10 Records Worth To Die For: #94 mit Corwin Sandiford (Chiefland)

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Die Göttinger Post-Hardcore-Truppe Chiefland hat am 08. Februar diesen Jahres ihr Debütalbum Wildflowers (unser Revewüber Uncle M Music veröffentlicht. Wir baten Sänger Corwin Sandiford anlässlich des Releases seine 10 Records Worth To Die For vorzustellen.

Chiefland

1Brand New – The Devil and God Are Raging Inside Me

Dieser Eintrag kommt mit einem sehr bitteren Beigeschmack. Ich billige in keinster Weise das Verhalten von Jesse Lacey und finde es mehr als verachtenswert. Daher distanziere ich mich ganz klar von ihm als Person.

Auf Brand New bin ich durch Guitar Hero gestoßen. Sowing Season war der Song, den es dort nachzuspielen gab. Es gibt auch keinen anderen Song, der meine innere Wut und auch meine Empfindungen von damals so krass eingefangen hat wie dieser. Da es noch das Zeitalter vor Spotify war, habe ich ewig auf YouTube gesucht, bis ich nicht nur den Song sondern auch die ganze Platte finden konnte. Mit Jesus Christ war es dann komplett um mich geschehen. Die tiefe Traurigkeit, dieses Ungewisse, was wird aus mir und meinen Leben und was kommt danach – alles Fragen, die mich noch heute begleiten.

2Alexisonfire – Watch Out!

Alexisonfire hat mich irgendwann mal auf MTV (Ja, das war als MTV noch Musik spielte!) mega überrascht. Bei „Brand Neu“ lief damals Young Cardinals. Für mich, der vorher eher Metal, Rock, Punk oder Indie hörte, eine absolut neue Erscheinung. Im Sommer des gleichen Jahres habe ich meine Großmutter in Kanada besucht. Zu dem Zeitpunkt habe ich mir immer erst die alten CDs von Bands gekauft, um zu gucken, ob sie früher vielleicht besser waren oder wie die Entwicklung ist. In Kanada habe ich mir dann die S/T und Watch Out! gekauft. Die S/T gefiel mir damals nicht so sehr wie Watch Out!, da letztere für mich im Gesamtpaket viel mehr Atmosphäre hatte. Durch Zufall sah ich Alexisonfire im gleichen Jahr (2009) auf der Vans Warped Tour in Montreal. In dem Sommer kaufte ich mir alle Alexisonfire-Platten.

3Arctic Monkeys – Favourite Worst Nightmare

Ich kannte die Arctic Monkeys schon eine Weile. Eines Tages kam ein Freund mit der neuen Platte Favourite Worst Nightmare um die Ecke. Zu der Zeit hortete ich Musik für mich, teilte selten meine Neuentdeckungen und war ein bisschen sauer, dass mein Kumpel meinte, er habe eine neue Band entdeckt. Nichtsdestotrotz prägt das Album bis heute meinen Musikgeschmack. Vor allem 505 ist und bleibt einer der verführerischsten und melancholischsten Songs, die je geschrieben wurden.

4Skatoons – Am Arsch die Räuber

Ich hatte in der Klasse diese Mädchen, die einfach musikalisch auf einer ganz anderen Ebene schwebten als ich oder meine Freunde. Die Ärzte, Reel Big Fish, Skatoons – alles Neuland für mich. Sie zeigten mir irgendwann mal die Skatoons und ich war hin und weg von der Musik. Mein erstes Konzert war ein Skatoons-Konzert auf der Tour zu „Am Arsch die Räuber“. Wegen dieser Platte fing ich an, mehr Saxofon zu spielen und mich in der Big Band meiner Schule einzubringen. Ich kam das erste Mal mit einer Subkultur in Berührung. Bis heute kann ich die Texte der Platte mitsingen. Es ist immer noch beindruckend für mich, wie sehr diese Platte dazu beigetragen hat, dass ich heute Musik mache. Wenn heute Ska läuft, packt es mich einfach immer noch sofort.

