Im Jahr 2024 nannte ich meinen Festivalbericht zum Jera aufgrund des starken Regens „Diary of a Wet Man“ (RIP Ozzy). Im Jahr danach folgte „Diary of a Wet Man 2“, denn der Regen schlug wieder zu.
Um diese schöne Tradition aufrechtzuerhalten, heißt der Bericht in diesem Jahr „No Rest for the Wicked“. An Schlaf war bei den tropischen Nachttemperaturen nämlich kaum zu denken. Ausgelassen haben wir trotz der Rekordhitze trotzdem nichts, denn auch dieses Mal war das Line-up voll von Hochkarätern und Geheimtipps, die wir selbst bei fast 40 °C im Schatten nicht verpassen wollten.
Donnerstag
Diesmal sind wir ohne Stau in die Niederlande eingerollt und mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 0 % ins Festivalwochenende gestartet. Nass war ich trotzdem: komplett durchgeschwitzt.
Die 30-°C-Marke wurde irgendwann im Laufe des Vormittags geknackt und bis tief in die Nacht nicht mehr unterschritten. Aber dazu später mehr. Zunächst haben wir in der Mittagssonne unser Lager aufgeschlagen. Diesmal leider ohne Steve, der aufgrund feierlicher Umstände pausieren wollte. Auf diesem Wege noch mal: Glückwunsch und alles Gute euch!
Da die netten Leute aus dem Orga-Team und das entspannte Publikum allerdings keine Langeweile zulassen, kam trotzdem keine Einsamkeit auf. Es blieb ohnehin nicht viel Zeit zum Chillen am Zeltlager. Das Festival startete nämlich mal wieder mit einer Band, die für mich ein Must-see war: Speedway.
Direkt um 15 Uhr starteten die Schweden mit ihrem 90er-inspirierten Hardcore im kleinen Hawk-Zelt durch und brachten die überschaubare, aber engagierte Crowd schnell nicht nur ins Schwitzen, sondern auch in Bewegung. Musikalisch irgendwo zwischen Old-School-Melodic-Hardcore und Youth Crew, dazu politische Botschaften in den Texten und charismatische Typen auf der Bühne. Traumstart!
Weiter ging es mit einem recht bekannten Namen, der ebenfalls früh im Line-up auftauchte: Dying Wish. Die Amerikaner waren schon vor zwei Jahren auf dem Jera und hatten damals gefühlt etwas mehr Hype und ein stärkeres Album im Rücken. Der Performance im deutlich größeren Vulture-Zelt merkte man davon allerdings nichts an. Ja, die alten Songs ziehen besser als die neuen, aber die Show war insgesamt rund und das Publikum hatte mindestens genauso viel Spaß wie 2024.
Viel Zeit zum Reflektieren blieb ohnehin nicht, denn direkt im Anschluss zog es mich ins Sparrow, die kleine Holzhütte, in der mich Domain aus Florida begeistern konnten. Mit ihrem Album „Life’s Cold Grasp“ hatten sie es vor zwei Jahren ganz nach oben auf meine Jahresendliste geschafft. Den starken Eindruck konnten sie live noch einmal bestätigen.
Schwerer, metallischer Hardcore, tight gespielt und mit dem vielleicht engagiertesten Pit des Wochenendes. Dazu kam noch ein Gastauftritt von Akil von End It. Mega-Auftritt!
Zum Thema End It später noch mehr, denn Akil hatte sich in den Wochen vor der Europatour in eine Kontroverse um den Banana-Man manövriert. Anyway …
Ganz im Sinne von „No Rest for the Wicked“ ging es direkt mit dem nächsten Highlight weiter. Nach einer großzügigen Runde Sonnencreme und einem frischen Bier zog es mich ins Hawk-Zelt zu Quicksand.
Quicksand haben mit „Slip“ eines der stärksten Post-Hardcore-Alben der 90er-Jahre abgeliefert und in den vergangenen Jahren mit mehreren guten Platten eine kleine Wiederauferstehung hingelegt. Die Truppe um Walter Schreifels brachte eine dynamische Show und einen tighten Sound auf die Bühne. Keine Spur von Rost. Hat Spaß gemacht und gleichzeitig ein schönes nostalgisches Gefühl verbreitet.
