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Scheisse Minnelli

Gibt es überhaupt jemanden, der Not On Tour im Moment nicht feiert? Vermutlich nicht, denn die vier Israelis haben auf ihren bisherigen Alben und Konzerten immer mehr Leuten gezeigt, wie kurze, melodiöse Punksongs zu klingen haben. Nun startete ihre aktuelle Europa-Tour und ich konnte mich vor dem Konzert in Bonn mit Sängerin Sima (S) und Drummer Gutzy (G) unterhalten. Es ging u.a. natürlich um die Musik der Band, wann mit einem neuen Album zu rechnen ist, aber auch darum, was sie als Israelis davon halten, dass der Nahost-Konflikt die linke Szene in Deutschland so spaltet.

Eure Tour ist mit einer Show mit Propaghandi und Iron Chic in Amsterdam gestartet. Wie war das und was erwartet ihr euch von der aktuellen Europa-Tour?
Sima: Wir sind ziemlich aufgeregt und hoffen, dass die Shows gut laufen werden. Der Beginn einer Tour ist immer aufregend, weil es schön ist, wieder unterwegs zu sein.
Gutzy: Ich glaube, ich werde viel Gewicht verlieren in den nächsten Wochen.

Ihr seid mitlerweile, neben Useless ID, die vielleicht bekannteste und gefragteste Punkband aus Israel. Hättet ihr jemals gedacht, dass das so sein wird und ihr auf der ganzen Welt touren würdet?
S: Absolut nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Der Plan war damals, die Band für einen Sommer zu gründen und sich danach wieder aufzulösen. Deswegen haben wir uns auch Not On Tour genannt. Aber dann haben wir gemerkt, dass wir das alles zu sehr lieben und haben weiter gemacht.
G: Es ist ein lustiges Konzept.

„Ich habe Probleme mit den Aussagen beider Seiten (Antideutsche & Antiimperialisten).“

Lasst uns über eure Musik sprechen: Ihr seid für eure kurzen Lieder bekannt. Kamen jemals Leute zu euch, die meinten, dass eure Musik zwar toll ist, die Lieder aber immer so kurz?
S: Ja das kommt schon mal vor. Manche Menschen fragen, warum die Lieder so kurz sind und warum wir sie nicht länger machen. Wir sagen dann immer, dass das keinen Sinn hat. Uns ist wichtig, dass wir Spaß an den Liedern haben. Wir achten zwar nicht darauf, unsere Songs kurz zu halten, jedoch strecken wir sie auch nicht unnötig. Wenn ein Lied fertig ist, ist es fertig.

Ihr seid vor allem live wahnsinnig tight und schnell. Probt ihr viel, wenn ihr zuhause seid?
G: Wir proben in der Tat sehr viel – mehrmals die Woche. Ich habe kein Schlagzeug zuhause, ich bin aber total besessen davon und bin deswegen sehr viel im Proberaum.
S: Wenn wir spielen fühlt es sich an wie im Fitnessstudio.
G: Extremsport haha.

Wie ist die Punkrockszene in Israel? Ich kann mir vorstellen, dass sie etwas kleiner ist als in Deutschland, dafür aber auch familiärer…
G: Ich würde sagen, dass es eine Szene für das ganze Land gibt. Haifa und Tel Aviv sind die zwei Städte zum Konzertespielen. Da das Land so klein ist, kennt man sich untereinander besser.
S: Es ist eine kleine Szene, aber in den letzten Jahren sind immer mehr junge Leute zu den Konzerten gekommen. Man dachte zwischendurch, die Szene ist tot, jedoch ist mittlerweile das Gegenteil der Fall. Es hat sich viel entwickelt in der letzten Zeit. Es gibt mehr Shows und Bands und die Leute gucken sich das an.

