Am 21. Januar 2021 erscheint die neue EP der Berlin Blackouts, welche in Zusammenarbeit mit Peter & The Test Tube Babies entstand. Im Interview stand uns Sänger Beverly Crime Rede und Antwort.

AFL: Hey Bev, schön dass du dir die Zeit nimmst. Wie geht es dir? Wie geht es den Berlin Blackouts?

Bev: Ich danke für deine Zeit. Mir geht’s eigentlich gar nicht schlecht. Gemessen an dem, was andere Leute coronabedingt für Rückschläge haben oder auch Leute durchmachen, denen ein zurückgezogenes Leben nicht so behagt, muss ich gestehen, dass ich gerne tagelang allein bin und Gitarre spiele, Musik höre oder lese. Außerdem sind wir als Band produktiver als jemals zuvor, da wir schlichtweg massig Zeit haben.

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AFL: In den letzten Jahren gab es einige Besetzungswechsel bei euch. Wer ist aktuell fester Bestandteil der Berlin Blackouts?

Bev: Du hast Recht, unser Besetzungskarussell hat sich ziemlich wild gedreht. Jedoch gab es nie Streitigkeiten, sondern es lag schlichtweg immer daran, dass es arbeits-oder zeitmäßig bei den einzelnen Leuten nicht geklappt hat. Katja am Bass sowie ich am Gesang und Gitarre sind unverändert dabei, an den Trommeln sitzt Chris Kotze seit zwei Jahren und an der Leadgitarre hängt Timi seit einem Jahr. Es fühlt sich so an, als wenn damit das Karussell nun zum Stillstand gekommen ist.

AFL: Corona hat das Jahr 2020 geprägt und seine Spuren hinterlassen. Wie habt ihr das letzte Jahr erlebt?

Bev: Ich müsste lügen wenn ich sagen würde, es hat mich aus der Bahn geschmissen. Für die anderen in der Band war es teilweise wahrscheinlich einschneidender, aber auch nicht dramatisch. Wir hätten so viel geile Shows gespielt in 2020, die nun leider alle nicht stattgefunden haben, haben aber stattdessen eine geile Platte aufgenommen. Da wir nicht mehr so jung sind, dass wir vom Tourleben nicht schon ausgiebig genascht hätten, muss ich sagen, das war bei weitem sicher nicht mein schlechtestes Jahr, auch nicht für die Band. Ob meine Bandkollegen das so unterschreiben würden, weiß ich im Detail jedoch nicht genau.

„Als kleine Punkband macht man kein Doppelalbum, aber kurzzeitig stand das im Raum. Nun haben wir erst mal 12 Songs zu einer Platte zusammengeklebt. Vielleicht gibt’s ja dieses Jahr auch zwei Alben.“

AFL: Ihr wart also fleißig und habt neue Songs aufgenommen? Worauf können wir uns denn demnächst freuen?

Bev: Ja genau, wir haben die Zeit gut genutzt, wie ich selber finde. Die Songs flossen nur so raus. Als kleine Punkband macht man kein Doppelalbum, aber kurzzeitig stand das im Raum. Nun haben wir erst mal 12 Songs zu einer Platte zusammengeklebt. Vielleicht gibt’s ja dieses Jahr auch zwei Alben. Das nun kommende Album wird wieder etwas anders. Die drei Vorgänger unterschieden sich ja auch jeweils. Textlich gibt’s jedes Mal ein eigenes Grundkonzept, musikalisch und songwritingtechnisch haben wir dieses mal auch hier und da einen neuen Pfad freigetrampelt. Da ich viele Songideen einbringe, aber erst seit Beginn der Band vor 6 Jahren Gitarre spiele, lerne ich von Platte zu Platte immer wieder einen Akkord dazu, greife sauberer und kann mittlerweile sogar meinen Amp allein einstellen. Außerdem rauch ich nicht mehr, das macht die Stimme cleaner hehe.

AFL: Euer zuletzt erschienenes Video zu „Make Punk Rock Great Again“ lässt keinen Zweifel daran zu, dass euch mit Peter & The Test Tube Babies mehr als nur die Musik verbindet. Wie kam es dazu?

