Fünf Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen, seit FAHNENFLUCHT ihr letztes Studioalbum „Schwarzmaler“ veröffentlicht haben – aber der Nachfolger „Angst Und Empathie“ steht nun bereits in den Startlöchern, um ab dem 13ten Mai seine Runden auf bzw. in unseren Abspielgeräten zu drehen. Dieses nahmen wir zum Anlass, um mal mit Sänger Thomas etwas näher auf die Themen des Albums und FAHNENFLUCHT selbst einzugehen.

„Angst wird inflationär geschürt und an Empathie mangelt es zunehmend. Wer übertrieben Angst empfindet, wird nur schwer Empathie fürs Gegenüber aufbringen.“

Interview mit FAHNENFLUCHT Sänger Thomas

AFL: Zu Beginn möchte ich euch erstmal zu eurem genialen neuen Album „Angst Und Empathie“  beglückwünschen – dieses Album ist genau das, was ich mir nach eurem letzten Album „Schwarzmaler“ erhofft hatte, aber ich möchte hier unserem kommenden Review nicht zu sehr vorgreifen und darum schlittere ich nun auch direkt in die erste Frage hinein…

„Angst Und Empathie“ ist, wie es gerade in diesen Tagen nicht anders zu erwarten war, ein hoch politisches Album geworden. Es gibt kaum ein dunkles Thema unserer Zeit, welches ihr nicht ansprecht. Wie wichtig ist für euch die Verknüpfung von Musik und Politik und wollt ihr nicht auch manchmal einfach  nur von lapidareren Dingen singen? Denn schließlich zieht es einen ja auch bestimmt irgendwann runter, wenn man in der Entstehungsphase der Songs nur all die Scheiße sieht.

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Thomas: Hoch Politisch, hört hört. In unserem Verständnis machen wir in erster Linie Musik, die uns gefällt und mit der wir uns ausdrücken können. Das ist einerseits unser Ventil und andererseits auch eine Möglichkeit Stellung zu beziehen.
Eine Möglichkeit Druck abzulassen, der auch durch die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt wird.

AFL: Habt ihr einen persönlichen Favoriten auf dem Album und was wollt ihr mit dem Albumtitel im genaueren ausdrücken?

Thomas: Einen gemeinsamen Favoriten gibt es nicht. Angst wird inflationär geschürt und an Empathie mangelt es zunehmend. Wer übertrieben Angst empfindet, wird nur schwer Empathie fürs Gegenüber aufbringen. Faktisch berechtigte Gründe Angst zu haben sind doch eher die Ausnahme, Hysterie jedoch leider nicht.

AFL: Gerade eure intelligent verpackten Texte machen euch für mich aus und so freute ich mich tierisch, als ich feststellen musste, dass ihr bei den Texten zu „Angst Und Empathie“ auch noch einen drauf gesetzt habt. Wer schreibt denn bei euch die Texte?

Thomas: Das ist bei uns nicht 100% ig die Aufgabe einer Person. Der Großteil stammt von mir, aber auch Reiner hat zum Beispiel ein paar Stücke verfasst.

AFL: Wie läuft bei euch die Entstehungsphase der Songs eigentlich ab. Schreibt ihr dauerhaft zwischen den Alben Lieder oder kommt irgendwann die Zeit, in der ihr euch sagt: „So es ist nun wiedermal an der Zeit, wir machen neue Songs“?

Thomas: Sowohl als auch, wenn wir längere Zeit nichts zu Stande gebracht haben, versuchen wir auch mal was zu erzwingen. Die besten Stücke entstehen aber meistens eher zwischendurch bzw. spontan beim Proben.

AFL: Songs wie “Mauern“ oder aber auch „Was Tun Wenn´s Brennt“ haben ja mittlerweile schon ein paar Jahre auf dem Buckel und doch könnten sie nicht aktueller sein.
Wenn mir dieses bewusst wird, denke ich so manches Mal, dass wir nur auf der Stelle treten und nicht wirklich vorwärts kommen. Immer wieder kreist das Rad des Vergessens und so muss ich mir auch immer wieder selber in den Arsch treten, trotzdem noch diesen hoch zu bekommen.

