„wenn wir nicht über die hässlichen und dunklen Seiten des Lebens sprechen, verlieren wir die Kontrolle über sie und darüber sie ändern zu können. das allerwichtigste ist es, dass Menschen über Ihre PROBLEME sprechen.“ 

Am 31. Januar 2020 wird Nathan Gray (Boysetsfire, I Am Heresy, The Casting Out) sein neues Album Working Title veröffentlichen. Chrissy nutzte die Gelegenheit, um mit ihm über sein bislang vielseitigstes Werk zu sprechen und sich von seinen positiven Gedanken beeindrucken zu lassen.

English Version of the Interview

AFL: Ich hatte das Vergnügen, dich kürzlich mit Boysetsfire auf der Bühne zu sehen und was jeder bemerkt hat, ist, dass ihr – insbesondere du – nie besser in Form wart. Du scheinst so viel stärker und selbstbewusster – physisch und psychisch. Was gibt dir diese Kraft immer weiter daran zu arbeiten? 

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Ich denke, es ist im allgemeinen einfach eine positivere Einstellung. Offen gestanden begann es, als ich Feral Hymns geschrieben habe. Da bin ich aus den düsteren Zeiten, durch die ich mit viel Traurigkeit und Schwermut gegangen bin, herausgetreten. Der Wendepunkt war das Schreiben am Song Echoes und dass ich Dingen eine Stimme gegeben habe, zu denen ich bislang keinen Kontakt aufgenommen hatte.

Das war wirklich der Start von allem und von da an war es wie ein Fels, der den Berg herunter rollt. Verstehst du? Es wird einfach immer positiver. Alles fühlt sich besser an. Und ich denke, wenn du neue Gewohnheiten – positive Gewohnheiten – entwickelst, verselbstständigen sie sich irgendwann.

AFL: Lass uns über dein kommendes Album sprechen: Als du zum ersten Mal den Titel Working Title bekanntgegeben hast, dachte ich, es wäre ein nettes Wortspiel, ein Witz. Warum hast du diesen Titel gewählt? 

Genau aus diesem Grund, haha! Weil viele Leute dachten: „Okay, wie heißt es denn nun wirklich?“ Ich wollte ein bisschen Leichtigkeit und auch ein bisschen was Skurriles mit hineinbringen. Als ich den Song „Working Title“ geschrieben habe, der lustiger Weise auch wirklich der erste Song war, den ich für dieses Album geschrieben habe, kam mir zuerst der Chorus „I’m a working title that’s for sure“ in den Sinn und der hat mich nicht mehr losgelassen.

Und als ich das immer wieder vor mich hin sang, musste ich lachen. Denn es ist tatsächlich wie ein Arbeitstitel für den Künstler. Dass man nicht aufgibt und weiter daran feilt. Und da wusste ich schon, dass ich die Leute ein wenig verwirren würde, wenn ich das Album Working Title nenne und dass sie alle dastehen würden und sich fragen „Aber wie heißt es denn nun wirklich?“ Das ist Teil des ganzen Spaßes! 😀

AFL: Es geht dir also darum, sich nicht zu ernst zu nehmen? 

Genau! Es gibt ganz sicher ernste Momente im Leben, aber ich denke, wir müssen immer mal wieder auf den Boden runter kommen und ein bisschen Spaß haben mit dem was wir tun. Vor allem, wenn wir lieben, was wir tun. Diese etwas positivere Perspektive einzunehmen, bringt Leichtigkeit und Unbeschwertheit in alles.

Working Title album cover

AFL: Während Feral Hymns mit viel Traurigkeit und Wut angereichert war und deswegen düster und trüb klang, klingen deine neuen Songs ruhig, ja sogar fröhlich und optimistisch. Es ist beeindruckend dir dabei zuzuhören, wie du musikalisch durch Schmerz und Verzweiflung gehst. Auf welcher Stufe befindest du dich momentan mit Working Title?

Ich denke, ich befinde mich auf einer Stufe, auf der ich hoffentlich den Rest meines Lebens bleiben werde.

AFL: Das klingt großartig!

JA! Ich habe darauf geachtet, dass Working Title, trotz der Tatsache, dass das ganze Album einen sehr positiven Charakter hat, trotzdem Songs wie „Mercy“ oder „Refrain“ enthält, die diese Traurigkeit besitzen. Denn, so ist das Leben! Insgesamt hat es eine positive Einstellung, lässt aber auch den Schmerz zu.

