State Power - Hyperstition (2026)
State Power - Hyperstition (2026)

Manchmal entdeckt man eine Band ganz gezielt. Und manchmal steht man eher zufällig auf einem Fass vor einer Schnapsbude, schaut durch ein Fenster und sieht dabei zu, wie eine Band den Laden komplett zerlegt. So begann meine Geschichte mit State Power.

Beim Jera On Air 2025 spielten die Niederländer zunächst in der kleinen Schnapsbude auf dem Festivalgelände. Vielleicht 30 Leute passten dort hinein – wenn überhaupt. Wir kamen jedenfalls nicht mehr rein und standen deshalb draußen auf ein paar Fässern, um wenigstens durch das Fenster etwas sehen zu können. Drinnen herrschte der völlige Ausnahmezustand. State Power spielten, als wollten sie das kleine Ding endgültig auseinandernehmen. Und ehrlich gesagt war ich mir zwischendurch nicht sicher, ob ihnen das nicht tatsächlich gelingen würde.

Am nächsten Tag standen sie noch einmal auf einer der regulären Festivalbühnen. Auch dort waren sie mega. Natürlich war die Show in der Schnapsbude kaum zu toppen, aber spätestens jetzt war klar, dass der erste Eindruck kein Zufall gewesen war.

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Einige Wochen später spielten State Power beim Riez Open Air 2025 . Wieder kompletter Abriss. Dort kaufte ich mir auch die beiden EPs der Band, die gemeinsam auf eine Scheibe gepresst worden waren. Offiziell waren es weiterhin zwei EPs, für mich fühlte sich das Ganze aber eigentlich schon wie ein Album an.

Im Winter folgte dann der Auftritt beim Riez Indoor und später waren State Power auch bei der Release-Show von Thin Ice dabei. Innerhalb relativ kurzer Zeit hatte ich die Band also gleich mehrfach live gesehen – und jedes Mal lieferten sie ab.

AFL-Kollegin Nita machte mich dann irgendwann darauf aufmerksam, dass sie die Jungs irgendwie kannte. Dabei stellte sich heraus, dass Sänger Stefan Bonestroo und Bassist Rinus van de Weerd tatsächlich auch bei Bony Macaroni spielen. Musikalisch ist das natürlich eine völlig andere Baustelle. Wer beide Bands kennt, dürfte jedenfalls kaum auf Anhieb vermuten, dass dahinter teilweise dieselben Leute stecken.

Die Vokuhilas und Oberlippenbärte sind allerdings nicht das Einzige, was State Power beim Thrash Metal der Achtziger entliehen haben.

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Ist das wirklich noch ein Debütalbum?

Mit Hyperstition veröffentlichen State Power nun offiziell ihr erstes vollständiges Album. Wie gesagt: Für mich hatten die beiden zusammengepressten EPs bereits Albumcharakter. Ganz ohne Vorgeschichte gehen die Niederländer also nicht in dieses Debüt.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2024 hat die Band ohnehin ein ordentliches Tempo vorgelegt. Neben den beiden EPs The Year Of The Harvest und Final Hour standen Festivalshows sowie Support-Auftritte für Knocked Loose, Drug Church und Fleshwater auf dem Programm. Nun folgen zehn neue Songs mit einer Gesamtspielzeit von knapp 24 Minuten.

Das ist kurz, selbst für ein Hardcore-Album. Allerdings verschwenden State Power keine Zeit mit überflüssigen Intros, Wiederholungen oder künstlich in die Länge gezogenen Songs. Hyperstition kommt auf den Punkt, schlägt zu und ist wieder verschwunden, bevor man sich richtig sortiert hat.

Pure Love In Its Most Aggressive Form

State Power beschreiben ihre Musik selbst als „pure love, in its most aggressive form“. Nach einem Konzert der Band versteht man sofort, was damit gemeint ist. Diese Musik ist extrem wütend, entsteht aber nicht aus blindem Hass. Vielmehr richtet sich die Wut gegen gesellschaftliche Zustände, Ausbeutung und die Menschen, die von diesem System profitieren.

Auch auf Hyperstition nehmen State Power vor allem die Reichen, Mächtigen und selbsternannten Technikvisionäre ins Visier. Im Mittelpunkt stehen künstliche Intelligenz, der zunehmende Einfluss großer Konzerne und die Frage, was in einer immer schneller werdenden Welt eigentlich noch vom Menschen übrig bleibt.