Release am 21. Januar 2021

Bev: 2016 haben wir mit den Test Tube Babies zwei Wochen zusammen in einem Bus `ne Deutschlandtour gespielt. Wir hatten einen tierischen Spaß zusammen und haben uns seitdem gegenseitig zu Hause besucht und auch immer mal wieder Shows zusammen gespielt. Ich kannte Peter bereits seit 2008, weil er beim legendären Rebellion Festival in Blackpool (UK) Stagemanager ist und ich dort mit meiner alten Combo Radio Dead Ones drei, viermal spielen durfte. Auch 2018 waren Berlin Blackouts auf „seiner“ Bühne auf dem Rebellion Festival dabei. So haben wir dann auch 2019 zusammen fünf Songs aufgenommen. Einer davon ist auf unserer letzten Platte „Nastygram Sedition“ zu finden – Make Punk Rock Great Again. Dies ist zugleich der Titeltrack einer 5-Song-EP, die am 21. Januar auf Wanda Records erscheint. Für mich und Katja ist das `ne ziemliche große Sache, weil wir beide separat voneinander schon als Teenager die Test Tube Babies gehört haben.

AFL: Der Song an sich lässt darauf schließen, dass ihr mit Punk Rock ein ernstes Wörtchen reden möchtet. Was nervt euch besonders?

Bev: Der Titel des Songs ist genauso lustig gemeint wie der ganze Song. Für meine Begriffe ist „Punk“ tot, da gibt es nichts mehr zu verbessern oder gar zu reanimieren. Wenn ich mir ankieke, welche Bands in der öffentlichen Wahrnehmung als „Punk“ wahrgenommen werden, ist dieser Musikstil zu einem gefälligen Wohlstandsbrei verkommen. Um es banal und etwas radikaler auszudrücken, haben die Kids früher Punkmusik gemacht, weil sie als gesellschaftliche Außenseiter sonst Junkies, Drogendealer, Verbrecher oder Terroristen geworden wären. Heute ist Punk so durchkommerzialisiert, dass er gänzlich dem Selbstzweck dient. Selbstdarstellung, Geldverdienen und Konsumbedürfnisse befriedigen. Und so ist „Punk“ nur noch einer von vielen Stilen, zwischen Pop, Rock, Schlager oder Hip Hop, ganz ohne Kanten, Provokation oder Anstößigkeiten. Meist ist es ja sogar musikalisch völlig schnarchig und beliebig. Live erlebe ich als „Punk“ deklarierte Bands oft als Wichser, nicht als Ficker. Wenn ich Bock auf Punk hab, will ich live gefickt werden und nicht irgendwelchen Muttersöhnchen zuschauen, wie sie sich selbst auf der Bühne einen runterholen, weil sie denken als Mitglied einer Band sei man wer. Viele, viele dieser Leute, die in „Punkbands“ spielen, sind nette Jungs und Mädels, sind sehr smart und haben sogar politisch viele richtige Dinge zu sagen. Nur sind meist musikalisch dann doch sehr angepasst oder die Musik ist liebloses Beiwerk, um eine (oft auch ehrenwerte) Aussage zu treffen. Aber von denen würd ich mir wünschen, dass sie sich lieber gesellschaftlich oder in der Politik stark machen und ihre Gitarren in die Ecke stellen. Wobei am Ende jeder machen soll, was er will, mir schnuppe. Meine wilden Jahre sind auch vorbei und ich spiele immer noch Punkrock, weil ich nix anderes kann und mich vieles an der Gesellschaft massiv anwidert. Aber wenn ich mir ankieke was bei den Kids im Cloudrap los ist, sind die viel näher am ursprünglichen Punk als die angeblichen Punkbands. Die knallen sich die Birne mit Codein und so krass potentem Weed weg, dass Sid Vicious oder Darby Crash neidisch auf deren Highs wären. Da erkenn ich das erste Mal wieder „No Future“ und eine echte Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft – und nix anderes ist „Punk“. Trotzdem spring ich noch mal gern in den Mob, wenn auf einer Adolescents-Show die Altherrenbrigade zu schubsen beginnt. Es gehört einfach eine ordentliche Portion Selbstironie dazu, sich heut noch den Punk-Button anzuheften. Spaßige Unterhaltung für vorwiegend weiße Wohlstandsmenschen der westlichen Welt, mehr ist es nicht, das muss man sich ehrlicher weise eingestehen. Krasser, dümmer und reaktionärer provozieren als die „neue Rechte“ mit Trump als Vortänzer (oder hierzulande so Kasper wie F. Merz – von den blauen Pfeifen ganz zu schweigen) kann man eh nicht mehr, damit hat sich „Punk“ als Einstellung erledigt.

