Info: Der Bericht entstammt der Feder von Gunther Birnvogt. Etwaigie Beleidigungen, Aufrufe zur Nachbesserung sowie allgemeine Drohungen bitte direkt an ihn per Mail.
Weil die Anzahl der Punkcorehardmetal-Enthusiasten mit eigenen Radaukids aufgrund fortschreitender Lebensjahre zwangsläufig steigt, wächst auch der Bedarf nach Vereinbarkeit von Nachwuchsförderung und bierseliger Moshpitnostalgie stetig.
Die These stelle ich mal in den Raum. Was das mit dem Ackerfest zu tun hat und um was für ein Fest es sich dabei überhaupt handelt, erfahrt ihr jetzt.
Wir fahren also ins beschauliche Schöppenstedt, bei Schöningen, bei Wolfenbüttel, bei Braunschweig. Beschaulich heißt: überall Landwirtschaft, einzelne Höfe, lange Straßen, ausreichend Wald und eklig viele blaue Plakate an den Straßenrändern, die Werbung für VertreterInnen der gastunfreundlichen Ideologie machen. In der Stadt selbst herrscht gähnende Tristesse. Der Grieche hat Schließzeit. Das Eulenspiegel – Museum ist nur was für hartgesottene Fans. Ein Pizza-Service (hat geschmeckt), Bier-Tulpen im Markteck (war auch okay), Wallfahrtskirche, Soldatenfriedhof, ein Freibad mit 5 Meter – Turm. Bis hierhin die Hardfacts.
Würde nicht Eli Santana mit der Aldi – Tüte durch die Straßen irren (kein Witz!), wäre hier wahrscheinlich Totentanz.
Damit es aber trotz des grauen Settings in den Köpfen bunt bleibt, mobilisiert der Ackerfezt Verein seit 1999 den halben Landkreis und organisiert ein 2 Tages – Festival mit inzwischen amtlichem Lineup. Weil’s ohne Ährenamt auf dem Acker ziemlich einsam werden würde, sorgen eine Vielzahl von freiwilligen Helfern dafür, dass man in der Schöppenstedter Mulde überhaupt ein Punkfest in dieser Größe realisieren kann. Und, dass der Obolus fürs Festivalarmbändchen bei konkurrenzlosen 35 Euro einrastet, was gleichzeitig verwundert und begeistert. So bleibt genug Heu in der Tasche, um direkt oder indirekt (z.B. Pfandsammlung aufm Zeltplatz, Spendenbox, Abgabe nicht verkonsumierter Wertmarken) fürs lokale Gemeinwohl wie das Kinderhospiz zu spenden. Krach und Charity sind angenehm sinnstiftend verwoben.
Und da uns der Sinn nach Zeltplatzaction, Kaltgetränken und melodiösem Geschepper steht, reiten wir am Freitagnachmittag auf den Acker und werden an den allerhintersten Park- und Zeltplatz beordert. Nach uns kommt der Ausgang. Hatten wir in dieser Form auch noch nicht. Was auf anderen Festivals zu kalten Schweißausbrüchen angesichts unendlicher, nächtlicher Pilgerreisen vom Gelände zur Luftmatratze führen würde, ist auf dem ACKERFEST kein großes Problem, da die Wege angenehm überschaubar kurz sind. Die 2500 Besucher hat man nämlich recht wegefreundlich um das Infield herum eingetopft, so dass es keine langen Fußmärsche gibt.
