Wer in den letzten Jahren auf Punkrock-Festivals unterwegs war, kam an March kaum vorbei: Seepogo, Ruhrpott Rodeo, Jera On Air, Refuse, Tells Bells, dazu unzählige Shows in Jugendzentren und Clubs. Die Band aus Breda wurde 2013 von Sängerin und Gitarristin Fleur und Schlagzeuger Thomas gegründet. Inzwischen haben March über 300 Shows gespielt und die Bühne unter anderem mit Good Riddance, NOFX, Descendents und Lagwagon geteilt. Ihre Mischung aus Punkrock, Melodic Hardcore und einer ordentlichen Portion Rock’n’Roll ist roh, hymnisch und tanzbar. Auf der „Sisters Of Rage EP“ klingen March 2026 wütender und politischer denn je. Im Rahmen vom diesjährigen Female Fronted Is Not A Genre im SO36 hat Fleur mir ein paar Fragen beantwortet.
AFL: Ihr habt mit vielen international bekannten Künstler*innen gespielt. Welche Begegnung ist euch am meisten in Erinnerung geblieben? Gab es abseits der Bühne auch Enttäuschungen?
Fleur: Als Kind hatte ich nur eine Handvoll Original-Punkrock-CDs, und eine davon war „Symptoms Of A Leveling Spirit“ von Good Riddance. Mit ihnen auf Tour zu gehen, war für mein Teenager-Ich völlig verrückt. Dasselbe gilt für NOFX, Descendents und Lagwagon, aber GR haben einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.
Am meisten enttäuscht hat mich, dass wir kurz bevor alles aufflog noch mit Anti-Flag gespielt und sie getroffen haben. Danach haben wir uns alle ein bisschen eklig gefühlt.
Wo spielt ihr lieber: auf Festivals wie dem Jera On Air vor Tausenden oder im Jugendzentrum vor 80 Leuten?
Wir lieben rappelvolle, chaotische kleine Clubshows. Große Bühnen können aber auch richtig Spaß machen, weil man dort viel Platz zum Rumrennen hat, und wir rennen sehr gern rum. Ideal wäre eine mittelgroße Festivalbühne mit Abend-Slot, Jugendzentrums-Attitüde und ohne Absperrungen.
Über 300 Shows: Was ist die absurdeste Tourgeschichte, die ihr erzählen dürft?
Eines Nachts nach einer Show hat uns die Polizei angehalten. Als Thomas das Fenster runterkurbelte, richtete ein Polizist eine Waffe auf ihn. Der Beamte war total nervös. Er stellte ein paar Fragen und ließ uns dann fahren. Dabei erklärte er, dass sie wegen eines Raubüberfalls oder so nach einem weißen Transporter suchten. Das war ein ziemlich krasser Moment, und der stand definitiv nicht auf unserer „Tour-Bingo“-Liste.
„Sisters Of Rage“: Der politischere Ton
Für mich fängt die EP den Geist der politischen Szene richtig gut ein. „No Kings“ ist ein wichtiger Slogan der US-Protestbewegung. Wie fühlt es sich als europäische Band an, über Trumps Amerika und das schamlos entfesselte Patriarchat zu schreiben?
Die Zeile „No Kings“ ist tatsächlich schon vor den Protesten entstanden. Sie geht auf eine Manosphere-Bewegung namens „Return of the Kings“ zurück, ein Blog, auf dem „echte Männer“ Tipps und Tricks fanden, wie sie zum Super-Alpha-Mann werden. „Sisters Of Rage“ ist eine Hymne gegen das Patriarchat und gegen diese neue Welle traditioneller Rollenbilder. Und du hast recht: Dazu gehört auch Trumps Amerika. Als ich die Nachrichten über die „No Kings“-Proteste sah, hatte ich den Slogan schon für mich besetzt. Auch wenn er bei mir aus einer anderen Richtung kam, hat mir das noch mal mehr Dringlichkeit gegeben, den Song zu veröffentlichen. Es fühlte sich wichtig und notwendig an, ihn zu schreiben. Ich liebe die Kraft, die er live entfaltet, wenn alle meine Schwestern mitsingen.
Warum eine EP statt eines vierten Albums? Ist das ein Statement zur Streaming-Ära oder schlicht Ungeduld?