Der Albumtitel bezeichnet vereinfacht gesagt eine Vorstellung, die allein dadurch Wirklichkeit werden kann, dass genügend Menschen an sie glauben und danach handeln. Der derzeitige KI-Hype ist dafür ein ziemlich passendes Beispiel. Unternehmen versprechen eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz alles verändert. Daraufhin werden Milliarden investiert, Arbeitsplätze umgebaut und ganze Wirtschaftszweige neu ausgerichtet. Auf diese Weise erschafft die Erzählung ihre eigene Realität.

Wer am Ende davon profitiert und wer auf der Strecke bleibt, dürfte sich jeder selbst beantworten können.

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Thrash, Hardcore und große Refrains

Musikalisch bewegen sich State Power zwischen schnellem Hardcore-Punk, Thrash Metal und melodischem Post-Hardcore. Die Band selbst nennt eine Spannweite von Metallica bis Title Fight. Das klingt zunächst ziemlich weit gefasst, beschreibt Hyperstition aber erstaunlich gut.

Die Gitarren von Daan Lutgerink und Pim Cruiming liefern jede Menge Thrash-Riffs, ohne dass die Platte zu einem reinen Metal-Album wird. Mert Güngör treibt die Songs mit seinem Schlagzeug immer weiter an, während Rinus van de Weerd mit seinem Bass für den nötigen Druck und Groove sorgt.

Über allem liegt Stefan Bonestroos Stimme. Wer ihn nur von Bony Macaroni kennt, dürfte überrascht sein, wie angepisst dieser Mann klingen kann. Er schreit nicht einfach nur gegen die Instrumente an. In seiner Stimme liegen Wut, Verzweiflung und das Gefühl, kurz vor dem vollständigen Zusammenbruch zu stehen. Gerade dadurch wirken die gesellschaftlichen Themen des Albums nicht wie aufgesagte Parolen.

Dominant Threads eröffnet die Platte und führt direkt in ihre dystopische Grundstimmung. Lange aufwärmen möchten State Power offensichtlich nicht. Mit Brain Bug folgt ein Song, der wie eine vertonte Panikattacke wirkt. Alles wird schneller, lauter und unübersichtlicher, während der einzelne Mensch versucht, irgendwie noch Schritt zu halten.

Einer der stärksten Songs ist Schizoscene. Der Track ist schnell und hart, besitzt aber gleichzeitig einen Refrain, der sofort hängen bleibt. Besonders die groovende Basslinie vor dem zweiten Refrain zeigt, dass State Power mehr können, als einfach nur Vollgas zu geben. Anschließend folgt eine dreckige Breakdown, die live garantiert für Bewegung sorgt.

Hier verbinden State Power ihre verschiedenen Stärken besonders gut: Thrash-Riffs, Hardcore-Energie, Melodie und ein Gespür für Parts, die direkt im Gedächtnis bleiben.

Der Untergang des Westens zum Two-Step

Auch Spoils Of Empire macht keine Gefangenen. Inhaltlich entwirft der Song ein Szenario, in dem die westlichen Staaten langsam zusammenbrechen und dabei alles verlieren, was sie sich über Jahrhunderte auf Kosten anderer Teile der Welt angeeignet haben.

Musikalisch ist das Ganze ein rasend schneller Hardcore-Brecher mit Thrash-Riffs, Two-Step-Passagen und einem Refrain, der danach schreit, von einem ganzen Raum mitgebrüllt zu werden. Der mögliche Untergang des Westens wurde vermutlich selten so tanzbar vertont.

The Sin Of Empathy bleibt nur knapp über der Zwei-Minuten-Marke, gehört aber ebenfalls zu den auffälligsten Stücken des Albums. Der Song ist aggressiv und gleichzeitig überraschend melodisch. Schon der Titel passt hervorragend in eine Zeit, in der Mitgefühl zunehmend als Schwäche dargestellt wird und Rücksichtslosigkeit plötzlich als besondere Stärke gelten soll.

State Power drehen diesen Gedanken um. Ihre Wut entsteht gerade daraus, dass ihnen andere Menschen nicht egal sind.

Keine Verschnaufpause

Auch in der zweiten Albumhälfte verändert die Band ihr Grundrezept nicht vollständig. Open Season, Gnaw, Swing und Parasitized bewegen sich weiterhin zwischen schnellen Attacken, groovenden Passagen und schweren Half-Time-Momenten.

Bei Gnaw ist Rosa Jonker von Curselifter als Gastsängerin zu hören und setzt einen zusätzlichen Akzent. Solche Momente tun dem Album gut, denn eine kleine Schwäche lässt sich nicht komplett überhören: Hyperstition bewegt sich fast durchgehend in einem ähnlichen emotionalen und musikalischen Zustand.