Weil Innengelände aber auch Zeltplatz dennoch viel Freiraum für jedwede Schweinerei bieten, fragen wir uns zunächst, ob die Veranstaltung wirklich ausverkauft sei. Ja, so bestätigt uns Basti Niehoff (oberste Ackerfachkraft und Orga-Monster), man mache bei zweieinhalb Tausend den Cut, um Infrastruktur und Supporter nicht zu überdüngen. Gut so, denn damit kommt man stets schnell an sein Bier, an seine Cocktails, an die Pommes, an die Bühne, an den Merch, an den Anti-Atomkraft-Treffpunkt vor der Güllefabrik. Und auch morgendlich an den sympathisch besetzten Kaffee- und Brötchen-Kiosk, in dem zwei heitere Damen, zusätzlich mit Sekt-Flatrate motiviert, die müde Festivalgemeinschaft mit schwarzem Gold und Frühstückscerealien versorgen. Ein Ei, ein Euro. Und zur Not gibt’s auch ne Zahnbürste zu kaufen, falls man den eigenen Gebissbesen bei Mutti vergessen hat.
Alles wirkt sehr familiär und schmeckt nach Gemeinschaft. So passt es auch, dass der halbe Samstag für Familien reserviert ist, um bei freiem Eintritt die eigene Brut ans Open Air-Feeling heranzuführen.
Überhaupt erkennt man auf dem Zeltplatz und natürlich auch vor der Bühne sehr viele Jungpunker, die mit ihren erziehungsberechtigten Altrockern umher flanieren und die Freuden einer gepflegten Zelterei mit Freiluftbeschallung zelebrieren. Und weil der Nachwuchs noch nicht pubertär genug und die Parentalgeneration teils schon im Übermaß gesetzt ist, hüllt sich der Zeltplatz in ein Deckchen der Ruhe, welches für uns nicht unangenehm, allerdings dann doch recht ungewöhnlich daherkommt. Hier und dort brüllt mal ein kleiner Elektrowürfel Konservenmusik in das Stroh, aber des nachts und am frühen Morgen herrscht erholungsstiftende Besonnenheit, die auch dem vollsten Schweineeimer ausreichend Schlaf beschert.
Kurz: das war der leiseste Punkrock-Festivalzeltplatz, auf dem wir je waren. Unser Nachbar Steffen, selbst mit seinen Kiddies angereist, hat dazu sicher eine andere Meinung. Aber hey, hier geht’s nicht um Objektivität. Insgesamt merkt man, dass beim Ackerfest nicht das abschussgeifernde Proletenpack anreist, sondern Eingeweihte ein gemütliches Punkrockwochenende verleben wollen. Alles friedlich, alles tolerant und dem Spaß gewidmet.
Musikalisch haben uns vor allem Massendefekt und Small abgeholt. Hinsichtlich der Bühnenpräsenz hatten vor allem Mandel Kokain Schnaps den Hahnenkamm aufgestellt und reihum für Begeisterung gesorgt. Dass man sich auch eine Stunde nach dem Auftritt noch Zeit für Fotos mit den Fans nahm, soll an dieser Stelle in Sachen Vorbildfunktion für andere Bands nicht unerwähnt bleiben. Was die Headliner angeht, waren Callejon ganz passabel, Ignite allerdings eher dünne. Entweder man verabreichte die im Backstage reservierte Flasche Jack Daniels dem Tontechniker zu früh oder jemand hatte ein paar Verstärker der Bühnenanlage unterpflügt. Auf jeden Fall hatten die Jungs bezüglich des Sounds kein Ernteglück.
Was bleibt zum Ackerfest zu sagen? Unterm Strich eine nette Sause mit fairem Preis-Leistungs-Verhältnis. Angenehmes Ambiente mit viel Liebe und Einsatzbereitschaft der Beteiligten auf die Beine gestellt. Familienfreundliches Setting mit DIY-Mentalität. Passende Größe für unaufgeregte Feierei und kurze Wege.
Wir waren nach zwei Tagen im Festivalflow und mussten im Hochgefühl des Sumpfens schon wieder die Fahrt nach Hause antreten. Eigentlich schade.
Bleibt die Frage, was Eli Santana in seiner Aldi-Tüte hatte. Wer das Rätsel zu lösen vermag, bitte eine kurze Nachricht an Gunnar schicken. Danke.




















