Punk am Mittwoch

Diese Geschichte habe ich für den Gestreckten Mittelfinger #9 geschrieben.

Wer den Gestreckten Mittelfinger komplett lesen möchte – was ich nur empfehlen kann – kann sich noch immer ein Exemplar bei Trashrock oder Kink Records bestellen.

Und nun viel Spaß beim Lesen dieser kleinen Story. Über Kommentare oder Feedback würde ich mich sehr freuen.

✉️ Unser Newsletter

Vielen Dank!

Konzerte zu besuchen ist nicht schwer, Konzerte zu veranstalten dagegen sehr!

Warum kommt man eigentlich auf die Idee, selbst Konzerte zu veranstalten, und überlässt das nicht einfach Konzertagenturen, die sich damit auskennen? Klar ist in der Subkultur der DIY-Gedanke sehr groß und wird einem eingetrichtert. Aber ist es nun nicht einfach so, dass man Konzerte nicht ohne Grund veranstaltet?

Zum einen gibt es die Puristen. Also die Menschen, die den Gedanken verfolgen, der Szene etwas zu bieten und etwas zurückzugeben. Das ist sehr ehrwürdig. Dann gibt es die Egomanen. Diese Menschen veranstalten Konzerte, um sich wichtig zu machen, und um selbst einen gewissen Status in der Szene zu erhalten.
Man wird bewundert von anderen, gilt als der oder die Coole, der oder die, geile Shows macht. Diese Leute sowie ihre Shows sind eigentlich strikt zu meiden. Was aber oft schwerfällt, da sie oft gute Kontakte haben und echt coolen Bands eine Bühne bieten. Der größte Teil der DIY-Konzertveranstalter ist aber eine Kombi aus beidem. Man will der Szene schon was bieten, will aber durchaus dafür auch bewundert werden.

Manchmal ist es aber auch so, als ob man Single ist. Man hat irgendwie Bock auf Sex, da man aber keinen hat, oder gerade haben kann, macht man es sich halt selbst.
Man hat halt Bock, die schwedische Hardcore-Band Nailed To The X und die koreanischen Once A Punk, Always Drunk, die eigentlich kein Mensch außer einem selbst kennt, zu sehen, und bookt sich diese Kombi irgendwie zusammen.

Die Bands schrieb man dann früher einfach mal an. Und klar hatten die Bock, einfach mal woanders als in der Kneipe oder auf dem Dorffest in ihrer Region zu spielen. Meistens fragen einen die Bands dann, ob man noch Kumpels hat, die auch Shows machen, denn für eine Show zu kommen und den Sommerurlaub dafür zu opfern, macht keinen Sinn.

Klar hat man über die Jahre ja selbst Kontakte in der Szene und nervt andere, ob die auch Bock hätten, diese Bands zu booken, damit eine Tour entstehen kann. Man probiert dann alle zu überzeugen, wie geil diese Bands, von denen noch kein Mensch was gehört hat, sind. Mit Sätzen wie: „In ihrer Heimat sind die grad voll angesagt und glaub mir, die werden das nächste große Ding.“

Damit kann man fast alle überzeugen. Wer will später nicht behaupten können, dass er die erste Europatour von Once A Punk, Always Drunk gebookt hat, als die noch keiner kannte? Denn damit boostet man wiederum seinen eigenen Status. Andere sind dann von einem so angetan, wie viel Ahnung man von der Szene hat und schon immer hatte.

Also irgendwann steht dann so eine Tour, und voller Elan macht man sich daran, Flyer zu drucken. Ganz klar ist es natürlich, die Flyer im DIY-Verfahren selbst herzustellen. Also kritzelt man mit einem Kugelschreiber seine bestmöglichen Strichmännchen auf einen Fetzen Papier. Diese müssen aber trotzdem irgendwie szene­typisch sein. Und dass man keine Nazis auf der Veranstaltung haben will, muss natürlich auch groß draufstehen. Zwischenzeitlich hat sich dann auch schon eine Local Band bei einem gemeldet. Diese findet man im Prinzip total schlecht, bookt die aber dazu, da sie einem zusagen, für Bier zu spielen.

