Pic by Annika Z.

England ist für uns bei Christmas eine zweite Heimat.
Drummerin Vicious Vicky hat erneut ein Tourtagebuch verfasst. Viel Spaß beim nachlesen einer schönen Tour!

Tag 1: 11.3. Canterbury – Lady Luck Bar
Alle guten Dinge sind 3 – für mich geht es mit Christmas nun schon zum dritten Mal nach England. Nach der ersten Tour 2024 und dem Manchester Punk Fest 2025 ist es für uns nun wieder einmal Zeit, sich ins Mutterland des Punk zu begeben. Mit dabei ist natürlich auch wieder Annika, die Freundin unseres Frontmanns, die uns wie so oft kräftig am Merchstand und in Sachen Social Media unterstützt. Lange Rede kurzer Sinn – los geht’s mit Tag eins. Aller Anfang ist bekanntlich schwer – wie sollte es auf Tour auch anders sein? So mussten wir unseren Treffpunkt um 03:30 nachts spontan ändern, da die entsprechende Autobahnausfahrt in dieser Nacht gesperrt wurde. Dadurch müssen wir bereits fast eine Stunde Verspätung erdulden. Der Rest der Reise verläuft allerdings recht problemlos – vor allem für mich, da ich die fünfstündige Fahrt zum Hafen in Calais schlummernd auf der Rückbank verbringe. (So reise ich ja am liebsten.) Am Hafen angekommen, landen wir kurze Zeit später mit der Fähre in England. Unser Ziel für heute ist Canterbury. Ein charmantes Städtchen mit Fachwerkhäusern und einer Kathedrale, die wir uns später noch kurz anschauen werden. Zunächst beziehen wir erst noch unsere Ferienwohnung, die uns unser Freund Wes großzügigerweise organisiert hat.
Nachdem er uns dort in Empfang nimmt, machen wir uns auf in die Stadt. Beim Burger essen in einer Kneipe stellen wir fest, dass Wes‘ Großzügigkeit bei der Organisation der Ferienwohnung noch kein Ende gefunden hat. Er möchte uns unbedingt zum Essen einladen, was schließlich in einem Streit um die Bezahlung der Rechnung mündet. Die Szene ist geradezu filmreif. Wie in einem Westernstreifen, in dem sich zwei Cowboys in einem Revolverduell begegnen, duellieren sich unser Frontmann Max und Wes mit ihren Kreditkarten an der Theke. Wer schneller zieht, geht als Gewinner hervor. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt als der Barkeeper das Kartenlesegerät auf der Theke platziert und Zack! Schon ist es geschehen. Ein Schuss fällt allerdings nicht, stattdessen ertönt das leise Piepen des Kartenlesegeräts. Wer war es nun, der den Bezahlvorgang schlussendlich entrichtete? Es ist Max Motherfucker, der als Sieger hervorgeht. Diese Runde mag Wes verloren haben, doch aufhalten sollte ihn diese Niederlage nicht. Prompt bereitet er sich im Geheimen auf eine Revanche vor. Rache wird schließlich am besten eiskalt serviert. Wir schlendern anschließend ein wenig durch die Stadt und betrachten die berühmte Kathedrale. Beeindruckend ist das Bauwerk allemal, doch von Innen werden wir es nicht besichtigen. Die 18£, die man bezahlen darf, um sich auch nur in die Nähe der Kathedrale begeben zu dürfen, spare ich mir an dieser Stelle. Stattdessen schauen wir noch bei einem Instrumentenladen vorbei sowie bei einem Metal/ Alternative Klamottenladen, der wohl direkt einer EMP-Lagerhalle entsprungen zu sein scheint.
Kurz darauf ist es an der Zeit, die Venue aufzusuchen. Es handelt sich dabei um eine Bar namens „Lady Luck“, die Mitten in der Stadt zu finden ist. Dort angekommen spendiert uns Wes auch schon hochmotiviert die ersten Getränke, bevor es an den Aufbau und Soundcheck geht. Kurz darauf legt die Vorband auch schon los. „Girls like Us“ aka. „GLU“ ist die regionale Band, die das lokale Publikum mitbringt. Zunächste sind nur ein paar Gäste anwesend, doch erfreulicherweise kommen noch einige Weitere während unseres Sets hinzu, was auch die Stimmung noch mal anhebt. Für einen Mittwoch Abend können wir mit dem Publikum sehr zufrieden sein. Zufrieden ist scheinbar auch Wes, der uns nach der Show erneut Getränke ausgibt und sogar noch während des Abbaus still und heimlich für uns einkaufen geht. Mit drei Einkaufstüten gefüllt mit Getränken und Snacks für die morgige Fahrt bedankt er sich bei uns für den gelungenen Abend. Wir freuen uns sehr über diese freundschaftliche Geste und können unbesorgt schlafen gehen mit dem Wissen, dass wir auf der Weiterreise nicht verhungern werden. Mit dem ersten Tag sind wir sehr zufrieden und bedanken uns sehr herzlich bei Wes für seine tatkräftige Unterstützung. Bei Wes kommen wir gerne wieder vorbei!

