Arbeit erhalten.

AFL: Zurück zum Album. Ganz deutlich kann man eine gewisse Abneigung zum Erwachsenwerden erkennen. „Saufen wie mit 30“ und so. Ist Altwerden ein Problem für euch?

Überhaupt nicht. Der Song offenbart im letzten Refrain ja auch noch eine weitere Ebene: „Ich sehe mich genau hier in zehn Jahren“ und so. Wir glauben aber daran, dass man erwachsen werden kann, ohne sich komplett zu verbiegen. Wir sind bestimmt nicht mehr die gleichen unbedarften Kids wie vor 15 oder 20 Jahren – und das ist auch verdammt gut so. Aber eine gewisse Grundeinstellung haben wir uns alle bewahrt. Die braucht man auch, wenn man sich mit Mitte 30 in einen Bulli setzt und sein Wochenende opfert, um in Krefeld ein Konzert vor 20 Leuten zu geben. Dazu gehört für mich auch eine gewisse politische und gesellschaftliche Einstellung. Viele verbinden Erwachsenwerden damit, sich von jugendlichen Idealen zu verabschieden. Wir sind bestimmt auch konservativer geworden oder toleranter gegenüber anderen Meinungen. Ich weiß heute, dass nicht jedes CDU-Mitglied ein Unmensch ist, auch wenn ich da nie mitmachen würde (anders sieht das natürlich bei der AFD aus). Aber im Grunde geht es darum, dass man sich an gewisse Grundsätze hält – und die sind nicht so weit weg von denen, die man als Jugendlicher ungleich radikaler vertreten hat. Um auf den Punkt zu kommen: Erwachsenwerden ist kein Problem für uns, langweilig zu werden schon.

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AFL: Drei Videos sind von euch entstanden, die einen recht professionellen Eindruck machen. Wie sind sie entstanden?

Bei einem kleinen Festival standen irgendwann drei besoffene junge Männer vor uns, die meinten, dass einer von ihnen in der Medienbranche tätig sei und gute Videos erstellen könne. Zuerst haben wir uns dabei nichts gedacht, aber irgendwie sind wir dann später wieder in Kontakt mit Noah getreten. Ich habe ihm dann meine Idee zu dem Song Partyboring geschildert und gemeinsam haben wir in endlosen Chats einen Plan ausgetüftelt. Das Video hat uns dann letztendlich auch 500 Euro gekostet, weil die Darsteller so viel Bier gesoffen haben. Mit der Not des Lockdowns haben wir dann das Video zu Rasenkantengeschichten gemacht, was echt toll geworden ist. Noah Sprock hat es drauf. Wir planen auch noch mehr zusammen. Das dritte Video zu Selfies in Auschwitz hat Nico von Jumpcut mit mir gemacht. Wir sind Arbeitskollegen und reden eh den ganzen Tag über Musik. Gemeinsam mit einem weiteren Kollegen, Sebastian, haben wir dann in meinem Keller eine Stunde gedreht. Es hat überall nach diesem alten Mc Donalds Fraß gerochen. Tut es leider bis heute.

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AFL: Das neueste Video ist – wie gesagt – Selfies in Auschwitz. Erzählt mal etwas über die Idee hinter dem Song.

Der Song funktioniert auf mehreren Ebenen. Im unmittelbaren Sinne ist er eine Kritik an dem Verhalten mancher Menschen, die für die Komplettierung ihrer Selbstdarstellung jedes Schamgefühl fallen lassen und sich sogar auf den Gleisen Richtung Auschwitz tänzelnd fotografieren müssen. Der Schlussrefrain macht das deutlich: „Ein Gruß vor dem Eingang/ Ein Tanz auf den Gleisen/ Ein Duckface im Ofen/ All-inclusive verreisen.“ Das Thema wird aber ausgeweitet, vor allem über die Strophe, in der immer das Wort „Ich“ wiederholt wird. Die Menschen meinen ein Anrecht darauf zu haben, mit dem Kreuzfahrtschiff durch die Arktis zu schippern oder seltene Korallenriffe zu zertrampeln, nur weil ihr Geld es zulässt. Dabei muss natürlich jeder Moment festgehalten werden. Instagram und co. funktionieren dann als Multiplikator für so ein Scheißverhalten. Und dann ist der Song letztendlich auch selbstkritisch: „Ich bin vorne mit dabei, ein Klick, ein View, ein Like“. Denn jeder, der sich diesen Mist anguckt, unterstützt das Verhalten.

AFL: Wie habt ihr die Corona-Sache erlebt? Lief ja ziemlich genau mit den Arbeiten zum Album zusammen.

