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Mit 25 Jahren haben Millencolin genauso viele Jahre auf dem Buckel, wie ich alt bin. Dementsprechend aufgeregt war ich, als ich an einem kalten Dienstag im Dezember mit Nikola Sarcevic (Gesang/Bass) über das kommende Album S.O.S. sprach. Nicht zu unrecht, wie ich finde, denn die Band gilt als Wegbereiter für den melodischen Punk-Rock und hat gemeinsam mit weiteren Bands, ihres früheren Labels Burning Heart Records, eine ganze Generation von heranwachsenden Punk-Liebhabern geprägt.

Der neue Langspieler S.O.S. – welcher am 15. Februar 2019 über Epitaph Records erscheinen wird – ist eine gesellschaftskritische Reflexion, die dem Hörer auch die eigene weltliche Sichtweise abverlangt. Denn auch die Mitglieder von Millencolin sind seit der Gründung 25 Jahre älter geworden, doch leben sie immer noch für die Musik und den ihnen wichtigen Dingen im Leben. Genau dies äußerte die Band eindrucksvoll mit dem Song True Brew aus dem Jahr 2015.

Für die Band ist es jedoch ebenso wichtig ihre Hörer anzusprechen und sie zu fragen „Was denkst du?“. Genau diese Frage begleitet auch das kommende Album. Millencolin beantworten nicht die großen Fragen, sondern geben Denkanstöße, die jeden zu seiner eigenen Lösung führen sollen.
Doch lest selbst, was Nikola zum kommenden Album zu sagen hat.

Millencolin im Interview zu ihrem neuen Album SOS

Nikola Sarcevic (Sänger/Bassist) von Millencolin

Nikola: Hey! Wie geht’s dir?

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Ninetynine

AFL: Hey Nikola! Danke, mir geht’s gut und dir?

Nikola: Mir auch, wir sind hier gerade in Berlin.

AFL: Yeah, das wäre auch meine erste Frage. Ihr seid zur Zeit nicht auf Tour, also was macht ihr denn in Berlin?

Nikola: Wir machen hier Pressearbeit. Also wir treffen verschiedene Leute zu Interviews und beantworten Fragen zu unserem kommenden Album, welches wir im Februar raus bringen.

AFL: Dann lass uns mal über euer neues Album sprechen. Als ich S.O.S. das erste mal gehört hatte, erinnerte es mich sofort an das aktuelle Descendents Album Hypercaffium Spazzinate, denn irgendwie hatte ich den Eindruck, dass euer Sound zwar noch punkig ist, aber eure Lyrics erwachsener klingen. Ihr seid ja nun schon einige Jahre als Band unterwegs und wie hat das Älter werden euren Schreibprozess beeinflusst?

Millencolin llive

Nikola: Ähm, also ja der Prozess wie wir unsere Songs schreiben hat sich in den letzten Jahren geändert. Also, als wir anfingen, da haben wir viel Zeit im Proberaum verbracht und haben gemeinsam versucht verschiedene Ideen umzusetzen. Damals hat sich viel im Proberaum abgespielt, wo wir einfach verschiedene Ideen ausprobiert haben. Heute läuft das komplett anders. Wir proben eigentlich gar nicht mehr wirklich. Momentan läuft der Prozess so, dass ich Ideen für Songs an Mathias (Färm/ Leadgitarrist) schicke und er fügt seine Ideen hinzu oder er hat bereits eigene entwickelt. Dann sendet er diese wieder zu mir.

Es ist ein wenig so, dass wir uns verschiedene Ideen hin und her schicken, aber Mathias ist derjenige, der die Songs produziert. Und dann entstehen mit der Zeit Prototypen zu jedem Song, bei denen wir dann auch ziemlich genau wissen, wie jede Note gespielt wird. Sobald wir diese Prototypen haben, zeigen wir diese dem Rest der Band und dann können wir uns eigentlich auch schon an die Aufnahmen machen. Aber dafür müssen wir tatsächlich nicht mehr viel Zeit miteinander verbringen. Jeder macht sein Ding und verfolgt seinen Weg, was für uns tatsächlich sehr angenehm ist. Denn manchmal, wenn man ein neues Album veröffentlicht und man schon weiß, dass man so und so viele Stunden mit den Anderen auf Tour verbringen wird, ist es ganz gut, wenn man ein wenig Abstand zu den anderen Jungs hat, wenn man gerade mal nicht auf Tour ist. Aber das ist eigentlich eine positive Sache, die sich bei uns in den letzten Jahren entwickelt hat. Wir arbeiten dieses Mal zudem mit Jens Bogren (Fascination Streets Studios), der auch das Album gemixt und meine Vocals aufgenommen hat. Sein Einfluss war bei diesem Album ebenfalls sehr wichtig.