Und wieder gewinnen zwei. Die Lokalband kann behaupten, sie hätte mit Bands aus Schweden und aus Korea gespielt, und als Veranstalter weiß man, dass die Lokals zumindest 5 Leute mitbringen. Und fünf Zuschauer sind immer noch besser als gar keine.

Die Konzerte, die ich veranstaltet habe, fanden meist in irgendeiner Kneipe statt. Bei uns gab es halt keinen Juz oder irgendwelche besetzten Gebäude. Meistens auch irgendwie mittwochs, wo man von vornherein wusste, dass prinzipiell keine zehn Leute kommen würden, bis auf die Freunde der Lokalband.

Ein Vorteil, den man bei einer Lokalband  dann auch noch hat, ist, dass der Drummer quasi verpflichtet ist, allen anderen Bands sein Instrument zu leihen, damit die Schön seine Felle kaputt hauen können.

Auch an eine P.A. sollte man denken. Bei meiner ersten Show, die ich machte, dachte ich halt einfach mal, dass der Sound der Gitarren aus den viel zu großen für den kleinen Raum Orange Verstärkern kommen würde. Als die Band dann nach Mischpult und Boxen fragte, war ich restlos überfordert. Damals half De Pascal vu Wooltz (R.I.P.) mir gottseidank aus.

Als Veranstalter fangen solche Shows für einen ja schon mittags an. Also nach der Frühschicht schnell nach Hause laufen, und irgendeinen Fraß für die Bands vorbereiten. Natürlich gibt es von den Bands immer Sonderwünsche. Der Sänger ist allergisch auf Gluten, der Gitarrist hat eine Laktoseintoleranz, der Drummer ist Veganer und der Bassist mag es nicht, wenn es zu scharf ist.

Also kocht man am besten irgendwelche glutenfreien Spaghetti, das geht auch schnell ohne großen Aufwand, und  macht eine vegane, fade Soße dazu. Da es eh nicht warm bleibt, verkauft man es später einfach als traditionellen Nudelsalat dieser Region. Merkt eh keiner.

Dann heißt es, sich zur Location zu begeben, um zu gucken, ob die Bands schon da sind. Die sind meistens voll oder bekifft, beim Antreffen, sofern sie nicht straight edge sind. Dann kommen die üblichen Floskeln: Cool to see you, lad! Nice location. Nice country.

Was dann folgt, ist eines der übelsten Teile dieser ganzen DIY-Kultur. Die Band lädt ihr Gear aus. Da man als Veranstalter kein Arsch sein will, bietet man seine Hilfe an. Das artete meistens darin aus, dass man schwere Verstärker viel zu enge Wendeltreppen hochschleppt und sich fast einen Bandscheibenvorfall einhandelt. Der einzige, der meist gar nichts macht, ist der Leadsänger. Der ist eher mit seinem Aussehen beschäftigt oder nimmt Kontakt zu ihm fremden Personen auf.

Nachdem der ganze Rotz aufgebaut ist, wollen die Bands dann meistens essen und Bier. Dabei werden dann die besten Storys aufgetischt. Storys, die oft übertrieben sind, denn so geil ist es auf Tour meistens gar nicht. Das will aber keiner zugeben.

Wenn dann Essen und Soundcheck gelaufen sind, wobei man sich den Soundcheck hätte sparen können, weil es eh scheiße klingt, begibt man sich als Veranstalter an die Kasse und wartet erst mal. DIY-Shows fangen nämlich nie zu der auf dem Flyer angegebenen Zeit an. Wenn du um 20 Uhr starten willst, kannst du davon ausgehen, dass die ersten drei Besucher gegen 21 Uhr auftauchen. Also bespricht man mit den Bands, dass man noch ein wenig wartet, bis mehr Leute da sind, denn so hat ja keiner was davon.

Das Verhalten, das die Besucher dann an den Tag legen, toppt dann einfach alles. Du kommst als Veranstalter einfach nicht um die immer gleichen Diskussionen herum.
Was? 5 euro für 3 Bands? Das ist doch totaler Wucher. Ich dachte, das ist ’ne Punkrock-Show und kein Kommerzdreck. Nee, das zahle ich nicht. Da kannst du dann erklären, dass du Flyer gedruckt hast, dass du für die Bands gekocht hast, dass die massiv Bier trinken, dazu die Gage und Benzin.

