Im Prinzip wollte ich überhaupt keinen Bericht schreiben. Einfach deshalb, weil ein klassischer Festivalbericht dem Tells Bells diesmal nicht gerecht werden würde. Für uns war es dieses Jahr mehr Camping und Drumherum als Konzerte.
Wem gebe ich die Schuld? Dem Klimawandel. Denn der ist fucking real.
Das Tells Bells artete zur Hitzeschlacht aus und mein Körper fuhr irgendwann auf Überlebensmodus herunter. Klingt drastisch, ist aber so.
Freitag, 14. August 2026

Schon im Vorfeld hatten die Veranstalter wegen der hohen Waldbrandgefahr diverse Maßnahmen angekündigt. Auf dem Campingplatz galten deshalb ein striktes Rauch- und Grillverbot.
Als wir am Freitag gegen 11:30 Uhr ankamen, bemerkten wir außerdem, dass der Campingplatz etwas verkleinert worden war. Der Begrenzungszaun stand weiter vom Wald entfernt als in den vergangenen Jahren. Eine absolut sinnvolle Entscheidung.
Dadurch konnten wir unser Lager allerdings nicht wie geplant bei einigen Bekannten aufschlagen. Also suchten wir uns einen anderen Platz – und erwischten ausgerechnet die schlimmste Stelle am gesamten Hang. Gemütlich vor dem Zelt sitzen? Keine Chance. Und beim Schlafen kullerten wir später ständig übereinander.
36 Grad – und es wird noch heißer
Das sangen 2raumwohnung einmal. Ob sie damit wohl uns beim Zeltaufbau meinten?
Jedenfalls empfand ich den Aufbau als reinste Plackerei. Jeder in den Boden gesetzte Hering forderte gefühlt einen halben Liter Schweiß – und dabei schwitze ich normalerweise so gut wie nie. Schon kurz darauf merkte ich, dass ich Kopfschmerzen bekam.
Als wir endlich fertig waren, machten wir uns auf den Weg, um ein paar Bekannte auf dem Campingplatz zu besuchen. Wir landeten bei der Frankfurter Bande, den Äppler Froinde, und damit bei Away-From-Life-Kollege Maik. Der war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch gar nicht da.
Also setzten wir uns erst einmal zur restlichen Truppe und genossen einen kühlen Gerstensaft aus der Blechdose. Die Stimmung war heiter, es wurde gelacht und geschnackt – und irgendwann stieß dann auch Maik dazu.
Nach einer Weile machten Maik und ich uns auf den Weg zum Festivalgelände. Schließlich wollten wir ja doch noch ein paar Bands sehen.
BUBONIX
Kaputt und weiter …
Bubonix feiere ich schon seit langer Zeit. Die Band aus Limburg an der Lahn lieferte auch beim Tells Bells wieder so ab, wie man es von ihr kennt: richtig gut.
Sänger Thorsten hielt es natürlich nicht lange auf der Bühne. Er kletterte über die Barriere und suchte den direkten Kontakt zum Publikum. Ein starker Auftritt – wie eigentlich immer.
Demnächst stehen Bubonix außerdem gemeinsam mit Christmas und SYFF im Mergener Hof in Trier auf der Bühne.
Danach wurde die Hitze endgültig unerträglich. Die Veranstalter reagierten schnell: Auf dem Gelände gab es kostenloses Wasser, und kurzerhand wurde ein Zelt mit Wassernebel aufgebaut, in dem man sich wenigstens für ein paar Minuten abkühlen konnte. Dafür großen Respekt.
Bei mir war trotzdem irgendwann Schluss. Die Kopfschmerzen wurden stärker und der Mann mit dem Hammer war da. Also zurück zum Zelt. Und nur, damit das klar ist: Ich war weder besoffen noch lustlos. Das Einzige, was ich auf dem Gelände getrunken hatte, war Sprudel.
Später stieß ich auf eine Beschreibung, die meinen Zustand ziemlich genau auf den Punkt brachte:
„Während der Hitzewelle lagen die Menschen regungslos auf den Bürgersteigen und in den Parks, apathisch und erschöpft, wie Opium- oder Heroinabhängige, denen jede Energie entwichen war.“
Genau so fühlte es sich an. Offenbar schlief ich trotzdem irgendwann ein.
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich normalerweise versuche, fast jede Band anzuschauen. Ich kann es nicht leiden, auf Festivals herumzugammeln. Ich bezahle für die Musik, und die will ich auch erleben.
Allerdings konnte ich einfach nicht mehr und schlief im Zelt ein. Irgendwann weckte mich meine Frau, die ebenfalls eingepennt war, mit den Worten: „Steve, gehen wir noch The Baboon Show und Stick to Your Guns gucken?“
Wie, wo, was?