AFL: Ich muss sagen, dass mir das Artwork von S.O.S. wirklich sehr gut gefällt und ich denke, dass es einige aktuelle Probleme unserer Gesellschaft darstellt. Vor allem der Eisbär, der auf der Eisscholle steht zeigt meiner Meinung nach, dass Tiere mehr oder weniger Außenseiter unserer Gesellschaft und auch unserer Politik sind. Wenn du an all die Dinge denkst, die gerade so in der Welt passieren, wie die Präsidentschaft von Trump oder dass Länder nur noch dabei sind ihre Grenzen zu sichern, wo siehst du die Bedeutung der Musik in dem Ganzen?

Nikola: Wow! Das ist eine gute Frage. Ich meine, ich bin mir nicht sicher was die Bedeutung von überhaupt etwas ist. Das ist eine sehr philosophische Frage, aber ich für mich kann sagen, dass die Musik etwas ist, durch das ich mich ausdrücken kann. Es geht darum eine gute Zeit mit Freunden und der Band zu haben. Wir wollen einfach etwas machen, dass sich gut anfühlt und hoffentlich können wir einige Leute in einer positiven Weise erreichen und selbst dann bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob wir überhaupt eine spezifische Message haben. Also auf dem neuen Album singen wir über die Situation unseres Planeten, die heutige Gesellschaft und so weiter. Da ist es vielleicht einfach schnell pessimistisch zu werden.

Millencolin - SOS (2019)
Millencolin – SOS (2019)

Ich denke, immer noch, dass ich nicht ein solch pessimistischer Mensch bin. Ich bin froh darüber am Leben zu sein und auch darüber ein Mensch zu sein, denn im Großen und Ganzen fühlt es sich gut an. Also die Songs sind größtenteils Reflexionen von dem, wo wir heute stehen und hoffentlich können wir einfach eine gute Zeit haben, ohne eine angemessene Antwort auf diese großen Fragen zu haben. Vielleicht können wir ein wenig positive Energie verstreuen und einfach ein paar gute Gedanken weiterführen oder einfach etwas Positives in dem Leben anderer Menschen sein. Ich weiß es nicht.

Also auf dem neuen Album singen wir über die Situation unseres Planeten, die heutige Gesellschaft und so weiter. Da ist es vielleicht einfach schnell pessimistisch zu werden. Ich denke immer noch, dass ich nicht ein solch pessimistischer Mensch bin.

AFL: Ich muss zugeben, dass ich eine Menge Fragen über die politische Botschaft von S.O.S. vorbereitet habe und das, weil ich es schon als anders empfinde im Vergleich zu euren vergangenen Alben. Und da muss ich einen Song erwähnen, nämlich Yanny & Laurel, bei dem mir die Lyrics wirklich sehr gut gefallen. Ich habe sie als eine Art Kritik an der Religion aufgefasst.

Nikola: Oh, das ist interessant. Sagtest du, dass du ihn als eine Kritik an der Religion verstanden hast?

AFL: Ja, ich hab ihn tatsächlich so verstanden. Ich hatte beim Hören den Eindruck, dass ihr das Problem eines urteilenden Gottes ansprecht. Meine Frage wäre also, ob ihr Religion als etwas betrachtet, was nicht mehr in unsere Zeit passt? Du singst ja auch unter anderem in dem Song „We see life differently“.

Nikola: Oh, also für mich handelt der Song über die Tatsache, dass es nicht nur einen Blickwinkel gibt. Jede Situation kann aus einer anderen Perspektive betrachtet werden und selbst dann noch, wenn jeder den selben Zugang zu den selben Informationen hat. Aber diese Informationen können von jedem anders gehört, gesehen oder interpretiert werden. Das ist abhängig davon wer du bist, woher du kommst und was deine Geschichte ist. Vielleicht können sogar deine physischen Ohren etwas anderes wahrnehmen als dein Freund oder Feind. Ich weiß nicht, bist du mit diesem Yanny & Laurel YouTube-Ding vertraut?

AFL: Nein, das sagt mir gar nichts. Aber ich habe mir schon gedacht, dass irgendeine Hintergrund zu den Namen gibt.

Nikola: Ah, okay. Dabei war es nämlich so, dass eine Studie oder Test gemacht wurde, bei dem die Leute eine elektrische Stimme hören sollten und so ziemlich die Hälfte der Teilnehmer hörten diese Stimme „Yanny“ sagen. Aber die anderen fünfzig Prozent, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob es ein 50-50 Ding war, hörten die Stimme „Laurel“ sagen. Allerdings war es die selbe Stimme und abhängig davon wie deine Ohren und ich denke auch dein Gehirn diese Information und Schallwellen aufnehmen und verarbeiten, kannst du in deinem Kopf etwas anderes hören. Das ist, auf einer philosophischen Ebene, ziemlich interessant.