Ich denke, es ist ein Teil davon zu sagen: „Hey! Die Dinge laufen manchmal schief. Manchmal ist alles trostlos. Aber am Ende weiß ich, dass ich jedes Mal wieder aufstehe, wenn ich falle.“ Das ist sehr wichtig.

AFL: Auf Working Title verwendest du den Metapher der Musik sehr oft, wie in ”Wait for the refrain” (Refrain) oder „in my brain to a melody that’s no longer in key“ (Down). Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben? 

Alles! Ich denke musikalisch. Ich fühle musikalisch. Musik ist immer mein Antrieb. Bei allem. Mehr als irgendetwas anderes möchte ich Musik machen. Das ist mein Ventil. Meine Kunst.

Wenn ich diese Metaphern verwende, dann, weil es die einzigen sind, die ich kenne und weil ich mich so am besten ausdrücken kann.

English Version of the Interview

AFL: Deine erste Singleauskopplung Working Title wird gesanglich vom großartigen Chuck Ragan begleitet. Wie kam es dazu und warum er? 

Dazu kam es, weil Oise von End Hits und ich so ziemlich zur selben Zeit sagten: „Weißt du, wer wahnsinnig gut zu diesem Song passen würde?“ Es war so eine gemeinsame Sache und Oise sagte: Frag Chuck doch mal, ob er das machen würde.“ Und ich so: „Okay“ und ich schrieb Chuck ob er daran interessiert wäre und in bester Chuck Ragan Manier rief er mich gleich danach an. Denn, etwas, dass ich an Chuck so sehr schätze ist, dass er dich keine Unterhaltung über SMS führen lässt. Das ist einfach cool!

Wir redeten also eine Weile und er wollte es machen. Eigentlich wollte ich ihm erst meine Idee schicken, wie ich mir die Harmonien vorstelle, aber dann dachte ich: „Och nö! ich sag ihm das einfach nicht, mal sehen, was er daraus macht.“ Also schickte ich ihm den Song und schrieb: „Hier bitte! Tu was Immer du willst.“ Und das hat er getan. Er hat ein paar großartige Parts für den Chorus und die Bridge beigesteuert, die den Song wirklich aufwerten. Ich denke, diese Parts waren einfach für ihn bestimmt.

AFL: Das stimmt. Es verschmilzt so gut mit deiner Stimme, dass man Schwierigkeiten hat, euch einzeln herauszuhören. Weil ihr so gleich klingt. es passt einfach.

Ja, ich denke, es harmoniert einfach großartig miteinander. Ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis.

AFL: Von Pop über Alternative Rock bis hin zu Piano Balladen – Working Title ist dein bislang vielseitigstes Album. Wie war der Entstehungsprozess? Ich meine, es kommt mir so vor, als wärst du direkt nach deiner letzten Solo Tour nach Hause gekommen und hättest mit dem Schreiben an Working Title begonnen.

Das hab ich. 🙂

AFL: Hattest du einen Plan oder hat es sich einfach Stück für Stück entwickelt? 

Es war ein bisschen von beidem. Ich hatte definitiv einen Plan. Und der sah so aus, dass ich ein Album mit einer vollen Band machen wollte und gleichzeitig meine Dynamik beibehalten wollte. Ich habe mich sehr darauf konzentriert, ein stimmiges Album aufzunehmen – mit einer ganzen Band, aber gleichzeitig mit einer gewissen Vielfalt. So dass man am Ende nicht nur das Album wegen eines einzigen Songs hört.

Aber: Man will es ja auch nicht zu verrückt treiben, so dass am Ende alle sagen: „Warum sind diese Songs alle zusammen auf einem Album gelandet?“

Ich wollte, dass das Album Working Title wie das Leben klingt – mit Höhen und Tiefen. Wenn du auf dein Leben blickst, siehst du da auch die verschiedensten verrückten Dinge, aber am Ende ergibt alles zusammen trotzdem Sinn. Das war meine Antriebskraft für das Album.

AFL: Es scheint so, als hättest du das Album nicht nur für dich, sondern auch für die Menschen da draussen gemacht, die wirklich ein Beispiel gebrauchen könnten und ein passer aufmunternde Gedanken. Was möchtest du Menschen mitteilen, die gerade leiden?