Dann hörte ich im Hintergrund die Stimme von Toby Morse. Mir wurde bewusst, dass ich Good Riddance und H2O einfach verpennt hatte. Ich ärgerte mich tierisch über mich selbst. Ja, ich habe beide Bands schon etliche Male gesehen, aber trotzdem fand ich es superätzend.
Also gingen wir wieder hoch, und ich konnte gerade noch drei Songs von H2O mitbekommen. Ärgerlich, aber es ist halt so.
THE BABOON SHOW
Playing With Fire …
Obwohl es mittlerweile 22:40 Uhr war, fühlte es sich noch immer an, als würden wir mitten im Feuer stehen.
The Baboon Show hatte ich erst vor Kurzem beim Riez Open Air gesehen, und weder die Show noch die Setlist unterschieden sich großartig davon. Aber was soll’s: Die Affenshow funktioniert live einfach immer. Die Schweden lieferten ab und das Publikum hatte sichtlich seinen Spaß. Wie eigentlich jedes Mal.
STICK TO YOUR GUNS
We Still Believe …
… dass es irgendwann etwas kühler werden würde. Was allerdings nicht wirklich passierte.
Zu den Klängen von A-has Take On Me betrat die Orange-County-Hardcore-Band um Jesse Barnett die Bühne und gab vom ersten Moment an Vollgas.
Neben Songs vom neuen Album gab es natürlich auch jede Menge Klassiker. Besonders bei Amber war ich wieder komplett dabei. Ich liebe diesen Song einfach.
Zwischendurch kam H2O-Sänger Toby Morse auf die Bühne. Was genau sie zusammen spielten, kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen. Vielleicht war es etwas von Sick of It All, vielleicht hatte mir die Hitze da aber auch endgültig das Hirn weichgekocht.
Nach Stick To Your Guns machten wir uns quasi direkt auf den Weg zum Zeltplatz. Keine Aftershowparty, kein weiteres Herumziehen – einfach umfallen.
Unsere Lage am Steilhang war weiterhin alles andere als optimal. Obwohl wir die Matratze inzwischen gedreht hatten, rutschten wir immer wieder Stück für Stück nach unten. Offenbar schlief ich trotzdem irgendwann ein.
Samstag, 15. August 2026
Geweckt wurden wir von der Dorffanfare, die wie jedes Jahr über den Campingplatz zog und uns ein Ständchen spielte.
Unbequem war sie gewesen, die Nacht am Steilhang. Im Prinzip hätten wir uns mit Panzertape an der Matratze festkleben müssen, um nicht ständig nach unten zu rutschen.
Ach ja: Warm war es natürlich auch schon wieder. Oder vielleicht immer noch.
Da wir aus den vergangenen Jahren gelernt hatten, hatten wir diesmal unsere Badesachen eingepackt. Unser Weg führte uns deshalb zur Lahn – oder, wie ich sie an diesem Tag nannte, ins W-Lahn. Empfang gab es dort zwar keinen, dafür endlich eine stabile Verbindung zum Wasser.
Deez Nuts hatten gerade angefangen zu spielen. Über Dinge, die ich nicht genau weiß, möchte ich an dieser Stelle auch keine großen Geschichten erzählen. Fest steht jedenfalls: Die Band sollte am selben Abend noch in Hamburg auftreten und übernahm deshalb bereits am frühen Mittag den ersten Slot des Tages.
Mir war das allerdings ziemlich wurscht. Ich mag die Band ohnehin nicht.
Also: auf zum Fluss!
Und diese Entscheidung rettete uns tatsächlich das Wochenende. In der Lahn konnten wir uns endlich richtig abkühlen. Ja, im vergangenen Jahr hatte ich das Tells Bells noch als „Punk Rock Holiday für Arme“ bezeichnet. Aber in diesem Moment war mir jeder Vergleich egal: Das Wasser tat einfach verdammt gut.
Viereinhalb Stunden und zwei Sangria später machten wir uns schließlich wieder auf den Weg zum Festivalgelände. Rechtzeitig für die nächste Band waren wir zurück.
THE CHISEL
What a Fucking Nightmare …
… diese Hitze immer noch war.
Vor der Bühne traf ich meinen Kollegen Maik, der ebenfalls meinte, so richtig würden The Chisel hier ja nicht hinpassen. Besonders viel war dann auch nicht los. The Chisel selbst hatten dafür umso mehr Bock.