AFL: Ich weiß nicht, vielleicht habe ich es ja deshalb mit Religion in Verbindung gebracht.

Nikola: Ah, aber dieser Religion-Teil war nicht beabsichtigt, aber ich denke schon, dass man es in diesen Kontext packen kann. Und genau das ist es, was ich mir von diesem Album erhoffe! Die Songs sollen immer noch nach vorne schauen, aber die Leute sollen sich auch selbst Gedanken machen und etwas anderes hören, genau wie bei Yanny & Laurel. Jeder Mensch hört die Songs in einer anderen Weise und das ist eine coole Sache.

Die Songs sollen immer noch nach vorne schauen, aber die Leute sollen sich auch selbst Gedanken machen und etwas anderes hören, genau wie bei Yanny & Laurel.

AFL: Das ist es auf jeden Fall! Und ich habe auch noch eine weitere Frage zu einem anderem Song. Dieses Mal zu Caveman’s Land und ich habe diesen auch wieder als eine Art Kritik verstanden, aber dieses Mal gegenüber der sozialen Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich. Im Grunde als etwas gegen den Kapitalismus, aufgrund der Zeile „When your mindset all jurassic, you´re still a troglodyte“. Ich finde, dass es diese Zeile ziemlich genau auf den Punkt bringt. Also, was hat euch dazu gebracht einen solchen Song zu schreiben und die heute lebenden Menschen mit Höhlenmenschen zu vergleichen?

Nikola: Ähm, ja. Ich denke, dass ein gewisser Teil unseres Gehirns einfach noch auf diesem Level ist. Ich bin mir nicht sicher, aber dieser Teil wird glaube ich primitives Gehirn genannt. Im Grunde haben sich Teile unseres Gehirns nicht wirklich weiterentwickelt, seitdem wir noch Höhlenmenschen waren. Und heutzutage kann man noch beobachten, dass viele Menschen auf Grundlage dieses Teil ihres Gehirns handeln. Sie denken sehr engstirnig und haben Angst vor anderen Menschen, wie zum Beispiel Flüchtlingen, die hierher kommen. Dann versuchen sie sich zu schützen, indem sie mentale und physische Mauern aufbauen. Sie haben Angst vor dem, was sie nicht kennen, ähnlich wie bei den Höhlenmenschen, die Angst vor Mammuts oder anderen gefährlichen Tieren hatten, die so herumliefen. Es ist also dieser Teil unseres Gehirns, der sich nicht wirklich verändert hat und man kann das in dem Verhalten der Menschen beobachten. Aber am Ende bleibt eine Art optimistischer Blick in die Zukunft, wie zum Beispiel die Hoffnung, dass unsere Kinder, die nächste Generation, das Ruder rumreißen oder die Dinge besser machen.

AFL: Oder was wir tun können, damit sie die Dinge ändern können. Ich finde, das ist ein wichtiger Punkt.

Nikola: Haha, ich habe nur manchmal den Eindruck, dass dies eine Art zu sagen ist, dass wir die Probleme ihnen überlassen und sie das schon irgendwie hinbekommen werden.

AFL: Nein, ich denke auch nicht, dass wir die Probleme ihnen überlassen sollten, aber es muss sich schon jetzt etwas verändern. Ein weiterer Song, bei dem mich allein der Titel fasziniert hat ist Do You Want War. Ich habe mir diese Frage selber gestellt und innerlich direkt mit „Nein“ antworten müssen. Allein schon aus dem Grund, weil ich die Idee von Krieg nicht nachvollziehen kann und mir lieber die Frage stelle „Was können wir tun, wenn wir keinen Krieg wollen?“. Und auch das ist tatsächlich wieder eine sehr komplexe Frage, aber nichtsdestotrotz denke ich, dass jeder etwas tun kann.

Nikola: Ja, wir müssen es nur herausfinden. Und hoffentlich werden wir das auch. Darüber singe ich auch in dem letzten Song des Albums Carry On. Ich denke es ist einer der politischsten und kritischsten Songs. Er handelt darüber, wie wir heutzutage leben und, vielleicht klingt das ein wenig sarkastisch, einer besseren Lösung. Also in dem Sinne, dass Technologie uns retten wird oder eher gesagt, bis sie uns rettet kann ich einfach weitermachen und mein Leben so weiterführen wie zuvor. Aber tatsächlich hoffe ich, dass Technologie uns helfen wird und ich sehe das gar nicht zynisch, sondern eher optimistisch. Ich denke immer noch, dass wir alle etwas in uns tragen, das uns sagt, dass die Erde gar nicht so ein schlechter Ort ist und einer ist, an dem wir Spaß haben können. Wir müssen es nur herausfinden und ich hoffe, dass uns die Technologie auf dem Weg dorthin helfen wird. Ich meine, wir werden nicht ewig leben können. Oder vielleicht können wir es irgendwann doch, ich weiß es nicht.