Eine Sache, die mir sehr geholfen hat und die ich gerne weiter geben möchte, ist die: Ich bin mit dem Kinder TV Moderator Fred Rogers aufgewachsen. Hier in Europa dürfte er kaum jemandem bekannt sein. Aber viele seiner Lektionen sind bei mir hängen geblieben und haben mir sehr geholfen als ich durch diese dunklen Zeiten ging. Denn während andere Kindersendungen einfach nur darauf bedacht waren, Krach zu machen und aufregend zu sein, beschäftigte er sich auch mit ziemlich tief schürfenden Themen. Mr. Rogers war eine wirklich beruhigende Anlaufstelle. Er sprach auch über Themen wie Krieg oder Scheidung – Dinge, die Kinder wirklich mitbekamen und die Realität waren. Es war irgendwie düster, aber brachte ihnen auch diesen Frieden.

Und eine Sache, die bei mir hängengeblieben ist, war der Gedanke, dass alles was erwähnenswert ist, auch bewältigt werden kann. Das hat mich wirklich beeindruckt!

Wenn wir Dinge verbergen, sind sie nicht kontrollierbar. Wenn wir nicht über Depression sprechen, wenn wir nicht über die hässlichen und dunklen Seiten des Lebens sprechen, verlieren wir die Kontrolle über sie und darüber sie ändern zu können. Deshalb denke ich das allerwichtigste ist es, dass Menschen bereit sind über Dinge zu sprechen. Und ich denke, das kann nicht erzwungen werden. Aber wenn Menschen sich ihren Schmerz von der Seele reden, erhalten sie einen Raum um ihn loszuwerden. Und es ist wichtig, dass sie jemanden haben, mit dem sie sprechen können.

Denn wie ich schon sagte: Sobald es ausgesprochen wird, wird es händelbar. Und darauf basiert dieses ganze Album. Und wie du schon sagtest: Dieses Album ist nicht nur für mich, sondern für jeden, der das selbe durchmacht und dort rauskommen möchte, wo ich mich heute befinde.

 „Ich denke, es gibt eine Zeit, in der man alleine stehen und Mut zeigen muss (…) und dann fühlst du dich auf einmal wohl dabei und kannst weiter gehen.“

AFL: Auf deiner ersten Solo-Tour gab es nur dich, allein auf der Bühne. Ich erinnere mich, wie du trotz aller Angst deinen Mut zusammen genommen hast und dich so sehr geöffnet hast, dass wir ale Tränen in den Augen hatten. Hast du dich damit nicht wohl gefühlt? Oder warum bist du wieder dazu übergegangen, mit einer Band zu aufzutreten? 

Ich habe das gemacht, weil es an der Zeit war, mich weiter zu entwickeln. Ich denke, es gibt eine Zeit, in der man alleine stehen und Mut zeigen muss und sich fühlt wie: „Das fühlt sich nicht angenehm an, aber ich mache es trotzdem.“  Und dann fühlst du dich auf einmal wohl dabei und kannst weiter gehen. Wenn ich gleich mit einer Band rausgekommen wäre, wäre das nicht ehrlich gewesen. Aber jetzt kann ich mit diesem neuen Sound aufrichtig nach vorne blicken, ohne mir vorwerfen zu müssen, ich würde mich verstecken.

AFL: Nathan Gray ist also mehr als nur du, es ist auch die Band. Erzähl mir mehr über die Band, die dich begleitet.

Die Band, die mich begleitet, wechselt ständig, aber sie besteht immer aus Freunden, die talentiert sind und die in der Lage sind, mich zu begleiten.

Immer wenn ich in der Vergangenheit versucht habe, andere Bands festzunageln, war das schwierig. Denn nicht jeder hat den selben Zeitplan. Weil nicht jeder mit meinem Tempo mithalten kann. Ich bewege mich ja gerne in Lichtgeschwindigkeit. 🙂

Ich werde also mit Leuten unterwegs sein, an denen ich festhalte, andere können nur eine oder zwei Touren mitmachen. Es wird sogar so sein, dass ich in Amerika und Europa mit unterschiedlichen Bands toure. Selbstverständlich werde ich Ben Christo mitbringen. Er ist ein wundervoller Mensch. Als ich das erste mal mit auf Tour genommen habe, wusste ich, dass wir sehr lange zusammen spielen würden.