Geht es euch manchmal auch so?

Thomas: Natürlich, „… Täglich grüßt die Lethargie,…“, (schönen Gruß an „Du Hund“). Die allgegenwärtigen Verhältnisse fordern einen zwar täglich zum Handeln auf, doch begrenzt ist das Ich und schrankenlos nur in Gedanken. Manchmal scheint es so, dass alle nur auf ein Ende warten.

AFL: Man vergisst dieser Tage aber auch schnell die Auslöser der derzeitigen Situation  und so widmet ihr auf „Angst Und Empathie“ z.B. mit „Identifikation“, „Taube“ und „Kapital“ auch gleich drei Songs den Themen, welche ja mit die Auslöser sind, für die derzeitige Situation an den Grenzen und innerhalb Europas.
Werden die eigentlichen Ursachen für Flucht und Vertreibung eurer Meinung nach nicht auch allzu oft vergessen?

Thomas: Definitiv ja. Die historische und aktuelle Ursache für nahezu alle Konflikte ist und bleibt die kapitalistische Weltordnung. Allzu gerne wird versucht, dafür wiederum einen einzelnen Schuldigen zu benennen. Die USA werden dann gerne und oft genannt, und daraus bilden sich wiederum die allbekannten Stereotypen. Es gibt keinen Schuldigen. Der Kapitalismus ist auch nicht von jetzt auf gleich erfunden worden. Es geht darum, die Folgen und Konsequenzen aus unser aller Handeln transparent zu machen. Jeder trug und trägt seinen Teil bei und mit den Konsequenzen muss dann die folgende Generation fertig werden. Wir suchen aber immer noch zu gerne nach einem „greifbaren“ Schuldigen, einem Sündenbock.

AFL: „Angst Und Empathie“ ist aber auch nicht nur Textlich eine Weiterentwicklung von seinen Vorgängern, sondern auch musikalisch und technisch. So sieht man wieder, dass der Punk der heutigen Zeit sich hinter keiner hoch budgetierten Produktion mehr verstecken muss. Dieses wird nicht überall befürwortet – wie seht ihr das?

Thomas: Ach Gottchen, die nicht tot zu kriegende Szenediskussion und wie der Sound da zu sein hat, wie man auszusehen hat, welche Rituale man zu pflegen hat. Jaja, früher war doch alles besser, ehrlicher, weniger kommerziell etc. In meinem Verständnis konstruiert man da gerne eine heile Welt von früher, die es natürlich so nie gegeben hat. Wir haben unsere Vorstellungen von Sound, Inhalt und Präsenz.

AFL: Der so genannte Deutschrock wurde in den letzten Jahren immer populärer und meines Erachtens auch gefährlicher. Seht ihr diese Entwicklung von gewissen Bands auch eher kritisch oder könnt ihr diese nur belächeln?

Thomas: Der sogenannte Deutschrock ist schon wieder so eine schwammige Begrifflichkeit unter der  Vieles vereinfacht dargestellt wird. Deutschsprachige Rockmusik ist populärer geworden, ja stimmt, genau deutschsprachiger Hiphop, deutschsprachiger RAP, Schlager, Country etc. Die sogenannte Deutschquote bei den hiesigen Radiosendern trägt einen Teil zum Erfolg bei, aber vielleicht auch schon ein verbreitetes Unvermögen, englischsprachige Texte zu verstehen. Wir machen unsere Musik jedenfalls nicht für Deutschland.

AFL: Gibt es auch Lieder, welche euch außerhalb eures „normalen“ Musikgeschmacks sehr bewegen und die ihr sehr mögt, obwohl sie einer komplett anderen Musikrichtung zuzuordnen wären und wenn ja, welche wären das denn so?

