Seit ich Reviews schreibe, kann ich mich tatsächlich nur an einen einzigen richtigen Verriss erinnern. Damals traf es eine katastrophale Rumpel-Oi!-Band, die anschließend sogar der Redaktion schrieb und mir Schläge androhte, falls sie mich jemals in die Finger bekommen sollten.
Wenn mich ein Album begeistert, bin ich normalerweise nie um Worte verlegen. Dieses Mal ist es genau andersherum. Ich sitze vor der Tastatur und frage mich ernsthaft, was ich über diese Platte eigentlich schreiben soll.
Versteht mich nicht falsch: Das hier soll kein Totalverriss werden. Dafür sind The Menzingers schlicht zu gute Musiker. Aber genau das macht die Enttäuschung umso größer. Everything I Ever Saw lässt mich komplett kalt.
Risikobereitschaft gleich Null
Mein größter Kritikpunkt ist, dass die Band keinerlei Risiko eingeht. Alles wirkt vertraut, alles klingt nach The Menzingers – aber eben auch so, als hätte man Angst davor, die gewohnten Pfade auch nur einen Meter zu verlassen. Überraschungen? Fehlanzeige. Kanten? Kaum vorhanden. Stattdessen bekommt man elf sauber produzierte Songs, die zwar angenehm ins Ohr gehen, dort aber nicht lange bleiben.
Nach mehreren Durchläufen müsste ich eigentlich zumindest zwei oder drei Songs im Kopf haben. Einen Refrain, eine Textzeile oder einen Moment, bei dem ich automatisch die Lautstärke höher drehe. Genau das passiert hier aber nicht. Die Songs ziehen an mir vorbei, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Selbst nach dem vierten Durchlauf könnte ich kaum sagen, welcher Titel mich wirklich gepackt hat.
Und genau das ist das Problem. Nicht, weil die Songs schlecht wären – sondern weil sie erschreckend belanglos wirken. Beim vierten Durchlauf fühlte es sich ehrlich gesagt eher wie eine Pflichtübung an, das Album noch einmal komplett anzuhören.
Das Album hat ungefähr so viel Biss wie eine 80-jährige Oma ohne Gebiss.
Ich tue mich außerdem schwer, das noch als Punkrock zu empfinden. Wenn The Menzingers ein Album schreiben wollten, dessen Songs problemlos im Tagesradio laufen können, dann haben sie dieses Ziel erreicht. Wer auf eingängigen Alternative Rock mit deutlichem Pop-Einschlag steht, dürfte hier bestens bedient werden. Mir fehlt allerdings genau das, was die Band früher ausgezeichnet hat: Ecken, Kanten und Momente, die einen mitreißen.
Dabei will ich gar nicht bestreiten, dass The Menzingers großartige Musiker sind. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieses Album so ratlos zurücklässt. Ich weiß, wozu diese Band eigentlich fähig ist. Umso mehr fühlt sich Everything I Ever Saw wie eine verpasste Chance an.
Am Ende bleibt bei mir vor allem ein Gefühl zurück: Gleichgültigkeit. Und das ist für mich fast schlimmer als ein schlechtes Album. Ein schlechtes Album löst wenigstens Emotionen aus. Diese Platte lässt mich einfach kalt.
Sorry, liebe Menzingers – ich kann mit diesem Album wirklich nichts anfangen.
Und bitte: Schreibt keine Briefe an die Redaktion.
Tracklist
- Chance Encounters
- Better Angels
- Romanticism
- Other People’s Money
- Gasoline & Matches
- The Fool
- Nobody’s Heroes
- Breathe With Me
- When She Enters My Dreams
- Parade Day
- Everything I Ever Saw
