Ich gebe dir mal einen Einblick darin, wie ich meine Bandmitglieder aussuche: Es wird mich Ben Christo begleiten und außerdem Philipp Kaiser und Friederich Matuschczyk von Norbert Buchmacher. Und ganz gleich, ob es in den USA ist oder in Europa: Bei meiner ersten Unterhaltung, die ich mit jemandem führe, der mit mir zusammen spielt, erzähle ich ihm oder ihr, dass sie eine Verantwortung meinem Publikum gegenüber haben. Ich habe eine Beziehung zu meinen Fans aufgebaut bis hin zu dem Punkt, an dem ich sie als Freunde bezeichne. Und ich möchte nicht jemanden mit ins Boot holen, der diese Beziehung verletzt. Es ist mir also wichtig, dass die Leute, die ich mit auf Tour nehme, die gleiche Vision haben wie ich, denn ich möchte nicht, dass sie das Vertrauen brechen, dass ich aufgebaut habe. Und erst dann schaue ich, welches Talent die Leute mitbringen.

Das ist ungefähr so, als wenn du deine Kinder beobachtest, wen sie mit jemandem rumhängen oder jemanden daten wollen. Da fragst du dich auch: „Sind das die richtigen für mein Kind?“ Der selbe Schutzmechanismus greift bei meinen Fans. ich möchte einfach, dass die Musiker, die mit mir spielen gut für euch sind.

AFL: Bis jetzt ist dir das ganz gut gelungen. 

Gut! Da bin ich froh!

AFL: Du bist einer der politischsten Künstler, die ich kenne. Jemand, der nicht zögert seinen Mund aufzumachen und Liebe und Gleichheit zu fordern. Auch die meisten Boysetsfire Songs sind politischer Natur. Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb deine Solo Werke es nicht sind?

Weil es eigentlich das gleiche bedeutet.

Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass Politik bei den Menschen beginnt. Und zwar deshalb, weil Politik von Menschen gemacht wird. Und wenn Menschen kaputt sind, verletzt sind, wenn sie wütend sind oder traurig, dann machen sie auch Politik, die kaputt ist, wütend oder traurig.

Um also bestimmte politische Systeme oder etwas in dieser Art anzuzweifeln, müssen wir anfangen die Herzen und Gedanken der Menschen zu ändern, die die Politik machen. Wenn wir Menschen dazu ermutigen können, mitfühlender und empathischer zu sein, wenn wir bewirken, dass sie sich mehr um andere sorgen, werden sie das auch von der Politik erwarten und sie werden selbst Politik machen, die Gesetze und Regeln aufstellt, die das widerspiegeln.

AFL: Also ist Liebe politisch? Und anderen Menschen zu helfen nach vorne zu blicken ist auch ein Beitrag, damit sie politisch die richtigen Entscheidungen treffen?

Richtig! Zweifellos!

AFL: Ich weiß, du glaubst nicht an Gott, aber an Wunder. 😉 Wenn du dir zu Weihnachten etwas wünschen könntest, was wäre das?

Puh! Das ist schwer! Wünsche haben ja Konsequenzen, haha!

Ich liebe es unterwegs zu sein, aber für den Moment wünsche ich mir einfach Weihnachten zu Hause zu sein.

Weißt du, ich habe viele Wünsche für diese Jahreszeit und auch für jede andere. Und deswegen tue ich, was ich tue, und deswegen mache ich die Musik, die ich mache, deswegen sage ich die Dinge, die ich sage. Ich möchte mir und anderen helfen, besser mit ihren Gefühlen umzugehen.

AFL: Das sind zwei Wünsche, aber okay, ich weiß, wie schwer es ist sich festzulegen. 

Ja, es ist schwer, daraus einen Wunsch zu formulieren, denn am Ende des Tages fühlt es sich doch oft so an: Du wünschst dir etwas, weißt aber, dass es eh nicht eintreten wird.

AFL: Ja, das stimmt.

Vielen Dank, Nathan – für deine Zeit und deine Offenheit. Wir freuen uns schon sehr, dich nächstes Jahr mit Band zu sehen! Bis dahin wünsche ich dir eine gute Zeit!

Nathan Gray – End Hits Tour 2020

Natahn Gray – End Hits Tour 2020
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