Thomas: Von uns ist niemand ausschließlich in nur einer Musikrichtung zu Hause. Ganz im Gegenteil, die Interessen und Affinitäten sind sehr unterschiedlich gelagert. Bei mir persönlich steht zum Beispiel RADIOHEAD hoch im Kurs, es kann aber auch etwas zufälliges aus dem Abend Programm von WDR5 sein.

AFL: FAHNENFLUCHT musiziert seit mittlerweile zwanzig Jahren  und seitdem hat sich so manches in der Deutschpunkigen Musiklandschaft getan – immer mehr Fanzines gehen ein, die klassischen Samplerreihen gibt es auch nicht mehr in der Form, usw.. Was vermisst ihr aus diesen Tagen am meisten oder waren in euren Augen eher alles Schritte nach vorn?

Thomas: Wie bereits erwähnt, wir waren nie die großen Szenegänger, weder mit FAHNENFLUCHT noch jeder Einzelne persönlich. Vielmehr sind die von dir beschriebenen Prozesse ein Zeichen des Umbruchs in der Musikszene. Vieles entwickelt sich zufälliger, ist auch schneller wieder verschwunden oder überholt. Es vereinzelt sich. Ich trauere dem nicht nach, auch wenn ich lieber in Ruhe ein Magazin oder Fanzine durchblättere, als mich im Netz zu informieren. Irgendwie sind Alle und ist alles schon total reizüberflutet.

AFL: Das Coverartwork von „Angst Und Empathie“ ist mal wieder sowas von gelungen, dass dieses unbedingt an meine Wand muss und auch die Bebilderung im Booklet sind mehr als sehenswert. Wer ist denn für die Gestaltung dieses verantwortlich?

Thomas: Die Hauptbildmotive beim Artwork sind Illustrationen von Marc Schiemann, ein Künstler aus dem Ruhrgebiet. Die Gestaltung und das Layout übernimmt bei uns dann immer der Jan, er macht das auch beruflich.

Fahnenflucht Cover-ArtworkAFL: Es gibt bei mir ein paar Musikscheiben, welche bei mir auch nach Jahren immer noch sehr regelmäßig laufen und auch nie ihren Glanz zu verlieren scheinen. Habt ihr auch irgendwelche Dauerbrenner und welche Alben/Bands beherrschen derzeit eure Abspielgeräte?

Thomas: PUH, da gäbe es nun Viele aufzuzählen, was den Rahmen dieses Interview sprengen würde.

AFL: Im Song „Freier Fall“ widmet ihr euch dem Thema Mobbing, in den digitalen Zeiten. Seht ihr die Digitalisierung in Bezug auf Facebook und Co. eher als Fluch oder als Segen?

Thomas: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Die Möglichkeiten der Vernetzung sind unglaublich groß und vielfältig, werden aber auch als bedrohlich und dominant empfunden. Die vermeintliche Anonymität erzeugt eine ganz eigene Dynamik der Informationsverarbeitung. Nicht immer zum Guten. Es ist halt ein Unterschied, ob ich jemandem meine Meinung ins Gesicht sage oder über das Netz hetze.

AFL: Was würdet ihr morgen Früh am Liebsten als Schlagzeile in der Zeitung lesen?

Thomas: Hurra, Außerirdische beschließen Update für die Menschheit wegen erwiesener Unfähigkeit.

AFL: Dürfen wir uns in diesem Jahr auch wieder auf eine ordentliche Liveportion FAHNENFLUCHT freuen und was wünscht ihr euch für die Zukunft von FAHNENFLUCHT?

Thomas: Die Planungen für dieses Jahr sind nahezu abgeschlossen. Wir werden so oft wie es uns möglich ist live präsent sein. Auch unser Label AGGROPUNK plant noch eine kleine Tour. Nähere und aktuelle Infos gibt es jederzeit im Netz.

Vielen Dank für das Interesse an unserer aktuellen Veröffentlichung und weiterhin viel Erfolg für AWAY FROM LIFE.

AFL: Den Dank geben wir direkt wieder zurück und sagen bis bald auf euren anstehenden Live-Shows.

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