Wir haben drei Studioalben veröffentlicht und dabei gleichzeitig unglaublich viel live gespielt und nebenher in unseren Jobs gearbeitet. Danach wollten wir mehr Zeit und kreative Freiheit, um ohne Kompromisse Songs zu machen, die uns alle richtig begeistern. Lückenfüller, nur um ein Album vollzukriegen, sind nicht erlaubt. Außerdem experimentieren wir gern ein bisschen und schauen, was in der Streaming-Ära funktioniert oder hängen bleibt. Ich finde, unsere drei neuesten Songs sind ein super Vorgeschmack auf das, was noch kommt.
„Disconnected“ ist ein Song über Handysucht, ein Thema, das du, Fleur, bei euren Liveshows immer ansprichst. Wie geht ihr damit um, wenn ihr eure Social-Media-Kanäle als Band selbst betreuen müsst?
Es ist furchtbar. Ich hasse es, wie sehr wir alle daran hängen, und ich beneide die Bands, die komplett aussteigen. Andererseits haben wir uns riesig gefreut, als wir die 10k geknackt haben, und auch über diese Verbindung zu unseren Freund*innen. Social Media ist krank. Ich versuche, die richtige Balance zu finden, damit die Leute informiert bleiben und ich nicht durchdrehe. Gerade habe ich ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil ich letzte Woche zu wenig gepostet habe. Gleichzeitig ist mir das viel egaler als noch vor zwei Jahren.
„Female Fronted Is Not a Genre“
Ihr habt gerade auf einem Festival mit genau diesem Namen gespielt. Wie oft werdet ihr noch in diese Schublade gesteckt, selbst von wohlmeinenden Rezensent*innen?
Interessante Frage. Vielleicht bin ich Optimistin, aber ich glaube, der Trend, Bands als „female-fronted“ zu labeln, hat sich verschoben. Heute gibt es echte Gespräche darüber, wie man Festivals und Line-ups von vornherein inklusiver gestaltet. Das ist ein langsamer Prozess, und wir brauchen immer noch mehr Vielfalt auf den Bühnen. Aber ich sehe auf Festivals ein bisschen weniger vom Genre „Nur Typen“ (merkt ihr, wie wenig so ein Label bringt?).

Fleur, nach dem Vorfall mit Anti-Flag hast du von Verrat gesprochen. Hat diese Erfahrung verändert, wie du andere Bands wahrnimmst oder mit wem ihr auf Tour geht?
Ich und viele andere haben uns verraten gefühlt, weil das, was er getan hat, so sehr im Widerspruch zu allem stand, wofür sie standen. An meiner Wahrnehmung von anderen Menschen oder Bands ändert das nichts. Ich baue meine Beziehungen auf Liebe und Vertrauen auf, und das wird immer die Basis bleiben. Aber ja: Fuck übergriffige, heuchlerische Arschlöcher, für immer.
Was muss sich bei Shows ändern, damit sie für Frauen und queere Menschen inklusiver werden?
Mehr aufeinander achten. Sexistisches, homophobes und transfeindliches Verhalten ansprechen, statt so zu tun, als gäbe es das nicht. Grenzen respektieren, zusammen Spaß im Pit haben und dafür sorgen, dass sich alle willkommen und sicher fühlen. Niemand muss jemals beweisen, dass er oder sie dazugehört. Punkshows sollen wild, laut und intensiv sein, aber in diesem Chaos sollen sich alle willkommen fühlen.
Die Szene in den Niederlanden und Belgien
Ihr habt mal gesagt, dass Deutschland euch besser unterstützt als euer Heimatland. Fühlt ihr euch manchmal wie eine deutsche Band mit niederländischem Pass?
Haha, dafür ist unser Deutsch viel zu schlecht. Aber ja, es fühlt sich immer so an, als hätten wir hier mehr Rückenwind. Die alternative Musikszene in Deutschland ist einfach viel größer als in den Niederlanden.
In einem früheren Interview hat Thomas eine bessere Bezahlung für kleine Bands gefordert. Wie schafft ihr es, als Band kein Geld zu verlieren, gerade jetzt, wo die Kosten steigen, die Vorverkäufe aber leider nicht?
Das Zauberwort heißt Merch: Vinyl, CDs und Shirts in verschiedenen Prints für alle. Müssten wir die Band über Gagen am Laufen halten, wären wir verloren. Das ganze Geld, das wir verdienen und das direkt wieder in die Band fließt, kommt aus dem Merch-Verkauf. Unser neuer Renner sind „Sisters Of Rage“-Socken! Klingt witzig, ist aber so. Wenn ihr eine DIY-Band seid, dann nehmt euer Merch ernst.