5Madsen – Madsen

Die S/T von Madsen habe ich von der Schwester meiner ersten Freundin in die Hand gedrückt bekommen. Ich war 16. Pubertät in full swing. Ich habe damals maximal drei, vier Songs gehört. Mehr konnte ich nicht hören, denn es war für mich einfach zu traurig , zu ernst. Während Ska zum Teil auf ironische Art und Weise Themen behandelte, sagte mir Madsen, dass die Welt da draußen nicht nur Selbstironie ist. Ich war einfach nicht auf sowas vorbereitet und beschloss damals, dass ich noch Zeit für die Platte brauchte. Jahre später konnte ich besser damit umgehen. Es ist für mich immer noch eines der Alben, mit denen ich mich lyrisch auseinandersetze.

6Bayside – Bayside

Oh Mann, wo soll man anfangen?! Ich glaube, es ist die erste Emo-Platte, die ich gehört habe und komplett mitsingen konnte. Mein Vater meinte damals zu mir: „Corwin, are you listening to angry people’s music again?“. Die Platte ist von vorne bis hinten rund. Sie ist wütend und ehrlich. Sie hat mich in die Emo-Szene geschmissen, ohne dass ich wusste, dass ich jetzt Emo höre. Devotion and Desire steht in meinem ersten Tattoo dem Rücken. Jetzt, wo ich selber Musik mache, fragt mich mein Vater lustigerweise: „How is YOUR angry people’s music going?“.

7Blood Red Shoes – Fire Like This

Open Flair 2010 war mein erstes Festival. Im Vorfeld hatten ein Freund und ich uns ausgiebig über das Festival informiert. Wie kommt man hin? Was kauft man? Wie bekommen wir Bier? Und vor allem: Was für Bands spielen? Dabei stieß ich auf Blood Red Shoes, die gerade die Platte Fire Like This rausgehauen hatten. Ich kannte nur die eine Single-Auskopplung und habe sie trotzdem sofort gekauft. Leider schafften wir es nicht, Blood Red Shoes zu sehen. Es war die erste Band, die mir gezeigt hat, dass es keine komplizierten Riffs braucht, um unglaublich gut zu klingen.

8Flobots – Flobots

Die S/T von Flobots war das erste komplett politische Album und auch das erste Rap-Album für mich. Es hat mich geprägt und meinen musikalischen Horizont sehr erweitert. Dadurch konnte ich mir Hip-Hop nach und nach erschließen. Das Genre war in meinem Freundeskreis gar nicht beliebt – von daher kam ich nie so richtig damit in Berührung. Mich hat vor allem sehr beeindruckt, dass man Rock mit Hip Hop mischen kann. Die Platte weckte mein Interesse für Politik. Während die Skatoons und andere Ska-Bands das für mich eher peripher taten, fing ich durch Flobots an, mich richtig mit Politik auseinanderzusetzen. Die Band zeigte mir, wie wichtig es ist, zusammen gegen gesellschaftliche Missstände vorzugehen.

9Sportfreunde Stiller – La Bum

La Bum hat für mich einfach einen Jugendsünde-Charakter, der nie weggehen will. Erste feste Freundin, erstes Mal knutschen, Liebesbrief schreiben, Ausbildung, nachts durch die Straßen oder über Felder ziehen – das Album hat für mich einfach alles festgehalten. Ich weiß gar nicht mehr so richtig, wie ich auf die Platte gekommen bin. Sie war irgendwie einfach da und ist dann nie wieder gegangen. Sie transportiert eine Sorglosigkeit, aber auch eine Sehnsucht (zum Beispiel in 995er Tief über Island), die  ich bis heute spüre.

10La Dispute – Rooms of the House

Diese Liste wäre wohl nicht vollständig, wenn La Dispute nicht dabei wären. Ich stieß durch Zufall im Jahr 2014 auf die Band. Es war Winter und ich war wieder in Kanada. Das Musikvideo zu Woman (Reading) hat mir einfach gezeigt, wie sehr man Musik in Szene setzen kann, ohne die Ästhetik des Songs zu verlieren oder zu überschatten. Keine andere Band hat mich lyrisch so geprägt wie diese – diese Wortgewandtheit verbunden mit einer Selbstverständlichkeit der Wörter und kraftvollen Instrumentals. Im Storytelling der Songs und diesem Midwest-Vibe, den ich persönlich gerne mit dem norddeutschen Vibe vergleiche, fand ich ein Zuhause. Es bleibt einfach eines der einflussreichsten Alben für mich.

Wildflowers ist am 08. Februar 2019 über Uncle M Music erschienen.

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