Da wir mit unseren Aufnahmen genau zwischen zwei harte Lockdowns gerutscht sind, war Corona für uns kein größeres Problem. Wir durften Proben und im Sommer war sogar der Videodreh möglich. In gewisser Weise hat es den Aufnahmen sogar gut getan, weil wir durch keine Konzerte abgelenkt waren. Auf der anderen Seite sind uns schöne Auftritte bei Festivals durch die Lappen gegangen. Wir vermissen es sehr, mit den Leuten zu feiern und gerade jetzt, wo das Album erscheint, hätten wir natürlich gerne eine Release-Show gefeiert, um alles abzureißen. Das muss dann nachgeholt werden. Ich hoffe, dass das Interesse an den Songs so lange aufrecht erhalten bleibt oder vielleicht sogar wächst. Auf jeden Fall wird das Publikum dann textsicherer sein. Und durstiger.

AFL: Beliebtes Spiel: Ein Stichwort – eure ersten Gedanken…

  • Muff Potter – Die perfekte Mischung aus Punk und Poesie. Tolle Band, müsste aber jetzt mal ein Album auf die Reunion folgen lassen, dass stärker als die bisher einzige Single ist.
  • Pascow – Momentan Deutschlands beste Punkrockband. Gewaltige Energie, tolle Stimme, fiese Texte, immer stilsicher.
  • …But Alive – Initialzündung für viele politische Punkbands, die zu schlau waren für stumpfe Parolen. Hirn, Herz und starke Punchlines. Passt!
  • Kettcar – Toller Indiepop mit ganz starken Momenten, der mir auf Albumlänge aber zu anstrengend wird. Ab und an will man Wiebusch dann doch in den Arsch treten und sagen: Jetzt klopp mal wieder …But Alive darein.

AFL: Ha, so hab ich die Frage nach den Einflüssen gespart. Aber ernsthaft, die Bands tauchen ja immer wieder auf, manchmal bringt ihr sie selbst ins Gespräch. Wie findet ihr eure eigene Linie und was verbindet euch mit den Bands?

Die Einflüsse haben nicht wir benannt, wir berufen uns da immer auf die Homepage von Chefdenker, die uns in einem ihrer legendären Konzertrückblicke mal als eine Mischung aus diesen vier Bands beschrieben hatten. Das haben wir als Referenz genommen, um uns nicht ständig selbst in eine Schublade stecken zu müssen. Eine eigene Linie für uns zu finden ist gar nicht so schwer. Wir sind musikalisch relativ limitiert und spielen auch die langsamen Songs automatisch zu schnell. Dazu meine beschränkte Stimme und die Texte – da kommt immer SCUNKS bei raus. Vielleicht sollten wir da mal aktiv gegensteuern…

AFL: Weiter gehts:

  • Kotzreiz – Sind ziemlich erfolgreich, aber bisher eher an mir vorbeigegangen. Ich ändere das.
  • Paderborn – Kleinstadt, konservativ, aber mit hoher Lebensqualität. Die Subkultur muss hier mehr Freiraum kriegen.
  • Vulture Culture – Paderborner Punkurgesteine. Kennt dort jeder.
  • AWAY FROM LIFE – Die haben immer alles auf dem Schirm. Wenn man die abonniert, verpasst man nichts.

AFL: Wie siehts in Paderborn eigentlich mit der Musikszene aus. Sollte man außer euch und Split Image (deren Weg nach der Reunion ja leider etwas naja verlief) noch was kennen?

Also, ob man Split Image kennen muss, weiß ich nicht, mit denen haben wir jetzt nichts am Hut. Aber es gibt doch einige aktuelle und sehr gute Bands aus Paderborn. Wer sich für Skatepunk interessiert, muss dringend A Time to Stand auschecken. Für Stonerrock haben wir Rödel, für Indierock Kid Dad, die ziemlich durchgestartet sind, und für die Hardcore-Fraktion gab es mal Woof, jetzt ballern Jumpcut und Late Generation hier rum. Bestimmt habe ich auch noch ganz viele vergessen, sorry dafür. Auf unserer Seite keinestadtfuerniemand.com kann man aber einige davon entdecken.

AFL: Wo geht bei euch die Reise hin? Was sind die nächsten Pläne?

Unser nächstes Ziel ist es, ein paar Platten zu verkaufen, um den Schuldenberg abzubauen. Im Ernst: Wir wollen natürlich, dass unser Album gehört wird. Es werden bestimmt auch noch ein oder zwei Musikvideos folgen, dafür macht uns das Drehen zu viel Spaß. Leider dürfen wir derzeit nicht proben, aber sobald die CO2-Ampel auf Grün steht, müssen wir die neuen Songs durchgehen. Und dann wollen wir natürlich auf die Bühne. Wir können es – ehrlich gesagt – kaum erwarten.

AFL: So, das wars dann… Ihr habt jetzt noch einmal die Möglichkeit, euch an unsere Leser zu richten…

Es würde uns sehr freuen, wenn ihr euch unsere Band mal genauer anschaut. Trinkt mal nen 20-er-Rahmen Paderborner Export und hört dabei die Platte ein paar Mal durch. Und dann wiederholen wir das gleiche Spiel nochmal live. Bis dahin: Bleibt gesund! Und danke AWAY FROM LIFE für die vielen Zeilen, die ihr uns spendiert.

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