AFL: Haha, ja vielleicht können wir das irgendwann. Und ich denke auch, dass der Titel eures kommenden Album mit S.O.S. wirklich sehr gut passt.

Nikola: Oh, danke!

AFL: Aber wer ruft das S.O.S. heraus? Seid ihr es als Band oder die Gesellschaft?

Nikola: Gute Frage. Gute Frage. Was denkst du?

AFL: Oh, ich weiß es auch nicht so wirklich. Ich denke es liegt in beiden Händen. Nicht nur ihr als Band, sondern auch die Gesellschaft kann das S.O.S. heraus rufen. Aber um eine Veränderung zu bewirken, sollte es die Gesellschaft sein, die es heraus ruft. Denn wenn die Gesellschaft wirklich eine Veränderung will, dann müssen es alle gemeinsam wollen. Das könnt ihr als Band vielleicht initiieren, aber die Gesellschaft muss es heraus rufen.

Nikola: Yeah, yeah. Auf jeden Fall! Ich meine unser S.O.S. ist im wesentlichen eine Reflexionen gegenüber dem was grad so passiert. Wir alle leben in einem kapitalistischen System und es ist hart in diesem zu leben und nicht Teil des Problems zu sein.

AFL: Ja, das ist wahr.

Nikola: Also ich meine, dass es jeder von uns in einer Art und Weise ist und dass man nicht isoliert von der Gesellschaft leben kann. Und ich muss sagen, dass es hart ist. Vor allem, wenn du aus einer eher linken, sozialistischen Seite kommst. Ich denke, dass es vor allem hart ist, weil du dein Leben leben möchtest, aber das in einem ökonomischen System, dass du nicht wirklich gewählt hast. Da ist jemand, der die Regeln macht, aber du möchtest einfach dein Leben leben, aber bist irgendwie trotzdem Teil des Problems, wie dass zu viel konsumiert oder gelogen wird. Jeder ist halt ein Teil von dem Ganzen.

AFL: Ja, da gebe ich dir Recht. Das waren tatsächlich alle Fragen, die ich zu eurem kommendem Album vorbereitet habe. Allerdings habe ich noch zwei Fragen. Eine Sache, die mich sehr interessiert ist, ob ihr immer noch Kontakt zu ehemaligen Bands von Burning Heart Records, wie Satanic Surfers oder No Fun At All, habt?

Nikola: Ja, haben wir. Ich meine, wir sind gute Freunde und hier und da treffen wir uns und spielen Shows. Leider ist es schon lange her, dass wir mit den beiden zusammen gespielt haben. Vor allem, seit dem sie auch beide neue Alben veröffentlicht haben. Aber hoffentlich werden wir bald wieder mehr Shows mit den beiden Bands spielen können.

Millencolin (Pressebild)
Millencolin (Pressebild)

AFL: Als Fan muss ich sagen, dass das der absolute Wahnsinn wäre.

Nikola: Haha! Also es gab schon einige Gespräche darüber und lass uns mal schauen, ob wir da etwas auf die Beine stellen können.

AFL: Ich würde mich auf jeden Fall darüber freuen!

Nikola: Ich mich auch!

AFL: Meine letzte Frage ist, was neben dem Release eures neuen Albums und der Tour eure Pläne für die Zukunft sind? Euer Debütalbum Tiny Tunes feiert im nächsten Jahr 25-jähriges Jubiläum. Habt ihr dafür irgendetwas spezielles geplant?

Nikola: Zur Zeit haben wir da nichts geplant. Das ist tatsächlich das erste Mal, dass ich danach gefragt werde. Aber normalerweise feiern wir nur Jubiläen, wenn es die Bandgeschichte betrifft. Wir haben halt auch noch andere Sachen, die uns interessieren. Ich selber habe eine Brauerei, die ich gleichzeitig mit der Band betreibe. Aber ich hoffe, dass nächstes Jahr ein interessantes Jahr wird.

AFL: Cool! Und wenn du keine letzten Worte mehr hast, dann war es das von meiner Seite.

Nikola: Cool, cool! Dankeschön!

AFL: Dann danke, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast.

Nikola: Gerne, hat mich gefreut mit dir zu reden!

Das neue Album S.O.S. erscheint am 15. Februar über Epitaph Records. Unser Review könnt ihr hier schon einmal lesen.

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