Aber wer denkt, dass es ab jetzt ruhiger wurde, kennt das Jera nicht. Auch die nächste Band konnte mit klangvollen Namen aufwarten, denn es ging rüber ins Buzzard-Zelt zu Fiddlehead. Die Post-Hardcore-/Emo-/Indie-Formation um die ehemaligen Have-Heart-Mitglieder Patrick Flynn und Shawn Costa spielte alle Hits und lockte ein großes Publikum an.
Hier habe ich aufgrund der untergehenden, aber nicht weniger intensiven Sonne zum ersten Mal bemerkt, wie sehr der Schatten in diesem Jahr die Menschenmengen steuerte. Ungeschützt in der Sonne standen die wenigsten. Alle drängten tief in die Zelte und bescherten Fiddlehead damit einen Hexenkessel vor der Bühne. Nice!
Man kann den Donnerstag wirklich als Tag der Legenden bezeichnen, denn es ging nahtlos weiter mit den großartigen Alexisonfire. Die Kanadier um Dallas Green füllten erwartungsgemäß das große Eagle-Zelt und waren für mich eines der Highlights des Wochenendes.
Zwar sieht man den Jungs inzwischen durchaus an, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist. Der Sound, die Show und der Mix aus Härte und Melodie funktionieren aber noch immer genauso gut wie vor 20 Jahren. Wer die Band ebenfalls live erwischen möchte, kann sich außerdem auf ein neues Album und eine frisch angekündigte Europatour im Jahr 2027 freuen.
Da ich Alexisonfire voll ausgekostet hatte, blieb uns bei den Punk-Veteranen Pennywise nur noch ein kleiner Schattenplatz außerhalb des Vulture-Zelts zum Lauschen. Die Formation aus Hermosa Beach in Kalifornien blickt mittlerweile auf eine fast 40-jährige Bandgeschichte zurück, schafft es aber noch immer, auch junge Punks zu begeistern.
Das Publikum war bunt gemischt und die Gang-Shouts der Band schallten lautstark über das Festivalgelände. Kein Wunder, denn Hits wie „Bro Hymn“ oder „Fuck Authority“ sind absolut zeitlos und behandeln Themen, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Bockt!
Nach der Show von Pennywise mussten wir der Sonne, den Bands und dem ganzen Trubel Tribut zollen und erst einmal eine Pommes-und-Bier-Pause einlegen. Danach hatten wir nur noch Power für eine einzige Band: Converge.
Wenn Converge spielen, kann ich mich nicht einfach ins Zelt legen.
Also zog es mich um 23 Uhr noch einmal ins Buzzard. Die Band aus Salem hat in diesem Jahr vielleicht das produktivste Jahr ihrer glorreichen Bandgeschichte hingelegt und gleich zwei fette Banger-Alben veröffentlicht. Von Altersmilde also keine Spur.
Das spiegelte sich auch bei ihrem Auftritt wider. Jacob manisch wie immer, die Band tight und gleichzeitig kontrolliert chaotisch – Converge are alive and well. Sowohl die neuen Songs als auch die Klassiker sorgten für eine erstaunlich energetische Leistung des Publikums, das diese lebenden Legenden frenetisch feierte.
Danach war ich allerdings stehend k. o. Also ab ins Zelt und aufs Ohr gehauen. Trotz Temperaturen von über 25 °C während der gesamten Nacht konnten wir ein paar Stunden tief schlafen und uns für den Freitag einigermaßen aufladen.
Freitag
Freitag war der Tag, an dem die Hitze am brutalsten zuschlug. Die Temperaturen kletterten auf 39 °C im Schatten und blieben über mehrere Stunden auf diesem Niveau. Kein Wölkchen am Himmel.
Daher möchte ich den Bericht dieses Tages mit einem kleinen Einschub zu den Hitzeschutzmaßnahmen des Jera-Festivals beginnen.
Einige andere Festivals, die am selben Wochenende stattfinden sollten, wurden tatsächlich abgesagt. Das Jera zog durch und setzte mehrere clevere Lösungen und Maßnahmen um, um die Gesundheit und Standfestigkeit des Publikums und der Künstler zu gewährleisten.