Wenn hier in deutschen Städten ein paar unbekannte Punkrockbands ein Konzert organisieren, kommen meistens nur die Freunde der Bands, da kaum noch jemand zu Bands geht, die man nicht kennt, obwohl man die Musik eigentlich mag. Ist das Israel anders? Ich kann mir vorstellen, dass Leute zum Konzert kommen, auch wenn sie die Bands nicht kennen. Hauptsache es gibt Punkrock…
S: Manchmal kommen Leute nur zum abhängen, weil es sonst nichts zu tun gibt. Meistens gibt es nur eine Show pro Tag in Tel Aviv, bei der die Leute aber vorbei schauen. Nicht alle gehen wirklich rein und schauen das Konzert, die trinken dann lieber ein Bier mit ihren Freunden vor der Halle.

Das kann aber auch ein Teil der Szene sein, oder? Rausgehen, mit Freunden abhängen und so weiter…
S: Absolut, das ist es auch.

„Wir haben noch eine Session vor uns, dann schicken wir das Album zum Mixen.“

Hat man in Israel mit Schwierigkeiten umzugehen, wenn man eine Punkrockband gründet?
S: Solange du politisch nicht besonders radikal bist eigentlich nicht. Wenn du das bist, fragt die Polizei schonmal bei dir nach. Wir behandeln zwar in unseren Texten auch gelegentlich politische Themen, jedoch eher zwischen den Zeilen.
G: Wir machen das auf jeden Fall nicht in einer hasserfüllten oder radikalen Art.
S: Ich glaube selbst wenn wir es täten, wäre das auch noch in Ordnung, da die Texte auf Englisch sind. Ich glaube deswegen denken sie auch einfach nicht daran, unsere Musik genauer unter die Lupe zu nehmen.
G: Als Jugendlicher hatte ich ein paar Probleme, da ich in einer sehr radikalen, politischen Band gespielt habe. Ich hatte als 17-Jähriger ein paar Auseinandersetzungen mit der Polizei.
S: Aber meistens ist es keine gefährliche Sache, eine Punkband zu haben. Oft ist aber auch nur so, dass die Polizisten nicht verstehen, was Punkrock überhaupt ist. Sie wundern sich dann z.B. warum die Leute bei Konzerten ins Publikum springen.

Besonders in Deutschland wird unheimlich viel über das Land Israel gesprochen und diskutiert. Gerade in der linken Szene gibt es Grabenkämpfe über den Israel-/Palästina-Konflikt. Die einen nutzen jede Gelegenheit, um Israel zu kritisieren und sich auf die Seite der Palästinenser zu stellen, die anderen stehen klar auf der Seite Israels und sind, u.a. aufgrund der deutschen Geschichte und des wachsenden Antisemitismus, nicht begeistert von Kritik an der Politik der israelischen Regierung. Wie denkt ihr darüber, dass so viele Leute über das Land streiten, in dem ihr lebt?
S: Eine interessante Frage.
G: Da habe ich gleich eine lange Antwort drauf, aber lasse Sima mal anfangen.
S: Ich glaube, dass beide Seiten in einer gewissen Weise falsch liegen, weil niemand die Situation so gut kennt wie die Leute, die dort leben. Zwar leben wir in einer etwas priviligierteren Situation in unserem Land als andere, jedoch liegt es auch in unserer Natur, die Entscheidungen unserer Regierung zu kritisieren und zu hinterfragen. Es ist aber auch eine sehr komplizierte Situation und es kommt immer auf den konkreten Fall an. Es gibt prinzipiell kein richtig oder falsch. Man muss von Situation zu Situation schauen. Wir stellen uns mit unserer Meinung nicht schützend hinter unsere Regierung, jedoch können wir auch nicht einfach wo anders hingehen. Es ist sehr kompliziert.
G: Es beginnt der Teil, mit dem ich es mir mit allen verscherze haha: Ich kenne mich gut aus mit den verschiedenen Richtungen in der radikalen, linken Szene in Deutschland – den Antideutschen und Antiimperialisten. Zunächst ist das etwas, was es so wohl nur in Deutschland gibt. Ich habe Probleme mit den Aussagen beider Seiten, da sie alle versuchen Israelis und Palästinenser zu objektivieren. Die meisten Antideutschen, die ich kennengelernt habe, wollten sich mit mir nicht über Politik unterhalten, weil sie, genauso wie Antiimperialisten, eine feste Vorstellung von uns Israelis haben, an der es nichts zu rütteln gibt. Wenn sie hören, dass ich meine Regierung kritisiere, stört sie das, weil es für sie keinen Sinn ergibt. Auf der anderen Seite denken viele Antiimperialisten, dass ich ein Gewalttäter bin, der andere Länder erobert. Ich denke, dass beide Seiten mehr nachdenken sollten. Letzten Endes spielen sie dieses, in meinen Augen idiotische, Spiel, in dem sie militante und militärische Gruppen unterstützen, bei deren Konflikt auf beiden Seiten viele Unschuldige sterben. Auf der einen Seite denke ich nicht, dass man die israelische Regierung nicht kritisieren darf wegen Antisemitismus. Wenn ich jedoch sehe, wie Menschen Gruppen wie die Hamas glorifizieren, ist das auch furchtbar. Es geht mir nicht darum, welche Seite besser oder schlechter ist, denn es findet letzten Endes immer noch ein Krieg statt. Wenn ich zurückkomme werde ich mich mit dem Konflikt wieder befassen müssen. Zwar lebe ich in einem Teil des Landes, in dem der Konflikt nicht unmittelbar geführt wird – nicht so wie manche Palästinenser, die den Krieg direkt vor ihrer Haustür haben -, jedoch erkenne ich auch mein Existenzrecht an. Ich glaube, dass diese Diskussion falsch geführt wird und das Problem nur verschärft.

