Muff Potter – Bei aller Liebe Tour @Kassablanca Jena 7.10.22 / (c) coreohgraphy

Bei aller Liebe: Ist das noch Punk?

Diese Frage müssen sich natürlich auch Muff Potter immer wieder gefallen lassen. Zuletzt auf Instagram, ob eines Posts von ihrem Merchstand der aktuell laufenden Bei aller Liebe-Tour. Kommentare wie „Gedruckte, laminierte Preisschilder? Holy!“ oder „25 Euro für ein Shirt sind kein Punk!“, zeigen, dass in den Köpfen vieler Punk nicht vereinbar scheint mit Professionalität oder der Absicht, von dem was man tut auch leben zu können.

Dabei sollte das überhaupt kein Widerspruch sein, denn alles was zählt, ist doch, dass Muff Potter, das was sie tun (ganz egal wie man es nennt), lieben und alles dafür geben. Soweit dazu. Und jetzt zum eigentlichen:

Muff Potter haben ein neues Album veröffentlicht: Bei aller Liebe (Hucks Plattenkiste) hat es sogar auf Anhieb auf Platz 8 der deutschen Albumcharts geschafft – zu Recht. Denn der neue Stoff schafft es trotz der 12-jährigen Pause, anzuknüpfen an das, was die Band schon damals so besonders gemacht hat: Ihre poetische Art Zustände zu beschreiben und ihr mit den Jahren wachsender künstlerischer Anspruch – lyrisch, wie auch in Sachen Songwriting. Sie probieren aus, sie spielen mit ihren Möglichkeiten, sind hier mal sozialkritisch, da melancholisch und hier versöhnlich, bei allem aber immer voll drin und dabei. On point, wie man neudeutsch so schön sagt.

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Und heute Abend im Kassablanca Jena ist es endlich soweit und ich kann Bei aller Liebe auch endlich live hören. Vor voller Hütte geben die Punk-Poeten eingebettet in Klassiker wie „Wir sitzen so vorm Molotow“ und „Fotoautomat“ ihr neues Repertoire zum besten. Auch „Nottbeck City Limits“ – ein Song, der sich nicht nur inhaltlich auf neues Terrain wagt, sondern auch in seiner Struktur ein Kunstprojekt ist. Wie er sich vom Klangteppich in den langen Spoken Words Part eingroovt und dann sukkzessive aufbaut und so die Dramatik der beschriebenen Zustände vermittelt; wie er sich von Loop zu Loop steigert und damit die traurige und scheinbar ausweglose Situation vermittelt. Was mir schon beim Hören auf Platte eine Gänsehaut (welch Ironie) beschert hat, wird live noch einmal verstärkt.

Was ich so an Muff Potter schätze – das wird mir an diesem Abend noch einmal bewusst – ist, dass sie zwar solche unangenehmen Themen ansprechen, dabei aber keineswegs belehrend klingen. Einfach empathisch und – ich sage es noch einmal – ehrlich.

Shows von Muff Potter wirken immer wie ein großes Klassentreffen, das nicht viel mehr braucht als einfach paar Stunden gemeinsam zu genießen. Dieser Abend ist einfach gut, auch ohne Feuerwerk (vielleicht ein bisschen zu viel Nebelmaschine) oder schleimiges Lobpreisen von Publikum und Stadt. Auch hier einfach wieder diese unangestrengte Ehrlichkeit. Und trotz ihrer fast 30-jährigen Routine (daran merkt man immer wie scheisse alt man eigentlich geworden ist), wirken Brami, Nagel, Shredder und Felix Gebhard (er ist erst seit 2021 dabei, aber trotzdem ein alter Hase) noch immer aufgeregt und dankbar.

„Was bleibt, ist das erhabene Gefühl, für die beste aller guten Sachen.“

Spätestens bei Zugabe 1, bei der es endlich „Wir sitzen so vorm Molotow“ auf die Ohren gibt, liegen sich alle tanzend in den Armen und es ist auch egal, dass ich nicht nur eine, sondern zwei Bierduschen abbekomme. Heute Abend muss das so. Zugabe 2, bzw. den letzten Song des Abends, „Die Guten“, widmen Muff Potter dem Kassa und sich selbst.

Und dann ist plötzlich Schicht im Schacht. Zur süßen Nostalgie, die den ganzen Abend über spürbar war, tritt nun ein weiteres Gefühl hinzu: So etwas wie Stolz, dass Muff Potter es geschafft haben, trotz Pause und Neubesetzung an der Gitarre diese Band und vor allem auch deren Seele zu erhalten und gleichzeitig erwachsen werden zu lassen; so etwas wie Glück, dass wir alle diese „Beziehung“ nie haben abbrechen lassen und so etwas wie Vorfreude und Hoffnung, dass diese neuen Lieder in ein paar Jahren ebenfalls zu Muff Potters Klassikern gehören werden, die wir laut und melancholisch mitsingen.

Wenn dieses „Sein-Ding-machen“ nicht Punk ist, dann ist es mir auch scheißegal. Viel lieber als an diesem Label halte ich an dieser Band und dem guten Gefühl fest, dass mir Muff Potter immer wieder vermitteln – wenn ich an sie denke, wenn ich ihre Platten höre und vor allem, wenn ich sie auf der Bühne lächeln sehe und beobachte, wie sie

„sich verlieren, ohne sich dabei loszuwerden.“

In aller Liebe, Chrissy


Die Bei Aller Liebe-Tour ist gerade erst gestartet. Nutzt die Gelegenheit Muff Potter live zu sehen und zu hören, bei einer der folgenden Shows:

14.10.2022 – Uebel & Gefährlich, HAMBURG
15.10.2022 – Festsaal Kreuzberg, BERLIN
02.11.2022 – Conne Island, LEIPZIG
03.11.2022 – Z-Bau, NÜRNBERG
04.10.2022 – FreiHeizhalle, MÜNCHEN
05.11.2022 – Flex, AT- WIEN
09.11.2022 – Garage, SAARBRÜCKEN
10.11.2022 – ZAKK, DÜSSELDORF
11.11.2022 – Skaters Palace, MÜNSTER
12.11.2022 – Schlachthof, BREMEN

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