No Fun At All scheint 2018, nachdem sie in den vergangenen Jahren doch eher gelegentlich als beständig gemeinsam unterwegs waren, vollständig zurück. So veröffentlichte die schwedische Punk-Rock Legende um Frontmann Ingemar Jansson mit Grit nicht nur ihr erstes Album seit über zehn Jahren, sondern ist auch wieder vermehrt live anzutreffen. Wir hatten die Möglichkeit am 02. Mai 2018 mit Sänger Ingemar und dem neuen Basser Stefan Bratt ein Interview zu führen, wo wir No Fun At All etwas näher auf den Zahn fühlen konnten.

Interview mit Ingemar und Stefan von No Fun At All

Bild zur Verfügung gestellt von wallofsoundpr

AFL: Erstmal Gratulation zum neuen Album und willkommen zurück in Schweinfurt!

Ingemar: Oh Vielen Dank!

AFL: Ihr habt ja hier schon einmal gespielt, richtig?

Ingemar: Ja, in der Tat, so gar schon öfter…

AFL: Euer neues Album heißt Grit, es gibt viele verschiedene Bedeutungen für dieses Wort. Was bedeutet dies für euch und warum habt ihr diesen Albumtitel gewählt?

Ingemar: Wir haben dieses Wort gewählt, weil es einfach leicht zu sagen ist.
Stefan: Und man kann es sich leicht merken.

Ingemar: Nein, wir wählten dieses Wort wegen der Ausdauer in der wir all die Jahre diese Band am Leben hielten. Ich denke, dass wir sehr hartnäckige Jungs sind. Wir wollten vor allem dass die neuen Songs funktionieren. Mit dem dazugehörigen Cover haben wir dann das Wort Grit erfunden – wie Sand oder Staub. Es passt einfach sehr gut, denke ich.

AFL: Grit ist das erste No Fun At All Album seit über zehn Jahren. Eine lange Zeit. Ich habe in früheren Interviews von euch gelesen, dass ein neues Album von euch deshalb so lange ausgeblieben ist, dass du die Zeit im Studio als deprimierend empfunden hast, Ingemar.

Ingemar: Ich denke, dass wir da etwas falsch interpretiert wurden. Wir hatten viele harte Zeiten im Studio. Es ist für mich jedoch auf jeden Fall trotzdem keine Freude ins Studio zu gehen. Weshalb wir jedoch jetzt erst ein neues Album aufgenommen haben und nicht schon Jahre vorher, ist eher ein praktisches Thema. Als wir noch im alten Line-Up unterwegs waren, hatten wir einfach zu viel mit anderen Dingen wie Familie, Kinder usw. zu tun, so dass für No Fun At All nicht mehr allzu viel Zeit übrig blieb.

Als wir uns dann dazu entschlossen hatten, neue Songs zu schreiben, verließen uns zwei Mitglieder. Mick und Kjell beschlossen, mit einem neuen Album weiterzumachen und Steven und Chris sagten, dass es Zeit für sie wäre die Band zu verlassen. Kjell dachte mehrere Monate darüber nach. Ich dachte viel darüber nach. Denn uns war klar, wenn wir mit No Fun At All ein neues Album aufnehmen und es noch einmal wissen wollen, dann müssen wir es auch voll durchziehen und Zeit haben Shows zu spielen – also keine halbe Sachen machen – wieder rausgehen und durch die Welt touren. Stefan und Fredrick sind unsere neuen Mitglieder – sie sind brillant und eine großartige Bereicherung für die Band.

AFL: Während eurer Karriere wart Ihr, zumindest in den letzten Jahren, eine DIY-Band, seid Ihr immer noch ganz DIY?

Ingemar / Stefan: (lacht) Nein, nein, nein. Aber die Bedeutung ist immer noch da.

Stefan: Niemand wagt es dich jetzt abzuzocken.

Ingemar: Von 2004 bis 2016 hatten wir alle noch zusätzlich andere Jobs. Wir waren sozusagen einfach eine Wanderband aus den 90ern. Leute riefen uns aus Südamerika und Australien an und sagten, ihr müsst hierher kommen. Wir spielten dann dort einfach fünf Shows oder zB. ein paar Festivals in Europa. Wenn du nur 15 Shows pro Jahr machst, ist es einfach eine DIY-Band zu sein und das alles selbst zu managen, ohne eine Bookingagentur oder was auch immer. Wenn du ganze Europa Tourneen planen willst, wird es zu viel.

AFL: Euer neues Album Grit ist meiner Meinung nach ein komplettes „Fast-in-Face-Song“ Album – purer Punk Rock. Gab es eine bestimmte Botschaft die ihr damit vermitteln wolltet?