Besonders hervorzuheben ist die sehr gute Wasserversorgung. Wasserflaschen konnten an allen WC- und Waschbereichen an separaten Trinkwasserausgabestellen unbegrenzt aufgefüllt werden – sowohl auf dem Campingplatz als auch auf dem Festivalgelände selbst. Natürlich bildeten sich dort kleinere Schlangen, aber wir mussten nie länger als ein paar Minuten warten.
Diesmal standen außerdem Duschen auf dem Festivalgelände zur Verfügung, an denen man sich schnell und unkompliziert abkühlen konnte. Vor den Eingängen zu den WC- und Waschbereichen wurde die Luft durch fein versprühte Wassertropfen heruntergekühlt und mithilfe von Ventilatoren verteilt. So wurden diese Bereiche zu kleinen Erfrischungsoasen. Sehr angenehm.
Doch nicht nur unter freiem Himmel wurden Maßnahmen getroffen. Auch in den Bühnenzelten gab es Neuerungen. Große Ventilatoren brachten die Luft spürbar in Bewegung und verhinderten einen Hitzestau vor und auf den Bühnen. Sie liefen durchgehend und sorgten für frischen Wind. Dadurch konnte man auch zwischen zwei Auftritten gut im Schatten verweilen und sich gezielt in die Zugluft stellen.
An den Schutz der Haut war ebenfalls gedacht, denn kostenlose Sonnencreme stand in großen Mengen zur Verfügung. Unter anderem deshalb habe ich es tatsächlich geschafft, komplett ohne Sonnenbrand davonzukommen. Normalerweise kriege ich schon Sonnenbrand, wenn ich die Check24-Werbung zu spät wegklicke.
Aus meiner Sicht hat das Jera einen hervorragenden Job gemacht. Ich habe mich zu jeder Zeit sicher und gut betreut gefühlt. Ganz großes Sonderlob an die Organisatoren des Festivals!
Aber nicht nur die Hitze war außergewöhnlich. Auch musikalisch versprach der Freitag einige Highlights.
Heriot aus England beehrten das Vulture um 13 Uhr und legten einen starken Tagesauftakt hin. Heriot sind eine aufstrebende Metalcore-Band mit Death-Metal-Einschlag und chaotischen Ausflügen im Stil von Converge. So früh am Tag war das Zelt natürlich noch nicht proppenvoll, aber die Show konnte sich trotzdem sehen lassen. Druckvoller Sound, sympathische Sängerin! Heriot waren eine meiner Überraschungen des Wochenendes.
Auch an diesem Tag reihten sich die guten Bands wieder dicht aneinander. Im Buzzard-Zelt ging es direkt mit einem meiner Geheimtipps weiter: Gridiron.
Die Band aus Philadelphia hat mit dem Album „Poetry from Pain“ einen mächtigen Hardcore-/Death-Metal-/Rap-Koloss hingelegt, der genau nach meinem Geschmack ist. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen an die Jockcore-Formation.
Gridiron selbst haben mir richtig gut gefallen. Sie konnten ihren sehr dicken Sound sauber auf die Bühne übertragen und hatten dabei jede Menge Spaß. Sowohl die alten als auch die neuen Songs haben gezündet. Ich hab’s gefeiert!
Allerdings war das Zelt nur halb voll. Geheimtipp halt. Mal schauen, ob sie beim nächsten Mal noch immer vergleichsweise wenige Leute anziehen. Der neuesten EP nach zu urteilen, vollziehen sie gerade einen Schwenk in Richtung Nu Metal. Wir werden sehen, wie das ankommt. Ich freue mich auf jeden Fall auf die weitere Entwicklung.
Die nächste Band hatte diesen Entwicklungsschritt zu mehr Popularität bereits hinter sich: Ebenfalls im Buzzard starteten Haywire durch. Die Hardcore-Formation aus Boston hat sich inzwischen einen astreinen Ruf erarbeitet und konnte ein sehr großes Publikum mobilisieren. Keine Schattenplätze mehr, im Zelt alles dicht gedrängt.