Tag 02: 12.03. Blackpool – Alt3
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns von Wes und treten die Weiterreise nach Blackpool im Norden an. Nach der sechsstündigen Fahrt empfängt uns Blackpool mit seinem entzückenden Wetter. In der Küstenstadt herrscht eine Unwetterwarnung der Stufe „Gelb“. Der Wind peitscht uns den Regen mit gefühlten 200 km/h um die Ohren – Kaiserwetter in England. Außerdem fällt beim Schlendern durch die Stadt auf, dass viele Läden geschlossen sind oder leerstehen. Bei genauerer Überlegung ist das auch nicht verwunderlich, schließlich fliegt die Kundschaft bei diesen Witterungsverhältnissen geradezu davon. Einen Regenschirm spannt man hier wohl auf eigene Gefahr auf. Nichtsdestotrotz finden wir einen geeigneten Zeitvertreib. In der Fußgängerzone befindet sich nämlich eine kleine Mall, in der einige craft stores zu finden sind. Hier vertreiben kleine Händler selbstgemachte Dekoartikel wie Figuren, Schlüsselanhänger, Lesezeichen uvm. Annika führt uns zu einem Geschäft, das kleine Spielzeuge, Buttons, Kaffeetassen und andere Merch Artikel bzgl. Cartoons und anderer Medien verkauft. Dort interessiert sie sich vor allem für ein Maskottchen namens „Mr. Blobby“ – eine britische Fernsehfigur aus den 90ern, von der ich zuvor noch nie gehört hatte. Nach investigativer Recherche vor Ort finde ich heraus, dass die rosafarbene Kreatur als Kostüm in live action dargestellt wurde und in seiner Fernsehsendung für mehr oder weniger beabsichtigte Unfälle sorgte. Kurz gesagt – Mr. Blobby war ein asozialer Chaot, dessen Unterhaltungswert wohl nur mit jeder Menge
britischen Humor zu verstehen ist.
Nachdem wir uns hier ausgiebig umgeschaut haben, betreten wir eine Arcade um ein bisschen Geld zu verbrennen – in England gehört das schließlich zum Pflichtprogramm. Jedoch ist der einzige, der nicht mit leeren Händen ausgeht, Max. Einen Schlüsselanhänger darf er als Trophäe mit nach hause nehmen – da hat sich die harte Arbeit doch gelohnt. Zu guter Letzt essen wir noch etwas, bevor wir die Venue aufsuchen.
„Alt. 3“ heißt die kleine Kneipe, in der wir heute auftreten werden. Die Bezeichnung „klein“ ist hier wahrlich zutreffend. Das Schlagzeug wird in einer Art Höhle ganz am Ende des
Konzertraums aufgebaut. So wenig Platz hatte ich noch nie, weshalb ich mehrfach mein Setup ändern muss, um mein Equipment irgendwie unterzubekommen. Nachdem mir der Aufbau den letzten Nerv geraubt hat, muss auch noch eine Not-OP durchgeführt werden. Unfallchirurg Dr.med. Noah Ratte muss einen operativen Eingriff an seinen In-Ear-Kopfhörern durchführen. Fachmännisch klebt er die Bruchteile seiner Ohrhörer mit Sekundenkleber zusammen und rettet somit sein Equipment vor dem Aus. Unser Gitarrist ist wahrlich ein Mann vieler Talente. Nachdem dies geschafft ist, geht es mit dem Konzert los.
„Death Trails“ heißt das Trio, welches mit seinem abwechslungsreichen und groovigen Sound ordentlich einheizt. Unser Set verläuft ebenso gut, auch wenn Bassist Dave Destruction im Eifer des Gefechts ein paar Zuschauer ummäht. Tja, Bassisten sollte man eben besser nicht zu nahe kommen. Nach ein paar netten Gesprächen mit den Gästen geht es schließlich mit dem Taxi an unsere Unterkunft für heute. Somit geht ein weiterer ereignisreicher Tag zu Ende.