Ingemar: Nein, das hatten wir nicht so vor. Es geschah einfach. Wir haben es nicht wirklich so geplant. Die Lieder wachsen einfach auf, sie werden zu dem was sie sind. Die Songs auf dem Album stammen von den ganzen Proben. Ich sitze zu Hause und schreibe die Texte und Schritt für Schritt wurde daraus das fertige Produkt. Und plötzlich ist das Album fertig.

Stefan: Ich denke, es ist ein sehr stressiger Prozess, mental zumindest.
Ingemar: Ja, ist es.

Stefan: Eigentlich hatte ich das Gefühl, dass die Studiozeit dieses Mal eine Erleichterung war. Normalerweise fühle ich mich im Studio sehr unter Druck, Dinge zu erledigen.

Ingemar: Es war das erste Mal, dass wir mit Mathias von Millencolin und in einem neuen Studio aufgenommen haben. Eigentlich ist es ein altes Studio, aber neu für uns. Wir haben alle unsere anderen Alben in einem anderen Studio aufgenommen.

AFL: Letztes Jahr gab es ja den Wechsel im Lineup. Ihr habt jetzt mit Fredrick Eriksson (Twopointeight, Fas 3) an der Gitarre und Stefan Bratt (Atlas Losing Grip) am Bass zwei neue Bandmitglieder. Habt Ihr dann das neue Album mit dieser Besetzung aufgenommen?

Ingemar: Eingespielt und aufgenommen wurde es mit der aktuellen Besetzung, ja.
Stefan: Fredrick hat ein paar Gitarrenriffs geschrieben.

Ingemar: Aber es ist hauptsächlich Mick – und so ist das eigentlich auch schon immer gewesen. Generell verbringen wir erstmal viel Zeit im Proberaum bevor wir ins Studio gehen.

Stefan: Wir haben nur mit Mathias im Studio gearbeitet, es wurde in den Sound Lab Studios aufgenommen und von Dan Swanö in Berlin gemastert. Er hat alle alten Sachen von Millencolin aufgenommen. Er spielte auch in der Band Edge of Sanity.

AFL: Und du Ingemar schreibst alle Texte?

Ingemar: Dieses Mal dachte ich, ich würde jemand anderen an dieser Verantwortung teilhaben lassen. Die Texte zu einem Song stammen von Fredrick und ein anderer von Mick. Den Rest habe ich geschrieben.

AFL: Wie kam es dazu das neue Album über Bird Attack Records zu veröffentlichen

Stefan: Ich denke, dass es heutzutage wichtig ist, jemanden in der Plattenindustrie zu haben, der sich wirklich darum bemüht, Alben zu veröffentlichen und sich um die Bands kümmert. Sonst wirst du vielleicht nur eine von vielen Bands, wenn sich das Label nur auf die großen Namen konzentriert.
Ingemar: Wir haben Garet getroffen, als wir PRH gespielt haben und er schien ein wirklich engagierter und lustiger Typ zu sein. Also sagten wir „What the hell“ und dachten, er könnte für uns wahrscheinlich einen guten Job machen.

AFL: Viele ältere Bands haben oder werden dieses Jahr neue Musik veröffentlichen. Siehst du ein Wiederaufleben in der Punk-Szene, und gibt es einen großen Unterschied von Land zu Land?

Ingemar: Ja, so scheint es. Wir selbst und andere Bands veröffentlichen neue Musik und ich denke, dass sie gut aufgenommen wurde. Viele Bands sind eifrig am touren und es scheint, dass es eine ganz neue Generation von Kids gibt, die sich für diese Art von Musik interessieren.

Stefan: Das ganze 90er-Jahr wird retro, die Kleidung, der Stil, alles. Alles kommt früher oder später zurück.

AFL: Welches Land hat die beste Szene?

Stefan: Das ist schwer zu beantworten.

Ingemar: Es ist schwer zu sagen.

Stefan: Kanada.

Ingemar / Stefan: Schweden.

Ingemar: Deutschland, ich meine, dort ist eine solide Basis mit vielen Menschen. Es scheint mir, dass die Menschen in Deutschland der Musik, die sie mögen, wirklich treu sind. In Schweden sind die Leute wählerischer, sie mögen eins in einem Jahr und etwas anderes im nächsten. In Deutschland ist es stabil, es ist, als ob die Leute Punkrock mögen und das ein Leben lang. Dann hast du die Metalheads. Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, war ich erstaunt. Ich sah alle Leute als Metalheads verkleidet, mit Backpatches und allem. Zu dieser Zeit gab es in Schweden noch gar keine. In Deutschland ist es einfach sicher, dass sie auf unsere Shows kommen. Aber dann macht es auch wirklich Spaß, nach Australien oder Südamerika zu gehen, das sind auch richtig tolle Shows. Aber ich würde da keine Vergleiche machen wollen.