Haywire begeisterten die Masse und wurden ihrem Ruf definitiv gerecht. Ich muss allerdings gestehen, dass ich in der prallen Sonne nichts riskieren wollte. Daher bin ich nach der Hälfte der Show schnell rüber ins Vulture zu Ho99o9.
Das Punk-/Rap-Duo aus New Jersey hatte ich vor zwei Jahren bereits verpasst und war nun froh, die beiden zumindest noch für einige Songs erleben zu können. Sie spielen einen interessanten Mix aus Hip-Hop und Elektropunk und brachten entsprechend viele Leute zum Tanzen. Coole Typen, innovative Musik – hat sich gelohnt! Liebes Jera, bucht mir die Band beim nächsten Mal bitte ohne Konkurrenz!
Circa zwei Liter Wasser und vier Bier später fand ich mich erneut im Vulture ein, diesmal bei Thrown. Die Band war bereits vor zwei Jahren auf dem Jera. Damals hatte ich noch geschrieben, dass ihnen die Bühne etwas zu groß erschien. In diesem Jahr war es genau umgekehrt: Dieselbe Bühne wirkte plötzlich zu klein.
Damals waren Thrown allerdings auch noch ein Geheimtipp. Mittlerweile machen sie mit ihrem Metalcore samt Nu-Metal-Einfluss mal eben das ganze Vulture rappelvoll. Die Band spielte quasi dasselbe Programm wie vor zwei Jahren, diesmal aber eine Nummer tighter und vor einem deutlich engagierteren Publikum.
Dieses Mal hatten sie die Resonanz, die sie eigentlich schon damals verdient gehabt hätten. Spannende Band! Ich freue mich auf einen neuen Release und hoffe, sie bald mit frischem Material wiederzusehen.
Danach habe ich erst einmal auf die Bremse getreten. Die Temperaturen und die Menge an starken Bands verlangten mir eine Pause ab. Das Jera ist ohnehin körperlich herausfordernd, wenn man möglichst viel mitnehmen will. Trotz der guten Maßnahmen war diese Hitze aber noch einmal eine andere Nummer.
Und so bekam ich Periphery, Ignite, Grade 2 und A Day to Remember nur von Weitem und im Sitzen mit. Große Namen, gute Bands. Aber ich musste mich für die letzten beiden Highlights des Tages auf meiner Liste ausruhen.
Um 23 Uhr stand ein wahnsinnig besonderer Malevolence-„Once in a Lifetime“-Gig auf dem Programm. Der Sänger der englischen Band, Alex, lag aufgrund einer nicht näher erläuterten Notoperation im Krankenhaus. Den Umständen entsprechend ging es ihm aber bereits wieder gut.
Die Band entschied sich trotzdem dazu, die Show zu spielen, und bat ihre Freunde Paul von Desolated, Debbie von Heriot und natürlich das Publikum um Unterstützung.
Danke dafür – mega gute Entscheidung!
Debbie und Paul vertraten Alex mit viel Herzblut und konnten sich auf die tatkräftige Unterstützung der Fans verlassen. Der Pit erstreckte sich zeitweise bis zu zehn Meter hinter das Zelt. Gerade bei Songs wie „Self Supremacy“ war gefühlt jede Kehle beteiligt.
Ein besonderer Auftritt und mit Sicherheit ein kleines Unikat in der Geschichte der Band. Wird im Gedächtnis bleiben. Weiterhin gute Besserung an Alex!
Das war kaum zu toppen. The Offspring schafften es zumindest teilweise trotzdem. Um Mitternacht gab sich die Kultband im Eagle die Ehre. Die Kalifornier hatten eine fette Bühnendeko im Gepäck, darunter zwei täuschend echt wirkende 3D-Projektionen von Totenköpfen.
Vor diesem Backdrop rotzten The Offspring direkt drei Klassiker von „Smash“ raus. „Smash“ ist eines meiner ersten Lieblingsalben und ein wichtiger Grund dafür, warum ich dem Punk verfallen bin. Der Auftakt ging deshalb nicht nur auf die Ohren, sondern auch direkt ins Herz.
So wie meine Begeisterung für die restlichen Alben der Band flachte danach allerdings auch der persönliche Kultfaktor etwas ab. Mit den späteren Hits kann ich einfach nicht so viel anfangen.