Es nutzt aber alles nichts. Es ist einfach so, als ob du gegen eine Wand sprichst. Dabei weißt du meistens, dass, obwohl die Kids Iros tragen, und in zerfetzten Klamotten dastehen, sie einen einigermaßen gut bezahlten Job haben, oder in einem schicken Reihenhaus bei ihren Eltern hausen. Aber ja man ist Punk und muss sich so benehmen.

Bei Oi! Konzerten ist das nochmal eine andere Sache. Hier hast du andere Sachen zu beachten. Tragen die Besucher keine falschen Shirts oder Buttons? Sind die auch korrekt? Aber man muss sagen dass die Skinheads nie über die Eintrittspreise maulen. Da kannst du selbst 20 Euro fragen, die zahlen es ohne zu maulen. Ist wohl dem Working-Class-Ethos geschuldet.

Man muss aber sagen, dass Punk- oder Hardcore-Konzerte von der Sicht aus der Kasse trotzdem einfacher sind. Judge Shirt hat schon bezahlt, Minor Threat noch nicht. Grüner Schlappiro hat nach langer Diskussion bezahlt, rote Liberty Spikes noch nicht. Bei einem Oi! Konzert bist du dir halt nie sicher. Rasierter Kopf, Fred Perry, Hosenträger und Doc Martens. Wie willst du da wissen, wer schon einen Stempel auf der Hand hat? Und am Ende willst du wirklich keinen Skin, das 8 mal nach seinem Stempel fragen.

Aber zurück zum Konzert. Nachdem gegen 21:30Uhr ungefähr 10 Besucher da sind, kann man anfangen, die Lokals spielen zu lassen.

Am besten setzt man sich dann auch wieder direkt an die Kasse, denn der Sound ist mies, die Band immer noch nicht gut und es ist viel zu laut.

An der Kasse finden dann bei den nächsten Gästen wieder die üblichen Diskussionen statt. Fünf Euro Eintritt sind einfach zu viel, und zwei entscheiden sich, nicht zu bezahlen, sondern lieber runter in die Kneipe zu gehen, um dort Mojitos für 15 Euro das Glas zu saufen. Das ist Punk!

Von den Hauptbands kriegst du als Veranstalter nicht wirklich viel mit, obwohl du sie gebucht hast, um sie selbst zu sehen. Aber scheinbar waren sie laut der Handvoll Leute voll gut.

Am Schluss hast du 80 Euro in der Kasse. Du hast aber mit beiden Bands 120 abgemacht, also legst du mal wieder darauf. Man ist es ja gewohnt.

Eine Band verabschiedet sich, da sie weiter müssen. Es kommen halt die üblichen Floskeln, wie geil das bei dir war und dass die Show mega war, und überhaupt ist man jetzt Best Buddys und wird für alle Zeiten in engem Kontakt bleiben. Hast du Facebook?

Nun ja, dass für alle Zeiten gerade mal 2 Tage dauern und mit einer Markierung auf einem Facebook-Bild am Tag darauf ihr Highlight erreicht, weißt du jetzt schon.

Die andere Band, die halt richtig stark angetrunken sind, übernachten noch bei dir zu Hause. Das kann cool werden oder im totalen Chaos enden. Beides schon erlebt. Was bleibt, sind nachher die schönen Storys, die man erzählen kann.

Donnerstags morgens rufst du kurz vor der Schicht deinen Chef an und meldest dich krank. Die Nacht zu Hause ging noch sehr lange, Korn floss in Mengen und deine Bude stinkt und muss geräumt und geputzt werden.

DIY! Warum auch immer?

Kleiner Disclaimer: Manches in diesem Text ist natürlich übertrieben, oder soll lustig sein. Allerdings ist es nicht immer einfach, DIY-Shows auf die Beine zu stellen. Wenn also eine/r so dumm ist, sowas auf sich zu nehmen, kauft eine Karte und geht hin und unterstützt es. Nur so kann die Subkultur überleben.

🎧 Folgt unserer Playlist
– Playlist: Happy Release Day

Beitrag kommentieren

Bitte gebe dein Kommentar ein
Bitte gebe dein Name ein