Alles, was ich jetzt schreibe, könnte man als Beleidigung verstehen. Es sind aber ausschließlich Komplimente. Wirklich! Ich mag Briten, ich mag England, ich liebe London und eigentlich so ziemlich alles aus Great Britain. Und The Chisel haben einfach alle diese typisch englischen Pub-Gesichter. Wahrscheinlich kamen sie auch gerade direkt aus einem. Kein Backdrop, mal wieder kein Merch, gar nichts! Aus dem Flugzeug auf die Bühne und danach wieder nach Hause. Haha!
Momo Bitume hatte einfach eine Bolt-Thrower-Jogginghose an. Maik meinte: „Irgendwie richtig assi.“ Ja. Aber geil!
Wie gesagt: Die Band hatte Bock. Das merkte man vor allem an Cal, der äußerst redselig war. Gerade als sie anfangen wollten, schob sich eine Wolke vor die Sonne. Cal erklärte, dass er normalerweise sofort verbrennen würde, der Ginger-Gott ihm heute aber gnädig sei – und forderte Applaus für den Ginger-Gott. Sau lustig!
Irgendwann wurde es dann ernster. Cal sagte, der Klimawandel sei keine Verschwörungstheorie, sondern verdammt real – und wir würden ihn gerade am eigenen Leib erleben. Einen Song kündigte er mit der Geschichte an, dass er von seinem Vater immer geschlagen worden sei, bis er ihn mit 19 schließlich selbst umgehauen habe.
Außerdem spielten The Chisel zwei Songs von ihrem dritten Album, das wohl noch in diesem Jahr erscheinen soll. Und die waren schon mal Bombe. Wenn das ganze Album so wird: Haltet euch fest!
Zum Schluss stellte Cal noch einmal klar, dass The Chisel eine sozialistische Working-Class-Band seien. Er könne all diese, wie er es ausdrückte, „pädophilen Rechten“ wie Donald Trump und Konsorten nicht ausstehen. Umso weniger verstehe er, dass offenbar so viele Rechte in England The Chisel gut fänden.
Nun ja, lieber Cal: wohl der Fluch, der auf Oi!-Bands lastet.
Der Auftritt jedenfalls war mega und machte richtig Spaß.
The Chisel – enough said!
ALL FOR NOTHING
Under a Different Sun …
… wäre es sicherlich kühler gewesen. Hier definitiv nicht. Aber hotter als das Wetter waren eigentlich nur All For Nothing.
Das letzte Mal hatte ich sie irgendwann beim Revolution Calling gesehen, und auch beim Tells Bells waren sie gefühlt seit Ewigkeiten nicht mehr zu Gast. Cindy gab jedenfalls vom ersten Moment an Vollgas. Und ja, man kann sie irgendwie mit Candace von Walls of Jericho vergleichen. Candace hat vielleicht noch ein kleines bisschen mehr Power, dafür mag ich die Musik von All For Nothing lieber.
Zwischendurch hauten sie zu Ehren von Lou Koller Clobberin’ Time von Sick of It All raus – und die Crowd ging komplett steil.
Am Schluss holte Cindy noch einen kleinen Nachwuchs-Mosher auf die Bühne. Sehr süß und gleichzeitig völlig cool. Da kam dann kurz die Mama in ihr durch.
Jo, der Auftritt war klasse, und ich bin echt froh, All For Nothing endlich mal wieder gesehen zu haben.
Nach der Show gingen wir noch einmal zum Campingplatz, um uns ein wenig auszuruhen. Rechtzeitig zur nächsten Band waren wir wieder zurück.
SPEED
Shut It Down …
Endlich war die Sonne verschwunden. Die Temperaturen sanken trotzdem kein bisschen.
Speed hatten zuletzt jede Menge Erfolg und wurden überall gehypt. Da ich sie bis dahin noch nie live gesehen hatte, wollte ich mir endlich selbst ein Bild machen.
Nun ja, was soll ich sagen? Jem Siow ist ein sympathischer Typ und hat definitiv eine gewisse Aura auf der Bühne. Trotzdem gilt manchmal: Weniger ist mehr. Ständig kamen Ansagen, dass wir hier schließlich auf einer Hardcore-Show seien und uns gefälligst bewegen, springen und two-steppen sollten. Irgendwann ging mir das massiv auf die Nerven. Das Ganze hatte zunehmend den Charme eines Kirmesansagers.
Und die Musik? Für meine Gehörgänge extrem langweilig. Für mich klang einfach alles gleich. Ich hätte weder sagen können, welchen Song sie gerade spielten, noch wann einer endete und der nächste begann.
Nicht meine Welt – und ehrlich gesagt auch nicht das, was ich unter Hardcore verstehe. Für mich klang das eher nach Metal mit Beatdown.
Einmal gesehen, abgehakt – und das war es dann auch für mich mit dieser Band.
TERROR
Still Suffer …
… ja, wir litten immer noch.