Die Stimmung war trotzdem bombe. Das Zelt war voll, die Wiese ebenfalls, und es wurde ordentlich getanzt. Auch wenn die Band meinen Geschmack erwartungsgemäß nicht durchgehend traf, war es trotzdem cool ohne Ende, sie einmal live gesehen zu haben.
Samstag
Nach einer heißen, kurzen Nacht mit viel zu leichtem Schlaf ging es in den letzten Festivaltag. Auch am Samstagmittag stand direkt wieder ein Highlight zum Auftakt auf dem Plan.
Combust aus NYC halten den Hardcore ihrer Stadt hoch und spielen klassischen NYHC mit metallischer Kante. Entweder konnten die anderen auch alle nicht schlafen oder Combust haben sich mittlerweile ein gutes Standing erspielt. Es war jedenfalls ordentlich was los und die Band brachte direkt um halb zwei starke Mittagsenergie ins Buzzard. Geiler Start in den Tag.
Danach erst einmal etwas zum Mittag gesnackt, ein Bierchen gezischt und anschließend wieder ins familiäre Buzzard-Zelt zu Desolated. Nachdem Paul am Vortag bei Malevolence bereits einen starken Eindruck hinterlassen hatte, war der Auftritt von Desolated ein Pflichttermin.
Die Engländer zeigten, dass sie nicht nur einen guten Vokalisten, sondern insgesamt eine tighte Kapelle am Start haben. Schöner englischer Beatdown mit stumpfen Breaks und moshiger Energie. Hat mir erneut vor Augen geführt, wie viele talentierte Musiker die Jungs von der Insel zu bieten haben. Genau wie Boston Manor im vergangenen Jahr waren Desolated definitiv eine Überraschung für mich.
Nach der breitbeinigen Show ging es etwas ruhiger, aber nicht weniger intensiv mit den Post-Hardcorern von La Dispute im großen Eagle-Zelt weiter.
La Dispute sind eine dieser Bands, die ich schon immer als handwerklich hochwertig und authentisch emotional wahrgenommen habe, die mich aber nie vollständig fesseln konnten. Im Live-Setting haben sie mir dagegen richtig gut gefallen. Der Auftritt bot eine willkommene Gelegenheit, abzuschalten, durchzuatmen und die Melodien zwischen den emotionalen Ausbrüchen zu genießen.
Eine starke Show und sicher ein Anlass für mich, mal wieder quer durch die Diskografie der Band aus Michigan zu stöbern.
Danach war es Zeit für einen nicen veganen Burger an einem der Essensstände, um gut für den Endspurt gewappnet zu sein. Denn eines der von mir am heißesten erwarteten Sets stand kurz bevor.
Nach einem kurzen Abstecher zu den Emo-Punkern von Free Throw ging es pünktlich zurück ins Buzzard zu End It aus Baltimore. Seit ihrer großartigen EP „Unpleasant Living“ wollte ich die Band live sehen, bisher hatte es aber nie geklappt. Nun war es endlich so weit.
Wie bereits erwähnt, war die Stimmung im Vorfeld angespannt. Es hing etwas in der Luft.
End It sind für ihre konsequente Fuck-you-Haltung bekannt. In den Wochen zuvor war ein kleiner Internetskandal entstanden, nachdem Sänger Akil das Publikum bei einer Show dazu aufgefordert hatte, einen Fan in einem Bananenkostüm zu zerrupfen.
Daraufhin entbrannte eine wilde Diskussion über Recht und Unrecht, Repressionen und Meinungsfreiheit im Hardcore. Die rassistische Komponente davon, einen schwarzen Sänger mit einer menschengroßen Banane zu konfrontieren, wurde dabei erstaunlich wenig beleuchtet. Die Versuche von End It, das Rumoren mit mehreren Statements zu beruhigen, führten vor der Show nicht wirklich zum Ziel.
Und so kam es natürlich, wie es kommen musste: Zu Beginn des Auftritts turnte ein Fan im Bananenkostüm durch den Pit. Schlimmerweise flogen zudem echte Bananen in Richtung der Bühne, die Akil verständlicherweise sofort zurückwarf.