✉️ Unser Newsletter

Tag 03: 13.03. Brighton – The Pipeline
Am nächsten Morgen geht es als erstes zurück an die Venue, da wir unser Equipment dort haben stehen lassen. Nach dem Einladen gehen wir in ein Café in der Nähe frühstücken. Wir haben es auf ein ausgiebiges Full British Breakfast abgesehen – und das sollten wir auch bekommen. Uns werden riesige Portionen in Pfannen serviert, deren Kalorieninhalt ich gar nicht zu schätzen wage. Wir alle müssen ziemlich schwer kämpfen, um uns die Mahlzeit irgendwie einzuverleiben. Naja, alle außer meine Wenigkeit. Ich bin die Einzige, die es schafft, ihr Frühstück alleine und ohne Restverbleib wegzuatmen – Und das mit einer Leichtigkeit, die mir ehrlicherweise ein wenig zu denken gibt. Die Frage, ob diese Fähigkeit gut ist oder nicht, lasse ich hier einfach mal unkommentiert. Als Schlagzeuger ist das wohl vertretbar (hoffe ich zumindest…)
Frisch gestärkt geht es nun wieder in den Süden nach Brighton. Dieser Ort ist mir bereits bekannt, da wir hier schon im Zuge unserer letzten England Tour gespielt haben. Die Venue ist ebenfalls dieselbe und trägt den Namen „the Pipeline“. Nach der fünfstündigen Fahrt geht es zunächst ans Ausladen unseres Equipments. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich bei unserem letzten Besuch das hauseigene Equipment benutzt habe, was sich schnell als eher unpraktikabel herausgestellt hatte. Die Beckenständer waren instabil und verfügten teilweise nicht mehr über die nötigen Schrauben, was damals zum häufigen Umfallen besagter Beckenständer führte.
Ich habe seitdem aus meinen Fehlern gelernt und bestehe dieses mal darauf, meine eigenen Beckenständer zu verwenden. Das ist nicht nur besser für meine Becken, sondern erspart unserem Frontmann auch das ständige Aufheben des umgefallenen Equipments. Bevor wir mit dem Aufbau loslegen, gehen wir zunächst etwas essen – ja, schon wieder. Wir suchen diesmal ein indisches Restaurant auf, was mir sehr gelegen kommt. An diesem Punkt kann ich kein frittiertes Essen mehr sehen. Nach dem Imbiss geht es zurück zur „Pipeline“ für Aufbau und Soundcheck. Dort treffen wir auf Shaz – eine Freundin, bei der wir heute übernachten werden. Vor Ort erfahre ich, dass sie dafür bekannt ist, den Musikern das Bier von der Bühne zu klauen. Sorgen mach ich mir über meine Getränke jedoch nicht – mein Bier lasse ich mir von niemandem stibitzen!

Heute sind wir insgesamt drei Bands. Die erste Band namens „Chub“ liefert eine wahnsinnig unterhaltsame Show ab. Vor allem der Frontmann weiß mit seiner frechen Attitüde umzugehen – sogar Noah wird in die Performance miteinbezogen und findet sich urplötzlich am unteren Ende einer Bierbong wieder. Die ungeplante Druckbetankung besteht er glücklicherweise sehr gut, was ihm jede Menge Respekt von „Chub“ verschafft. So kann man auch neue Freunde finden. Noah bleibt aber nicht der Einzige, der in Mitleidenschaft gezogen wird. Chub spielen nämlich einen catchy Song namens „Microwave Dave“ – somit gelangt unser Bassist Dave Destruction an einen neuen Spitznamen. Wenn ihr ihn also irgendwann mal seht, dürft ihr ihn gerne mit „Microwave Dave“ ansprechen. Als nächstes ist die Band „Death Traps“ an der Reihe, mit denen wir bereits bekannt sind. Zu erkennen sind sie heute an ihren modischen Ananas-Hemden, die den Vibe des Bandnamens perfekt wiederspiegeln. Nach unserem Set unterhalte ich mich noch ein wenig mit Chub. Die Jungs sind nicht nur gute Performer sondern auch sehr aufgeschlossen. Somit lassen wir den Abend mit guten Vibes ausklingen, bevor wir unsere heutige Unterkunft aufsuchen und uns wohlverdient zu Bett begeben.