Die lokale Szene in Breda: Wie läuft es mit „Punk Rock Riot“ und dem Mezz? Ist die Szene aktiv?
Punk Rock Riot ist ein perfektes Beispiel dafür, wie eine kleine Initiative, die mit Herz gemacht wird, verändern kann, wie man die Szene einer ganzen Stadt wahrnimmt. Allein wegen dieses Konzepts dachten die Leute plötzlich, Breda hätte eine aktive Szene. Hat es eigentlich nicht, aber alle paar Monate bringt es die Leute aus der Punkrock-Szene in Breda zusammen. Ich liebe es! Außerdem gibt es in unserer Stadt ein paar großartige neue Jugendinitiativen: im Phoenix, im Mezz und in unserem Skatepark Pier15. Ich habe viel Vertrauen in die neue junge Szene, die da gerade entsteht, und viel Liebe für sie.
Welche neueren niederländischen oder belgischen Bands sollten deutsche Leser*innen unbedingt auschecken?
State Power, Ronker, Maria Iskariot, Bombstrap.
Hinter den Kulissen
Seit „Stay Put“ hat sich das Line-up verändert. Wie haben die Wechsel euren Sound beeinflusst, und welcher Kern bleibt immer gleich?
Unser Kern ist seit dem ersten Tag, Spaß zu haben und zu schauen, wohin uns das führt. Niemand von uns will mit dieser Band Karriere machen, aber alle wollen unsere Musik und Kreativität nachhaltig weiterentwickeln. Und so ändern sich eben die Zeiten, die Line-ups und die Musik. Unser nächstes Album wird anders klingen als „Stay Put“, aber es steht für genau dieselben Werte. Genau deshalb heißt das Album ja „Stay Put“: Bleib deinen Werten treu, steh für dich ein, du machst das gut. Und bis heute sagen wir bei jedem neuen Song: „’T mot toch hard!“ So sagt man bei uns auf Niederländisch „Es muss laut sein!“
Die Band ist inzwischen niederländisch-belgisch. Wie probt ihr über eine Landesgrenze hinweg?
In der Tour-Saison proben wir nicht viel. Wenn wir aber neue Songs schreiben oder gerade Pause ist, treffen wir uns in Breda oder Dordrecht. Das ist alles nur eine Frage von guter Planung und Hingabe.
Fleur, in deinem Notizbuch standen früher über 200 unfertige Songideen. Wie viele sind es heute, und wer entscheidet, was ein MARCH-Song wird und was in deinen Soloprojekten landet?
Ich habe tatsächlich vor Kurzem den Ordner mit den Aufnahmen auf meinem Handy aufgeräumt und dabei Songideen für mein Soloprojekt und für March markiert. Der Unterschied ist: Ich weiß, welche Ideen ich liebe, und ich weiß, was der Rest der Band liebt. Gemeinsam Musik zu schreiben heißt nicht, durchzudrücken, was mir gefällt. Ich wähle die Ideen aus, die durch den Input der anderen noch besser werden. Ich liebe es aber auch, dass ich bei meinen Solosachen machen kann, was ich will.
Kurz und persönlich
Welches Album lief zuletzt am häufigsten im Tourbus?
Das neue Album von State Power: „Hyperstition“.
Euer erstes Punkkonzert als Kids?
Ich glaube, bei uns allen waren es lokale DIY-Shows, auf denen Freund*innen mit ihren ersten Bands gespielt haben.
Gelb, Schwarz, Rot – what’s next: Welche Farbe bekommt das vierte Album?
Blau, Lila, Pink? Vielleicht schlagen wir beim Artwork auch eine komplett neue Richtung ein! Wissen wir noch nicht.
Ein Song von euch, den ihr nie wieder live spielen wollt, und einer, ohne den ihr nie von der Bühne geht?
„Stand In Line“ und „Nightmare“ hat unser ehemaliger Gitarrist Erik geschrieben. Die spielen wir live nicht mehr, aber eher aus Respekt und nicht, weil wir keine Lust darauf haben.
Ich wurde mal angeschrien, weil wir „Sometimes“ nicht gespielt haben. Den Song haben wir fast immer im Set, und es wäre schwer, ihn wegzulassen.



