Ein sehr großes Thema. Lasst uns zurück zu Band kommen: Im letzten Sommer habt ihr wieder große Festivals wie das Punk Rock Holiday gespielt und hattet vor kurzem u.a. Shows mit Feine Sahne Fischfilet. Habt ihr auch das Gefühl, dass eure Popularität seitdem nochmal etwas größer geworden ist?
S: Ein bisschen schon. Zwar suchen wir nicht danach, finden es aber trotzdem so vor. Das ist sehr schön. Wir versuchen aber immer, wir selbst zu sein und die Nähe zum Publikum nicht zu verlieren, auch wenn jetzt immer mehr kommen. Wir stecken aber auch so viel von uns in diese Band, dass es schön ist, dieses Feedback zu erhalten.
G: Gerade hier in Deutschland kommt es uns schon sehr familiär vor, da wir so oft da waren.

Meine vorletzte Frage ist eine, die wahrscheinlich vielen Fans auf der Zunge brennt: Euer letztes Album Bad Habits kam 2015 raus. Habt ihr schon Pläne für eine neue Platte?
S: Wir arbeiten dran. Eigentlich wollten wir es vor dieser Tour fertig machen, jedoch haben wir noch eine letzte Session vor uns. Danach schicken wir es zum Mixen raus. Es dauert also nicht mehr lange. Hoffentlich kommt es gegen Ende dieses Jahr raus. Die neuen Songs machen so viel Spaß und wir wollen sie endlich den Leuten präsentieren.

Zum Abschluss habe ich vier kleine Entweder-/Oder-Fragen in Bezug auf eure Band. Es wäre toll, wenn ihr euch für eine der Antwortmöglichkeiten entscheiden könntet.
S: Alles klar!

Not On Tour

Gestern begann eure Tour mit einem Konzert mit diesen beiden Bands: Propaghandi oder Iron Chic?
S: Propaghandi.
G: Propaghandi.

Als zwei eurer Haupteinflüsse gebt ihr diese Bands an: Descendents oder Bad Religion?
S: Das ist schwierig.
G: Das ist wie Mutter und Vater. Aber ich nehme Bad Religion.
S: Für mich Descendents.

Eure Alben: Bad Habits, All The Time oder Not On Tour?
S: Oh nein, das geht nicht.
G: All The Time.
S: Ich weiß es nicht, fuck it haha!

Meine persönlichen Not On Tour-Lieblingslieder: Flip oder Rumors?
S: Rumors ist toll, weil es diesen Mitsingpart am Ende hat, den die wenigsten unserer Lieder haben.
G: Das immer ein magischer Moment live.

Danke euch für das Interview. Die letzten Worte gehören euch…
S: Danke, dass wir hier sein durften.
G: Die Tour geht noch eine Weile. Wir hoffen, euch zu sehen.

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