Tag 04: 14.03. Hastings – Badger/Source Park
Heute können wir ordentlich ausschlafen, da unser nächstes Ziel, Hastings, nur eine Stunde Fahrt entfernt ist. Nach einem späten Frühstück machen wir uns auf zur Venue namens „Badger“, die direkt unterhalb der Strandpromenade gelegen ist. Das Besondere an diesem Konzertraum ist, dass er zur größten Untergrund Skatehalle Europas gehört. Sie ist vor allem auf BMX-Räder ausgelegt, was man auch daran erkennt, dass viele BMXer durch die Gänge an uns vorbei schießen. Nach dem Ausladen treffen wir auf „Knife Club“ – eine befreundete Band, mit der wir uns heute die Bühne teilen werden. Beim gemeinsamen Essen tauschen wir uns über den Stand der Dinge aus sowie über das letztjährige Manchester Punk Fest, auf dem wir beide gespielt haben. Ich merke an diesem Punkt, dass sich der Energiestand meiner sozialen Batterie langsam dem Ende neigt. Ich halte mich daher etwas zurück, um ein wenig Luft zu schnappen. Als introvertierte Person ist es manchmal notwendig, etwas Abstand zu nehmen, um sich danach wieder in die Gruppe einbringen zu können.
Den Auftakt des heutigen Events macht das Trio „Creeping Embers“, welches mit seinem Groove zum Tanzen anregt. Als zweites sind „Knife Club“ an der Reihe, die mit ihren sieben Bandmitgliedern für Partystimmung sorgen. Das mag wohl in erster Linie an der Keytar liegen, die in ihrer Musik zum Einsatz kommt – ein Instrument, welches man auf der Bühne wesentlich seltener sieht als das Keyboard. Größere Bewegungsfreiheit hat damit auf jeden Fall. Zu guter Letzt treten wir auf. Da wir unsere Tour mit einem gebührenden Ende
abschließen wollen, geben wir bei dieser letzten Show noch einmal ordentlich Gas. Da das
Publikum bereits ausgiebig aufgewärmt ist, dauert es nicht lange, bis Bewegung in den Raum kommt. Ganz ohne technische Schwierigkeiten verläuft unser Set jedoch nicht. Der Tontechniker hatte uns bereits beim Aufbau davor gewarnt, dass es zu Stromschlägen kommen kann. Ich merke davon nichts, jedoch bekommt Noah tatsächlich eine gewischt. Dass wir uns vor Stromschlägen in Acht nehmen müssen, habe ich auch noch nicht erlebt, doch der Stimmung tut dieser Umstand keinen Abbruch.
Nach der Show ist es Zeit, sich von “Knife Club” zu verabschieden. Viel Zeit zum gemeinsamen feiern haben wir leider nicht, da wir uns morgen direkt auf die Heimreise begeben müssen. Somit können wir uns aber umso mehr auf das nächste Zusammentreffen freuen. Die letzte Nacht unserer Tour verbringen wir beim Veranstalter, wo wir noch ein einziges Mal unsere Kräfte für die Heimreise sammeln.

Abschließende Gedanken:
Am nächsten Tag ist es Zeit, sich von England zu verabschieden. Auf der Heimreise nutze ich die Gelegenheit, um über die vergangenen Tage zu reflektieren. Wie so oft habe ich auch jetzt viele neue Leute treffen dürfen, was in England dank der starken Community immer sehr bereichernd ist. Was mich auf dieser Tour besonders überrascht hat, ist die Tatsache, dass wir diesmal nur ein einziges Knöllchen kassieren mussten. Das sah vor zwei Jahren noch ganz anders aus. Wie immer habe ich jede Menge neuer Eindrücke gesammelt, die ich über die kommende Woche erst einmal verarbeiten muss. Ich darf mich glücklich schätzen, als ein eingespieltes Team mit meinen Bandkollegen unterwegs sein zu können. Es hat uns erneut sehr viel Spaß gemacht, England zu beschallen. Wir freuen uns bereits darauf, wiederzukommen. Wir sagen auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal!
Vicious Vicky

🎧 Unsere Playlist
– Playlist: Happy Release Day

Beitrag kommentieren

Bitte gebe dein Kommentar ein
Bitte gebe dein Name ein