Akil und die Band hatten kaum eine andere Wahl, als darauf zu reagieren. Er entschuldigte sich beim Bananenmann und damit stellvertretend bei allen Männern in Bananenkostümen. Die anwesende Banane bat er lediglich darum, nicht auch noch das N-Wort zu benutzen. Anschließend umarmten sich die beiden und begruben damit das Kriegsbeil.
Zum Glück ging die Show danach ohne weitere Bananenzwischenfälle weiter. Lediglich der Umstand, dass Akil das Publikum durchgehend als „Germany“ bezeichnete, stieß bei den anwesenden Niederländern auf wenig Gegenliebe.
Freunde, beruhigt euch: Sie scheißen halt drauf. Macht sie doch auch irgendwie sympathisch.
Musikalisch erfüllten End It meine Erwartungen. Sie spielten ihren punklastigen Hardcore, schmetterten ihre gesellschaftskritischen Texte heraus und luden massiv zum Abfeiern ein. Die älteren Songs kamen erwartungsgemäß sehr gut an, aber auch das neue Material konnte überzeugen. „Could You Love Me?“ avancierte direkt zum Publikumsliebling.
Hat mir gut gefallen und hatte wegen des Bananenskandals irgendwie sogar historisches Flair. Ohne den ganzen Bananenscheiß wäre es mir ehrlich gesagt trotzdem lieber gewesen.
Nach dem kleinen Aufreger ging es zum Cooldown und zur Energieregeneration zu den sympathischen Indie-Punkern Viagra Boys. Die Band spielte ihren „Welfare Jazz“, präsentierte ihre schlüpfrigen Texte und sorgte bei mir für gute Unterhaltung. Launiger Auftritt der Schweden!

Genau das Richtige, um das letzte Highlight des Festivals einzuläuten.
Im Vulture starteten Hatebreed zeitgleich mit einem in der Ferne aufziehenden Sturm. Atmosphäre pur! Das Publikum stand dicht gedrängt im und um das Zelt. Hatebreed können auf eine lange Reihe von Hits und Klassikern zurückgreifen und lieferten dementsprechend einen wilden Ritt durch ihre Diskografie.
Gleichzeitig frischte der Wind merklich auf, während eine schwarze Wolkenwand immer näher rückte. Sturm war angekündigt und man konnte deutlich spüren, dass etwas auf uns zukam.
Hatebreed konnten ihr Set noch vollständig abschließen und machten das Publikum mit wirklich allen Hits glücklich. Hatebreed sind auch 2026 noch eine absolute Dampfwalze!
Direkt nach dem Ende der Show nahmen wir die Beine in die Hand. Wir wollten vor dem heranrückenden Sturm und dem Regen rechtzeitig im Zelt sein. Das gelang uns auch.
Dank der endlich fallenden Temperaturen konnten wir zum ersten Mal schnell und tief einschlafen. Gleichzeitig veröffentlichte das Jera über Instagram die Empfehlung, in die Autos zu gehen und den Sturm dort auszusitzen.
Sonntag
Das haben wir allerdings erst am nächsten Morgen mitbekommen.
Mitten in der Nacht hörten wir den Regen auf das Zelt prasseln, den Wind daran ziehen und zerren, laute Rufe und umherrennende Besucher. Da wir uns in unserem Zelt sicher fühlten, schliefen wir einfach weiter.
Am Morgen sahen wir dann das ganze Ausmaß. Überall lagen Teile anderer Zelte und Pavillons herum, genauso wie Klamotten, Müll und sonstiges Festivalequipment. Vorsorglich hatten wir alles gut gesichert und hatten Glück, dass keine größeren Teile aus anderen Lagern gegen unser Zelt geflogen waren.
Leider hatten nicht alle so viel Glück. Die Homies von der Hardcore Help Foundation haben starke Schäden an ihrem Stand und an ihrem Merch abbekommen. Wenn ihr ein paar Euro übrig habt, helft den Kollegen wieder auf die Beine!
Nachdem wir uns einigermaßen aufgerappelt und alles zusammengepackt hatten, konnten wir auch in diesem Jahr wieder glücklich und zufrieden die Heimreise antreten.
Danke für alles, liebes Jera!



















