Wenn die öffentliche Meinung zum Fluch wird
Jeder hat eine Meinung. Dank sozialer Medien kann sie heute auch jeder ungefragt mit der ganzen Welt teilen. Zwischen Shitstorms, Empörung, Selbstinszenierung und dem ständigen Kampf um Aufmerksamkeit stellt sich unweigerlich die Frage: Ist die öffentliche Meinung inzwischen eher Fluch als Segen? Genau mit diesem Gedanken spielt Public Opinion auf ihrem zweiten Album The Curse of Public Opinion.
Dabei überrascht die Band aus Denver sofort. Wer bei diesem Titel eine düstere, schwere Hardcore-Platte erwartet, wird bereits nach wenigen Sekunden eines Besseren belehrt. Public Opinion liefern zehn Songs ab, die vor Energie strotzen, sofort hängen bleiben und sich trotz ihrer Eingängigkeit nie vorhersehbar anfühlen.
Punkrock mit Hardcore-DNA
Die Mitglieder von Public Opinion stammen aus der Denver-Hardcore-Szene, wollten mit ihrer Band aber bewusst keine klassische Hardcore-Platte schreiben. Stattdessen verbinden sie Garage Rock, Punkrock und Alternative Rock mit der Energie und Direktheit, die man aus dem Hardcore kennt. Produzent Brett Romnes verpasst dem Album einen druckvollen, lebendigen Sound, der jeder Idee genügend Raum gibt, ohne jemals überproduziert zu wirken.
Songs, die sofort hängen bleiben
Vor allem das Songwriting ist beeindruckend. Kaum ein Song folgt stur dem klassischen Strophe-Refrain-Schema. Immer wieder bauen Public Opinion kleine Wendungen, zusätzliche Riffs oder neue Gesangslinien ein, die dafür sorgen, dass die Songs ständig in Bewegung bleiben. Obwohl keiner der Tracks unnötig lang ist, wirkt nichts gehetzt oder unfertig. Im Gegenteil: Die Platte schafft das Kunststück, von Anfang bis Ende abwechslungsreich zu bleiben und trotzdem wie aus einem Guss zu klingen.
Schon der Opener Balloon Man Running setzt die Messlatte hoch. Mit seinem treibenden Groove und einem Refrain, der sich sofort festsetzt, gehört der Song zu den stärksten Momenten des Albums.
Zwischen Minor Threat und modernen Einflüssen
Lyrisch richtet sich Kevin Hart gegen Menschen, die laut auftreten, sich selbst ins Zentrum stellen und dabei vor allem eines produzieren: Lärm. Die Zeile „Four five six seven, all the big mouths go to heaven“ erinnert unweigerlich an Minor Threats Small Man, Big Mouth und Ian MacKayes berühmte Aussage „Empty barrels make the most noise.“ Ob diese Parallele bewusst gesetzt wurde, lässt sich zwar nicht belegen. Inhaltlich passt sie jedoch hervorragend. Auch Public Opinion nehmen Menschen ins Visier, die mit großem Mundwerk mehr Aufmerksamkeit als Substanz erzeugen.
Gleichzeitig zeigen sie, wie sich Punkrock und Hardcore im Jahr 2026 anhören können, ohne dabei in Nostalgie zu verfallen. Die Einflüsse sind hörbar, der Sound wirkt aber zu jeder Zeit eigenständig.
Düstere Texte hinter eingängigen Melodien
Überhaupt lohnt es sich, die Texte mitzulesen. Denn hier offenbart The Curse of Public Opinion seine eigentliche Stärke. Musikalisch klingt das Album häufig euphorisch, fast schon unbeschwert. Die Lyrics erzählen dagegen von Schlaflosigkeit, Isolation, Selbstzweifeln und dem Gefühl, im eigenen Kopf festzustecken.
Songs wie I Pay Everyone I Still Talk To oder Closed Captioning handeln von Menschen, die Anrufe ignorieren, sich zurückziehen und nachts kein Auge zubekommen. Zeilen wie „Pick up the god damn phone / Say that I will but I won’t“ oder „I’ll never sleep again“ treffen gerade deshalb so hart, weil sie von Songs getragen werden, zu denen man gleichzeitig mit dem Fuß wippt.
Genau dieser Kontrast macht das Album so spannend. Public Opinion suhlen sich nie im Selbstmitleid. Statt ihre düsteren Gedanken in ebenso düstere Musik zu verpacken, schreiben sie Songs, die Spaß machen, hängen bleiben und gerade dadurch ihre emotionale Wirkung entfalten. Man erwischt sich immer wieder dabei, einen Refrain mitzusingen, bevor einem überhaupt bewusst wird, wie schwer das Thema eigentlich ist.
„Epitaph“ und die Frage, was am Ende bleibt
Zu den bewegendsten Momenten des Albums gehört Epitaph. Der Titel dürfte bei vielen Punkfans zunächst Assoziationen zum legendären Label Epitaph Records wecken. Tatsächlich beschäftigt sich der Song aber mit etwas wesentlich Grundsätzlicherem: der eigenen Vergänglichkeit.
Kevin Hart stellt Fragen, die vermutlich jeder irgendwann einmal hat: „What’ll become of those I love?“ oder „What’ll happen to all my stuff?“ Letztere wirkt zunächst banal, trifft aber einen Nerv. Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, Dinge anzusammeln – Schallplatten, Bücher, Erinnerungsstücke oder Instrumente – und irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage, was einmal damit passiert.
Die vielleicht schönste Erkenntnis des Songs ist jedoch, dass all das am Ende wahrscheinlich gar nicht so wichtig ist. Mit der trockenen Schlusszeile „Who’s gonna cover my shift in the morning?“ holen Public Opinion diese existenziellen Gedanken wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Schwarzer Humor war selten so treffend.
Ein Album mit mehr Tiefe als erwartet
Der abschließende Titeltrack fasst die Stimmung des Albums perfekt zusammen. „I’m becoming calcified / Unhappy but not surprised“ gehört zu den stärksten Zeilen der Platte. Sie beschreibt jemanden, der vom Leben nicht mehr schockiert wird, sondern sich an Enttäuschungen gewöhnt hat.
Gerade dadurch bekommt auch der Albumtitel eine zweite Bedeutung. Vielleicht ist der Fluch der öffentlichen Meinung gar nicht nur das ständige Urteil anderer. Vielleicht besteht er auch darin, wie sehr wir diese Stimmen irgendwann selbst verinnerlichen.
Fazit
Mit The Curse of Public Opinion gelingt Public Opinion ein Album, das auf den ersten Blick einfach nur eine Sammlung großartiger Punkrock-Songs ist. Wer genauer hinhört oder sich die Texte zur Hand nimmt, entdeckt jedoch deutlich mehr. Die Band verbindet eingängige Melodien mit ehrlichen, verletzlichen und oft überraschend klugen Texten, ohne jemals belehrend oder kitschig zu wirken.
Es ist genau diese Balance aus mitreißendem Songwriting, trockenem Humor und emotionaler Tiefe, die The Curse of Public Opinion zu einem der spannendsten Punkrock-Alben des Jahres macht.
Tracklist:
- Balloon Man Running
- Flowers By Irene
- I Pay Everyone I Still Talk To
- Lucky Me
- Closed Captioning
- When Kevin Gets Free
- Enhancement Talent
- Epitaph
- Modern Convenience (feat. Vinnie Caruana)
- The Curse of Public Opinion

