Bevor Terror die Bühne betraten, wurde das Publikum mit Step Down von Sick of It All beschallt. Das kam an. Ich glaube, Lou hat den allermeisten in dieser Szene wirklich verdammt viel bedeutet.
Aber zu Terror: Ich mache ja immer wieder gerne den Witz, dass Terror wirklich auf jeder Kirmes spielen, permanent auf Tour sind, ihre Shows exakt 35 Minuten dauern und am Ende sowieso Keepers of the Faith kommt.
Vielleicht hatte ich mich an Terror einfach sattgesehen?
Doch jedes verdammte Mal, wenn sie dann auf der Bühne stehen, denke ich: Wow! Live ist diese Band einfach immer ein Garant für eine geile Show. Eigentlich gefallen mir Terror live sogar besser als auf Platte.
Scott Vogel ging komplett steil. Den Graben beim Tells Bells hasste er – wer nicht? – und forderte die Leute auf, die Security mit möglichst viel Crowdsurfing zu beschäftigen. Meine Frau nahm das direkt zum Anlass, Scotts Rat zu befolgen.
Neben all den Klassikern spielte die Band auch viele Songs vom neuen Album. Der Höhepunkt dürfte aber der Moment gewesen sein, als Chuck Ragan von Hot Water Music auf die Bühne kam und sie gemeinsam Fear the Panic spielten. Saugeil! Wenn Chuck ohnehin schon vor Ort ist, muss man dieses Feature natürlich auch live bringen.
Ach so: Terror spielten sogar 45 Minuten! Und am Ende? „Keepers of the Faith“. Natürlich. Wie immer.
Aber ja: Der Song ist jedes Mal ein Highlight. Und genau das war diese Terror-Show auch.
HOT WATER MUSIC
Touch the Sun …
… die war zwar längst untergegangen, nur die Temperatur wollte noch immer nicht sinken.
Hot Water Music hatte ich bis dato tatsächlich noch nie live gesehen. Entsprechend freute ich mich auf den Auftritt. Chuck Ragan hatten wir kurz zuvor bereits bei Terror erlebt, nun stand er mit seiner eigenen Band auf der Bühne.
Ich kann deshalb nicht beurteilen, ob Hot Water Music an diesem Abend besser oder schlechter waren als sonst. Sagen wir es so: Der Auftritt war richtig solide und gefiel mir wirklich gut.
Die Band brauchte dabei auch kein großes Spektakel. Die rauen Stimmen, die großen Melodien und diese angenehm unaufgeregte Art funktionierten auch so. Nach dem ganzen Hardcore-Abriss davor war das vielleicht sogar genau der richtige Abschluss.
Se bastasse una bella canzone
Normalerweise endet das Tells Bells mit einem Feuerwerk. Dieses Mal wurde aus guten Gründen darauf verzichtet. Und ganz ehrlich: Ich glaube, niemand hat es vermisst. Feuerwerk ist sowieso vor allem Umweltverschmutzung.
Die Gasflammen oben auf der Bühne genügten als optischer Abschluss vollkommen. Auf Eros Ramazzotti, der aus den Boxen offenbar eine bella Pizza Calzone bestellen wollte, hätte ich dagegen gut verzichten können.
Fazit
Das Tells Bells ist über die Jahre immer besser geworden. Als ich vor etlichen Jahren zum ersten Mal hier war, gab es Hamburger, die schlichtweg widerlich waren. Mittlerweile gibt es eine recht große Auswahl an wirklich gutem Essen.
Besonders der Pulled-Pork-Burger hatte es mir angetan. Die Baristas machten richtig guten Kaffee, das Eis war Bombe und auch der vegane Stand war klasse.
Großen Respekt auch an die Veranstalter, die angesichts der Hitze so schnell reagierten, kostenloses Wasser bereitstellten und kurzerhand ein Wassernebelzelt aus dem Boden stampften.
Einziges Manko: Ich würde mich wirklich freuen, wenn hier irgendwann ein paar Duschen stünden. Dafür würde ich sogar einen Aufpreis in Kauf nehmen. Ohne Morgendusche ist einfach alles scheiße.
Wir sehen uns 2028 wieder. Nächstes Jahr muss ich eben noch ein letztes Mal zum Punk Rock Holiday.
Grüße an alle, die ich getroffen habe: Maik, Christian Swidder von To the Wire, die Jungs von Everready, alle von World Negation, Mario vom Riez, die Frankfurter, Jonas, Sebbes … und alle, die ich jetzt garantiert vergessen habe.
Ein sehr, sehr hitziges – aber eben auch verdammt geiles – Wochenende!



















