AFL: Eure Frühjahrstournee geht zu Ende. Nur noch drei Konzerte Wie ist die Tour so weit gelaufen?

Ingemar: Es ist wirklich gut gelaufen!

AFL: Du bist ja nicht mehr der Jüngste auf Tour, machst du etwas Besonderes, um den Gesang in Form zu halten?

Ingemar: Nein, ich habe mit dem Rauchen aufgehört. Ich habe tatsächlich Ingwer und Honig in heißes Wasser getaucht, solche Sachen. Ich mache kein Stimmtraining oder sowas. Ich hatte nie eine Ausbildung in meinem Leben, ich dachte mir immer geh einfach dort hin und sing. Ich könnte wahrscheinlich viel besser singen, wenn ich mal Unterricht genommen hätte.

AFL: Was waren Eurer Meinung nach die größten Veränderungen (Unterschiede) von Eurer Musikkarriere von Anfang bis heute?

Ingemar: Hat es sich wirklich so verändert? Als wir 1994 anfingen kamen wir auf eine Welle mit Bands wie Green Day, Offspring oder Pennywise. Die alle sehr beliebt waren. Ich glaube nicht, dass gewöhnliche Kids diese Musik ab und zu hören. Vielleicht sind Offspring und Green Day etwas abgehoben und sie sind da oben. Ich bin mir nicht sicher, ob sie noch wirkliche Punkbands sind. Die Kids, die No Fun At All hören, sind jetzt die gleichen Kids, die uns am Anfang zugehört haben.

Stefan: Ich denke, es ist nicht Mainstream.

Ingemar: Ich denke, ein großer Unterschied ist Social Media. Wir hatten am Anfang kein Internet. Es war da, aber wir hatten es nicht. Ich denke Punk Rock ist heute mehr akzeptiert. Im Jahr 1994 gab es wenig tätowierte Menschen. Heute hat sie in Schweden jeder. Und der Stil ihrer Kleidung oder ihres Haares wird sie nicht davon abhalten, heute einen Job zu bekommen.

AFL: Hat sich die Musikindustrie seit 1994 verändert? Vor allem, wie Bands behandelt und vermarktet werden?

Ingemar: Ich bin mir nicht sicher aber ich denke, es ist schlimmer geworden. In der Vergangenheit gab es immer eine Vorführung von Bands. In der Branche sind viele Plattenfirmen gestorben, wie Burning Heart und Bad Taste. Das ist schwer zu sagen. Ich kenne keine großen Labels, weil ich nie mit ihnen in Kontakt gekommen bin.

AFL: In den Neunzigern wart Ihr doch bei Revelation Records? Wie ist das zustande gekommen?

Ingemar: Das war nur ein Lizenzvertrag für den Vertrieb in den USA. Das hat nicht so gut geklappt.

Stefan: Meiner Meinung nach wird jemand, der mit dir arbeitet und Geld mit dir verdienen will, dich ausnutzen. Heutzutage verkaufen sie nicht mehr viele Alben. Also muss es andere Wege geben, Geld zu verdienen. Das Risiko, gefickt zu werden, ist größer.

AFL: In den letzten Jahren wart Ihr nicht wirklich auf Tour, wird sich das mit dem neuen Album ändern? Wird No Fun At All wieder ein Fulltime Job?

Stefan: Nun, wir leben nicht alle am selben Ort. So ist ein klassisches Miteinander schwierig.

Ingemar: Der Plan ist, so viele Shows wie möglich zu machen.

Stefan: Wir haben viel zu tun, es wurde nur noch nicht alles verkündet.

AFL: Ingemar du bist älter als die meisten, was denkst du über die Jugend von heute

Ingemar: Ich fühle mich heute nicht anders als damals. Ich rede heute nicht anders als die jetzigen Kids. Das einzige, was älter ist, ist mein Körper. Er fühlt sich nicht mehr so an wie vor 20 Jahren, es schmerzt viel mehr. Mental denke ich, dass ich das so gerne mache. Ich liebe es auszugehen und mit Leuten auf Shows zu reden. Um ihre Aufregung zu sehen, wenn sie zu mir kommen. Sie umarmen mich und sagen mir: „Es war so gut heute Abend.“ Ich denke, das ist es, was ich tun möchte. Es ist nicht wichtig, wie alt du bist.

AFL: Irgendwelche letzten Worte?

Ingemar: Supportet uns weiter!

Stefan: Geht weiter zu Shows, kauft Musik und unterstütz die Bands. Habt Spaß im Leben und lacht viel.

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