Nach dem ersten Durchlauf können deshalb einige Songs ineinander übergehen. Ein unerwarteter Bruch, eine längere langsamere Passage oder ein vollkommen aus der Reihe fallender Song hätte der Platte vielleicht noch etwas mehr Kontur gegeben.

Bei einer Spielzeit von nicht einmal 24 Minuten fällt das allerdings kaum negativ ins Gewicht. Bevor sich auch nur ansatzweise Ermüdungserscheinungen einstellen, setzt No Time bereits den Schlusspunkt. Das Album ist kompakt, konzentriert und frei von unnötigem Ballast.

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Druckvoll, aber nicht steril

Produziert wurde Hyperstition von Bassist Rinus van de Weerd. Ben Jones übernahm den Mix, während Brad Boatright von AudioSiege für das Mastering verantwortlich war.

Das Ergebnis klingt druckvoll und modern, aber nicht klinisch. Die Gitarren besitzen genügend Schärfe, die Drums knallen und der Bass bleibt auch dann hörbar, wenn alle Instrumente gleichzeitig nach vorne stürmen.

Besonders Mert Güngörs Schlagzeug hält die vielen Wechsel zwischen Thrash, Two-Step, D-Beat und Half-Time zusammen. Die Platte klingt kontrolliert, verliert dabei aber nie die Energie einer Band, die am liebsten in einem kleinen, überfüllten Raum spielt.

Oder eben in einer Schnapsbude, die kurz vor dem Einsturz steht.

State Power (2026)
State Power (2026)

Fazit

State Power erfinden den Hardcore mit Hyperstition nicht neu. Das müssen sie auch gar nicht. Stattdessen verbindet die Band ihre unterschiedlichen Einflüsse zu einem Sound, der modern klingt, ohne jedem aktuellen Trend hinterherzulaufen.

Die Thrash-Riffs treffen auf melodische Refrains, Two-Step-Passagen und dreckige Breakdowns. Dazu kommen Texte, die sich nicht mit allgemeinen Parolen begnügen, sondern konkrete Ängste unserer Gegenwart aufgreifen.

Gerade darin liegt die Stärke des Albums. Hyperstition klingt nicht nach einer Band, die zwanghaft politisch wirken möchte. Es klingt nach fünf Menschen, die angesichts des Zustands dieser Welt wirklich wütend sind – und trotzdem noch nicht aufgehört haben, an andere Menschen zu glauben.

Live gehören State Power für mich schon jetzt zu den spannendsten Hardcore-Bands der Niederlande. Ich habe inzwischen oft genug gesehen, was diese Band mit einem Publikum anstellen kann. Mit Hyperstition beweisen sie, dass ihre Energie auch auf Albumlänge funktioniert.

Ob man das Ganze nun wirklich als Debütalbum betrachtet oder die beiden zusammengepressten EPs bereits als erstes Album zählt, ist am Ende eigentlich egal. Entscheidend ist, dass State Power hier eine verdammt starke Platte abliefern.

Und falls sie noch einmal in einer Schnapsbude spielen: Geht früh genug hin. Sonst müsst ihr wieder draußen auf die Fässer steigen.

Tracklist

  1. Dominant Threads
  2. Brain Bug
  3. Schizoscene
  4. Spoils of Empire
  5. The Sin of Empathy
  6. Open Season
  7. Gnaw
  8. Swing
  9. Parasitized
  10. No Time
🎧 Folgt unserer Playlist
– Playlist: Happy Release Day
BEWERTUNG
State Power
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SteveS
Hey, ich bin Steve. Punk hab ich mit 12 entdeckt als ich eine CD von The Exploited kaufte. Hardcore kam ein wenig später, weil ich Gang Green durch ein Coversong von Tankard entdeckte. Ich veranstaltete kleine DIY-Shows in Luxemburg und schrieb fürs Punkrock!, fürs Plastic Bomb, für den Gestreckten Mittelfinger und fürs Polytox. Und nun bin ich hier :)
state-power-hyperstition-review-2026State Power – Final Hour? Mitnichten! Die Stunde der Niederländer hat gerade erst geschlagen – und das ist nur der Anfang. Ich sage dieser Band eine große Zukunft voraus und bin mir sicher, dass wir in nächster Zeit noch sehr viel von ihr hören werden. Hyperstition wird definitiv in meinen Jahrescharts landen. Dafür gibt es von mir die volle Punktzahl: fünf Sterne.

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