„Wenn ich mir ankieke, welche Bands in der öffentlichen Wahrnehmung als „Punk“ wahrgenommen werden, ist dieser Musikstil zu einem gefälligen Wohlstandsbrei verkommen.“

AFL: Das klingt ja alles andere als optimistisch. Gibt es denn gar keine Gründe mehr für junge Menschen „Punk Rock“ für sich zu entdecken?

Bev: Ach naja, zu ernst nehme ich das natürlich nicht. Mir ging die „Pseudowildheit“ im Punk schon mit 17 auf den Geist. Trotzdem bin ich dabei geblieben und Punk Rock ist immer noch die beste Musikgattung für mich. Auch wenn damit keine Lebenseinstellung mehr verknüpft ist bei den vielen aktuellen Bands, die in die Punkschublade fallen. Es ist mühsam gute Punkbands zu finden, aber es lohnt sich nach wie vor.

Drei schnelle Fragen:

AFL: Mit welcher Band würdet ihr euch gerne mal die Bühne teilen?

Bev: Mit keiner, wir brauchen den ganzen Platz für uns allein.

AFL: Welche Bands gehören zu euren Neuentdeckungen im vergangenen Jahr?

Bev: Definitiv Mäsh. Die Jungs sind auch auf Wanda Records, wie wir. Letztes Jahr haben sie dort ihre ersten zwei Singles veröffentlicht. Hab sie einmal live sehen können und finde die echt frisch. Ich beschäftige mich viel mit älterer Musik und stolpere da immer wieder über Alben oder Bands, die toll sind, aber an aktuellen echten Neuigkeiten mangelt es bei mir ein wenig, da es ja auch nicht möglich war auf Konzerten neue Bands zu entdecken.

AFL: Was bringt euch als Band richtig auf die Palme?

Bev: Faschos, Sexisten, Rassisten und Kapitalismuskonformisten. Die Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen.

AFL: In den vergangenen Jahren habt ihr euch den Ruf einer hervorragenden Liveband erspielt. Was war euer bester Gig?

Beverly Crime am Gesang und der Gitarre

Bev: Mitte 2015 haben wir unsere erste Show gespielt, in Nürnberg mit The Interrupters. Das war ziemlich aufregend, weil ich zum ersten Mal eine Show mit Gitarre gespielt habe und nicht nur als Sänger rumgehüpft bin. Seitdem kann ich mir nicht mehr vorstellen ohne Gitarre auf die Bühne zu gehen.

AFL: An welches Konzert erinnert ihr euch hingegen nur äußerst ungern?

Bev: Hamburg, Sommer 2018. Die Show an sich war cool, im Monkeys Music Club. Sam, der Chef vom Laden ist ein super Typ und hat sich wie immer super um alles gekümmert. Leider ist unsere Fahrerin in Hamburg auf die Piste gegangen und war am nächsten Tag mittags noch nicht wieder erreichbar. Unser damaliger Drummer hatte sich ordentlich was eingepfiffen, mehr als „ein paar Drinks“ gehabt und nur zwei Stunden gepennt. Leider war er der Einzige mit Führerschein. Ich weiß nicht wieviel Schutzengel wir an dem Tag hatten, aber die Rückfahrt waren mit die schlimmsten 4 Stunden meines Lebens.

AFL: Ist eure ursprüngliche Fahrerin wieder aufgetaucht, oder habt ihr sie in HH gelassen?

Bev: Nee, sie ist in Hamburg geblieben. Sie hat sich bei uns erst Tage später wieder gemeldet. Ihr ging es gut, sie hat sich wahrscheinlich einfach ’nen unberechenbaren Cocktail gegönnt. Blöde Nummer, war’n Job, kein Freundschaftsding.

AFL: Was wünscht ihr euch für das Jahr 2021?

Bev: So abgedroschen  und hippiemäßig das auch klingen mag – Frieden! Ich finde es unerträglich, welches Leid in dieser Welt herrscht, weil irgendwelche Stellvertreterkriege ganze Regionen ins Elend stürzen. Aber ich wünsche mir auch, dass der Frieden bei uns im Land Bestand hat und den rechtsnationalen Träumen von Bürgerkrieg und Machtergreifung Einhalt geboten wird.

AFL: Alles klar, ich denke damit haben wir es. Willst du unseren Leser*innen noch etwas mit auf den Weg geben?

Bev: Ich hoffe die Leser*innen empfanden das Interview so kurzweilig wie ich und kommen mal bei ’ner Show rum, wenn wir irgendwann mal wieder unterwegs sind. Danke.

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