Kalte Zeiten aus Mannheim sind wahrscheinlich nicht jedem ein Begriff. Die antifaschistische Deutschpunk-Band aus Mannheim wurde 1992 gegründet. Eines der Gründungsmitglieder war der unlängst verstorbene Torsun Burkhardt (Egotronic). Er spielte allerdings nur auf dem Demo der EP Konsequentes Menschsein Bass, bevor er sich anderen Projekten widmete. 1996, also vor 30 Jahren, erschien Kalte Zeitens Debütalbum Der Schlag ins Leere über das damalige Kultlabel Suppenkazpers Noize Imperium. Ein jahr später war erstmal Schluss mit der Band.
Burkhardt sorgte kurz vor seinem Tod noch für eine Reunion der Band und 2025 erschien dann tatsächlich über Sterbt alle eine neu eingespielte EP der Band. Sterbt alle ist auch „Schuld“ an der Neuveröffentlichung des Albums. Neu abgemischt präsentiert sich ein Zeitdokument der wilden 1990er Jahre und der Beweis, dass das linke Bewusstsein und die politische Sprache schon immer Teil der oft als sexistisch empfundenen Deutschpunk-Szene dieser Zeit war. Am Sound wurde geschraubt, er ist nun aggressiver und kompakter als noch 1996, als die Band mit dem Produzenten im Soundbunker Ludwigshafen gemeinsam gegen ihre technischen Unzulänglichkeiten kämpften.
Die Themen, die vor rund 30 Jahren artikuliert wurden, sind heute noch aktuell. Es geht um Flüchtlinge und deren Abschiebung. Schon damals waren psychische Probleme, in Form von Depressionen, Teil der Texte. Widerstand, die Unzulänglichkeiten des Systems und dessen bitterer Zynismus sind so aktuell wie nie. So präsentiert sich ein deutlich modernes Album, dass es Wert ist, wiederentdeckt zu werden.
Neben der Neuabmischung hat sich auch das Cover geändert. Für die Originalveröffentlichung wurde ein Bild des bekannten Künstlers A. Paul Weber verwendet, der in den 1990ern als antifaschistischer Maler galt. 30 Jahre später hat sich dieses Verständnis ein wenig geändert. Insbesondere sein Frühwerk ist von antisemitischen Motiven geprägt, er gehörte dem nationalrevolutionärem Lager an und wechselte später ins nationalbolschwistische Lager, was ihm auch einen KZ-Aufenthalt einbrachte. Dennoch gehörte er der Reichskammer der Bildenden Künste an und war nicht der Widerstandskämpfer, wie er damals gesehen wurde. Wer sich dafür interessiert, der Wikipedia-Artikel ist oben verlinkt und lädt zum Weiterforschen ein. Dementsprechend wurde das Cover geändert.
Der Text von Biji Kurdistan wurde ebenfalls geändert. Er basiert auf den am 19. März 1994 bundesweiten Protesten gegen das PKK-Verbot und die Politik der Türkei. In Mannheim verbrannten sich an diesem Tag zwei kurdische Frauen. Auch hier ein Lesetipp. Der Text wurde angepasst und aktualisiert. Warum das Lied Schluss! es reicht! gestrichen wurde, ist mir nicht klar. Zumal der Text im Booklet abgedruckt wurde. Das Wonderwall-Cover fehlt ebenfalls. Nicht unbedingt eine Sternstunde der Coverkultur, aber ganz nett eigentlich.
Ein sehr schöner Rerelase, insbesondere durch die neue Abmischung! Lohnenswert!
1. Ein Anderes Lied
2. Verlogene Zeitgeister
3. Ein alter Traum
4. Dein zweites Ich
5. Ein Neuer Tag
6. Konsequentes Menschsein
7. Graue Zelle
8. Leiche Im Keller
9. Ein kurzer Augenblick
10. Biji Kurdistan
11. Kalte Zeiten
13. Seefahrerlied
14. Wonderwall


















